Kurt Schuschnigg: Die Sendung des deutschen Volkes im christlichen Abendland. (1933)
„Es gibt im Menschenleben Augenblicke.
Wo man dem Weltgeist näher ist als sonst
Und eine Frage frei hat an das Schicksal.“
(Schiller, Wallensteins Tod.)
Das übergroße Erleben dieser seltenen und in Wirklichkeit einsamen Stunden ruft mit zwingender Gewalt die Menschenkinder zur Besinnung. Und bisweilen erwacht dann ein uralter Traum und eine Sehnsucht. Ein Traum, der manchem schon zur Tragik seines Lebens wurde: einmal aus der zeitbedingten Welt des Seins und seiner Unvollkommenheiten hinüberdürfen über jene Grenze, jenseits der die sonnige Unwirklichkeit des sündenlosen Sollens, die ideale Vollendung, das verklärte Zeitlose wohnt. Und das faustische Sehnen so alt wie die Menschheit: einmal die Schleier zerreißen zur heimlichen Einschau in die Werkstatt der Zukunft.
So schicken auch wir uns an, geblendet und umrauscht von Fluten Lichtes, das uns zutiefst in die Seelen dringt, die Schickalsfrage zu stellen. Wir dürfen das Wagnis beginnen aus dem Bewußtsein heraus, daß der, dem der Glaube an Pfingsten und an die Erlösung im Herzen brennt, an ihr nicht zerbrechen kann.
Allgemeiner Deutscher Katholikentag in Wien!
Doppelt umrahmt vom Säkulargedenken: ein halbes Jahrtausend Stephansturm, Symbol der Seele dieses Landes.
250 Jahre Erinnern des letzten großen Appells an die abendländische Gemeinschaft; Symbol der erdgebundenen Sendung unseres Volkstums. Aus diesem. Appell wuchs die Befreiung Wiens, die Errettung deutscher Kultur und somit eine Feuerprobe Mitteleuropas.
Aus diesem Erinnern an die letzte, vielleicht gewaltigste Leistung des Abendlandes, dessen Leuchtturm von der Kreuzblume zu St. Stephan gekrönt war, erwächst aber weiter riesengroß die Frage an die Gegenwart und Zukunft.
Gibt es noch ein christliches Abendland?
Oder sind dessen Trümmer angesichts einer neuen Welt – Amerika, Rußland, 450 Millionen Menschen in China – zum Sterben im Schatten verurteilt? Ist die Verbindung unseres Volkes mit dem Abendland auch heute noch lebendige Wirklichkeit oder nur tote Geschichte? Und letzten Endes und vor allem: können wir uns auch heute noch und für die Zukunft auf eine Sendung berufen?
Alle diese Fragen greifen wie ein Räderwerk ineinander. Wir standen im Endprozeß einer ungeheuren Säkularisierung. Da kam der Krieg. Und nun liegen fünfzehn Jahre bitteren Suchens hinter uns. Die alte Welt fiel wie ein Kartenhaus zusammen. Dichter sprachen vom angeblichen Denken in Kontinenten, in Wirklichkeit begann trotz aller Organisationsversuche eine fortschreitende Zerklüftung und Zerreißung der Gemeinschaft auf weite Gebiete. Der politische Umbruch mit seinen sozialen und ökonomischen Erschütterungen, begünstigt durch das Unvermögen derer, in deren Hand es gelegen war, die Karte Europas neu zu bestimmen, wirkliche Realitäten und Zusammenhänge zu sehen, dieser Umbruch brachte nicht, wie er versprochen hatte, das Paradies, die Freiheit, den Wohlstand, nicht einmal eine auch nur bescheidene Hebung des Lebensstandards derer, die man die „Enterbten“ nannte.
