Franz Eichert: Die religiöse und vaterländische Mission unserer Künstler
Franz Eichert: Die religiöse und vaterländische Mission unserer Künstler (1924)
Die l’art pour l’art-Theorie, die der vollständigen Erziehungs- und Tendenzlosigkeit aller Künste das Wort redete, ist heute in den Hintergrund gedrängt, hauptsächlich durch den – nun auch schon absterbenden – Expressionismus, der reiner Ausdruck des Geistes sein oder doch das Sinnliche in einer geistigen Auffassung, gebrochen durch das Prisma seelischer Gestaltungskraft darstellen will. Aber die Kunst der Zeit bleibt im Vergleiche mit den großen Kunstepochen der Vergangenheit, wenigstens ihrem Durchschnitte nach, arm und beschränkt, weil den meisten Künstlern der Gegenwart, auch wenn sie einen rein geistigen Ausdruck für ihren Kunstwillen suchen, die großen, ewigen Gedanken und Ideen in Verlust geraten sind, wenn ein wirklich großes Kunstwerk zustande kommen soll.
Die erste und notwendigste Aufgabe der katholischen Künstler der Gegenwart besteht darin, daß sie sich des Besitzes dieser ewigen Ideale bewußt werden, sich dieses Besitzes freuen und in der Ausübung ihrer Kunst davon Gebrauch machen. Sie müssen sich von der Überzeugung durchdringen lassen, daß, obwohl die künstlerische Form und Darstellung eine unerläßliche Bedingung ist, ohne die ein Kunstwerk überhaupt nicht zustande kommt, doch die Idee, der Stoff, der Inhalt das Primäre, die Form das Sekundäre jeder Kunstausübung ist. Es ist darum nicht einzusehen, mit welchem Rechte man dem katholischen Künstler, der die höchsten Ideale, die wir kennen, zu gestalten versucht, gewisse Unzulänglichkeiten in der Form viel höher angerechnet werden, als dem nichtkatholischen Künstler das Fehlen jedes über die Welt der Sinne hinausragenden Inhalts. Noch ernster und verantwortungsloser wird aber der Fehlgriff der Kritik, wenn sie Werken katholischer Künstler wegen Formmängeln jeden Kunstwerk abspricht, gleichzeitig aber den heute leider so zahlreichen Werken, die unsittliche oder antireligiöse Stoffe mit allem Zauber erlesenster Formen zu vergolden suchen, nur wegen dieses Formzaubers hohes Lob spendet.
Die zweite Aufgabe des katholischen Künstlers unserer Tage besteht also meines Erachtens darin, sich aus der so zerfahrenen und widerspruchsvollen Kritik und der von ihr gemachten öffentlichen Meinung nicht auf solche Wege führen zu lassen, sondern der inneren Stimme zu folgen, die ihn antreibt, vor allem das Tiefste und Innerlichste seiner Persönlichkeit, sein Verhältnis zu Gott und den ewigen Dingen, in Werken der Kunst ausströmen zu lassen. Die Kritik, auch die katholische, wird ihn dazu im allgemeinen nicht ermutigen. Sie wird in den meisten Fällen von der künstlerischen Darstellung und Versinnlichung der Übernatur und der göttlichen Dinge dieselbe realistische Schärfe der Wiedergabe verlangen, die der am Irdischen lebende Künstler mit viel größerer Leichtigkeit erzielt, weil er nur das Sichtbare, Fühlbare und Empfindbare in Spiegelbildern wiedergibt. Die Kritik wird selten darauf Rücksicht nehmen, daß die restlose Ausschöpfung und Versinnlichung des Unsichtbaren, nur in seltenen, visionären Steigerungen des inneren Schauens mehr Geahnten als fühlbar Empfundenen, eigentlich nur ganz großen, genial veranlagten Künstlernaturen ohne jede Hemmung gelingen kann, während kaum eine künstlerische Durchschnittsnatur erfordert wird, um das Sinnfällige sinnfällig nachzubilden. Dieses verschiedene Maß // trägt gewiß viel dazu bei, daß das theoretisch zwar abgeleierte Sprüchlein von der Inferiorität der katholischen Kunst doch immer wieder aus dem praktischen Verhalten so vieler Kritiker heraustönt. Freilich, säkulare Träger genialer Begabungen, die ganz neue Kunstperioden einleiten oder krönen, hat unsere Zeit in soweit wir es heute zu erkennen vermögen – im Reiche der katholischen Kunst nicht hervorgebracht; aber ebensowenig kann sich die nichtkatholische Welt solcher Kronenträger rühmen. […]
