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Neon  [= Robert Ehrenzweig]: Agitationstheater

             Dem Bürgertum stehen in seinem Kampf um die geistige Beherrschung der Massen zwei wichtige Bundesgenossen zur Seite: die reaktionäre Kunst und der reaktionäre Kitsch. Es sind gefährliche Feinde des sich befreienden Proletariats: die Kunst, weil sie über jede Kritik erhaben zu sein scheint, der Kitsch, weil er unter jeder Kritik ist. Die Kunst, weil man die Bindung an die bürgerliche Klasse nicht erkannt, deren Ausdruck sie ist, der Kitsch erkennt, die durch ihn vollzogen wird. Reaktionäre Kunst und Kitsch des Bürgertums beeinflussen das Gefühlsleben der Massen und ihre geistige Stellungnahme. Sie nehmen Besitz von ihren Nerven, betäuben ihr Denken, verfälschen ihre Instinkte, wirken auf Lachmuskeln und Tränendrüsen – im Dienste der Bourgeoisie. Es sind hinterhältige Feinde: sie verstehen es, sich in proletarische Veranstaltungen einzuschleichen, machen sich als verlogene, reaktionäre Filme breit, als Revuen und Operette, die den Militarismus, die k. k. „gute alte Zeit“ und überhaupt die ganze bürgerliche Gesellschaftsordnung verherrlichen.

             Das erste Gebot bei der Veranstaltung proletarischer Feier ist: nur politisch einwandfreie Werke dürfen geboten werden. Es darf nicht zugelassen werden, daß der Proletariat, der den schweren Kampf gegen die wirtschaftliche und politische Ausbeutung führt, in seinem Vergnügen der geistigen Ausbeutung durch das Bürgertum bedenkenlos ausgeliefert wird. Es gibt eine nicht unbedeutende Anzahl bürgerlicher Kunstwerke, die revolutionären, zumindest politisch neutralen Inhaltes und dem Empfindungsleben des Proletariers nahe sind. Diese gehören in das Programm proletarischer Veranstaltungen – wohlgemerkt, nur dann, wenn sie nicht zu schwierig sind. Sind sie jedoch nicht allgemein verständlich, so muß sogar vor ihrer Aufnahme gewarnt werden; nicht erfaßt, würden sie das proletarische Publikum nur langweilen und abschrecken und erst recht zu reaktionären Kitsch drängen.

             Die Zahl sozialistischer Kunstwerke ist leider noch gering und ein nicht unbeträchtlicher Teil derselben ist der Gefühlswelt des Proletariats fremd. Wie soll nun das Programm proletarischer Veranstaltungen bestritten werden, wenn die geeigneten Werke bürgerlicher und sozialistischer Künstler nicht ausreichen?

             Das Agitationstheater ist ein Versuch, dieses Problem wenigstens teilweise zu lösen. Welche unerschöpfliche Möglichkeiten gibt es, die Bühne unserem großen Kampf einzuordnen: Wirrwarr und Folgerichtigkeit der Wirklichkeit im Rampenlicht vorüberziehen zu lassen, Kontraste des Lebens mit photographischer Treue wiederzugeben, zu übersteigern, zu karikieren, alle die Erbärmlichkeiten und Niederträchtigkeiten der Gesellschaft, in die hineingeborenen zu sein wir die Ehre haben, in dem Gelächter der Satire auflösen! Welche Aufgabe, den Mut und den Kampfeswillen der Genossen zu stärken, die Schwankenden mitzureißen, die Uninteressierten zu gewinnen! Was geht denn den Proletarier die Erbschaft an, die dem schönen Leutnant Harry allabendlich nach dem Tode seines Olmützer Onkels die Hand der blonden Mia und damit der Revue das erwartete glückliche Ende bringt? Das Denken, die Probleme des Arbeiters gehören in das Theater, das der Arbeiter besucht! Es ist menschlich verständlich, daß  der Proletarier sich nach der bunten Fabelwelt der bürgerlichen Revue sehnt, in der die drückende Last des Alltags sich löst im leichten Dahinschweben schöner Frauen, im Feuerwerk der Erotik, in der die Träume Seifenblasen sind, die schimmern und nicht zerplatzen, in der allen Wünschen goldene Erfüllung winkt, in der die nackten Beine der Girls die Tretmühle des Lebens vergessen machen und das häßliche Gestern und das häßliche Morgen versinken – weil sich am Schlusse alles glücklich findet. Es ist eine Welt der rosigen Klassenharmonie, der gutmütigen Menschen, über den Kulissen schwebt Versöhnung und im Wortschatz der Revue kommt das Wort „Ausbeutung“ nicht vor. Und das ist die Gefahr der bürgerlichen Revue und Operette (denn sie sollen hier keiner ästhetischen, sondern einer politischen Kritik unterzogen werden): sie täuscht über Klassengegensätze hinweg, schläfert das Klassenbewußtsein ein und wird so, bewußt oder unbewußt, Machtinstrument des Bürgertums, Mittel zur Festigung der bürgerlichen Ideologie.

