Markowitz, Alfred

(Geb. ? – gest. ?) Kunstkritiker, Kunsthistoriker, Redakteur.

Markowitz hat sich nach einem Jus-Studium schrittweise der Kunst- und Kulturkritik angenähert und trat erstmals 1919-20 mit Beiträgen für die Arbeiter-Zeitung, z.B. über den Isenheimer Altar (23.5.1920),hervor, in der er bereits 1919 als Vortragender für Fragen des Sozialismus angeführt wird und zwar in jener Kaserne, in der u.a. jenes Volkswehrbataillon untergebracht war, in das die Rote Garde inkorporiert wurde. 1921 erschien sein erster kunstkritischer Beitrag, eine Besprechung neuester Egon Schiele-Literatur, die sich v.a. den Verdiensten bzw. Publikationen von Arthur Roessler und Fritz Karpfen für bzw. über den Frühverstorbenen widmete. Ihr folgte im August 1921 ein materialistisch ausgerichteter Beitrag über die die Wandlungen der Ehe quer durch die Kulturgeschichte. 1922 folgte eine Serie über naturwissenschaftliche Fragestellungen, um 1923 wieder in die Kunstkritik (Ausstellungsbesprechungen) zurückzukehren.

Materialien und Quellen:

A.M.: An der Wende zweier Weltanschauungen. Zur neuesten Egon Schiele-Literatur. In: AZ, 30.6.1921, S. 5-6; Die Heiligkeit der Ehe. In: AZ, 7.8.1921, S. 2-3;

(PHK, work in progress)

geb. am 1.5.1879 in Rohatetz bei Nikolsburg/Mähren – gest. am 25.5.1945 in Tröbnitz; Journalist, Schriftsteller

A. studierte nach dem Besuch des Gymnasiums in Brünn ab 1898 Rechtswissenschaften an der Universität Wien und promovierte 1905. Anschließend wirkte er bis 1928 als Jurist der zwischen Wien und Nordmähren verkehrenden Kaiser Ferdinands-Nordbahn, sollte aber auch, beeinflusst durch antisemitische Erfahrungen seit Gymnasialtagen, als jüdischer Publizist zunehmend in Erscheinung treten. 1904/05 gab er den Jüdischen Volkskalender, zwischen 1915 und 1917 gemeinsam mit Ludwig Yomtov Bató den Jüdischen Nationalkalender wie auch die Gedichte Hugo Zuckermanns heraus, mit Berthold Feiwel, Robert Stricker und Hermann Kadisch rief er die zionistische Studentenverbindung Veritas ins Leben. Mit Stricker und anderen gründete A. 1919 die einzige jüdische Tageszeitung der Zeit im deutschsprachigen Raum, die Wiener Morgenzeitung, im letzten Jahr vor der Einstellung 1927 fungierte A. mit Leopold Plaschke als Chefredakteur und Herausgeber. Vorrangig wirkte er als Feuilletonist und Theaterkritiker und dabei als Fürsprecher des jüdischen Theaters und dabei namentlich der Jüdischen Volksbühne, musste sich von Mendel Singer jedoch auch die Kritik gefallen lassen, kein Jiddisch zu sprechen. Zudem publizierte A. u.a. in den Zs. Jüdische Volksstimme, Die Welt, Neue Welt, Neue jüdische Monatshefte, Menorah, Jüdische Rundschau, Die Bühne sowie im Neuen Wiener Journal. Zwischen 1918 und 1936 erschienen mehrere Buchpublikationen mit Reportagen, Feuilletons und lyrischen Texten, nahezu durchwegs veröffentlicht im Wiener Verlag Löwit. Dort wurde 1920 auch ein letztlich nicht realisiertes Werk mit dem Titel Die hohe Gass‘. Ein Krakauer Bilderbuch angekündigt. Alle Publikationen standen im Zeichen des Zionismus, wie auch Anitta Müller-Cohen A. in einer Rezension als „begeisterten Zionisten“ bezeichnete.

