eig. Hedwig Baum, geb. am 24.1.1888 in Wien – gest. am 29.8.1960 in Hollywood; Schriftstellerin

Ps.: Der alte Gärtner, Mix, Viki Prels, Viki Baum-Prels

Das Porträtmodul von Julia Bertschik finden Sie hier.

Auf Bestreben ihrer früh verstorbenen Mutter absolviert B. am Wiener Konservatorium ein Harfenstudium, in der Folge ist sie als Harfenistin im renommierten Wiener Concertverein engagiert und gibt Solokonzerte und Musikunterricht. Ihre ersten Publikationen erscheinen ab 1908 in den Wiener Magazinen Die Muskete und Erdgeist, hier veröffentlicht sie (z. T. auch unter Pseudonymen bzw. unter dem Namen ihres ersten Ehemanns, dem Journalisten und Schriftsteller Max Prels) zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten. Im September 1910 erhält sie für ihre Erzählung Alter Schloßpark bei einem Preisausschreiben der Münchner Satirezeitschrift Licht und Schatten den Preis für die „beste heitere Novelette“, als Jurymitgliedern firmieren u. a. Ludwig Thoma und Thomas Mann. Von 1912–1916 ist sie als Harfenistin am Hoftheater Darmstadt engagiert; gleichzeitig verfasst sie für zahlreiche deutsche und österreichische Zeitungen und Zeitschriften kleine Prosatexte. So erscheinen z. B. in der jüdischen Kulturzeitschrift Ost und West ihre Ghettogeschichten im Alten Haus und Rafael Gutmann, in der Münchner Zeitschrift Jugend ihre Novelle Die Bank und in der von Prels gegründeten Musikzeitschrift Ton und Wort Musikkritiken. 1914 kommt B.s erster Roman Frühe Schatten. Das Ende einer Kindheit im Berliner Verlag Erich Reiß heraus, zwei Jahre später heiratet sie den Dirigenten Richard Lert. B. gibt ihre musikalische Karriere auf und widmet sich in den folgenden Jahren vor allem der Betreuung ihrer beiden Söhne (Wolfgang *1917 und Peter *1921) sowie der Haushaltsführung, in den Kriegs- und Inflationsjahren keine leichte Aufgabe, zumal die Familie Lerts Engagements als Dirigent nach Kiel, Hannover und Mannheim folgt. Zu schreiben hört B. allerdings nicht auf: 1920 erscheint im Berliner Ullstein Verlagihr im Konversatoriumsmilieu angesiedelter Roman Der Eingang zur Bühne. Wegen des großen Erfolges schreibt B. auf Verlangen Ullsteins ein Jahr später den Künstlerroman Die Tänze der Ina Raffay; 1922 erscheint der Novellenband Die andern Tage, allerdings bei der Deutschen Verlagsanstalt, wie auch 1924 ihr Roman Ulle der Zwerg, der die Geschichte eines missgebildeten Jahrmarktclowns erzählt und den B. zeitlebens für ihr künstlerisch bestes Buch hielt. Der von B. in diesen Fällen vorgenommene Verlagswechsel erfolgte bewusst, damit wollte sie eine deutliche Trennung zwischen ihren kommerziellen und künstlerisch anspruchsvolleren Arbeiten etablieren.

Vicki Baum 1927

1925 gewinnt ihre Novelle Der Weg den Kurzgeschichtenwettbewerb der Kölnischen Zeitung. Ein Jahr später erhält ihr Ehemann ein Engagement an der Berliner Staatsoper und B. sieht die Chance gekommen, ihr schriftstellerisches Handwerk zu professionalisieren: Sie bewirbt sich bei Ullstein als Redakteurin und ist ab 1926 hauptverantwortlich für die Literaturbeilage Die Losen Blätter des mondänen Modemagazins Die Dame. Außerdem verfasst B. zahlreiche Kurzgeschichten und Artikel für weitere Ullstein-Medien, wie das kritisch-intellektuelle Zeitgeistmagazin Uhu, die Gartenzeitschrift Grüne Post sowie die auflagenstarke Berliner Illustrirte Zeitung. Hier erscheinen auch die Vorabdrucke ihrer Erfolgsromane stud. chem. Helene Willfüer (1928) und Menschen im Hotel. Ein Kolportageroman mit Hintergründen (1929), die werbewirksam von B.s Artikeln über Modetrends und Schönheitstipps sowie glamourösen Porträtaufnahmen der Starautorin illustriert werden. Neben diesen typischen Lifestyle-Themen, die auch ihre Romane aus dieser Zeit prägen, schreibt B. in ihren Feuilletons außerdem über ihre Reiseerfahrungen, pädagogische Fragen, aktuelle sozialpolitische Themen (wie z. B. die Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch), moderne Kunstformen sowie ihr poetologisches Selbstverständnis.

