Karl Tschuppik: Die Plakatwand

In der Wiener Invalidenschule, wo die Opfer des Krieges im Gebrauch ihrer verstümmelten Glieder unterwiesen werden, hat kürzlich einer der Lehrer an die Invaliden die Frage gerichtet, ob sie wohl wissen, wofür sie ihren gesunden Körper geopfert haben. Die Antworten, welche der Lehrer erhält, sind in mehrfachem Sinne beachtenswert; ein Teil der Invaliden gab einfache und richtige Antworten, ungefähr des Inhalts, daß der Einzelne nicht dazu gekommen sei, sich Rechenschaft über sein Verhältnis zum Kriege zu geben, da alle einer Macht zu gehrochen hatten, gegen welche der Einzelwille sich nicht aufzulehnen vermochte. Neben dieser schlichten und klugen Erwiderung finden sich jedoch weit mehr Erklärungen, aus denen zu ersehen ist, daß das alte Denken selbst unter den Kriegsopfern fortlebt, Erklärungen, die an Stelle einer individuellen Anschauung ein Wort oder mehrere Wörter aus dem reichen Arsenal der ehemaligen Kriegsphraseologie setzen. So schreibt ein treuherziger Mann, es sei „um die Ehre des Vaterlandes“ gegangen; ein anderer antwortet, „in der Not“ habe der Soldat zu folgen; ein dritter meint sogar, „Krieg müsse sein“ usw.

Das kleine Beispiel ist darum interessant, weil es die unglaubliche Fertigkeit der politischen Schlagworte und verkrusteten Wortbilder aufzeigt. Und es ist doppelt interessant bei Opfern des Krieges, von denen man annehmen müßte, daß sie durch das persönliche Erlebnis zu einer freieren, menschlicheren, voraussetzungsloseren Betrachtung der Dinge gekommen seien. Tatsächlich jedoch ist die Macht pathetischer Wortbilder weit größer, als man gemeinhin annimmt. Wenn man es sich recht überlegt, begnügt sich die Mehrzahl der Menschen, sobald sie den Kreis ihrer nächsten Angelegenheiten verlassen und eine Beziehung zur Allgemeinheit suchen, mit Wortbildern; sie stellen ihre ursprüngliche Art, die Welt zu sehen, gänzlich zurück und akzeptieren ohneweiters jedes geschwollene Wort der politischen Terminologie. Wer die Geschichte der letzten Jahrzehnte des alten Österreich daraufhin untersucht, der wird finden, daß die Wirklichkeit, wie sie war, niemals in Erscheinung getreten ist; die Politiker hatten zwischen ihr und den Gehirnen eine Wand errichtet, die mit pathetischen Worten tapeziert war. Die österreichische Wirklichkeit war das umgekehrte „Ding an sich“. Liegt in der Erkenntnistheorie Kants hinter der Erscheinung das mysteriöse „Ding an sich“, so lag in der österreichischen Welt die Wirklichkeit hinter der Tapetenwand der Abstraktionen. Das wirkliche Österreich war wohl sinnlich wahrnehmbar, mit den Augen zu sehen, mit den Ohren zu hören, mit den Händen zu greifen, aber die Menschen dieser Wirklichkeit ließen sich von der Tapetenwand düpieren.

Was ging uns, im Grunde genommen, diese Plakatwand an? Hatten die Menschen ihre Bestimmung, ihren Daseinszweck vergessen? War ihr Auge blind geworden für Sonne, Mond und Sterne? Hatten Wiesen, Wälder und das Blau des Himmels ihre Farbe verloren neben den Klexereien der Papierwand? Woher kommt es, daß die Sinne und die ursprünglichen Fähigkeiten durch Wortbilder zurückgedrängt werden können? Der Verlust der Naivetät, die Einbüßung der natürlichen Gabe, sich auf dem kürzesten Wege mit der Erscheinungswelt in Kontakt zu setzen – dieser Verlust ist offenbar das Werk langer Jahrhunderte, während welcher die Büttel und Autoritätshüter, Kirche, Staat, Schule und Polizei, den natürlichen Menschen in den Untertan verwandelt haben. Die Bereitschaft, an Stelle des natürlichen Bildes ein von irgendeiner Autorität empfohlenes oder befohlenes Wortbild zu setzen, ist eine anerzogene, oder, wenn man so sagen darf: angeprügelte Eigenschaft. Und es ist jedenfalls kein Zufall, daß die Empfänglichkeit für pathetische Wortbilder mit allen ihren furchtbaren Folgen bei keinem Volke so groß ist, wie bei den Deutschen.

