Alfred Markowitz: Tairoffs Moskauer Kammertheater. Der Mann, der Donnerstag war.
A. M.[arkowitz]: Tairoffs Moskauer Kammertheater. Der Mann, der Donnerstag war. (1925)
Der Mann. der Donnerstag war, ist ein von Sigismund Krischanowsky nach einem Roman von Chesterton bearbeiteter Sketch in drei Aufzügen und siebenundzwanzig „Begebenheiten“. Die „Begebenheiten“ ereignen sich inmitten des modernen London. An der Spitze der Organisation der Anarchisten steht hier der Rat der Sieben. Dessen Präsident trägt den Namen Sonntag, die andern nennen sich nach den übrigen Tagen der Woche. Der Platz des „Donnerstag“ ist frei geworden. Der Dichter Gregori, ein fanatischer Anarchist, soll in einer Anarchistenversammlung zum „Donnerstag“ gewählt werden. Aber er hält eine merkwürdige Kandidatenrede. Er schildert darin die Anarchisten als demütige Christen und erregt dadurch die Empörung der Versammlung, die nicht ahnt, daß er nur so spricht, um seinen Bekannten Saim, der mit ihm in die Versammlung gekommen ist, und von dem er weiß, daß er Detektiv der Londoner Polizei ist, irre zu führen. Er hat Saim für den Anarchismus gewinnen wollen und ihn in dessen Geheimnisse eingeführt. Gerührt ob dieser Offenherzigkeit hat sich ihm Saim als Detektiv zu erkennen gegeben. Beide haben aber geschworen, ihre Geheimnisse nicht zu verraten und einander nur mit den Waffen des Geistes zu bekämpfen. Saim pariert in der Versammlung die Finte Gregoris, indem er auf dessen demütige Rede mit einer radikalen anarchistischen Rede antwortet. Das hat zur Folge, daß man Gregori hinauswirft und Saim an seiner Stelle zum „Donnerstag“ wählt.
In der ersten Sitzung der sieben Tage wird ein Königsmord beschlossen. Schon in dieser Sitzung wird einer der Sieben, „Dienstag“, als Detektiv entlarvt. Saim selbst wird nach der Sitzung von „Mittwoch“ verfolgt. Auch „Mittwoch“ ist Detektiv, und wie er Saim, der „Donnerstag“ war, als Anarchisten verhaften will. legitimiert sich dieser als seinen Kameraden. Nun geht es an die gemeinsame Jagd auf die andern der „Sieben“, um den Königsmord zu verhindern. Der „Witz“ des Stückes besteht nun darin, daß es sich nacheinander herausstellt, daß alle „Sieben“ Detektivs der Londoner Polizei sind, und vor allem in der Ironie des Schicksals, daß Gregor, auf eigene Faust den Königsmord begangen hat, während die „Sieben“ Jagd aufeinander gemacht haben.
Diese Ironie des Schicksals hätte sich packender als es in der Aufführung geschehen ist, herausarbeiten lasse. Aber auf solche literarische Pointen kommt es Tairoff nicht an. Er will Theater und nichts als Theater geben, Theater, das sich befreit hat von seiner dienenden Stellung der Literatur gegenüber, „entfesseltes TheaterAus: Der Tag, 1.11.1924, S. 2 Synthetische Fassung der Theaterkonzeption von Alexander Tairow, die dieser in seinem Band...“, wie er daher seine Bühne selbst nennt. Darum ist ihm in der Regel das Stück, das er aufführt, als solches von nebensächlicher Bedeutung. Der Mann, der Donnerstag war, kommt aber seinen rein theatralischen Tendenzen in ganz besonders hohem Maße entgegen, und insofern ist gerade die Aufführung dieses „Sketch“ repräsentativ für seine Bühnenkunst.
Die Absichten, die Tairoff verfolgt, erinnern an den schon vor Jahrzehnten in der bildenden Kunst zum Leitmotiv gewordenen Grundsatz: L’art pour l‘art, die Kunst für die Kunst. Wie sich heute das Theater Tairoffs von der Literatur zu befreien strebt, so suchte damals die Malerei und Bildnerei von der Herrschaft des Gegenstandes loszukommen und das Schwergewicht lediglich auf die künstlerische Gestaltung des Gegenstandes mit den Mitteln der Malerei und Bildnerei zu legen. Was hier der Gegenstand ist, ist dort das Stück. Es ist für Tairoff gleichgültig, wie für den Maler oder den Bildhauer der Gegenstand. Ob er ein Drama des Sophokles oder einen Sketch Krischanowskys aufführt, ist für ihn ebenso belanglos, wie es etwa für den Maler belanglos ist, ob er einen Menschen oder einen Haufen Kartoffeln malt. Die Hauptsache ist für ihn die theatralische Gestaltung des Stückes, wie für den Maler die malerische Gestaltung des Gegenstandes.