             Das Leben des Proletariers, die Ideenwelt des Sozialismus – reich genug sind sie an Problemen, Tragödien und Freuden, an Sehnsüchten und Enttäuschungen und starkem Willen, daß daraus dramatischer Stoff in Überfluß geschöpft werden kann. So kann die Bühne dem Proletariat erobert werden, kann Waffe in der Hand des Arbeiters sein, mit Pathos und Satire ihre Macht auf die Geister ausüben. Das Agitationstheater ist nicht gezwungen, Illusionen aus dem Nichts zu zaubern, es wirkt durch die Unmittelbarkeit des Bühnengeschehens, durch die Stoffnähe und die Einheit der Gesinnung, die Spieler und Publikum verbinden, aufpeitschen, bis zur Ekstase erregen, daß die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum schwinden, daß Spiel und Wirklichkeit eines werden und die Seelen zusammenschlagen in den Flammen des Erlebnisses. So rissen die großen Spiele der französischen Revolution die Massen mit, so entflammte das revolutionäre Theater Meyerholds das russische Proletariat, so wirken die „Politischen Kabaretts“ und politischen Wanderbühnen in Rußland, Deutschland, Österreich. Da muß nicht viel gedichtet werden; die Weltgeschichte selbst ist Autor, eine Zeitung wird im Handumdrehen zum Politischen Kabarett, das Tagesereignis zur Stehgreifszene und Dilettanten reißen das Publikum zu unerhörtem Gelächter und zu tobender Begeisterung mit. Und wie das Agitationstheater seinen Stoff der Weltgeschichte entnimmt, so greift es selbst in die Weltgeschichte ein: in kleinem gestaltend, ist es ein Teil der größten Geistesbewegung, Dienerin der größten Idee der Menschheit, des Sozialismus.

             Ob das „Kunst“ ist? Das Agitationstheater will nicht ästhetisch gewertet werden. Es will nicht Kunst sein! Es will Leben sein, Teil des Lebens des Proletariats, Waffe in seinem Befreiungskampf.

In: Sozialistische Veranstaltungsgruppe (Hg.): Das Politische Kabarett, Wien 1929, S. 2-4.

Hans Natonek: Der Deutsche Mensch

Versuch einer psychoanalytischen Geschichtsbetrachtung1

Das Charakterbild des deutschen Menschen schwankt in der Geschichte und ist umstritten wie kein zweites. Das Gesicht des Engländers, des Franzosen, des Russen steht umstritten da, mag daher auch die Massenpsychologie mitunter gar zu schematisch verfahren. An dem Deutschen hat aber bis jetzt jeder verallgemeinernde massenpsychologische Versuch versagt. Geschichtsschicksal und Tradition haben den Charakter anderer Völker geprägt, das geschichtliche Schicksal des Deutschen aber ist zerrissen, widerspruchsvoll und noch ganz im Flusse; Tradition fehlt ihm völlig. Daraus erklärt sich, daß der seelische Habitus des Deutschen so schwer zu fassen ist. Jung wie sein Nationalbewußtsein ist auch der Charakter des Deutschen; er ist dem Gesichtsausdruck eines Halbwüchsigen zu vergleichen, dessen Züge in jähem Wechsel der Widersprüche, in den flatternden Reflexen unterirdischer Regungen den Völkerpsychologen vor neue Aufgaben stellen.

Den Versuch, einen bestimmten Geschichtsabschnitt lediglich vom Menschen und von dessen seelischen Kern her zu beleuchten, unternimmt eine kleine Schrift „Ueber die Nervosität im deutschen Charakter“ von Observator (Der Neue-Geist-Verlag, Dr. Peter Reinhold, Leipzig). Dieser „Entwurf zu einer Analyse der deutschen Volksseele von der Reichsgründung bis zum Zusammenbruch“ ist nur eine Anregung, ein Anfang, aber ein vielversprechender, an dem möglicherweise eine psychoanalytische Geschichtsbetrachtung anknüpfen könnte. Observator analysiert den deutschen Menschen und findet auf dem Grunde seiner Seele eine seltsame, heimliche Krankheitserscheinung, einen Reizzustand, eine Psychose, die er „Minderwertigkeitsgefühl“ nennt. Das ist zunächst überraschend, klärt sich aber sofort, wenn man weiß, daß unter Minderwertigkeitsgefühl nicht eine tatsächliche, sondern nur eine eingebildete Minderwertigkeit zu verstehen ist. Wie aber, wird man einwenden, der Deutsche, zumindest aber der von 1871 bis 1918, tritt uns doch als ein sehr selbstbewußter, fast anmaßender Typus entgegen, im Glanz seines Sieges, geschwellt vom Gefühl eines unerhört raschen Aufstiegs, in überbetonter Kraft und Männlichkeit! Gerade diese Ueberbetonung ist es, die dem Psychoanalytiker verrät, daß im Innern etwas unstimmig ist. All der Pomp und Kult, mit dem der Deutsche seinen jungen Kaiser umwölkte, und alle diese zahlreichen Symptome, die Observator aus dem politischen und kulturellen Leben zusammenträgt, sie sind nicht anders zu deuten als der Protest gegen das heimliche, bohrende ‚Minderwertigkeitsgefühl‘. Aber durch die Ueberkompensation – man weiß es aus der Psychoanalyse – wird ein Uebel nicht beseitigt, sondern im Gegenteil nur bestärkt.