Die Deutschen sind das Volk der unglücklichsten Geschichte. Die Verfälscher der Wirklichkeit haben auch die deutsche Geschichte gefälscht; seit dem Ende des deutschen Liberalismus zumindest, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also bis auf unsere Tage, haben die offiziösen Geschichtsschreiber der borussischen Schule kein anderes Ziel gekannt, als die traurigen Tatsachen der denischen Geschichte in das verlogene Rampenlicht, der borussischen Geschichtsauffassung zu stellen. Der begabte Fälscher war darin zweifellos Heinrich von Treitschke, dem freilich der mildernde Umstand zugute kommt, daß er, mehr Dichter als Historiker, von der Wahrheit seiner Dichtung überzeugt war. Aber selbst ein Mann wie Karl Lamprecht, der in den zwei ersten Bänden seiner großangelegten deutschen Geschichte sich sehr ernst um die Aufhellung der deutschen Vergangenheit bemüht, selbst Lamprecht fiel dem allgemeinen Laster des Lakaitums zum Opfer und erfand im letzten Band einen eigenen Begriff, den Begriff der „Reizsamkeit“, um die Darstellung des nach dieser Erfindung benannten Zeitalters in eine Apotheose auf den göttlichen Repräsentativmann dieses Zeitalters, auf Wilhelm II., ausklingen lassen zu können.

Man wird diesen despektierlichen Bemerkungen vielleicht den Einwand entgegensetzen, daß jedes national fühlende Volk seine eigene Geschichte verherrlicht und sich dabei nicht an die Wahrheit gehalten habe. Das mag bis zu einem gewissen Grade richtig sein; aber es ist bei dieser Verherrlichung nicht gleichzeitig, was verherrlicht wird. Zweifellos hat, um nur dies Beispiel anzuführen, die Glorifizierung der großen Revolution den Franzosen geistig weniger geschadet, als jener Untertanendrill deutscher Professoren, der das Deutsche Reich als das Werk der herrlichen Dynastie darzustellen nicht müde wurde, Auf jeden Fall hat die durch viele Jahrzehnte betrieben Erziehung des Volkes im Sinne einer unbedingten Autoritätsverehrung zur Beherrschung der Köpfe durch Begriffe und weiter zur Verkrustung dieser Begriffe wesentlich beigetragen. Es war unter gewissen Schichten des deutschen Volkes ganz unmöglich geworden, über Dinge des täglichen Lebens, über Ereignisse und Einrichtungen des Landes voraussetzungslos, naiv, sprechen zu können. Nicht die Paragraphen des Strafgesetzbuches – die zu Wortbildern verkrusteten Begriffe verhinderten jede natürliche Aussprache. Der „Kaiser“, das „Vaterland“, die „Armee“, die „deutsche Wissenschaft“, der „Pflichtbegriff Kants“ – die deutsche Plakatwand war mit einer Unzahl solcher Worte beklebt, die einfach als heilige Dinge hingenommen wurden. Die österreichische Terminologie war bescheidener, ihr fehlte der große pathetische Atem, dennoch – wie viele Gehirne wurden mit Worten verkleistert wie: „die Belange“, „schimmernde Wehr“, „der welsche Feind“, „Österreich wird ewig stehen“, „Radetzky“, „Prinz Eugen“ usw. …? Es gibt noch immer altösterreichische Staatsphilosophen und Historiker, die den Untergang Österreich auf alle möglichen mysteriösen Ursachen zurückführen, dabei aber den einen, wahren, einfachen Grund nicht sehen: die Unwirklichkeit dieser verstorbenen Größe, die groß war nur auf der Wand der pathetischen Plakate. Kein Wunder aber, daß gerade diesen Schattenösterreichern jedes Verständnis für das wirkliche Österreichertum fehlt, welches so wirklich und lebendig war, daß es noch nach Österreichs Untergang fortlebt.

In: Prager Tagblatt, 1.2.1921, S. 2.

Dr. Eugenie Schwarzwald: Lob der Republik. Eine Festrede in der Schule

Wenn wir einen Geburtstag feiern, so fragen wir uns: Wie stehen wir zu dem Gefierten, was bedeutet er für unser Leben, was könnten wir für ihn tun? Das heutige Geburtstagskind ist unsere Republik.