Neben seinem publizistischen Wirken engagierte sich A. als politischer Aktivist. 1921 unterzeichnete er neben Richard Beer-Hoffmann, Felix Grünfeld, Arthur Kola, Anitta Müller, Julius Ofner, Josef Popper-Lynkeus, Felix Salten, Arthur Schnitzler und Jakob Wassermann einen Spendenaufruf für ukrainische Juden (u.a. Neue Freie Presse, 8.5.1921, S. 8) und war er Mitglied des Komitees zur Unterstützung des jüdischen Nationalmuseums in Palästina. Ab 1928 fungierte A. als Delegierter des Spendenfonds für die jüdische Wiederaufnahme in Palästina, Keren Hajessod. In dieser Funktion übersiedelte er Anfang 1933 nach Amsterdam. Nach der Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit 1940 sowie des Doktortitels im Mai 1941 wurde A. im Mai 1944 in das KZ Bergen-Belsen deportiert. An den Folgen der Haft starb er wenige Wochen nach der Befreiung.


Werke

Jüdische Flüchtlinge. Szenen und Gestalten (1918), Die Genesung (Lyriksammlung, 1920), Besuch in Erez Israel (1926), Zehn Jüdinnen. Sittenbilder und Geschichten aus dem Leben jüdischer Frauen (1931), Begegnungen mit Juden (1936)

Quellen und Dokumente

Die Insel (aus: Jüdische Flüchtlinge). In: Jüdische Zeitung, 20.9.1918, S. 2, Freie Jüdische Volksbühne. In: Wiener Morgenzeitung, 24.2.1920, S. 5, Jüdische Kammerspiele. In: Wiener Morgenzeitung, 18.12.1920, S. 6, Franz Werfels „Bocksgesang“. (Uraufführung im Raimund-Theater.). In: Wiener Morgenzeitung, 12.3.1922, S. 5, Matinee des amerikanisch-jüdischen Kunsttheaters. Carl-Theater. „Tewje, der Milchmann“. In: Wiener Morgenzeitung, 5.7.1924, S. 4, „Das rote Lachen“. Gastspiel des New-Yorker jüdischen Kunsttheaters. In: Wiener Morgenzeitung, 8.8.1924, S. 5, Ein Abend in der Jüdischen Bühne. „Die rumänische Chassene“. In: Wiener Morgenzeitung, 12.10.1926, S. 5.

Norbert Weidler: Jüdische Flüchtlinge. In: Jerubbaal 1 (1918), H. 6, S. 240, Anitta Müller-Cohen: O. A.: Besuch in Erez-Israel. In: Jüdische Rundschau, 30.4.1926, S. 3.

Teilnachlass: Central Zionist Archives, Jerusalem, IL.

Literatur

Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Bd. 1, S. 3f. (1992), Ingeborg Fiala-Fürst: Das Bild der Juden. In: Peter Becher et al. (Hg.): Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, S. 289 (2017).

Evelyn Adunka: A., O. In: ÖBL Online-Edition, Lfg. 1 (2011).

(ME)

teilweise auch Maurycy Oskar Acht, geb. am 9.6.1898 in Lemberg – gest. am 25.6.1974 in Wien; Journalist

