Béla Balász: Sprechchor

Béla Balász: Sprechchor (1925)

Zum erstenmal in Wien wurde, anläßlich der Jahresfeier der Republik, im Konzerthaus, vor großer Öffentlichkeit, ein Sprechchor aufgeführt.

Der bescheidene Referent sieht sich bei dieser Gelegenheit vor die peinliche Notwendigkeit gestellt, große Worte zu gebrauchen, die jedem feineren Stilisten widerstreben müßten. Er muß sagen, daß Wien, das so oft verspätete, mit dieser Aufführung gegenwärtiger wurde als es vordem war, und muß sagen, so schwer es ihm fällt, daß wir im Sprechchor einem „epochemachenden, historischen Ereignis“ gegen­überstehen, nämlich der Geburt einer neuen Kunstgattung.

In kleinen Vereinslokalen der Arbeiter­parteien ist der Sprechchor in den letzten drei bis vier Jahren als selbständige Kunst ent­standen. Bald wird es allenthalben Sprechchorvereine geben, wie es Gesangvereine gibt, und professionelle Sprechchöre werden „Kon­zerte“ geben, wie es die symphonischen Orchester tun, und die Dichter werden Sprechchöre schreiben, denen die Poetik, neben Drama, Epik und Lyrik, ein eigenes Kapita[e]l wird widmen müssen. Dies aber ist ein „epochemachendes, historisches Ereignis“. Ein viel selteneres als etwa der Zerfall und die Ent­stehung von Staaten. Könige und Präsidenten sind nicht rar. Hingegen gibt es keine Gesellschaft, die so exklusive wäre als die der Musen. Der Zuwachs auf dem Parnaß ist so selten, wie der Wechsel der Zivilisationsformen. Es muß schon als ein Zeichen beachtet werden, daß unsere Generation gleich drei neue Musen auf den Parnaß zu delegieren hat.

Der Film und das im Entstehen begriffene Radiodrama sind die neuen Künste einer neuen Zivilisation, für welche Raum und Entfernung nicht mehr bestimmend sind. Diese Kunstformen der elektrischen Technik, für die die persönliche Gegenwart der Künstler nicht mehr notwendig ist, sind der Ausdruck einer Zivilisation ohne lokale Bedingt­heit, einer Zivilisation des allgemeinen Kontaktes der Menschheit.

Auch der Sprechchor wird von jener histo­rischen Strömung getragen, die die Menschheit zu immer größerer und innerlicherer Gemein­schaft zusammenführt. Er ist der geformte Aus­druck der organisierten Mengen, die Kunst ausüben, dem Erlebnis der Meetings und Demonstra­tionen erwachsen, die Kunst der zum Bewußtsein erwachenden Massenseele, die erste und einzige Kunst, die sich das revolutionäre Proletariat selbst geschaffen hat, die repräsen­tative Kunst des Sozialismus.

Ihr neues Wesen wird an einer Ähnlichkeit ihrer Form darzustellen sein. Die Ähnlichkeit zwischen Sprechchor und Chorgesang besteht nämlich nur in der Symmetrie der polaren Gegensätze. Der Chorgesang ist der vielstim­mige Ausdruck eines individuellen Gefühls; eine Orgel aus Menschenstimmen, die ein persönlicher Wille spielen läßt. Im Sprechchor hingegen erklingt das einstimmige Manifest der vielköpfigen Menge wie eine Akklamation. Der Chorgesang ist der differenzierteste Ausdruck des Einzelnen, der sich viele Kehlen zu Dienste macht, um sein Lied zu singen: aus einer Quelle steigen viele Strahlen. Umgekehrt ist der Sprechchor Ansammlung und Verbin­dung zu einer Resolution. Die Sänger im Chor scheinen ein Werk dienend zu vollführen. Die Sprecher im Chor scheinen ein Werk schaf­fend zu vollbringen.

(Hier möchte ich bei voller Anerkennung der wertvollen Qualitäten Frau Elisa Karaus‚, die im Konzerthaus den Sprechchor leitete, erwähnen, daß es stilwidrig war, sich als Di­rigent vor und über allen auf ein Postament zu stellen. Die Illusion der spontanen Massenoffenbarung, die doch das Wesen dieser Kunst des Kollektivismus ausmacht, die Illusion, daß hier nicht ein Wille auf viele übertragen wird, sondern umgekehrt, der Wille vieler sich zu einem organisiert, wurde dadurch zerstört…)

Die Straße in Aufruhr gab das neuartige akustische Material zu den Formen dieser neuen Kunst, die in der Arbeiterbewegung entstanden ist. Ihr revolutionärer Charakter liegt nicht zuletzt darin, daß sie nichts mit Musik zu tun hat. Musik hat immer etwas Versöhnliches. Melodie ist schwebend, Melodie ist Traum. Wenn sie schön gesungen wird, so scheint sie selbst in revolutionären Liedern von irdischen Nöten entlastet. Gar bald wird die Melodie zur wattierten Schutzhülle für zu schneidende Texte. Denn Musik weckt wohl Leidenschaft, aber verwischt zugleich ihren Gegenstand. Wo man singt, da kann man sich bekanntlich ruhig niederlassen.

Der Sprechchor aber ist nichts weniger als beruhigend. Er ist aufreizend, wie der geballte Ausbruch der Empörung. Er ist in herber und harter Konkretheit ein Bekenntnis zur Ge­meinschaft, die jeden Einzelnen als Forderung angreift. Aus der Musik sind keine unmittelbaren Konsequenzen zu ziehen. Die transzendente Unbestimmtheit der Musik fordert keine Entscheidung. Um so mehr die zwingend­ unerbittliche Eindeutigkeit des nackten Wortes, das, vom Stimmungsnebel der Melodie nicht umgeben, keine Flucht in den Traum zuläßt.

Darum waren die musikalischen Zwischen­spiele gestern so unleidlich kitschig und unan­gebracht. Sie schienen zwar dem sentimental­ vorsichtigen, pazifistisch-revolutionären Geist der vorgetragenen Dichtung angemessen. Diese aber war dem Geist des Sprechchors nicht angemessen.

Der neue Stoff dieser neuen Kunst ist eine neue Wirklichkeit. Die Stimme der erregten Volksmasse, wie sie aus wogendem Getöse sich zu Schlagwort und Mahlspruch formt. Diese Kunst muß in gewissem Sinne auch in ihrer höchsten Vollendung primitiv bleiben. Gewiß primitiver, als die zarte Sprachkunst der stillen Lyriker. Dennoch hat sie in Rhythmik, Klang­färbung und Betonung unbegrenzte Nuancie­rungsmöglichkeiten. Solostimmen kann man aus dem Chor emporsteigen lassen wie Fon­tänen aus dem See und wieder versinken lassen in das Element, das sie speist. Viel­leicht wird auch der Chor bald allgemein als Unterbau für ein neues Drama verwendet werden, wie einst für das ganz alte. Gewiß ist aber eines, daß mit dieser noch stammelnden und primitiven Kunst unser höchstes Erlebnis auszudrücken ist: unsere Erlösung von der Einsamkeit.

In: Der Tag, 15.11.1925, S. 5.