Dora Stockert-Meynert: „Der Bruder Sonka und die allgemeine Sache oder das Wort gegen die Ordnung.“

Dora Stockert-Meynert: „Der Bruder Sonka und die allgemeine Sache oder das Wort gegen die Ordnung.“ (1930)

                „Den Zukünftigen, die wir alle lieben: den Söhnen – meinen Brüdern“ sind diese ergreifenden Gedichte in Vers- und Prosa gewidmet, und der sie schrieb, nennt sich: „Narr und Niemand: Sonka. Doch Erde, die den Niemand kennt, des Narren Art und Ursprung nennt, die sagt der Bruder Sonka.“ Ein „Sonnenbruder aller Brüder und klassenloser Geist, weltverkommen und entgleist“ durchwandert er, der deutsche Dichter, Judenjunge, Slowakenkind, Kulturbastard, die Fremde. Immer vorwärtsgejagt vom brennenden Heimweh nach dem Land seiner Seele und erfüllt von Revolution zieht er mit Vagabunden durch die Welt. Von Volk zu Volk die Grenzen alles Auserwähltseins überschreitend, trinken sie aus der „verklärten Quelle einer großen Güte“ Bruderschaft mit Königen und Bettlern und träumen davon, „das Weltreich eines Volkes aufzubauen, beseelt von menschlicher Vernunft, in den Gesetzen göttlicher Versöhnung“. Wer von diesen Bettelpoeten Sonka, den Pilger und Bruder begegnet, „dessen Mantel sein Haus ist“, umarmt ihn in gläubigem Erkennen. Sein Name ist Trost für Sklaven und Krüppel und ruft Bettler im Geist zum Aufruhr, während er ruhlos weitergeht durch Sturm und Einöden, Ghetto und Gefängnis, oftmals zum Ewigen aufknirschend: „Verwisch mir den Anblick der Welt! Warum hast du mich lesen gelehrt in allen Zügen: Mord im Antlitz des Mannes, Verbrechen im Antlitz des Weibes, des Raumes, der Zeit?“ Ein Gegeißelter, trägt er sein Dichterherz durch Hungertage und fühlt sich in stiller Einsamkeit ebenso bedroht und umlauert wie im Gewühl der Rassen. Seine Tage sind blinde Brüder, seine Nächte stumme Schwestern, mag er auch alle anhalten, die ihm auf der großen Landstraße des Lebens begegnen und sich ihnen als Mitmensch zu erkennen geben: „Ich bin der, welcher von Osten kommt, mit dem Stern im Haar, immer wieder von Osten kommt wie ein Bettler, aber geschmückt mit Löwenzahn wie ein Narr. Genosse Sonka, der weltverkommene Bettelpoet!“ Er stellt die rauchende Opferschale mit seinem Herzblut zu Füßen der Freiheit und erschaut den großen Rächer und Empörer, den langersehnten, namenlosen „Wer“. Aufrecht, mit entblößter Riesenbrust, den Freiheitshammer gigantisch hiebbereit in den Händen. Seine Zuversicht hebt sich im Takt der Arbeit. „Mit tosender Brandung der Kessel und Wagen helf ich der Menschheit Ketten zerschlagen.“ Trotzdem ist er in rastloser Flucht, gehaßt und verfolgt, nach langen Jahren noch immer der alte Bettelrebell: „Ein ewiger Kunde der Wahrheit, verbannt auf den Mond, auch dort zu Hause, nur immer fremd in der Heimat.“ Auch in der seiner Seele, bis er sie endlich im Wort findet. „Wort mit schöpferischen Zügeln wird das Leben bildhaft binden, Tod und Schicksal überwinden und den Augenblick beflügeln. Denn die Zeiten ungestaltig, folgen ewigen Gesetzen, die sie aus dem Raume hetzen. Sprache baut sie seingewaltig.“ Die [Der] Bruder Sonkas vermag es. In seinem Wort gegen die Ordnung reißt uns nicht nur der aufpeitschende Rebellengeist und der glühende Erlöserwille mit sich, sondern auch der faszinierende Rhythmus seiner Sprache, und mit diesem das Wissen um einen wertvollen Menschen und Dichter.

In: Wiener Zeitung, 30.8.1930, S. 4.