Ps.: Peter Acht

A., Sohn des Besitzers einer Edelmetallhütte, kam als jüdischer Flüchtling aus Galizien während des Ersten Weltkrieges nach Wien. Er engagierte sich zunächst in linksbürgerlichen Bewegungen und war 1926-31 Mitglied der Paneuropa-Bewegung um Richard Coudenhove-Kalergie, für deren Organ Paneuropa er als Pressechronist wirkte. Ende der Zwanziger schloss sich A. der KPÖ an, für die er 1932 auch für die Bezirksvertretung in Wien-Leopoldstadt kandidierte, und trat im selben Jahr in der Berliner kommunistischen Zs. Die Linkskurve publizistisch gegen die Paneuropa-Bewegung auf. A. wirkte aktiv am 1930 gegründeten Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs (BPRSÖ) mit, zunächst als Sekretär der Bundesleitung, nach der Emigration Ernst Fabris 1932/33 auch als Leiter, als der er sich neben Magnus Hirschfeld, Karl Kraus, Ernst Toller und anderen öffentlich gegen die Todesstrafe für ungarische Revolutionäre einsetzte. A. fungierte als verantwortlicher Redakteur der im August 1932 erschienenen einzigen Ausgabe des BPRSÖ-Organs Der Durchbruch, in der u.a. Hans Maier und Peter Schnur publizierten. Im Herbst 1932 war A. Ansprechperson für Arbeiterschriftsteller in einer Schwerpunktaktion der kommunistischen Tageszeitung Die Rote Fahne. Von 20. Juni 1933 bis zum endgültigen Verbot am 22. Juli 1933 wurde A. als Eigentümer, Herausgeber und Verleger des bereits unter Vorzensur stehenden Mediums ausgewiesen.

Nach vorübergehender Verhaftung emigrierte A. 1936 nach Prag und 1938 nach Paris. Zwischenzeitlich in den Lagern Nimes und Les Milles interniert, engagierte er sich in Lyon neben Oskar Grossmann ab 1942 illegal als Mitglied und später als Gruppenleiter in der Travail Anti-Allemand sowie 1945 in der kommunistischen Widerstandsbewegung Österreichische Freiheitsfront. Bis Februar 1946 leitete er die KPÖ-Gruppe in Lyon, ehe er nach Wien zurückkehrte. Bis 1955 gehörte er als Kulturredakteur und Mitherausgeber der Österreichischen Zeitung an und verfasste Beiträge für die in Hamburg erscheinende Andere Zeitung.


Quellen und Dokumente

Komitee aus Persönlichkeiten aller Kreise gebildet. In: Die Rote Fahne, 24.7.1932, S. 3, Idealismus oder Kriegshetze. Offene Worte gegen Herrn Coudenhove-Kalergi. In: Die Linkskurve 4 (1932), 5, 15-17.

N.N.: Kann ein Arbeiter Schriftsteller werden? In: Die Rote Fahne, 3.9.1932, S. 7.

Literatur

Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933-1945, Bd. 2, 5 (1983), Die deutschsprachige Presse. Ein biographisch-bibliographisches Handbuch. Bd. 1, 4 (2005), Gerald Musger: Der „Bund der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs“ (1930 – 1934). Eine Dokumentation. Phil. Diss. (1977), Anita Ziegerhofer-Prettenthaler: Botschafter Europas. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren, 118-120 (2004).

(ME)

geb. am 7.2.1870 in Wien – gest. am 24.5.1937 in Aberdeen; Arzt, Psychotherapeut.

Ps.: Aladin, Alladin, Aladdin.

Als zweitältester Sohn von sieben Geschwistern einer jüdischen Familie in Rudolfsheim (damals ein Vorort von Wien) geboren, wächst A. in bescheidenen Verhältnissen in der Wiener Vorstadt auf. Nach dem Besuch des Hernalser Gymnasiums absolviert er 1888–1895 ein Medizinstudium an der Wiener Universität, wo er Mitglied des österreichischen Studentenverbands wird. Dieser sozialistisch gesinnten Studentengruppe mit ausgeprägtem Interesse an moderner Kunst und Kultur gehören u. a. auch F. Blei, J. Strasser, H. Thaller und D. J. Bach an, außerdem nimmt A. an den Aktivitäten des von Blei geführten Diskutier- und Singverein Veritas teil. In dieser Zeit lernt A. auch seine spätere Ehefrau, die Russin Raissa Timofejewna Epstein kennen, die sich vehement für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzt und zuweilen auch radikale Standpunkte vertritt, was immer wieder zu Konflikten mit dem politisch und emanzipatorisch zwar aufgeschlossenen, im Grunde jedoch eher bürgerlich-traditionellen Vorstellungen verhafteten A. führt.

