Max Graf: Sanierung der Seelen

Abgesehen von seinen Wahl- oder Parteireden, oder den politischen Reden, die sich mit aktuellen Fragen beschäftigen, hält der ehrwürdige Seelsorger der österreichischen Republik, Bundeskanzler Dr. Seipel, in letzter Zeit immer häufiger Reden, die sich mit den allgemeinen Fragen des gesellschaftlichen Lebens beschäftigen. Diese Reden zeigen einen ernsten, nachdenklichen Mann von nicht alltäglicher Geistigkeit, dessen Blick nicht an den Vordergrunderscheinungen des Lebens haftet, mit denen Dr. Seipel von früh bis abends reichlich genug beschäftigt ist. Die Gedanken des Bundeskanzlers im schlichten Priesterrock gehen aufs Allgemeine, suchen Gesetze des Lebens, wollen die Richtung der Bewegung feststellen; es spricht der Moralist, der Gesellschaftskritiker, auch der Theolog, ein politischer und religiöser Denker, dem der schärfste politische Gegner die Reinheit der sittlichen Gesinnung nicht anzutasten wagen wird. Es bedeutet viel in Tagen, in welchen so viel gieriger Egoismus, so viel Gewinnsucht, so viel ungeistige Gewalttätigkeit entfesselt sind, in den wichtigsten Staaten Mitteleuropas Männer des Geistes die führenden Staatsmänner sind, mag ihr Denken frei und positivistisch sein, wie das des alten Masaryk und des Realisten Benesch, oder religiös gebunden, wie das Dr. Seipels. In Staatsmännern von solcher Art, denen Politik etwas anderes ist als Geschicklichkeit, sind geistige Kräfte, die sich auch im politischen Leben fördernd und belebend ausdrücken müssen. Noch immer sind Geist, Charakter, sittliche Gesinnung größere Kraftquellen, als die Kunst der politischen Gewalttätigkeit und Intrige, als ökonomische Macht und brutales Streben nach Vorteilen.

Die letzte Rede Dr. Seipels hat sich mit dem Luxus beschäftigt, der in Wien bei Festen sich zur Schau stelle. Es gefalle ihm – so meinte Dr. Seipel in seiner ernsten Rede – nicht, daß viele tausend Mitmenschen schwer um ihre Existenz ringen, und gleichzeitig ein Luxustreiben durch die Stadt gehe. Es gefalle ihm der Geist dieses vergnügungstollen Reichtums nicht, dem nichts am Staate liege und der andere verbittere. „Ich habe nicht den Ehrgeiz, als Staatsmann geschildert zu werden, der nur die Finanzen sanieren geholfen hat, sondern mit kommm[t] vor, daß wir auch die Seelen sanieren wollen meinte Dr. Seipel mit einer jener trefflichen Antithesen, die zur dialektischen Ausrüstung des Kanzelredners gehören, und es ist begreiflich, daß der Richter Dr. Seipel kein höheres, kein edleres Ziel kennt, als die Sanierung der Seelen. Die Sanierung der Finanzen, so wichtig und lebensnotwendig sie für den Staat ist, was kann sie dem Mann der Religion bedeuten, neben der viel wichtigeren der Sanierung der Seelen, die sein eigentlicher Beruf ist, um dessentwillen er den schwarzen Priesterrock angezogen hat, das Kleid der Streiter Christi, das Kleid der Seelenführer und Seelenretter? Ohne die Sanierung der Seelen muß dem Priester Dr. Seipel sein eigenes Werk unvollständig sein, denn der Mensch lebet nach den Worten der Heiligen Schrift nicht vom Brot allein.