Es wird also vom katholischen Künstler viel Opfersinn erfordert, wenn er sich entschließen soll, den ihm vorgelegten leichten Kranz zu verschmähen und dafür jenem nachzuringen, der den meisten, die nach ihm greifen, in unnahbare Höhen zurückweicht. Aber schon das Ringen nach einem großen Ziele ist größer als das Lustwandeln auf ausgetretenen glatten Pfaden. Der katholische Künstler unserer Zeit muß sich dessen immer bewußt bleiben, daß die Hauptaufgabe der Sendung, die er von Gott empfängt, ein hohes Priestertum ist, ein Priestertum des Wahren, Guten und Schönen. In der Verklärung der Schönheit, Würde und Heiligkeit des katholischen Glaubens durch die Kunst besteht der erhabene Gottesdienst dieses Priestertums.
Zu diesen allgemeinen Aufgaben aller katholischen Künstler der Gegenwart gesellt sich noch die besondere des österreichischen Künstlertums, die in unserer heutigen Zeit mit gebieterischer Macht Erfüllung fordert. Der letzte und tiefste Grund der Zerschmetterung Altösterreichs, der freilich nur von der hohen Warte einer konsequenten Betrachtungsweise sub specie aeternitatis erkannt wird, ist gewiß die Nichterfüllung oder mangelhafte Erfüllung seiner göttlichen Bestimmung, das katholische Herz von Europa zu sein, ein fester Hort gegen die rings anstürmenden Mächte der Zerstörung, gegen die Verwüstung des Irr- und Unglaubens. So kann sich auch jede Hoffnung auf seine künftige Auferstehung nur auf neuere und bessere Möglichkeiten zur Erfüllung dieser Sendung gründen. Die Aufgabe, neben den kirchlichen Mitteln zur religiösen Erneuerung und neben der Kanzel einer starken (besonders im Grundsätzlichen starken) katholischen Presse zu einer solchen Wiedergeburt beizutragen, haben im hohen Maße die katholischen Künstler Österreichs zu erfüllen. Wir wissen an Beispielen aus der Vergangenheit und noch mehr aus der Gegenwart, wieviel Kunst und Literatur zur Verbreitung einer geistigen Atmosphäre beitragen können, aus der dann die Wetter aufsteigen, die gewaltige politische und soziale Umwälzungen herbeiführen. Fast alle Revolutionen der neueren Zeit, wie die große französische, die russische, die letzten Revolutionen in Deutschland und Österreich haben sich lange vorher in der Literatur angekündigt, und es ist müßig, darüber zu streiten, ob die Literatur der Revolution mit schon vorhandenen geistigen Zündstoffen ihre Glut nährte oder ob sie das verzehrende Feuer erst entzündet hat. Ohne Zweifel besteht eine rege Wechselwirkung zwischen der Literatur und dem Geiste der Revolution, wie auch im allgemeinen eine rege Wechselwirkung zu erkennen ist zwischen dem Geiste, der Sittlichkeit und dem Glauben eines Volkes und seiner Literatur. Jedes Volk hat die Literatur, die es verdient, aber die Literatur gibt die Kraft und Stärke der geistigen Strömungen, aus denen sie entsprang, mit zehnfacher Stärke wieder zurück. So kann sie zur Verführerin, aber auch zur Bildnerin herrlicher Tugenden werden, je nachdem ein zerstörender oder ein aufbauender Künstlergeist sie mit zerstörender oder aufbauenden Kräften erfüllt.