Nach dem Abschluss seines Studiums arbeitet A. zunächst an der von M. Benedikt gegründeten Poliklinik, einer wohltätigen Institution, an der Mittellosen eine kostenlose Behandlung zuteil wird. In eigener Praxis ist er dann als Augenarzt, später als Allgemeinmediziner tätig. Seine Praxis in der Wiener Leopoldstadt nahe dem Prater suchen vor allem Patienten aus ärmlichen Verhältnissen auf, was A.s Ansichten über die Notwendigkeit einer sozialmedizinischen Betreuung der Wiener Bevölkerung bestärkt. 1898 publiziert er Das Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe, in dem er die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, Kranken- und Unfallversicherung sowie die soziale Absicherung der Arbeiter fordert.

1904 konvertiert A. mit zwei seiner Töchter zum Protestantismus, vor allem wohl aus dem Wunsch, gesellschaftlich dadurch besser gestellt zu sein. In diesem Jahr erscheint auch seine erste pädagogische Arbeit Der Arzt als Erzieher, in der er die erzieherische Aufgabe des Arztes bei der Behandlung seiner PatientInnen betont und seine Ansichten über Kindererziehung darlegt. 1907 formuliert A. in seiner Studie über Minderwertigkeit von Organen die grundlegenden Gedanken zu seiner Neurosenlehre, die er in seinem 1912 erschienenen Werk Über den nervösen Charakter zusammenfasst. Diese auch an der Universität Wien als Habilitationsschrift eingereichte Studie wurde allerdings von J. von Wagner-Jauregg, dem Vorstand der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik, abgelehnt.

Bereits seit 1902 Mitglied von S. Freuds Psychologischer Mittwoch-Gesellschaft verdichten sich im Laufe des Jahres 1910 die inhaltlichen Differenzen zwischen Adler und Freud. Nach A.s Versuchen, der Mittwoch-Gesellschaft den Marxismus näher zu bringen (z. B. 1909 durch seinen Vortrag „Zur Psychologie des Marxismus“), greift A. in mehreren Vorträgen (z. B. „Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie des Seelenlebens“) Grundkonzepte der Freud’schen Lehre an. So hinterfragt A. die zentrale Stellung des Ödipuskomplex und stellt den Menschen weniger als von sexuellen Trieben gesteuert, denn von sozialen und kulturellen Faktoren bestimmt dar. Diese Ideen sind für Freud unvereinbar mit seiner eigenen psychoanalytischen Theorie. 1911 tritt A. (und in seinem Gefolge einige seiner AnhängerInnen wie z. B. C. Furtmüller, M. Hilferding oder D. E. Oppenheim) aus der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung aus und legt die Mitherausgeberschaft des Zentralblatts für Psychoanalyse zurück. Im selben Jahr eröffnet A. eine Praxis als Neurologe und gründet den Verein für freie psychoanalytische Forschung, der ab 1913 als Verein für Individualpsychologie weitergeführt wird. Hier werden neben psychologischen, psychotherapeutischen und medizinischen Fragen auch explizit künstlerische und literarische Themen verhandelt, um tiefenpsychologische Probleme besser verstehen und lösen zu können. 1914 erscheint dann der erste Jahrgang der Zeitschrift für Individualpsychologie sowie der mit Furtmüller gemeinsam herausgegebene Aufsatzband Heilen und Bilden.