Inzwischen ist B. infolge des Erfolgs und Oscargewinns von Grand Hotel zur internationalen „Marke“ avanciert und fährt 1931 auf Einladung ihres amerikanischen Verlegers Nelson Doubleday in die USA. Von einer wahren Amerika-Begeisterung gepackt, verlängert sie ihren ursprünglich als Kurzaufenthalt geplanten Besuch auf ein halbes Jahr. 1932 emigriert sie mit ihrer Familie endgültig in die USA, die Gründe dafür sind freilich nicht nur karrieretechnischer und ökonomischer Natur, sondern auch politisch motiviert. B.s Familie ist jüdischer Abstammung und bereits 1933 werden ihre Bücher auf die „Schwarze Liste“ des NS-Regimes gesetzt. Ihre ersten in den USA verfassten Romane wie Das große Einmaleins (1935, NA Rendezvous in Paris), Die Karriere der Doris Hart (1936) und Liebe und Tod auf Bali (1937) erscheinen daher im Amsterdamer Exilverlag Querido.

Die erhoffte Karriere in Hollywood bleibt jedoch aus: B. ist zwar von 1932–1946 in verschiedenen Filmstudios beschäftigt, kann sich aber als selbstbewusste und an eigenständiges Arbeiten gewöhnte Schriftstellerin nicht mit der in der Filmbranche üblichen Praxis der Teamarbeit anfreunden. In ihren Romanen und Kurzgeschichten aus den frühen 1930er-Jahren, die wenig positiv verheißende Titel wie Unglücklich in Hollywood! oder Zwangsarbeit in Hollywood tragen, rechnet sie mit der „Traumfabrik“ ab und demontiert die dort geschaffenen Illusionen schonungslos.

Die Integration in Amerika hingegen fällt B. anders als vielen europäischen Emigranten leicht. Rasch erlernt sie die englische Sprache und verfasst ab den frühen 1940er-Jahren auch ihre Romane auf Englisch. 1938 wird sie amerikanische Staatsbürgerin und beendet ihren Roman Hotel Shanghai (1939), in dem sie das Erfolgskonzept ihres Hotelromans anhand von Emigrantenschicksalen wiederaufnimmt. Noch einmal bemüht sie es in Hotel Berlin ’43 (1944, dt. Hier stand ein Hotel bzw. Hotel Berlin), das im nationalsozialistischen Deutschland angesiedelt ist und in dem sie sich mit dem rassistischen Größenwahn ihrer ehemaligen Mitbürger auseinandersetzt. B.s Texte sind nun – nicht zuletzt auch dem Zeitgeist geschuldet – viel politischer als ihre früheren Romane. Erfolgreich bestückt sie auch den amerikanischen Zeitschriftenmarkt mit ihren Short Stories, in denen sie ihr Amerikabild einer kritischen Revision unterzieht und Bezüge zum aktuellen Weltgeschehen herstellt.

Zwischen 1945 und 1960 schreibt B. zwar noch sieben weitere Romane, darunter Erfolge wie The Weeping Wood (1943, dt. Kautschuk/Cahuchu. Strom der Tränen) sowie Theme for Ballet (1958, dt. Die goldenen Schuhe), doch sie hat mit zunehmendem Alter nicht nur mit Schreibschwierigkeiten, sondern auch ernsthaften gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die ihre Aktivität erheblich einschränken. Ihre Autobiographie Es war alles ganz anders (1962) muss postum erscheinen. Am 29.8.1960 stirbt B. in Hollywood an den Folgen ihrer Leukämieerkrankung.


