Hans Natonek: Der Deutsche Mensch

Versuch einer psychoanalytischen Geschichtsbetrachtung1

Das Charakterbild des deutschen Menschen schwankt in der Geschichte und ist umstritten wie kein zweites. Das Gesicht des Engländers, des Franzosen, des Russen steht umstritten da, mag daher auch die Massenpsychologie mitunter gar zu schematisch verfahren. An dem Deutschen hat aber bis jetzt jeder verallgemeinernde massenpsychologische Versuch versagt. Geschichtsschicksal und Tradition haben den Charakter anderer Völker geprägt, das geschichtliche Schicksal des Deutschen aber ist zerrissen, widerspruchsvoll und noch ganz im Flusse; Tradition fehlt ihm völlig. Daraus erklärt sich, daß der seelische Habitus des Deutschen so schwer zu fassen ist. Jung wie sein Nationalbewußtsein ist auch der Charakter des Deutschen; er ist dem Gesichtsausdruck eines Halbwüchsigen zu vergleichen, dessen Züge in jähem Wechsel der Widersprüche, in den flatternden Reflexen unterirdischer Regungen den Völkerpsychologen vor neue Aufgaben stellen.

Den Versuch, einen bestimmten Geschichtsabschnitt lediglich vom Menschen und von dessen seelischen Kern her zu beleuchten, unternimmt eine kleine Schrift „Ueber die Nervosität im deutschen Charakter“ von Observator (Der Neue-Geist-Verlag, Dr. Peter Reinhold, Leipzig). Dieser „Entwurf zu einer Analyse der deutschen Volksseele von der Reichsgründung bis zum Zusammenbruch“ ist nur eine Anregung, ein Anfang, aber ein vielversprechender, an dem möglicherweise eine psychoanalytische Geschichtsbetrachtung anknüpfen könnte. Observator analysiert den deutschen Menschen und findet auf dem Grunde seiner Seele eine seltsame, heimliche Krankheitserscheinung, einen Reizzustand, eine Psychose, die er „Minderwertigkeitsgefühl“ nennt. Das ist zunächst überraschend, klärt sich aber sofort, wenn man weiß, daß unter Minderwertigkeitsgefühl nicht eine tatsächliche, sondern nur eine eingebildete Minderwertigkeit zu verstehen ist. Wie aber, wird man einwenden, der Deutsche, zumindest aber der von 1871 bis 1918, tritt uns doch als ein sehr selbstbewußter, fast anmaßender Typus entgegen, im Glanz seines Sieges, geschwellt vom Gefühl eines unerhört raschen Aufstiegs, in überbetonter Kraft und Männlichkeit! Gerade diese Ueberbetonung ist es, die dem Psychoanalytiker verrät, daß im Innern etwas unstimmig ist. All der Pomp und Kult, mit dem der Deutsche seinen jungen Kaiser umwölkte, und alle diese zahlreichen Symptome, die Observator aus dem politischen und kulturellen Leben zusammenträgt, sie sind nicht anders zu deuten als der Protest gegen das heimliche, bohrende ‚Minderwertigkeitsgefühl‘. Aber durch die Ueberkompensation – man weiß es aus der Psychoanalyse – wird ein Uebel nicht beseitigt, sondern im Gegenteil nur bestärkt.

Die Wurzel der Minderwertigkeitspsychose erblickt der Verfasser im allzujähen Aufstieg des Bürgertums nach den Siegen von 1866 und 1871. Mit der materiellen Verbesserung setzte ein gesellschaftlicher Ehrgeiz ein, der nur den einen Wunsch hatte,  sich so rasch wie möglich aus der bisherigen sozialen Schicht zu lösen, um in der nächsthöheren aufgenommen zu werden. […] Von unten drängte der Ehrgeiz der Emporgekommenen, von oben wehrte die strenge Reserve des Blutadels ab. Je heftiger das innere Manko anpochte, desto lauter übertönte man es mit der prunkhaften Nachahmung der Lebensführung übergeordneter Stände. Je mehr das natürliche Selbstbewußtsein schrumpfte, umso mehr trumpfte man mit Pseudoworten auf. Der inneren Gewissenswacht entging es nicht, wie unsicher und würdelos ein solches Leben war, das nur Zielstrebigkeit kannte, aber keine wahren Ziele. Man stieg auf teppichbelegten Marmorstufen empor, aber ach, man hatte Herzklopfen dabei und ein schlechtes Gewissen; denn kein gesellschaftlichter Triumph ersetzt das wunderbare, ruhevolle Gefühl der Sicherheit und des Sichselbstgenügens. So eiterte das Minderwertigkeitsgefühl weiter fort, umso bösartiger, als es der heilenden Strahlung des Bewußtseins entzogen blieb und durch Anmaßung übertüncht wurde.

[…]

Eine Abzweigung des Minderwertigkeitsgefühls ist die Durchschnittssucht; das erkrankte oder krankhaft gereizte Selbstbewußtsein hütet sich ängstlich, durch überragende Begabung noch weiter erschüttert zu werden. (Daß die Begabungen es bei uns auf vielen Gebieten so schwer haben, sich durchzusetzen, mag zu denken geben.) Die große Rolle, die die Uniform in Deutschland spielt, gehört zum gleichen Problemkomplex. Die Uniform wirkt gleichmacherisch und hebt ihren Träger gleichzeitig doch zu der so sehnsüchtig erstrebten ›Vollwertigkeit‹ empor. Von hier ergibt sich manch neuer Einblick in das Wesen des Militarismus.

Bis in den Zusammenbruch hinein verfolgt der Verfasser mehr oder weniger überzeugend diese Erkrankung der deutschen Seele. Mit dem Gefühl der Vollwertigkeit, die sich stets der Grenzen ihrer Kraft bewußt ist, wäre man früher und mit besseren Bedingungen zu einem Abschluß des Kampfes gekommen. Man führte ihn aber unter krampfhafter Ueberspannung bis zum unseligen Ende. Dann erst, in der Katastrophe, überließ man sich hemmungslos der Niedergeschlagenheit, in die das überspannte Selbstgefühl umschlug. Doch es dauerte gar nicht lange, und in der Dolchstoßlegende bäumte sich das Minderwertigkeitsgefühl wieder auf, um sich so selbst wegzufälschen.

Das rechte Maß seines Selbstbewußtseins und die Sicherheit in sich selbst zu finden, ist die große Aufgabe des deutschen Menschen. Nicht Schwäche ist es, die Grenzen seiner Kraft zu kennen, Schwäche war es, diese Grenzen beständig zu übersehen. Jeder Mensch, er mag bedeutend sein oder nicht, stellt seinen Vollwert dar, sofern er nur, in sich selbst gefestigt, nicht mehr scheinen will als er ist. Diese Sicherheit seines Menschenwertes, um den er sich nicht zu bangen braucht, da keine Macht der Welt ihm diesen Besitz nehmen kann, muß der an Minderwertigkeitspsychose erkrankten Seele wiedergegeben werden. Sie Sichtbarmachung dieses verborgenen Uebels, die Observator vorzunehmen versucht, ist gleichzeitig der Weg zur Gesundung.

In: Neues Wiener Journal, 17.2. 1923, S. 6.

  1. Nicht zu verwechseln mit der Schrift von Richard Müller-Freienfels: Die Psychologie des deutschen Menschen. München 1922, die Wilhelm Bauer im NWTbl. am 3.2.1923 besprach.