Was ist eine Republik? Die Republik ist ein Land, ein Staat, in dem alle, das ganze Volk, alle Schichten, Klassen, Stände, Berufe, beide Geschlechter sich an der Herstellung des Allgemeinwohles beteiligen, also um alle öffentlichen Angelegenheiten tätig bemüht sind. An der Spitze steht kein Monarch, weder ein absoluter noch ein durch Konstitution beschränkter. Aber das ist nicht das Entscheidende. Ein Monarch kann ein Despot sein, ein Willkür ausübender Tyrann wie Iwan der Schreckliche oder wie Caligula; er kann aber auch ein heilsam schaffender Philosoph sein wie Marc Aurel; ein Schützer des Landes wie der englische Protektor Oliver Cromwell, der erste Diener des Staates wie Friedrich der Große, oder ein Menschenfreund wie Josef II. Es kann sogar vorkommen, daß sich ein Volk unter einem Monarchen wohlfühlt. Wenigstens hat dies der kluge französische Heinrich IV. angestrebt und Harun al Raschid, wie die arabische Sage erzählt, erreicht. Aber ein von oben regiertes Volk bleibt doch bevormundet, gegängelt, wenn nicht gar versklavt und ausgebeutet. Wie ein Kind erst ein ganzer Mensch wird, wenn es eine Angelegenheiten versteht und tätig selber wahrnimmt, weil es da erst in den Besitz und den Genuß aller seiner Kräfte und Fähigkeiten kommt, so ist ein Volk erst dann keine bloße Herde, wenn es nicht allein sich auf den Verstand und den Charakter seines Herrn oder Hirten zu verlassen hat, so daß seine eigenen Kräfte, seine Geistesgaben, seine Energie, seine organisatorischen Fähigkeiten einschlafen, sondern wenn jeder Volksgenosse den öffentlichen Geist und alle Angelegenheiten der Gemeinschaft mitbestimmt.

Haben wir aber dann schon eine wahre Republik, wenn sich alle Glieder des Volkes um die öffentlichen Angelegenheiten kümmern? Wenn sie eine Anstalt zum Besten aller sein soll, so müssen alle, die damit zu tun haben, auch wissen, was das allgemein Beste ist, und wenn sie es w i s s e n, es auch w o l l e n. Viele Leute glauben, das sei schon Republik, wenn alles geschieht, was die Mehrheit beschließt. Wenn ihr etwas Gescheites einfällt, so ist ja alles in Ordnung. Aber weiß denn die Majorität immer, was recht ist? Verstand und guten Willen muß man haben, ob man nun ein Monarch, eine Oligarchie von feudalen Rittern oder reichen Bürgern, ein Senat oder eine Parlamentsmehrheit ist. Haben wir nicht gesehen, daß nicht nur Monarchen, sondern auch Parlamente den Weltkrieg beschlossen haben? Ganze Völker können, wie ein einziger, Kriege wollen und führen, um sich durch Eroberungen, Unterdrückungen und Versklavung am Unglück anderer Völker zu bereichern. Ihr habt ja römische Geschichte gelernt. Diese Republik ist ein berühmtes, richtiger berüchtigtes Beispiel für das Gesagte. Solche Republiken können gefährlicher und schädlicher sein als Despotien.

Soll also die Republik eine Gemeinschaft zum Wohle aller werden, so müssen alle lernen, worin das Allgemeinwohl besteht und müssen den Willen haben, dieses durchzusetzen, sogar dann, wenn ihr privates, persönliches Interesse nicht damit übereinstimmt.

Viele glauben, daß sie ihre Bürgerpflicht erfüllt haben, wenn sie sich einer politischen Partei anschließen und nach deren Weisungen handeln. Dazu hat natürlich jeder ein Recht. Insbesondere, wenn dieser Anschluß aus guten Gründen erfolgt, aus Überzeugung, aus Sympathie oder Familientradition. Wir haben Parteien für alle Interessen, Stände und Klassen. Parteien für die Bauern, für die Arbeiter, für die Fabrikanten, für die Kaufleute, für die Beamten, und alle diese nehmen naturgemäß die Interessen ihrer Mitglieder wahr. Alle diese Interessen sind  berechtigt und in Ordnung und verdienen geschützt zu werden, solange sie niemand anderen verletzen. Der Bauer hat das klare Recht, in Frieden und ungestört die Früchte des Bodens und seiner Arbeit zu genießen und zu verwerten. Und seine Partei handelt richtig, wenn sie Einrichtungen, die ihm nützen und seine Arbeit erleichtern, schafft und darauf acht gibt, daß das Gemeinwesen nicht unternimmt, was ihm schaden könnte. Wie aber würde euch das gefallen, wenn diese Partei ihre Macht im Staate dazu gebrauchen wollte, alle, die keine Bauern sind, zu zwingen, ihre Lebensmittel zu besonders teuren Preisen beim Bauern zu kaufen? Oder wenn die Fabrikantenpartei den Bauern zwingen wollte, daß er für die Industrieprodukte, die er braucht, mehr bezahlt als sie wert sind, damit es dem Fabrikanten besonders gut gehe? Oder wenn irgendeine Partei die Fabriksarbeiter zwingen wollte, auf ihre wohlverdiente Muße, auf den Schutz ihrer Gesundheit und ihrer Sicherheit zu verzichten? Oder sie verhindern wollte, Arbeit dort zu suchen, wo sie am besten bezahlt wird? Wenn eine Partei es durch Zahl, Macht und Agitation durchsetzt, daß die Interessen irgendeiner Klasse zum Nachteil der anderen Klassen im Staate bevorzugt werden, so ist die Republik nicht besser als eine Despotie. Kurz  gesagt: die Interessen jedes einzelnen müssen auf die des anderen Rücksicht nehmen. Wir nennen einen Privatmann, der sein Wohl auf Kosten oder gar zum Schaden anderer fördert, einen elenden Egoisten. Ebenso müssen wir den Staat nennen, wenn er ebenso handelt. Die echte Republik kann nur auf allgemeiner Gerechtigkeit beruhen, mit Schonung aller für alle.