In der bildenden Kunst har das l’Art-pour-I’art-Prinzip seinen Höhepunkt bereits überschritten. Man kommt nun doch schon wieder zur Ansicht, daß in einem Kunstwerk die Bedeutung des Gegenstandes nicht weniger schwer ins Gewicht fällt als dessen künstlerische Gestaltung, daß also bei gleicher malerischer Qualität ein gemalter Mensch doch mehr zu geben bat als ein gemalter Kartoffelhaufen. Nichtsdestoweniger war das L’art-pour-l‘art-Prinzip eine notwendige Forderung der Zeit. Es war notwendig, weil die bildende Kunst in der Nachahmung von mehr oder weniger fesselnden Gegenständen unterzugehen drohte. Und so ist das entfesselte Theater auch ein notwendiges Gegengewicht gegen den unkünstlerischen Naturalismus der Bühnendarstellung.
Daß das Theater hierin der bildenden Kunst nachhinkt, hat seinen guten Grund. Maler und Bildhauer hat es immer gegeben, die lieber hungerten, als den (Geschmack des gegenständlich eingestellten Publikums zu dienen. Theater dagegen sind fast immer Geschäftsunternehmungen oder doch öffentliche Institute und daher vom Publikum abhängiger als die bildende Kunst. Es ist daher ein besonderes Verdienst Trairoffs, daß er das Prinzip „Die Kunst der Kunst“ unter dem Schlagwort „Das Theater dem Theater“ auch auf dem Gebiet der Bühnenkunst zum Siege geführt hat. Daß es verspätet geschehen ist, gewährt der neuen Theaterkunst den Vorteil, daß sie sich alles Neue, das inzwischen in andern Zweigen der Kunst geschaffen wurde, zu eigen machen konnte. Und so wurde das „entfesselte Theater“ zugleich zum „synthetischen Theater“. Es stellt eine Synthese von impressionistischen, kubistischen, futuristischen und expressionistischen Tendenzen dar. Impressionistisch ist das nur auf den augenblicklichen Eindruck abzielende, im Grunde naturalistische Spiel, kubistisch die Entwicklung des Spiels im dreidimensionalen Raum statt wie bisher in der Fläche und höchstens noch in die Tiefe, futuristisch die starke Bewegung, die durch das Spiel hindurchgeht, expressionistisch die groteske Steigerung des Ausdrucks durch Maske und Kostüm. Alles das war allerdings schon irgendwo vorgebildet. Theater, Varietè, Zirkus, Schauspieler, Akrobat und Clown haben ihre Eigenheiten herleihen müssen, um das synthetische Theater Tairoffs, das „Theater an sich“, das Theater, das nichts als Theater sein will, zu gestalten.
Das Bühnenbild, das „Der Mann, der Donnerstag war“ bietet, erinnert überdies an konstruktivistische Bilder. Gerüste türmen sich auf, Zugbrücken verbinden sie, Aufzüge bewegen sich in den Türmen auf und ab, da und dort schreiende, die moderne Großstadt versinnbildlichende Aufschriften. Während des Spiels selbst, das sich in der Richtung aller drei Dimensionen und oft in drei Stockwerken zugleich entfaltet, leuchten Bogenlampen auf, Rollbalken werden aufgezogen, Baldachine wölben sich vor, um einer Szene die augenblicklich erforderliche Umrahmung zu geben, Hupensignale ertönen, Leben, Bewegung allenthalben.
Aber dieses Leben, diese Bewegung haben ihren eigenen, ihnen von einer meisterhaften Regiekunst verliehenen Rhythmus. Gleichwohl geht der einzelne Schauspieler nicht unter in dem Werke der Regie. Er unterscheidet sich nur insofern wesentlich von dem üblichen Typus, als er nicht nur durch die Modulation der Rede und das Mienenspiel wirkt, sondern in erhöhtem Maße auch durch die Gebärde; Seele und Körper, Geist und Leib sind in diesen Schauspielern wahrhaftig eins. Das synthetische Theater hat auch ihre synthetischen Schauspieler. Boris Ferdinandoff, Wladimir Sokoloff, Leo Fenin und Eugen Lensky sind insbesondere hervorzuheben.
Da Tairoffs Moskauer Kammertheater nichts als Theater sein will, erübrigt es sich, nach einer sozialen Tendenz des Stückes zu fragen. Soweit sie vorhanden ist, erschöpft sie sich, in der Satire auf die nach Anarchisten fahndende Polizei. ! Aber auch diele „Tire wird ebenso völlig überwuchert von // der allgemein menschlichen Komik, die aus den einzelnen Situationen hervorgeht, wie die Ironie des Schicksals, die der letzte Sinn des Stückes ist.