Die Wurzel der Minderwertigkeitspsychose erblickt der Verfasser im allzujähen Aufstieg des Bürgertums nach den Siegen von 1866 und 1871. Mit der materiellen Verbesserung setzte ein gesellschaftlicher Ehrgeiz ein, der nur den einen Wunsch hatte,  sich so rasch wie möglich aus der bisherigen sozialen Schicht zu lösen, um in der nächsthöheren aufgenommen zu werden. […] Von unten drängte der Ehrgeiz der Emporgekommenen, von oben wehrte die strenge Reserve des Blutadels ab. Je heftiger das innere Manko anpochte, desto lauter übertönte man es mit der prunkhaften Nachahmung der Lebensführung übergeordneter Stände. Je mehr das natürliche Selbstbewußtsein schrumpfte, umso mehr trumpfte man mit Pseudoworten auf. Der inneren Gewissenswacht entging es nicht, wie unsicher und würdelos ein solches Leben war, das nur Zielstrebigkeit kannte, aber keine wahren Ziele. Man stieg auf teppichbelegten Marmorstufen empor, aber ach, man hatte Herzklopfen dabei und ein schlechtes Gewissen; denn kein gesellschaftlichter Triumph ersetzt das wunderbare, ruhevolle Gefühl der Sicherheit und des Sichselbstgenügens. So eiterte das Minderwertigkeitsgefühl weiter fort, umso bösartiger, als es der heilenden Strahlung des Bewußtseins entzogen blieb und durch Anmaßung übertüncht wurde.

[…]

Eine Abzweigung des Minderwertigkeitsgefühls ist die Durchschnittssucht; das erkrankte oder krankhaft gereizte Selbstbewußtsein hütet sich ängstlich, durch überragende Begabung noch weiter erschüttert zu werden. (Daß die Begabungen es bei uns auf vielen Gebieten so schwer haben, sich durchzusetzen, mag zu denken geben.) Die große Rolle, die die Uniform in Deutschland spielt, gehört zum gleichen Problemkomplex. Die Uniform wirkt gleichmacherisch und hebt ihren Träger gleichzeitig doch zu der so sehnsüchtig erstrebten ›Vollwertigkeit‹ empor. Von hier ergibt sich manch neuer Einblick in das Wesen des Militarismus.

Bis in den Zusammenbruch hinein verfolgt der Verfasser mehr oder weniger überzeugend diese Erkrankung der deutschen Seele. Mit dem Gefühl der Vollwertigkeit, die sich stets der Grenzen ihrer Kraft bewußt ist, wäre man früher und mit besseren Bedingungen zu einem Abschluß des Kampfes gekommen. Man führte ihn aber unter krampfhafter Ueberspannung bis zum unseligen Ende. Dann erst, in der Katastrophe, überließ man sich hemmungslos der Niedergeschlagenheit, in die das überspannte Selbstgefühl umschlug. Doch es dauerte gar nicht lange, und in der Dolchstoßlegende bäumte sich das Minderwertigkeitsgefühl wieder auf, um sich so selbst wegzufälschen.

Das rechte Maß seines Selbstbewußtseins und die Sicherheit in sich selbst zu finden, ist die große Aufgabe des deutschen Menschen. Nicht Schwäche ist es, die Grenzen seiner Kraft zu kennen, Schwäche war es, diese Grenzen beständig zu übersehen. Jeder Mensch, er mag bedeutend sein oder nicht, stellt seinen Vollwert dar, sofern er nur, in sich selbst gefestigt, nicht mehr scheinen will als er ist. Diese Sicherheit seines Menschenwertes, um den er sich nicht zu bangen braucht, da keine Macht der Welt ihm diesen Besitz nehmen kann, muß der an Minderwertigkeitspsychose erkrankten Seele wiedergegeben werden. Sie Sichtbarmachung dieses verborgenen Uebels, die Observator vorzunehmen versucht, ist gleichzeitig der Weg zur Gesundung.

In: Neues Wiener Journal, 17.2. 1923, S. 6.

  1. Nicht zu verwechseln mit der Schrift von Richard Müller-Freienfels: Die Psychologie des deutschen Menschen. München 1922, die Wilhelm Bauer im NWTbl. am 3.2.1923 besprach.