Das erste Wort der wahren Republik heißt: Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu. Dieser einfache Satz, den ihr ja alle kennt, ist die Grundlage alles sozialen Lebens, des Staates und der ganzen Zivilisation. Dieser bescheidene Satz verwirft den Streit in der Kinderstube, den Unfrieden in der Schule, den Parteienzwist, die unaufrichtige Diplomatie und verdammt den Krieg, der einen Staat auf Kosten des andern vergrößert und bereichert. Er fordert gebieterisch, daß die Staaten und Völker miteinander umgehen wie anständige Menschen im Privatverkehr: mit Achtung und Rücksicht, liebenswürdig und höflich, krasse Eigenliebe, Roheit und Unhöflichkeit ablehnen. Durchboxen gehört nicht in die Republik.

Dieser Satz: Ne fais pas á autrui ce que tu ne voudrais pas qu’on te fasse, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Er ist, wie die Logiker oder Mathematiker sagen, ein Axiom, ein Satz, der von selbst einleuchtet. Weshalb Vischer in seinem Roman „Auch Einer“ seine Helden sagen läßt, das Moralische verstehe sich von selbst, alle zehn Gebote fließen aus diesem Satze. Jedes denkende Hirn, jedes fühlende Herz schafft diesen Satz sozusagen neu aus sich selbst heraus, sonst könnte die Welt längst nicht mehr bestehen. In unaufhörlichem Streit und Kampf müßte die Menschheit zugrunde gegangen sein, natürlich ohne auch nur die kümmerlichste Kultur und Zivilisation entwickelt zu haben. Und auf die wollt ihr doch nicht verzichten?

Die wahre Republik ist die Verwirklichung der Gerechtigkeit für alle unter Mitarbeit aller. Auf diesem Fundament erst kann die  zweite Stufe des menschlichen Zusammenlebens aufgebaut werden, die auf dem indischen Worte beruht: Hilf, wo du kannst, denn wer nichts tut, tut übles. Die Gerechtigkeit besteht nämlich nicht in der bloßen Enthaltung von Schadentun, Verletzen, Kränken. Natürlich kann man damit schon ein ganz anständiger Mensch sein. Aber das ist zu wenig. Euch kommt ein solcher Mensch sicher kalt und wenig sympathisch vor. Und er erinnert euch an Kellers „gerechte Kammacher“, die ihr ja alle nicht leiden könnt. Er lebt nämlich nach dem egozentrischen Grundsatz: „Sehe jeder, wo er bleibe, sehe jeder, wie er’s treibe, und wer steht, daß er nicht falle.“ Ein richtiger Mensch aber, den geht es sehr an, daß auch die anderen, gleichgültig, ob mit oder ohne ihr Verschulden, nicht fallen. Ist er aber gar glücklich, so hat er das Bedürfnis, alles  um sich her wenigstens leidlos zu sehen. Das ist der innerste Kern des Christentums, welches als notwendige Ergänzung zu der Gerechtigkeit des alten Dekalogs hinzugetreten ist.

Oft hört ihr, Republik sei nichts anderes als Freiheit. Aber die Freiheit ist nichts Positives. Man kann sie definieren als Abwesenheit von Gewalt. Solange Gewalt von Despoten, Siegern und Eroberern, von Cliquen, Klassen, Parteien, Bündnissen oder Banden sich geltend machen kann, gibt es keine Gerechtigkeit. Freiheit ist also nichts Aufbauendes, sondern bloß die unentbehrliches Vorbedingung für das ordentliche Zusammenleben der Menschen. Das Positive aber muß gelehrt und geübt werden.