Dafür aber begann durch die Überspitzung staatsrechtlicher Theorien und den Versuch ihrer Verwirklichung, auf weite Strecken im Abendland eine Vergötzung der Masse. Diese politische Erscheinung ins rein Geistige übertragen, mündet zwangsläufig in die Entseelung der Kultur. Allerdings kann niemand die Welttriumphe stets fortschreitender technischer Wunder übersehen. Aber ihnen haftet die Kehrseite einer gesteigerten Mechanisierung des Lebens an und somit indirekt ein Anteil an der Proletarisierung immer weiterer Schichten. Das unsichtbare und häufig auch unfaßbare Spekulieren weniger Menschen, denen auf der anderen Seite wachsende Existenzunsicherheit der breiten Masse gegenübersteht.
Die nachwirkende Säkularisierung alles Geistigen hatte jede innere Bindung gelockert. Recht und Wissen schienen ausgehöhlt, weil kein bleibendes, unveränderliches Fundament die Basis war, die Verbindung mit den Begriffen natürliche Gerechtigkeit, zeitloses Ethos, Sturm des Gewissens vielfach verloren ging.
Alles zusammen nur allzu häufig ein unstetes, schwankendes Hin und Her, angetrieben von der Sehnsucht nach irgendeinem nebelhaften Neuen, Anderen; kein ruhender Pol, keine Beharrlichkeit, keine weiteren klaren Zukunftsideen.
Dem entgegen im Dämmern allerdings auch eine seelische Reaktion bei nicht wenig denkenden Menschen, Hasten nach Verinnerlichung und Vertiefung, Suchen nach Gottesnähe, bisweilen unbewußt, bisweilen abgeirrt im Aufwärtsstreben zu den Höhen der Metaphysik, verstrickt im Dickicht der Sekten. Aber doch unleugbares religiöses Erwachen: übervolle Kirchen, gut besuchte Prozessionen, vielfach Gottesdienst ganz neuen // Stils, Sonntagsaltar in den Bahnhöfen der Großstadt, Notkirchen in den verödeten Hallen stillgelegter Fabriken, Hausmissionen, Karitas, Heimkehr, allerdings nur einer Minderheit im Volke.
Durch die gärende Macht des Werdens zieht nun eine junge Generation und hat an ihren Lasten schwer zu tragen. Hat sie denn überhaupt Zeit gehabt, nach den Zusammenhängen zu suchen, zu überlegen; war ihr das Abendland in seiner Entwicklung und- Zukunft überhaupt Begriff geworden, da ihr die Gegenwart doch hassenswert erscheinen musste? Not treibt sie vorwärts; Not läßt manches verstehen und daher manches verzeihen. So stürmen viele junge Menschen dahin, ohne innerer Beziehung zum Gestern, ohne Interesse am Heute, auf der Suche nur nach dem Morgen, dem anderen, dem Neuen.
Wenn sie enttäuscht erwachen, sind sie vielleicht alt geworden und eine neue junge Generation sucht nach neuen Ideen, die jene von gestern vielleicht gerade noch bekämpfen.
Denen aber, die abseits gehen vom großen Strom, den Besinnlichen, denen mag in kummervollen Stunden die Verzagtheit drohend in die Seele fallen: Wohin geht unser Weg? Herr, es will Abend werden!
Doch was sind 15 Jahre im Räderwerk der Geschichte; was können schon selbst ein, zwei Menschenalter, selbst ein Jahrhundert bedeuten für den, der an die Sendung eines Volkes glaubt. Ihm muß jedes Geschehen sinnvoll erscheinen; für ihn gibt es keinen Zufall, sondern nur eine Führung; kein blindes Zerstörenwollen und keinen verblendeten Haß; sondern nur das Bewußtsein notwendiger Einordnung in einen göttlichen Weltplan; die Ehrfurcht vor ewigem, heiligem, unabänderlichem Recht,
Nur wer im Bewußtsein lebt, daß der Wille Gottes die Wege des einzelnen, seines Volkes und der Völkergemeinschaft bestimmt hat und der sich selbst ferne jeder Überheblichkeit als Diener am Werke fühlt, nur der kann von der Sendung seines Volkes sprechen.