Dr. Seipel denkt über die Zustände des modernen Staates und der modernen Gesellschaft kaum anders als der heilige Augustinus über den verderbten Römerstaat gedacht hat. In herrlich aktuellen Worten hat der heilige Augustinus im 2. Buch seines „Gottesstaates“ das Bild eines verkommenen Staates und einer verkommenen Gesellschaft entworfen: „Die Anbeter der heidnischen Götter kümmern sich nicht darum, daß die Republik durch alle Arten von Lastern befleckt ist. Wenn sie nur sich erhält – sagen sie – wenn sie nur blüht, siegreich und triumphierend ist, und vor allem, wenn sie vollkommenen Frieden genießt; was kümmert uns das übrige? Uns kümmert es nicht, daß jeder täglich seine Reichtümer vermehrt, um alle seine verschwenderischen Gelüste zu befriedigen und die wirtschaftlich Schwachen zu unterwerfen. Uns kümmert es nicht, daß die Armen die Schleppträger der Reichen werden, damit sie ihren Lebensunterhalt finden und im Schatten// der Protektion ein ruhig-müßgiggängerisches Leben genießen und daß die Reichen die Armen mißbrauchen, um sie zu Dienern ihres Luxus und ihrer Eitelkeit zu machen… Uns kümmert es nicht, daß man große und stolze Häuser baut, daß man überall und wo man Lust hat praßt, ohne gehindert zu werden, und die Nächte mit Spiel, Trinkgelagen und allen Arten Ausschweifung verbringt; daß man an allen Winkeln tanzt; daß die Theater von dem Geschrei jener widerhallen, die unzüchtigen oder blutigen Schauspielen applaudieren, und jener als Volksfeind betrachtet wird, der jene Vergnügungen mißbilligt; wenn nur weder Krieg noch Pest, noch ein anderes Unglück einen so glücklich sanierten Staat stören.“ Die Sanierung der Seelen war für den heiligen Augustinus die Errichtung des Gottesstaates, das siebente Zeitalter des Menschen, in dem er das göttliche Königreich besitzt, die ewige Glückseligkeit, das Leben nach dem Geist, der vollkommene Christenmensch. Man darf annehmen, daß auch dem Prälaten Dr. Seipel nach der Sanierung des Staates, die sein historisches Verdienst sein wird (wenn sie endgültig abgeschlossen sein wird) die Sanierung der Seelen, die der heilige Augustinus mit den Feuerworten seines afrikanischen Lateins gepredigt hat: die Sanierung durch den Glauben, als wichtigste Aufgabe erscheinen wird. Die Aufnahme der österreichischen Republik in die civitas die wird eine noch schwerere Aufgabe sein, als die Aufnahme Österreichs in den Völkerbund, und ernst und streng mahnt der Mann der Kirche, in dem die österreichische Republik ihren erfolgreichsten und geistig bedeutendsten Staatsmann gefunden hat, sich auf die Sanierung der Seelen vorzubereiten.

Mit sittlichem Ernst mahnt der österreichische Bundeskanzler immer wieder den Reichtum an seine sozialen Pflichten. Er steht mit diesen Mahnungen innerhalb der Traditionen der Kirche, welche in der Zeit, wo der Glaube am glühendsten, die Seelen noch frisch, der Fanatismus der Bekehrung ungeheuer war, im Reichtum Sünde gesehen hat. Kein Anarchist konnte heftigere Brandreden gegen den Reichtum halten, als der heilige Ambrosius. „Was sollen, oh Reiche, eure sinnlosen Begierden?“ – predigt der große Bischof von Mailand – „Glaubt ihr, daß ihr allein auf der Erde wohnt? Weshalb stößt ihr jene zurück, die die Natur als euresgleichen geschaffen hat, und beansprucht für euch allein den Besitz aller Sachen? Die Erde ist geschaffen zum gemeinsamen Gut der Reichen und Armen. Weshalb maßt ihr euch allein, o Reiche, das ausschließliche Recht an ihr an? Die Natur kennt keine Reichen, sie bringt uns alle arm auf die Welt, denn wir werden ohne Kleider geboren und wir sind nicht mit Gold und Silber behangen…Reiche! Ihr raubt alles den Armen, ihr entreißt ihnen alles und läßt ihnen nichts. Die Armen sind hungrig, wenn sie nichts haben. Ihr seid hungrig, wenn ihr euch mit Schätzen vollstopft… Ihr entreißt das Gold aus den Eingeweiden der Erde, aber nur um es von neuem zu verbergen, und wie viel Leben vergräbt ihr in das Gold!“