Wenn das Wort wahr ist: „Österreich wird entweder katholisch, oder nicht mehr Österreich sein“, so ergibt sich daraus für die österreichischen Künstler die Möglichkeit, einzig und allein durch die bloße Einstellung ihres künstlerischen Wirkens auf die katholische Weltanschauung aufbauend und erneuernd im patriotisch-österreichischem Sinn zu wirken, denn die Kraftströme des österreichischen Gedankens werden gespeist und genährt vom Urquell des lebendigen Katholizismus. Umgekehrt würde die Erneuerung und Stärkung des ur-österreichischen Fühlens und Denkens durch den Zauberstab der Kunst, der auch aus versteinerten Herzen noch Wasser des Lebens schlagen kann, auch zu einer gerechteren Beurteilung der katholischen Kräfte, die dieses Reich geschaffen haben, und namentlich zur Stärkung des katholischen Gemeinschaftsgefühls beitragen, das durch die Ereignisse des Weltkrieges, nicht zuletzt durch die Zertrümmerung Österreichs einen schlimmen Stoß erhalten hat. Wenn aber ein Künstler in seinem Wirken sich von den ewigen Gedanken göttlicher Weltführung im Sinne der von Christus gestifteten Kirche, aber von flammender Begeisterung für die österreichische Idee leiten läßt, wie z.B. unsere große Dichterin Enrica von Handel-Mazzetti, so begrüßen wir in dieser Vereinigung von Katholizismus und Österreichertum die ideale Erfüllung der besonderen Aufgabe des österreichischen Künstlertums.
Die äußeren und inneren Feinde des großösterreichischen Gedankens wissen recht gut, was sie tun und wie wirksam sie ihre Zwecke befördern, wenn sie das Judaswerk der kleindeutschen-preußischen Geschichtsschreibung in zehnfach vergrößertem Maße fortsetzen und in der Besudelung und Herabsetzung der ruhmvollen Vergangenheit Österreichs kein Maß und kein Ziel kennen. Mit Richtigstellungen in der Presse und in der wissenschaftlichen Literatur ist dem aus Millionen Zungen redenden Lügenteufel schwer beizukommen, weil Parteileidenschaft blind und taub macht für klare Tatsachen und die Stimme der Vernunft. Aussichtsvoller wäre es gewiß, auf das vielfach noch unter der Asche schlummernde österreichische Gefühl einzuwirken. Wäre es nicht eine schöne herrliche Aufgabe für die österreichischen Künstler, die große Vergangenheit ihres Vaterlandes in Bild und Wort wieder zu erwecken, ins Leben zurückzurufen und mit all ihrem Reichtum und ihrer, wenn auch nicht immer ganz fleckenlosen Schönheit in unsere an Ruhm, Schönheit und Glück so arme Zeit hineinzustellen, so daß in jedem nicht ganz verdorbenen Gemüte ein heißes Sehnen erwachen müßte nach der versunkenen Größe und Herrlichkeit. So daß jedes Herz schneller schlagen müßte: So war es einst, so könnte es wieder sein! Denn es liegt nur an den Menschen, die Zeit zu gestalten. Wie Anastasius Grün sagt: „Lästert nicht die Zeit, die reine; schmäht ihr sie so schmäht ihr euch; denn es ist die Zeit, die reine Zeit dem weißen, unbeschrieb’nen Blatte gleich. Das Papier ist ohne Makel, doch die Schrift darauf seid ihr: Ist die nun nicht erbaulich, ei, was kann das Blatt dafür?“
Künstler Österreichs, schlägt euer katholisches, österreichisches, künstlerisches Herz nicht höher, ergriffen von der Größe eurer Sendung? Vor euch liegt wie ein blühender Garten, wie eine reiche Schatzkammer voll noch ungehobener Kostbarkeiten die ruhmvolle Vergangenheit Österreichs, ihr braucht nur hineinzugreifen; wo ihr’s packt, dieses machtvoll pulsierende Leben, da ist es interessant, ja mehr als das, groß, bedeutungsvoll, fast schon gestaltete Kunst! Auf welche seltsame, fernliegende, ja // abstoßende Stoffe verfallen heute viele Künstler auf der Jagd nach dem Neuen, Noch-nie-dagewesenen; wohlan, hier harrt Neues, unserer Zeit Unbekanntes der bildenden Künstlerhand, die dem halb schon fertigen Kunstwerk das Siegel der Vollendung und den Stempel unserer Zeit aufdrückt und es auf den Leuchter stellt, daß es leuchte den lebenden und kommenden Geschlechtern. Es wird dabei vom Künstler nicht verlangt, daß er die Vergangenheit, die ja auch von Menschen getragen und darum niemals ohne Makel war, idealisiere. Mag er sie nur nehmen, wie objektive Geschichtsschreibung sie uns zeigt; die großen Gedanken, die damals noch lebten und die in unserer Zeit so völlig erstorben scheinen, leuchten doch daraus hervor und solche Fackeln brauchen wir, um unsere kalten Herzen wieder zu entzünden.