Unter dem Eindruck seiner Erfahrungen als Militärarzt im Ersten Weltkrieg und der infolge des Krieges verstärkten Jugendverwahrlosung erhält der Begriff des ›Gemeinschaftsgefühls‹ für A. einen wesentlichen Stellenwert. In diesem erblickt er ein grundlegendes Prinzip menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens sowie die beste Prävention gegen Minderwertigkeitsgefühle und Machtstreben. So ist die von den Sozialdemokraten in den 1920er-Jahren in Wien lancierte Schulreform unter O. Glöckel ideologisch und personell eng mit A.s Individualpsychologie verbunden und maßgeblich durch das individualpsychologische Konzept, das Kind als aktives, soziales Wesen aufzufassen, geprägt. Begleitend zur Schulreform werden auch Aus- und Weiterbildungmaßnahmen mit individualpsychologischer Beteiligung angeboten: sowohl in den zahlreichen von IndividualpsychologInnen gegründeten Erziehungs- und Schulberatungsstellen als auch am 1923 errichteten Pädagogischen Institut der Stadt Wien, an dem namhafte WissenschaftlerInnen und PsychologInnen wie C. und K. Bühler, H. Kelsen, W. Jerusalem und A. selbst lehren.

Individualpsychologische Ortsgruppen entstehen in der Folge in vielen europäischen Städten, wenn sich deren ideologische Orientierung auch nicht immer mit A.s Vorstellungen deckt, wie sich beispielsweise an der Kontroverse mit einem seiner begeistertsten Schüler M. Sperber zeigt: Für Sperbers Idee, individualpsychologische und marxistische Konzepte miteinander in Einklang zu bringen, kann der radikalen politischen Positionen abgeneigte A. überhaupt kein Verständnis aufbringen und so erlebt A. mehr als 20 Jahre nach dem eigenen Bruch mit seinem Lehrer diesen nun aus der anderen Perspektive.

A. unterrichtet nicht nur am Pädagogischen Institut der Stadt Wien (wo er seit 1924 eine Stelle als Professor hat), er hält auch Kurse und Vorlesungen an zahlreichen Volkshochschulen. Darüber hinaus führt ihn seine Vortragstätigkeit in viele Städte Europas und ab 1926 zu immer längeren Aufenthalten in die USA, wo er der Individualpsychologie bessere Zukunftschancen zurechnet. Hier hat er 1929 eine Gastprofessur an der renommierten Columbia University inne, 1932 erhält A. einen Lehrstuhl für medizinische Psychologie am Long Island Medical College und eröffnet in New York eine Praxis für Psychotherapie sowie eine Erziehungsberatungsstelle.

Infolge des Verbots der Sozialdemokratischen Partei 1934 und der damit verbundenen Einschränkungen der Aktivitäten des Vereins für Individualpsychologie in Österreich, intensiviert A. seine amerikanischen Kontakte. Er gründet die englischsprachige Zeitschrift International Journal of Individual Psychology und übersiedelt 1935 mit seiner Familie endgültig in die USA. Seine letzten Lebensjahre sind geprägt von einer unermüdlichen Vortragstätigkeit, völlig überraschend stirbt A. auf einer Vortragsreise am 24.5.1937 in Aberdeen in Schottland.


Weitere Werke (Auswahl)

Das Problem der Homosexualität (1917); Die andere Seite. Eine massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes (1919); Praxis und Theorie der Individualpsychologie (1920); Liebesbeziehungen und deren Störungen (1926); Menschenkenntnis (1927); Die Technik der Individualpsychologie. Erster Teil: Die Kunst, eine Lebens- und Krankengeschichte zu lesen (1928); Individualpsychologie in der Schule. Vorlesungen für Lehrer und Erzieher (1929); Neurosen (1929); The Science of Living (1929, dt. Lebenskenntnis 1978); Die Technik der Individualpsychologie. Zweiter Teil: Die Seele des schwererziehbaren Kindes (1930); The Education of Children (1930, dt. Kindererziehung 1976); What Life Should Mean to You (1931, dt. Wozu leben wir? 1979); Der Sinn des Lebens (1933); gemeinsam mit Ernst Jahn: Religion und Individualpsychologie (1933).

Alfred Adler Studienausgabe. 7 Bde. Hg. v. Karl Heinz Witte. Göttingen 2007–2010.

Quellen und Dokumente

Nachlass an der Library of Congress (Washington).

Bestand A.A. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek.