Daher die erste große Frage des Gewissens vorab für jene, deren Aufgabe es ist, nach den schweren Erschütterungen unserer Zeit das Schicksal der Gemeinschaft zu gestalten. Deutsche junge Generation, vorab ihr jungen Deutschen in Österreich, soferne ihr den Gottesglauben, somit den Glauben an eine höhere Fügung und an einen planvollen Sinn der Geschichte im Herzen tragt:
Kennt ihr die Sendung eures Volkes?
Ihr habt vielleicht gelernt, daß es eine großdeutsche und eine kleindeutsche Richtung gab, daß der Gegensatz Österreich – Preußen das Geschichtsbild deutscher Entwicklung beherrsche; ihr habt von Partikularismus, föderativem System und zentraler Staatsgestaltung, von Freiheitskämpfen, Kongressen und Revolutionen, von dieser oder jener Episode, von dieser oder jener politisch-militärischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistung gehört.
Aber was ist dies alles zusammen gegen das ungeheuerliche, durch ein Jahrtausend fortwirkende Geschehen, als unter Blitz und Donner im erdaufwühlenden Strom des großen Völkerwanderns unser Volk zunächst ohne innere Geschlossenheit, aufgeteilt in seine Stämme, auf die Bühne des Weltgeschehens trat, geleitet ohne es zu ahnen von der zwingenden Hand des Führers, der über den Zeiten steht und nun die Vorhänge niederrauschen ließ über einer zusammenbrechender Welt, deren Aufgabe und Bestimmung erfüllt war. An den unverbrauchten deutschen Stämmen, deren jeder seine eigenen Weistümer und Stammesrechte mit sich führte, ging das Pfingstwunder in staunende Erfüllung.
Erst durch das Christentum ward die gemeinsame Basis geschaffen. Das Christentum fügt im Laufe der Jahrhunderte die deutschen Stämme zusammen zum deutschen Volke. Und aus dem Boden, der bereitet war von der Antike, beseelt und geeint von der Lehre des Erlösers, baut nun die Vorsehung den wundervollen Dom, den Augustinus als Civitas Dei prophetisch verkündet: Reich Gottes auf Erden, heiliges Reich, in seiner Idee dazu bestimmt, das christliche Abendland, die Welt zu umfassen, auf daß Gottes Friede sei und Wohlstand unter den Völkern!
So ging der Weg des Abendlandes von Karl dem Großen über Otto I., der 150 Jahre später die gewaltige politische Inkarnation des abendländischen Gedankens in Gestalt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verwirklicht, zu den weiteren Schmieden deutschen und abendländischen. Schicksals, den Kaisern aus dem Hause der Staufer, zu Rudolf von Habsburg, dem die Vorsehung vor allem die Aufgabe stellte, die größte Gefahr im deutschen Raum von damals, die Willkür des Faustrechtes zu brechen, über die lange Reihe der Kaiser aus dem Hause Oesterreich über Maximilian den letzten Ritter und Sänger des Theuerdank bis zu Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging und das christliche Abendland und damit das deutsche Volk zur Weltmacht gelangt war und weiter über Leopold, Ferdinand, Karl, deren deutsche Bedeutung nur der verkennen kann, dem der Gedanke des Abendlandes, das Gottesreich mit seinem jedem Nationalkirchentums fremden, typisch katholischen Grundgehalt verborgen blieb, hin zu Maria Theresia und weiter bis zum Abstieg und Ausklang einer der größten, wenn schon nicht immer macht- so doch kulturpolitischen Konzeptionen, die die neue Welt zu verzeichnen hat.