Niemals hat ein Proudhon den Reichtum mehr verdammt, als der heilige Ambrosius in seinem „Buch vom Naboth“[1]. Freilich: in der späteren Zeit hat die Kirche sich mit den Mächtigen der Erde zu verbünden gewußt und ist zeitweise der sicherste Schutz einer Gesellschaftsordnung gewesen, die dem Reichtum alle Macht und alle Vorrechte gegeben hat. Das Evangelium der Nächstenliebe hat nicht den Weltkrieg zu verhindern gemocht […], als für das große Morden in den Kirchen gebetet wurde. Und wo wird heute das „Liebet eure Feinde“ beachtet, wo doch von jeder Kanzel das Evangelium gepredigt wird. In der ungeheuren Weltumwälzung, die wir miterlebt haben, hat sich die Kirche ebenso schwach gezeigt, wie der Sozialismus, wie jede altruistische Gesinnung, die dem Masseneinbruch gewalttätiger, egoistischer Instinkte nicht widerstehen konnte.

In dieser Barbarei, in diesem allgemeinen Zusammenbruch der Kultur, des europäischen Gewissens, spricht Dr. Seipel das Wort aus von der „Sanierung der Seelen“. Ein schönes, ernstes und geistreiches Wort. Aber mit dem schönsten Predigtworten ist der aus den Fugen geratenen Welt nicht zu helfen. Die sittliche Verwüstung der Gesellschaft, die ja nicht auf Österreich beschränkt, sondern international ist, ist nur ein Zeichen einer fehlerhaften gesellschaftlichen Organisation. Die Gegensätze zwischen Reichtum und Armut sind in allen Ländern Europas, wo inmitten der Kriegsverwüstungen Vermögen zusammengerafft wurden und aus der Zerstörung des Besitzes neuer Reichtum an die Oberfläche kam, viel größer geworden, als sie vor dem Krieg waren, die soziale Bodenunruhe ist gewachsen, und welcher Einsichtiger würde nicht verstehen, daß die Welt in ein Zeitalter sozialer Erschütterungen, Umformungen, Kämpfe eingetreten ist – der Weltkrieg war nur eine blutige Episode dieser Weltkrise –, das noch lange nicht beendet ist. Die Gegensätze in der europäischen Gesellschaft sind viel zu groß, als daß sie mit Worten überbrückt werden könnten, deren Ohnmacht sich im Weltkrieg gezeigt hat. Wenn einmal der Neubau der modernen Gesellschaft vollzogen sein wird, wenn der Gegensatz von Reichtum und Armut durch die gesellschaftliche Ordnung gemildert, die Arbeit alle Mitglieder der Gesellschaft vereinen wird, werden auch die Herzen offen stehen für das Evangelium der Liebe und Menschlichkeit: Die „Sanierung der Seelen“ ist ein schöner Gedanke. Aber ein wohnliches Heim für diese Seelen muß vorerst geschaffen werden, während jetzt die Seelen der Reichen vor Furcht, die Seelen der Armen vor Erbitterung zittern. Denn auch die Verschwendung der Reichen, über die Dr. Seipel klagt, was wäre sie anderes als Furcht, ein Vermögen zu verlieren, dessen Besitz in einer Zeit allgemeiner Verarmung über Nacht entstanden ist, und die Gier, es zu genießen?

In: Der Tag, 20.1.1924, S. 1-2.


[1] De Nabuthe Iezraelita (Über den Israeliten Nabuth; Homilie gegen die Habgier, 389)