Auf unsere junge Republik dürft ihr stolz sein. Sie ist nicht in guten, friedlichen Zeiten, durch den starken Willen, den Freiheitsdrang oder die Selbstbesinnung einzelner geschaffen worden. Eine gewaltige internationale Katastrophe hat wie ein Sturmwind die alten Herren hinweggefegt und uns vor die Notwendigkeit gestellt, das neue Gemeinwesen aus eigener Kraft unter den schwersten Verhältnissen aufzubauen. So ist uns eine Aufgabe zuteil geworden, unvergleichlich schwerer als etwa jene der Schweizer, deren Vorfahren vor Jahrhunderten ihre politische Freiheit verteidigt und erobert haben. Diese haben es leicht, ihre Gemeinschaft langsam und bedächtig zu immer besserer Gesittung weiter zu gestalten. Aber je schwieriger die Aufgabe, desto größer die Ehre und Freude am Geleisteten. Was schon in wenigen Jahren geschehen ist, ist nicht wenig. Wenn ihr bedenkt, daß unser Land im Zustand äußerster Zerrüttung, wirtschaftlich fast zugrunde gerichtet, seiner besten Männer beraubt, seiner wichtigsten Hilfsmittel entkleidet, sich neu zu fassen und nicht nur neu zu organisieren, sondern erst wieder lebensfähig zu machen hatte, so werdet ihr verstehen, was das heißt, daß es bei uns im Lande keine äußerste Unordnung gegeben hat, daß wir den auflösenden Kampf aller gegen alle zu vermeiden gewußt haben. Wir haben unsern armen Staat in leidlicher Ordnung wieder aufgebaut, sind ein geachtetes Mitglied der europäischen Völkerfamilie geworden und ein wichtiges Stück der Kulturgemeinschaft geblieben. Ja, es gibt sogar einige Dinge, in denen wir anderen Ländern als Beispiel dienen. Dies alles ist das Verdienst gewisser Eigenschaften des Österreichers. Sein Sinn für geduldiges und rücksichtsvolles Zusammenleben, für Verständigung und Ausgleichung von Gegensätzen macht ihn für die Republik besonders geeignet. Diese Eigenschaften haben uns vor der Anarchie verzweifelter zurückströmender Armeen bewahrt, vor Aufständen hungernder Volksmassen, vor blutigen Gewalttaten der Revolution, wie vor Handstreichen der Reaktion. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Interessengruppen, Parteien und Bestrebungen könnte in der Geschichte, wenn die Geschichte Luft hätte, auch schöne Dinge aufzuschreiben, als ein Beispiel aufgezeichnet werden, wie sich ein Volk durch seinen Charakter aus der äußersten Notlage hilft.

Die Eignung zum Republikaner ist die erste Voraussetzung für die wahre Republik. Da ihr sie besitzt, wird es euch leicht sein, alles zu lernen, was zu einem rechten Republikaner gehört, und es dann auch mit aller Liebe zu eurem schönen Vaterland zu tun. Wenn wir alle fest wollen, fleißig arbeiten, nicht nach links und nicht nach rechts sehen, sondern geradeaus, nicht groß tun und nicht verzweifeln, dann kann unsere Republik ein wohnliches Heim für alle werden. Dann wird sie mit Recht Republik heißen.

Legt euren Willen zur Republik als Geburtstagsgeschenk zu ihren Füßen.

In: Neue Freie Presse, 12. November 1925, S. 14

N.N. (= Friedrich Austerlitz): Der Tag der Republik.