Gewiß ging die Entwicklung in steilen Wellenlinien über Berg und Tal und wir stehen beim Wandern durch die Jahrhunderte deutscher Geschichte immer wieder vor Zäsuren. Jeder solche historische Einschnitt, sei es nun der Anschlag der Thesen Martin Luthers an die Schloßkirche zu Wittenberg oder die Schlacht am Weißen Berge oder das Jahr 1688 oder die innerdeutschen Wechselfälle der Napoleonischen Aera mit dem Jahre 1806 als dem Niederlegen der römisch-deutschen Kaiserkrone durch Kaiser Franz I., bedeutet eine Schicksalswendung, von der Warte des christlichen Abendlandes aus gesehen und hat daher weit mehr als nur machtpolitische Bedeutung.
Wer sich der abendländischen Sendung an des deutschen Volkes bewußt bleibt, darf überhaupt nicht nur nach dem Ausmaß augenblicklicher, militär-politischer Erfolge messen, und er darf das Heilige Reich nicht werten nach dem Zufall staatlicher Grenzen, die das Schicksal irgend eines Jahrhunderts für eine oder vielleicht mehrere Generationen zieht. Er muß vielmehr wissen, daß es Aufgabe der Deutschen war, die Kulturfackel des Christentums dem Abendland zu entzünden und schon vermöge der Lagerung des deutschen Raumes, somit der geopolitischen Bedingungen, darüber zu wachen, daß das Heilige Feuer weiterbrenne, geschützt von den Ideenwelten, die von weit im Osten oder weit im Westen her den Gedanken des Reiches Gottes auf Erden bedrohen.
Das deutsche Volk hat trotz aller Zwischenfälle seiner Geschichte, die nie ewig währten, die ihm gestellte Aufgabe gelöst. Seine Leistung ist nicht wegzudenken aus dem Gesamtbild des christlichen Abendlandes.
Politisch, weil es der Träger des Gedankens vom Heiligen Reiche war, das in Dante seinen größten, unsterblichen Sänger fand. Die Feinde des Reiches und der Kaiseridee verdammte er ins tiefste Inferno.
Militärisch, weil es trotz allen Zwiespaltes nach innen, selbst nach der Erschütterung durch die Reformation, in den großen Stunden der Berufung immer wieder dem vernichtenden Einbruch in seinem Kulturkreis zu wehren verstand.
Kulturgestaltend, weil es in seiner Kunst und Dichtung, seinen Domen und Universitäten, seinen Dramen und Sinfonien, in der glücklichen Gottesgabe sowohl originären Schaffens, als auch der Aufnahme, Verschmelzung, Läuterung und Vollendung fremden Stils die ganze Menschheit beschenkte.
Rein geistig, weil es kaum eine große, zeitgestaltende, neue Idee gegeben hat, die nicht aus deutschem Raum heraus geboren wurde. Gewiß ein tragisches Geschenk, das manche Schuld und manches Verhängnis in sich schließt; wer mag ermessen; wie groß z. B. nur der Einfluß Hegelscher Gedankengänge und des wissenschaftlichen Materialismus auf die Gestaltung neueuropäischen Schicksals war! Wir sehen nur, daß die darauf gegründete Lehre von der Allmacht des Staates in allen Spielarten der Antipode, das Gegenteil des richtigen Reichsgedankens ist.
Weil nun aber in diesem Reichsgedanken sich die Quelle der Kulturkraft unseres Volkstums birgt: weil es sinnlos wäre, diesen großen, in die Ferne wirkenden abendländischen Gedanken mit dem Flächenmaß und nach der Länge des augenblicklichen machtpolitischen Radius, nach der Gestalt seiner Grenzen zu messen; weil in seiner Erfüllung auch heute noch die Sendung unseres Volkes liegt: darum in brennender Leidenschaft katholischen Bekennens; und mit dem Fanatismus der unter der Parole „Gott-will es!“ in der Babenbergerzeit zu den Kreuzzügen rief, mit dem Abraham a Santa Clara zu Wien die Geister wachgerüttelt hat, der Marco d’Aviano dem Entsatzheer das Kreuzpanier vorantragen ließ, mit diesem lodernden, gläubigen Fanatismus darum auch heute – Österreich!