Es ist allerdings zu bedenken, daß ein Hauptmittel dieser Belebung der österreichischen Vergangenheit durch die Kunst unsere Bühne wäre, die heute leider vielfach entgegengesetzten Kräften dienstbar ist und für eine von katholischen und österreichischen Idealen inspirierte Bühnenkunst erst wieder zu erobern wäre. Aber es sind doch heute schon kräftige Ansätze vorhanden, besonders im katholischen Vereinsleben, um die bisherige Alleinherrschaft des zersetzenden juden-christlichen Geistes auf unseren Bühnen nach und nach zu brechen. Hätten wir nur erst das große katholisch-österreichische Bühnenwerk – eine Bühne würde sich finden und auch das Publikum, das allerdings nicht das heutige Theaterpublikum sein dürfte, würde nicht fehlen.
Aber nicht bloß die BühneGegründet 1924 durch den umstrittenen Zeitungsunternehmer Emmerich Bekessy, erschien die Zs. ab 6.11.1924 als Wochenzei..., auch die Prosadichtung könnte zu wirksamer Belebung katholisch-österreichischer Gesinnung viel beitragen. Im Verhältnis zur Zahl der katholischen Schriftsteller in Österreich fehlt es uns – mit wenigen rühmlichen Ausnahmen – an vollwertigen Romanen, die aus der Tiefe katholischen und österreichischen Empfindens geboren und infolgedessen Träger und Verbreiter der vorerwähnten Ideale sind. Etwas reicher an solchen Werten ist unsere Lyrik, doch wäre es zu wünschen, daß die Fest- und Vereinsdichtung nach dem Beispiele R. v. Kraliks mehr als bisher gepflegt werde, denn sie bietet die Gewähr einer weitreichenden Resonanz, die sie bei festlichen Gelegenheiten in der gehobenen Stimmung der Zuhörer findet. Vermag sie die Herzen zu zünden, was fast immer der Fall ist, wenn Dichter von Beruf dem stummen Gefühl der Menge Worte leihen, so erzielt sie Massenwirkungen, die nicht zu unterschätzen sind. Sie muß nur zur rechten Zeit das rechte Wort finden.
Österreichs unsterblich, nach der Zerstörung ihres Körpers im heimlichen Kaisertum der Liebe ungezählter Herzen fortlebende Seele wird sich gewiß eine neue sichtbare Hülle bilden, auch wenn die Kunst ihr nicht die Flügel leiht, über Meere und Abgründe hinweg ein blühendes Neuland zu schaffen. Ebensowenig wie die katholische Kirche neben ihrem Priestertum noch ein Priestertum der Kunst braucht, um ihre göttliche Sendung zu erfüllen. Aber die Kunst nützt sich selbst, sie wird von den Ideen, die sie gestaltet, in sonst unerreichbare Höhen getragen.
In: Das Neue Reich, 27.9.1924, S. 1170-1172.