Sechshundertfünfzig Jahre lang hat das fluchbeladene Geschlecht der Habsburger Österreich beherrscht. Die Habsburger – das waren jene Ferdinande, die mit Schwert und Spieß, mit Rad und Galgen das lutherische deutsche Volk so gründlich katholisch gemacht, daß nach Jahrhunderten noch „Ich werde dich katholisch machen!“ als Drohung galt, die Zehntausende evangelischer Bürger um ihres Glaubens willen aus dem Lande gejagt, alle ständische Freiheit, alle städtische Selbstverwaltung, alles bäuerliche Recht in Strömen von Blut erstickt, die das einst blühende Österreich zur Wüste gemacht haben, um nur über die Wüste wenigstens schrankenlos herrschen zu können. Die Habsburger – das waren jene Leopold und Karl, die deutsches Gut und Blut hingeopfert, deutsches Land den Franzosen preisgegeben haben, um nur in Spanien, Italien, der Niederlande ihren Familienbeitz vergrößern zu können. Die Habsburger – das war jener Franz, der Österreich zum Schirmherrn der Reaktion in ganz Europa gemacht, der, wo immer ein Volk um seine Freiheit kämpfte, ob in Frankreich oder in Italien, in Spanien oder in Polen, in Deutschland oder in Ungarn, die junge Freiheit durch österreichische Bajonette morden hieß. Die Habsburger – das war endlich jener Franz Josef, der, ein Jüngling noch, mit Blutgerichten, mit Kerker und Galgen zehn freiheitshungrige Völker niederwarf und, ein fast sterbender Greis schon, die Welt in Flammen setzte, als er das fluchwürdige Ultimatum an Serbien unterschrieb.

Sechshundertfünfzig Jahre haben die Habsburger geherrscht. Ein gefügiges Riesenheer von Hunderttausenden Bajonetten hielt ihnen die Völker nieder. Und furchtbarer als alle äußeren Machtmittel hielt jahrhundertealter Gewohnheit furchtbare Macht zehn Nationen ihnen im Gehorsam. Aber wenn dieses Gebäude der Herrschaft und der Unterdrückung den Franz und den Metternich ausgehalten hat, den D a m p f hielt es nicht aus. Die Eisenbahnen, die Fabriken, die Druckerpresse trugen allmählich neues Denken in jedes Dorf. Die Völker begannen an dem Staatsungetüm zu rütteln, das keiner seiner Nationen die Verkörperung ihres Daseins, jeder nur ein Gefängnis war. Prag und Budapest, Krakau und Lemberg, Trient und Triest, Agram und Sarajevo lehnten sich immer leidenschaftlicher auf. Habsburg zitterte vor dem Freiheitsdrang der Völker. Verzweiflung trieb es zur letzten teuflischen Tat. Um seinen durch den Freiheitsdrang eines geknechteten, zerstückelten Volkes bedrohten südslavischen Besitz zu retten, warf Habsburg die Brandfackel ins europäische Pulverfaß. Um Habsburg willen verbluteten Millionen auf zahllosen Schlachtfeldern. Um Habsburgs willen ward der mit dem Schweiß von Jahrhunderten aufgebaute Wohlstand der Völker zerstört. Aber vergebens suchte Habsburg noch einmal seine Herrschaft zu retten. Der Krieg ward verloren. Ehrlos, wie es gelebt, starb der Habsburger Geschlecht: es war „nibelungentreu“, der Spießgeselle des ruchlosen deutschen Imperialismus geblieben, solange er die Freiheit der Völker mit Füßen trat; aber als Deutschland den Wahnwitz, des deutschen Volkes Schicksal an Habsburgs Sache zu ketten, mit furchtbarer Niederlage büßte, als Deutschland selbst in Not geriet, machte der letzte Habsburger noch einmal das Dichterwort: „Dank vom Hause Österreich!“ wahr. Vergebens! Tschechen, Polen, Südslaven jagten Habsburgs Büttel davon und begründeten ihre eigenen Staaten. In Deutschland rollten zweiundzwanzig Kronen in den Sand. Da stand auch Deutschösterreich auf. Habsburgs Reich ist zu Ende. Am 12. November 1918 wurde Deutschösterreich Republik.

Es waren furchtbare Tage, in denen aus der Niederlage, in Not und Elend und furchtbarster Wehrlosigkeit die junge Republik Habsburgs entsetzliches Erbe antrat. Uns, die wir, den geschichtlichen Augenblick nützend, die Republik der Bourgeoisie aufgezwungen haben, doppelt schwere Tage. Am Tage vor der Verkündigung der Republik starb Viktor Adler. Der große Führer, der in den Achtzigerjahren die Arbeiterbewegung in unserem Lande recht eigentlich erst begründet, die kleinen, miteinander hadernden Arbeitergruppen in mühseliger Arbeit zusammengeführt, ans ihnen erst die Partei zusammengeschweißt hat, […]

