George Popoff: Eine Londoner Theatersensation

George Popoff: Eine Londoner Theatersensation (1932)

Max Reinhardts „Mirakel“.

London, im April.

Am gleichen Tage, da im Lyceum-Theater die Lon­doner Erstaufführung des von Reinhardt inszenierten Mirakel stattfand, wurde im Stadium zu Wembley ein sensationeller Fußballmatch England — Schottland ausgetragen. „40.000 Schotten überfluten London!“ verkünde­ten in Riesenschrift die Abendblätter. In der Tat sieht man überall ganze Rudel kurzgeschürzter Schotten mit den bunt karierten Mützen auf den Wuschelköpfen. Am dichtesten drängen -sie sich am Piccadilly und am Strand, den beiden Londoner Amüsierstraßen, überall stellen die obskuren Matrosenkneipen sperrangelweit offen. Harmonikagerassel und trunkenes Gegröhle dringt aus den dum­pfen, rauchgefüllten Räumen. Den Strand entlang saust, rast und donnert der Verkehr der Millionenstadt.

Und just hier, an dieser lauten, ordinären Straßen­kreuzung steht das Lyceum-Theater, in dem Max Rein­hardt und Charles B. Cochran das all erprobte Zugstück Mirakel — in völlig neuer Fassung — dem zahlungs­fähigeren Teil des Londoner Theaterpublikums „sich darzubieten beehren“.

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Von außen ist das Lyceum-Theater nicht als goti­sche Kathedrale hergerichtet. Doch kaum, daß man die Schwelle des Zuschauerraumes überschritten hat, ist man dem Banne Reinhardtscher Regie verfallen. Es ist die Einrichtung und Aufmachung, die man in Budapest sah. Mir persönlich will es scheinen, daß dem ganzen etwas Kitschiges anhaftet. Die Kathedrale ist letzten Endes doch mehr Hollywood als Sevilla. Durch die gotischen Bogen der Kirchenfenster lugen hie und da vorlaut, die Jupiter­lampen hervor. Der schwere, goldstrotzende Altar ist schließlich doch nur aus Pappe. Und überhaupt— diese anfechtbare Verquickung von Theater und Religion …?

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Das Spiel beginnt. Zuerst mimt die stille, weihevolle Kathedrale ganz allem. Sie ist unzweifelhaft der wir­kungsvollste Akteur von allen. Ein greiser, gekrümmter Kirchendiener geht in der weiten Einsamkeit des Gottes­hauses schlürfenden Schrittes auf und ab. Einige Nonnen kommen, steif und fromm, herein, beten flüsternd vor sich her „Santa Maria“. Als Letzte erscheint Sie, die // junge, reizende Novize. Es ist Fräulein Tiliy Losch aus Wien. Es klappt von Anfang an etwas nicht mit ihrer Frömmigkeit. Sie hat üppiges rotblondes Haar, strahlende blaue Augen und einen breiten, sinnlichen Rosenmund. Sie lacht der finsteren Äbtissin und den übrigen Nonnen mitten in die bleichen Asketengesichter. Vom ersten Augenblick, da dieses süße, weanerische Kind die düstere Kathedrale betritt, sind die himmlische und die irdische Liebe in offener Zwietracht miteinander.

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Ganz plötzlich verwandelt sich alles mit einem Schlage: draußen werden fröhliche Kinderstimmen laut; unartige Buben und Mädel laufen hin und her, spielen, tollen, rasen, ja stürzen in bunter, lärmender Schar in die heilige Einsamkeit und kühle Düsternis des Gotteshauses herein; es sind etwa zwanzig oder dreißig Kindlein, alle reizend bunt und licht gekleidet, rot, blau, weiß, rosa, gelb, grün mit Blumenkränzen im Haar, hell und froh vom Grau und Dunkel der Kathedrale abstechend; ein diabolisch verschmitzter Spielmann (Leonid Massin vom ehemaligen Diaghileff-Ballett) bläst ihnen zum Tanze auf; sie drehen sich in fröhlichem Ringelreihen (mitten in der ehrwürdigen Kathedrale!); und die junge Himmelsbraut kann dieser dyonisischen Lockung nicht wider­stehen; sie tanzt mit — froh, ausgelassen, wild — mitten hinein in die Arme der irdischen Liebe, die in Gestalt eines schmucken Junkers gerade im rechten psychologischen Moment auf der Bildfläche erscheint und die Pflichtver­gessene von dannen führt.