Volltext online: Studie über die Minderwertigkeit von Organen (1907), Über den nervösen Charakter (1912), Die andere Seite (1919), Praxis und Theorie der Individualpsychologie (1920).

Volltexte von Artikeln in Fachzeitschriften und digitalisierten Bücher von A. (auch auf Englisch) finden Sie hier.

unter Alladin: Leben und Schicksal der Säuglinge. In: Arbeiter-Zeitung, 16.2.1902, S. 1f.; unter Aladin: Wie ernähren wir unsere Kinder? In: Arbeiter-Zeitung, 28.12.1902, S. 8 und 30.12.1902, S. 5f.; Amerika und die Individualpsychologie. In: Neue Freie Presse, 13.6.1929, S. 12; Was ist Individualpsychologie? In: Neue Freie Presse 4.8.1929, S. 22.

Was ist Individualpsychologie? [Fortsetzung] In: Neue Freie Presse, 11.8.1929, S. 23; Körperform, Bewegung und Charakter. In: Der Querschnitt 10, 9, September 1930, S. 569-573; Mann und Frau. In: Der Querschnitt 11, 11, November 1931, S. 730f.; Bericht über einen Vortragsabend von A. in: Neue Freie Presse, 13.10.1927, S. 7; D. B. (= D. J. Bach): Alfred Adler zum sechzigsten Geburtstag. In: Arbeiter-Zeitung, 4.2.1930, S. 4.

Literatur

Phyllis Bottome: Alfred Adler. Aus der Nähe porträtiert. [1939] Berlin 2013; Almut Bruder-Bezzel: Geschichte der Individualpsychologie. [1991] Göttingen 21999; Bernhard Handlbauer: Die Entstehungsgeschichte der Individualpsychologie. Wien 1984; ders.: Die Freud-Adler-Kontroverse. Gießen 2002; Edward Hoffman: Alfred Adler. Ein Leben für die Individualpsychologie. München u. a. 1997; Clara Kenner: Der zerrissene Himmel. Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie. Göttingen 2007, bes. S. 62–67; Gerald Mackentun (Hg.): Alfred Adler – wie wir ihn kannten. Göttingen 2015; Josef Rattner: Alfred Adler. [1972] Reinbek bei Hamburg 101997; ders.: Alfred Adler: Der Mensch und seine Lehre. Berlin 2013; Rüdiger Schiferer: Alfred Adler. Eine Bildbiographie. München 1995; ders. und Almut Bruder-Bezzel: Alfred Adler: 1870–1937. Katalog zur Ausstellung der der Österreichischen Nationalbibliothek Wien. München 1990; Alexander Kluy: Alfred Adler. Die Vermessung der menschlichen Psyche – Biographie. München 2019.

(VH)

geb. am 9.7.1879 in Wien – gest. am 2.1.1960 in Zürich; Politiker, Journalist

Nach seinem Studium der Mathematik, Physik und Chemie in Zürich war der Sohn von Viktor Adler als Redakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung Volksrecht und als Hochschullehrer an der ETH tätig. Ab 1911 bekleidete er, wieder in Wien, das Amt des Parteisekretärs in der SDAPÖ, das er als Exponent des linken Flügels aus Protest gegen die offizielle Kriegspolitik seiner Partei 1914 zurücklegte und fortan als Redakteur der Monatsschrift Der Kampf agierte. In seiner fortgesetzten Kritik an der konformistischen Haltung der Sozialdemokraten in Kriegsfragen erhielt er Unterstützung von Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Max Adler, Robert Danneberg und Leopold Winarsky, die sich im Verein „Karl Marx“ zusammenfanden.