Denn genau im gleichen Maße, in dem die Leistung des gesamten deutschen Volkes mit der Geschichte des christlichen Abendlandes unlösbar verbunden ist genau so ausgeschlossen bleibt es, Österreich und seine Leistung wegzudenken aus dem Gesamtbild des deutschen Volkes und seiner Kultur: nicht wegzudenken auf politischem und auf militärischem Gebiet; in seinem Anteil am Ingenium deutschen Erfindens bis herauf in die neueste Zeit und schon gar nicht wegzudenken in seiner Gotik, seinem Barock, seiner Romantik und seiner Moderne, in der farbigen Fülle seiner Meisterpaletten und im unversiegten, unsterblichen Quell seiner Lieder.
Dies alles hat seinen tiefsten Grund darin, daß
der Gedanke des Heiligen Reiches in Österreich, das
bis zum heutigen Tage die Reichsymbole birgt, im
Laufe der Jahrhunderte das Heimatrecht erIangt hat.
Nicht die Körperlichkeit des jeweiligen Staates, sondern die große gestaltende Seele des abendländischen Gedankens vom hl. Reich, ich möchte ihn den erdgebannten Schatten des corpus mysticum der Kirche nennen, gibt unserer österreichischen Heimat auch heute noch ihren lebendigen unvergänglichen Sinn; angesichts des Zeugnisses der Geschichte, unserer räumlichen Lage im Herzen Mitteleuropas, unserer Grenzlandstellung im gesamtdeutschen Raum, der zum Teil an den Peripherien durchbrochen, zum Teil umkränzt ist von jungen, fremden Kulturen, deren Brennpunkt, Magnet und Brücke zu sein, steht denen zu, deren Aufgabe es war, durch ein Jahrtausend bis in die allerjüngste Zeit durch Schule und Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur, aber auch oft genug in der Verteidigung mit Blut und Eisen, Ostmarkwächter und Pioniere des deutschen Volkstums, damit des christlichen Abendlandes zu sein.
Daß dem so war, dankt Österreich in allererster Linie dem Katholizismus!
Man möge uns nicht mißverstehen. Wir wissen, daß es verderblich wäre, die brennende Wunde der Glaubensspaltung aufzureißen. Wir müssen mit den Tatsachen rechnen, wie sie gekommen und vielleicht kommen mußten.
Heute liegen die Dinge so, daß die positiven Kräfte beider deutschen christlichen Bekenntnisse einander stützend und ergänzend zusammenwirken müssen, um den neuen Gefahren zu begegnen, die unseren Kulturkreis bedrohe. Auch hier geht es nicht nur um ein deutsches, vielmehr um das abendländische Schicksal.
Groß genug, daß alle, denen die Zukunft der Kinder am Herzen liegt, weit über den deutschen Raum hinaus und gleichviel, welche Sprache sie sprechen, daran nicht vorübergehen können! Wer die Zusammenhänge schaut, wird dem katholischen Österreich seine besondere deutsche Aufgabe und Eignung in der Richtung eines Abbaues der Gegensätze und einer Befriedigung der Völker nicht abzusprechen vermögen.
Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Formen, deren sich der Lenker alles Geschehens bei ihrer Gestaltung bedient. Jede zeitgeschichtliche Entwicklung hat ihre große gemeinsame Linie. Auch unserer Zeit ist ein Ziel gesteckt im Umbau von Staat und Gesellschaft. Auf den Gesamtblick, die richtige Orientierung
kommt es an! Wir wissen genau und werden nicht müde, es zu betonen, daß die Schicksalsfrage des Deutschtums sich keineswegs um das sogenannte Nord-Südproblem dreht, im Gesamtbild diese Gegenüberstellung vielmehr keine Rolle spielen darf. Wir wissen ferner, daß ein ernster Kampf der Konfessionen heute ein Verhängnis wäre.