Am 12. November ward nicht nur die Republik, ward zugleich auch Deutschösterreichs Heimkehr zum großen deutschen Mutterland verkündet. Der Kampf Habsburgs mit Hohenzollern um die Vorherrschaft in Deutschland hatte 1866 mit der Ausschließung Österreichs aus dem Deutschen Bunde geendet; nun, da Habsburg und Hohenzollern gefallen war, sollte die tausendjährige Gemeinschaft, die vor einem halben Jahrhundert zerrissen worden ist, wiederhergestellt werden. So verknüpfen sich am 12. November 1918 wieder die beiden Gedanken; die 1848 die Schergen Franz Josef Habsburgs im Blute der Wiener Oktoberkämpfe erstickt hatten: der Gedanke der deutschen Republik mit dem Gedanken der deutschen Einheit. Und wenn auch vorerst der Anschluß scheiterte am französischen Widerstand, der in heimischer schwarzgelber Verräterei ein willig Werkzeug fand, so hat doch die Erfahrung der zwei Jahre seither die unlösbare Verbindung der beiden Ideen des 12. November auch dem Blindesten offenbart. Denn auf sich selbst gestellt, bleibt Deutschösterreich in Not und Elend, die keine Staatskunst bannen kann; uns bleibt nur die Wahl: entweder die „Donauföderation“, die Wiedervereinigung mit Ungarn, Tschechen, Südslaven, die unser aller Unterwerfung unter Habsburgs Schwert voraussetzt, oder, wenn wir nicht wieder Habsburgs Knechte werden wollen, der Anschluß an Deutschland!

Der 12. November war das Werk der Arbeiterklasse. Die Furcht vor dem Proletariat allein hat den zitternden Lakaien Habsburgs die Republik, dem bebenden Schwarzgelben den Anschluß aufgezwungen. Aber so groß die Umwälzung des 12. November war: die Republik, vom Proletariat geschaffen, konnte noch nicht zur proletarischen Republik werden. Denn noch behauptet sich in ganz West- und Mitteleuropa der Kapitalismus gegen den Ansturm des Proletariats; mitten in dieser bürgerlichen Welt, von ihr abhängig, ihren Gesetzen untertan, mußte auch unsere Republik zur bürgerlichen Republik werden. So sitzt heute, zwei Jahre nach dem unvergeßlichen Tage, die Bourgeoisie auf dem Throne, von dem das Proletariat die Habsburger verjagt hat. Aber die Bourgeois-Republik ist hierzulande ein innerer Widerspruch. Denn unsere Bourgeoisie ist nicht republikanisch. In schwarzgelber Knechtschaft erzogen, davor zitternd, ihre Herrschaft über das Proletariat nicht mehr hinter Purpurmänteln und glänzenden Uniformen verbergen zu können, sehnt sie den Gebieter zurück, der ihre die Proletarier wieder unterwirft! Wie kühl, wie fremd, wie feindlich sie der Republik gegenübersteht, zeigt sie nie deutlicher als am gesetzlichen Staatsfeiertag der Republik; sie feiert keine republikanischen Feste, ihr ist der republikanische 12. November nicht minder fremd als der proletarische erste Mai. Der immanente Widerspruch der Bourgeois-Republik weist über sie hinaus: entweder zurück unter Habsburgs Joch oder vorwärts zur proletarischen, zur sozialistischen Republik!

In: Arbeiter-Zeitung, 12. November 1920, S.1.

Nationalrätin Therese Schlesinger: Die Frauen in der Republik

Wer seit Jahrzehnten Arbeiterinnenversammlungen zu besuchen pflegt, dem muß es auffallen, wie verschieden die heutigen Arbeiterfrauen von denen sind, die wir vor zwanzig und dreißig Jahren in den Versammlungen zusehen bekamen. Bleiche, abgeplagte und vergrämte Frauen gab es ehemals und gibt es heute vielleicht sogar in noch größerer Zahl. Nicht umsonst hat der Krieg Hundertrausenden die Männer und Söhne geraubt und ebenso vielen den Boden ihrer früheren Existenz entzogen. Trotz alledem aber bemerkt man jetzt kaum jemals mehr, an den Frauen das furchtsame und demütige Gehaben, den dumpfen und stumpfen Gesichtsausdruck und den fast erloschenen, hoffnungslosen Blick, die ehemals für die Arbeiterfrauen so charakteristisch waren.

Das Frauengeschlecht von heute ist ein anderes geworden, ein mutigeres, selbstbewußteres und zuversichtlicheres. Dazu hat vieles beigetragen, das sich in den letzten Jahrzehnten ereignet hat. Die sozialdemokratische Aufklärungsarbeit ist bis in die entferntesten Gegenden gedrungen und hat das Denken und Fühlen der proletarischen Männer und Frauen mächtig beeinflußt. Wenn einerseits die Frau gelernt hat, ihre dreifache Belastung als Haushälterin, Mutter, und Arbeiterin nicht mehr als etwas von Gott Gewolltes und Unabänderliches demütig hinzunehmen, sondern als ein Unrecht zu begreifen, gegen das anzukämpfen heilige Pflicht ist, so hat anderseits auch der Arbeiter nach und nach begriffen, daß die Versklavung der Proletarierfrau ein Hemmnis für seine eigene Befreiung bedeutet und daß er gegen sein eigenes Klasseninteresse handelt, wenn er, statt sein Weib zu ermutigen und zu unterstützen, sie als seine Untergebene ansieht und zu der Knechtung, der sie im Betrieb unterworfen ist, auch noch die Knechtung im eigenen Heim hinzufügt.