Weitere Werke (Auswahl)

Makkaroni in der Dämmerung. Feuilletons. Hg. v. Veronika Hofeneder. Wien: Edition Atelier 2018; Pariser Platz 13. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode. Hg. v. Julia Bertschik. Berlin: AvivA 2006.

Quellen und Dokumente

Nachlass im Vicki-Baum-Archiv im Archiv der Akademie der Künste in Berlin

Bestand V.B. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek

Diskretion. In: Die Muskete 5, 121, 23.1.1908, S. 134, Rafael Gutmann. In: Ost und West 11, 1911, 1, Sp. 37–50; 2, Sp. 131–144, Die Bank. In: Jugend 5, 1920, S. 114–116, Die Göttinger Händel-Festspiele. In: Vossische Zeitung 13.7.1922 (Abend-Ausgabe), Das Postamt und der Schmetterling. In: Arbeiter-Zeitung 18.3.1923, S. 8f., Der schöne Hut. Eine Frauenfrage. In: Uhu 3, 12, September 1927, S. 74–80, Rez. zu Wilhelm Speyer: Charlott etwas verrückt. In: Uhu 3, 12, September 1927, S. 112, Erfahrungen mit der Verjüngung. Ein Rundgang durch die Laboratorien einer neuen Wissenschaft. In: Uhu 4, 3, Dezember 1927, S. 32–41, Wie denken Sie über die Herrenmode? In: Uhu 5, 9, Juni 1929, S. 20–28, Protest gegen die Mode. In: Vossische Zeitung 15.9.1929, Beilage: Das Unterhaltungsblatt, Frau unter Frauen. [Vicki Baum in einem Artikel mit dem Politiker und Arzt Willy Hellpach „Wirtschaftsnot und Frauenqual. Frauen kämpfen um ihr Glück.“] In: Vossische Zeitung 5.4.1931, Vierte Beilage, Angst vor Kitsch. In: Uhu 7, 10, Juli 1931, S. 104, 106, Gut aussehen! In: Prager Tagblatt 9.8.1931, S. 2, Unglücklich in Hollywood! Das Leben der großen und kleinen Sterne. In: Uhu 8, 8, Mai 1932, S. 105–108.

Radio-Interview mit B. anlässlich ihres 70. Geburtstages, 4.3.1958 (Online verfügbar).

Literatur

Julia Bertschik: Porträtmodul zu V. B. (2016).

apropos Vicki Baum. Hg. v. Katharina von Ankum. Frankfurt/Main 1998; Susanne Blumesberger und Jana Mikota (Hgg.): Lifestyle – Mode – Unterhaltung oder doch etwas mehr? Die andere Seite der Schriftstellerin Vicki Baum (1888-1960). Wien 2013; Veronika Hofeneder: Vom Schreiben, Tanzen, Musizieren – Vicki Baums feuilletonistische Betrachtungen künstlerischer Ausdrucksformen. In: Hildegard Kernmayer und Simone Jung (Hgg.): Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Journalismus und Literatur. Bielefeld 2017, 217–236; Karin Kerb: Vicki Baum als Journalistin? Dipl. Wien 2007; Lynda J. King: Best-Sellers by Design. Vicki Baum and the House of Ullstein. Detroit 1988; Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007; dies.: Strategien des Erfolges. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002; Madleen Podewski: Wie der Ullstein-Verlag ‚Werk‘ und ‚Autor‘ in Bewegung versetzt: Zu Vicki Baums „Menschen im Hotel“. In: David Oels und Ute Schneider (Hgg.): „Der ganze Verlag ist einfach eine Bonbonniere“. Ullstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Berlin u. a. 2015, 206–221; Rose Sillars: Vicki Baum’s Exile Novels. In: Charmian Brinson, und Andrea Hammel (Hgg.): Exile and Gender 1. Literature and the Press. Leiden und Boston 2016, 161–171; Lorena Silos Ribas: Selling the South Seas. Vicki Baum’s Liebe und Tod auf Bali. In: Bestseller – gestern und heute. Tübingen 2016, 172–183; Björn Sommersacher: Vicki Baum: Hotel Shanghai (1939). In: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Hg. v. Bettina Bannasch und Gerhild Rochus. Berlin u. a. 2013, 226–233.

(VH)