Carl Colbert: Suchet die Schuldigen!

N.N. [Carl Colbert]: Suchet die Schuldigen! (1919)

Im vollen Bewußtsein unserer Verantwortung und nach eingehender Prüfung aller Tatsachen sagen wir: gestern ist das Blut Unschuldiger Menschen geflossen. Wenn die Stadt Wien sich ihre durch den beginnenden Aufstieg der arbeitenden Klassen errungene politische Ehre bewahren will, dann müssen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden, ohne Ansehung der Person, ohne Rücksicht auf Parteiinteressen und die Arbeiterschaft, um deren Sache es geht, muß die Untersuchung führen und das Urteil fällen. Die Empörung nicht nur bei den Kommunisten, sondern bei einem großen Teile der Sozialdemokraten, ja selbst bei jenen Bürgern, die noch nicht alle Vernunft verloren haben, ist so groß, daß das Urteil ebenso streng wie ge­recht sein wird. Wie hoffen, daß kein hysterischer Angst- und Gewaltschrei, woher immer er kommen mag, im­stande sein wird, die öffentliche Meinung zu verwirren, weil die Ereignisse eine zu deutliche Sprache sprechen.

Die ganze Verantwortung für die gestrigen Vorfälle fällt auf die Schultern jenes Mannes, der Samstag abends den Befehl zur Verhaftung der kommunistischen Ordner gab. Dieser Mann – wir kennen noch nicht seinen Namen – ist wohl der kopfloseste unter allen Menschen, die je die Macht hatten, der Wiener Polizei einen Haftbefehl aufzutragen. Diese Ansicht ver­treten heute alle, die gestern der Versammlung vor dem Rathause beiwohnten. Die Kundgebung ging anfangs ruhig vor sich, obwohl die Menge die gewohnten Führer vermißte. Es traten ganz unbekannte Redner auf und hielten Ansprachen, wie sie Kommunisten halten. Aber selbst diese von niemandem Berufenen und nur durch das Dazwischentreten der Polizei zur Verantwortung von Versammlungsrednern gebrachten Leute sprachen davon, daß dieser Tag in Ordnung vorübergehen müsse. Plötzlich wurde –leider – bekannt, daß die Polizei am Tage vorher mehr als hundert Kommunisten verhaftet habe. Von diesem Augenblicke an hatte die Menge ein Ziel, von diesem Augenblicke an hatte die Versammlung aufgehört und der Demonstrationszug setzte sich erst zum Landesgerichte und von dort aus den verhängnisvollen Weg zur Elisabethpromenade in Bewegung.

Wir fragen: Wissen die Wiener Polizi­sten oder die Herren von der Regierung nicht, daß es nichts Herausfordernderes und Gefährlicheres gibt, als einer Massenkundgebung die Ordner zu ent­ziehen? In der Regierung sitzen ja auch Sozialdemokraten, und haben denn diese ganz den 17. September 1911 vergessen, den Tag, an dem die Sozialdemokraten die Beistellung eines Ordnerdienstes von vornherein ablehnten und der mit den Unruhen in Ottakring endete? Wir fragen die Polizei, ob sie nicht schon wiederholt wie mit den Sozialdemokraten auch mit den Kommunisten bei großen Kundgebungen über den Ordnerdienst verhandelte und ob nicht jedesmal ein ruhiger Verlauf gewährleistet war, wenn die Parteien selbst ihre Ordner bestellten? Wer war es also, der den unüberlegten Streich der Verhaf­tung der kommunistischen Ordner beging?

Es ist noch eines zu sagen: Am Lage vor der Kundgebung hat die kommunistische Parteileitung auf eine Anfrage des „Abend“ bekanntgegeben, daß sie für den ruhigen Verlauf des Sonntags selbst sorgen werde. Ja, die kommunistische Parteileitung ging noch weiter: sie erklärte selbst, daß sie Schädlinge, die nicht die Disziplin bewahren würden, beseitigen werde. Einzig und allein der Vollzugsausschuß der Soldatenräte der Volkswehr hatte Würde und Anstand genug, die Kommunisten beim Wort zu nehmen und ihr Versprechen in einem eigenen Aufrufe Sonntag früh weiter zu verbreiten. Warum war sonst niemand ehrlich und klug genug, ebenso zu handeln, und warum hat fast die gesamte Wiener Presse die Erklärung der Kommunisten unterschlagen?

Schließlich noch folgendes: Der von der Exekutive des Wiener Kreisarbeiterrates und für die Wiener Mit­glieder des Reichsvollzugsausschusses der Wiener Arbeiterräte gestern früh in der Arbeiter-Zeitung veröffentlichte Aufruf enthält folgenden Absatz: „Die morgige Veranstaltung ist also keine Versammlung in gewöhnlichem Sinne. Trotzdem wollen wir, daß von vornherein keine Gewaltmittel gegen den Putschversuch zur Anwendung ge­bracht werden. Es soll ganz deutlich werden, wen die Verantwortung trifft, wenn es zu Tätlichkeiten kommt.“ Es haben also die maßgebenden Stellen der Arbeiterräte sich auf den Standpunkt gestellt, daß von vornherein nichts gegen die kommunistische Kundgebung unter­nommen werden solle und daß alle weiteren Entschlüsse erst im Laufe des Sonntags zu fassen seien. Wenn nun die Arbeiterräte, gegen deren Willen unserer Meinung nach in Wien von keiner Seite etwas unternommen werden darf, eindeutig ihre Absichten ausgesprochen haben, wer durfte die Polizei Samstag abends veranlassen. die Kommunistenführer zu verhaften? Welches Gewicht können Kundgebungen des Arbeiterrates haben, wenn die Behörden sich an diese Entschlüsse nicht kehren?

Der Wiener Arbeiterrat hat heute in den Morgenblättern mitteilen lassen, daß er einen Untersuchungsausschuß eingesetzt habe und daß dieser Ausschuß schon morgen nachmittags Bericht erstatten wird. Wir er­warten nichts von einer Untersuchung durch die politischen Behörden, wir erwarten aber alles von der Untersuchung des Wiener Arbeiterrates. Er wird an den hier aufgeworfenen, so selbstverständlichen Fragen nicht vorbeigehen können. Er wird Stellung zu nehmen haben zu der Verhaftung der Kommunistenführer, er wird sich über das Verhalten der Polizei in der Hörlgasse aussprechen, er wird feststellen. wie beschaffen die Patronen waren, mit denen die Polizei und die Stadtschutzwache geschossen hat, er wird die Zeugen einvernehmen, die Greuel über Greuel berichten. Die Bevöl­kerung darf von ihm erwarten, daß er sich nur an die Tatsachen halten, daß er kein Parteigericht abhalten und nach bestem Wissen und Gewissen sein Urteil fällen wird.

In: Der Abend, 16.6.1919, S. 1.