Die furchtbaren Kriegsjahre, besonders furchtbar für die Frauen und Mütter, haben ohne Zweifel auch sehr viel dazu beigetragen, um die Proletarierinnen der Bevormundung durch ihre Männer und der Unselbstständigkeit den Unternehmern und den Behörden gegenüber zu entziehen. Hunderttausende von Mädchen, Frauen und Mütter mußten damals lernen, eigene Entschlüsse zu fassen und selbstständig zu handeln, mußten ihre eigenen Interessen und die ihrer Kinder wahrnehmen, ohne sich dabei durch Ratschläge oder Gebote ihrer Väter, Männer und Brüder leiten zu lassen. Und dabei hat es sich gezeigt, daß die Frauen nicht nur sehr wohl imstande sind, ihre eigenen Angelegenheiten zu ordnen, sondern daß sie auch im Wirtschaftsleben die Männer bis zu einem hohen Grade ersetzen, daß sie verantwortungsvolle Posten bekleiden und Aufgaben erfüllen können, zu deren Lösung man sie vorher niemals als befähigt angesehen hat – und wenn das Eindringen der Frauen in alle Berufe, in denen es während des Krieges an Männern gefehlt hat, für die Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten auch nicht gerade Segen bedeutete, sondern die Gesundheit vieler Frauen empfindlich schädigte, so haben doch die Erfahrungen jener harten Zeit mit dem Vorurteil von der Minderwertigkeit der Frauenleistungen wesentlich aufgeräumt.

Daß die Frauen imstande waren, auf wichtigen Arbeitsgebieten die Männer zu ersetzen und zugleich Hausfrauen- und Mutterpflichten zu erfüllen, die ihnen durch die Kriegsnot auch noch sehr erschwert waren, das mußte auch den verstocktesten Frauenverächter bekehren und was noch viel, viel wichtiger ist, es mußte auch die allerbescheidenste Frau endlich zu dem Bewußtsein bringen, daß sie es nicht nötig habe, fürderhin sich bevormunden und geringschätzen zu lassen.

Die lange Dauer und das schmähliche Ende des Krieges haben die Unvernunft der alten Herrschaftsordnung nur allzu klar erwiesen, einer Ordnung, in der die bürgerlichen Klassen und innerhalb dieser wieder nur die Männer ausschlaggebend waren. Darum verlieh der Umsturz den Proletariat und den Frauen einen gewaltigen Machtzuwachs. Diese beiden Faktoren hatten sich als Kriegsgegner bewährt und hatten als Kriegsopfer gelitten. Die Bedeutung, die sie dadurch errangen, kommt in der Verfassung unserer Republik zum Ausdruck und ganz besonders in dem uneingeschränkten Wahlrecht für beide Geschlechter und der Aufhebung aller Gesetze, durch welche die Frauen wirtschaftlich und rechtlich benachteiligt wurden.

[…]

Noch wissen freilich nicht alle arbeitenden Frauen von ihrer neu errungenen Machtstellung und von den ihnen zuerkannten Rechten, den richtigen Gebrauch zu machen, aber jede fühlt doch instinktiv, daß sie aufgehört hat, ein wesenloses Objekt der Ausbeutung und Knechtung zu sein. Mit diesem neu erwachten Selbstbewußtsein der Frauen müssen auch die bürgerlichen Parteien zählen, sie, die bis zum Umsturz die wütendsten Bekämpfer aller Frauenrechte waren. Das Frauenwahlrecht mußte dem Bürgertum von der Sozialdemokratie gewaltsam aufgezwungen werden, heute aber hoffen gerade die bürgerlichen Parteien mit Hilfe der Frauenstimmen im Wahlkampf zu siegen. Diese Rechnung der Arbeiterfeinde kann und darf nicht stimmen. Die große Masse der arbeitenden Frauen muß und wird sich am Wahltag erinnern, wem sie die Hebung ihrer rechtlichen und sozialen Stellung einzig zu verdanken hat.

In: Arbeiterinnen-Zeitung, 1923, Nr. 10, S. 2/3.