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Nun jagt ein Bild das andere, jedes stets prächtiger und verwirrender als das vorherige. Es sind antike Gobelins, klassische Gemälde, die Reinhardt vorüberziehen läßt. Man sieht zuerst die Nonne mit dem Junker in einem märchenhaften Sommernachtstraum-Walde, durch den eine malerische, mittelalterliche Jagd­gesellschaft tollt; dann – im asiatisch farbenreichen Ban­kettsaal der Raubritter, im Schlafgemach des Prinzen mitten in einem wüsten Bacchanal grotesk lüsterner Höflinge zur Seite des halb[b]löden greisen Königs auf dem Königsthron vorm Tribunal der Inquisition, zu Füßen des triumphierenden Spielmanns — eine wahre Odyssee der Liebe und der Leidenschaften — und zum Schluß wieder in der dunklen Kathedrale demütig kniend vor dem unveränderlich milde lächelnden Madonnen-Antlitz…

Die Madonna spielt „Diana Manners“. Hinter diesem Namen verbirgt sich Lady Diana Duff-Cooper, die Gattin des konservativen Abgeordneten für Westminister und be­rühmt als die schöne Frau Englands. Es mag für manche Zuschauer vielleicht etwas schwer sein, Lady Diana hier als himmlische Madonna bewundern zu müssen, wenn man kurz vorher mit ihr auf Cocktail-Parties zusammengetroffen ist, sich mit ihr über das englische Wetter unterhalten und aus der Nähe das Wetterwendische ihrer Schönheit bemerkt hat.

Doch in diesem Augenblick, unbeweglich im Heiligen­schrein thronend, ist sie wirklich überirdisch schön und, den Blick verzückt nach oben gerichtet, in der einen Hand das Christkindlein haltend, mit der anderen starr gen Himmel weisend, haftet ihr ganz die verklärte Ruhe eines antiken Heiligenbildes an.

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Die Aufführung war ein Erfolg. Reinhardt erhielt nach der Vorstellung seine wohlverdiente Ovation. Das Mirakel wird in London sicher viele Monate laufen. Diese grandiose, kitschige „Show“ mit dem pseudo­religiösen Unterton ist gerade das, was den Engländern gefällt, was sie brauchen. Für die Engländer ist Theater seit den Zeiten Shakespeares, seit jeher in erster Linie eine Art Zirkus, eine „alter dinner show“, eine Unterhaltung nach dem Essen. Damen in großer Toilette, auf­fallend geschminkt und animiert, Herren in Frack und Zylinder, die rauchende Zigarre in der Hand, den schwe­ren Portwein im geröteten Gesicht, kommen gewöhnlich mitten während der Vorstellung, plaudernd und polternd herein, oft mitsamt ihren Mänteln, Stöcken und Schirmen, die umständlich unter den Sitzen verstaut werden. Un­geniert erzählen sie sich noch den letzten Witz. Und erst nachdem die entsprechende Lachsalve verklungen ist, richten sie ihre Blicke auf die Bühne, in Erwartung von dort mit etwas Amüsantem, Aufregendem, Sensationellem unterhalten zu werden.

Diesen spezifisch britischen Theaterforderungen ent­spricht nun das Mirakel. Die englischen Ladies und Gentlemen der „upper classes“, belastet im Magen mit viel zu viel Austern, Beef und Portwein und im Unterbe­wußtsein mit ein wenig schlechtem sozialen Gewissen, empfangen in der „Kathedrale“ des Lyceum-Theaters von Max Reinhardts Gnaden nicht nur restlose Absolution ge­gen alle kulinarischen und sonstigen Extravaganzen, son­dern auch noch eine Unterhaltung in vollendet künst­lerischer Form.

In: Pester Lloyd, 27.4.1932, S. 16-17.