Wir wissen aber auch, daß der Einsatz der katholischen Kräfte Österreichs wie in der Vergangenheit so auch für die Zukunft nicht nur dem Interesse des eigenen Landes, sondern auf den die gesamtdeutschen Interessen und somit dem Abendlande dient, daß ohne dieses katholische Österreich die Erfüllung der Sendung des deutschen Volkes im christlichen Abendland die Wiedergeburt des wahren Heiligen Reiches und damit die Befriedung des aus taufend Wunden blutenden Mitteleuropas nicht möglich ist.
Der Katholizismus in Österreich darf seine deutsche und abendländische Mission nicht
vergessen. Er wuchs aus einem Lande, das bis zum letzten Zusammenbruch ein getreues Spiegelbild Europas war und dessen Zerreißung dem Europa von heute wiederum die symbolische Signatur gibt; dessen Wiederaufbau aber dazu bestimmt ist, der großen tragenden deutschen Idee vom christlichen Abendland die Wege zu ebnen.
So gewinnt denn auch z. B. der lange vor dem Kriege schon geborne Plan, am Sitz des Primas von Deutschland zu Salzburg eine gesamtdeutsche katholische Hohe Schule zu schaffen, ein Geisteszentrum katholischer Kultur für den gesamten deutschen Raum, ganz neue Beleuchtung. Mag auch die Zeit noch nicht reif sein, das Ziel scheint klar umrissen. Eine Stätte, nicht dem Spezialistentum und dem Studium eines begrenzten Faches, sondern der wahrhaft universellen Vertiefung und Schulung des Geistes gewidmet, aufgebaut auf dem Glauben an die vollendete Harmonie von Offenbarung und natürlicher Erkenntnis. Dieser Glaube // und aus ihm gewachsen deutsche Kultur und deutsches Recht sollen unserem Lande auch weiterhin ihr deutliches Gepräge geben.
Deutsches Recht, das seinen Anfang nahm aus der Ehrfurcht vor dem Weistum der Väter, das die klassische römische Form beseelte durch jene Synthese von Freiheit und zweckbestimmter, unerläßlicher Beschränkung, wie christliches Denken in Verbindung mit dem Erbgut unseres Volkes sie geschaffen hat; das Pflichten und Rechte des Einzelnen gegenüber Familie, Stand und staatlicher Gemeinschaft abgrenzt; das den Treubruch als Sünde wider den Volksgeist verfemte.
Deutsches Recht und deutsche Kultur, hineingestellt in das Bewußtsein katholischer Verantwortung und europäischer Verbundenheit, mögen unsere Heimat auf ihrem schweren, mühevollen Weg geleiten. Immer wieder fand der österreichische Troubadour des deutschen Volkes in Stunden des Kleinmuts einen Mahner, der die Müden und Verzagten emporriß mit den Worten, deren Zauberklang von Wien aus die Welt erobert hat: „Freunde, nicht diese bösen Töne, sondern laßt uns angenehmere anstimmen und freudenvollere…“
Aus dein Genius loci dieser Stadt und ihrer Sendung wuchs der berauschende Rhythmus zu den Sternen, der für immerwährende Zeiten Rhein und Donau, Wien und Weimar, Beethoven und Schiller verbindet:
„Ihr stürzt nieder Millionen
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Brüder, überm Sternenzelt
Muß ein guter Vater wohnen,
Such‘ ihn überm Sternenzelt…“
Österreich, deutsches Volk, christliches Abendland, such‘ ihn überm Sternenzelt!
Wir wollen ihn rufen in dieser gewaltigen Stunde: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein Name; zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe, im Himmel also auch auf Erden. Amen!
In: Reichspost, 10.9.1933, S. 18-20.