Albert Ehrenstein: Trost für Lyriker

             Im Anfang war der Bücherschrank. Mythologen möchten gern sein erstes Auftauchen im trauten Familienkreis verfolgen, in Kosmogonien wird er gewöhnlich als unverwüstlicher Bestandteil der Mitgift oder Ausstattung geführt. Ich aber halte ihn einfach für mitgeboren, Erbstück oder, noch besser, präexistent und bis an den Rand gefüllt mit ungelesenem Goethe-Schiller. Dieser, durch seine unvermeidliche Biographie nebst Inhaltsangabe, Gram der Gymnasiasten und höheren Töchter, Milchkuh aber den Monographen und Gedenktaglöhnern, ist der Klassiker. Daß seine Werke dem Volk wenig bekannt sind, ist unbekannt. Deutschen Lyrikern, an sich aufhängerischen Gemütes, sei dies durch Daten beglaubigt.

             Ein best seller oder Schmöker, genannt „Westöstlicher Diwan von Goethe, Stuttgart, in der Cottaischen Buchhandlung“, erschien erstmalig 1819. Von dieser im Druck (Walbaum-Antiqua) und gar in der Anordnung der Gedichte vorbildlichen Erstausgabe gab es 90 Jahre lang (bis 1906) Exemplare auf Lager bei Cotta. Die Liebhaber Goethescher Lyriker scheinen sich mit den obenerwähnten hereditären Gesamtausgaben bibliophil befriedigt zu haben. Goethe war eben unvorsichtig oder geizig genug gewesen, dem Volk der Dichter und Denker einen westöstlichen Diwan zu hinterlassen statt persischer Teppiche! Mag man dies Kamelhaar in der Nationalsuppe nicht beachten – wie innig das deutsche Volk den Romancier Goethe liebt, blickt aus der Tatsache, daß von dem 1911 zuerst erschienenen neuen Roman „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ bis heute nur 30.000 Exemplare verkauft wurden, darunter Tausende mehr als wohlfeil auf Bücherwagen.  Keinem Theaterroman oder Kulissenklatsch eines unserer lebenden Absatzkünstler wäre innerhalb 16 Jahre so geringer Erfolg beschieden. Was dem Urmeister recht ist, muß dem Gesellen billig sein; von einem der schönsten deutschen Romane, von Eichendorffs „Dichter und ihre Gesellen“ – seit dem ersten Erscheinen, seit 1833, unbekannt, vergessen, verschollen – existiert bis heute keine billige Einzelausgabe. Der deutsche Leser gehört nicht zu den Spießgesellen des deutschen Dichters. Der Klassiker ist ein unzerreißbarer Reißer, den man Kindern als Spielzeug oder Bildungsstrafe in die Hand gibt. Gelesen werden die gesammelten Werke nur vom Staubsauger. Dichter haben Geburtstage und Todestage. Vorher, dazwischen und nachher werden sie nicht gelesen. Sondern gefeiert.

In: Der Tag, 6.1.1929, S. 18-19.