Am 21. Oktober 1916 erschoss A. den k.u.k. Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh, den er als Hauptverantwortlichen für die Fortsetzung des Krieges betrachtete und wurde daraufhin zunächst zum Tode verurteilt, schließlich jedoch zu 18 Jahren Haft begnadigt. In seiner Verteidigungsrede vor Gericht bekannte sich A. als voll verantwortlich für und zu seiner Tat und hielt ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Krieg, das bis heute als bedeutsames Dokument in der Geschichte der Arbeiterbewegung gilt. Während der Haft entstand die philosophische Schrift Ernst Machs Überwindung des klassischen Materialismus, die 1918 erschien. Nach seiner Amnestie und Entlassung kurz vor Kriegsende wurde A. zum Vorsitzenden der Wiener Arbeiterräte gewählt. Die ihm angetragene Leitung der neugegr. KPÖ lehnte er ab; auf die darauf erfolgte Kritik durch Trotzki reagierte er im Kampf im Dez. 1919 mit einem offenen Brief an Leo Trotzky, in dem er sich gegen jegliche Vereinnahmung verwahrte und seine Strategie als richtige darlegte. Von 1920 bis 1923 war er Nationalratsabgeordneter für die SDAPÖ. Nach Rücklegung seiner Parteiämter wurde er Sekretär der Sozialistischen Arbeiterinternationalen und übte diese Funktion nach seiner Flucht vor den Nationalsozialisten zunächst in Zürich und ab 1935 in Brüssel aus. 1940 emigrierte er in die USA, wo er das „Austrian Labour Committee“ gründete. 1948 kehrte er nach Europa zurück und lebte bis zu seinem Tod 1960 in Zürich. Er wurde am Wiener Zentralfriedhof an der Seite der sozialdemokratischen Politiker Engelbert Pernerstorfer, Viktor Adler, Otto Bauer und Karl Seitz begraben.


Werke (Auswahl)

Die Sozialdemokratie in Deutschland und der Krieg, 1915; Die Erneuerung der Internationale, 1918; Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht: die Verhandlungen vor dem §14-Gericht am 18. Und 19. Mai 1917 nach dem stenographischen Protokoll (1919, 1923 Neuauflagen und kommentierte Editionen 1967, 1978 und zahlreiche Print on demand-Ausgaben); Möglichkeiten der Internationale, in: Der Kampf, 1920, Heft 10, S.  S. 353-356; Das Stalinsche Experiment und der Sozialismus, in: Der Kampf. 1932, Heft 1, S 4 – 16; Victor Adler. Briefwechsel mit August Bebel und Karl Kautsky, 1954 (Hrsg.); Das Apriori des Sozialismus, in: Neues Forum, 1966, Heft 154.

Quellen und Dokumente

Angaben zum Nachlass finden Sie hier.

Literatur

Hans Hautmann: Geschichte der Rätebewegung in Österreich 1918-1923 (1987); Rudolf G. Ardelt: Friedrich Adler (1984); J. Blackmore, R. Itagabi, S. Tanaka (Hg.): Ernst Mach’s Vienna 1895-1930 (2001) S. 27-60; Friedrich Adler: Vor dem Ausnahmegericht. Das Attentat gegen den Ersten Weltkrieg. Hgg. von Michaela Maier und Georg Spitaler, Wien 2016.

Eintrag bei dasrotewien.at, Eintrag bei wien.gv.at, Michael Prüller: Friedrich Adler. Online bei: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Eintrag in: Michael Franzke, Uwe Rempe (Hrsg.) – Linkssozialismus, Texte zur Theorie und Praxis zwischen Stalinismus und Sozialreformismus (1998) [Online verfügbar], N.N.: Ein Mord. Bericht auf wien.gv.at.

(MA)

geb. am 15.1.1873 in Wien – gest. am 28.6.1937 in Wien; Soziologe, Philosoph, sozialdemokratischer Politiker, austromarxistischer Theoretiker

M.A., Sohn eines Kaufmanns aus assimilierter jüdischer Familie, studierte nach Ablegung der Matura von 1891 bis 1896 an der Universität Wien Rechtswissenschaften und wurde zum Dr. phil. promoviert. Bereits während des Studiums trat A. der Freien Vereinigung Sozialistischer Studenten bei, danach der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) Österreichs. 1903 begründete er mit Karl Renner und Rudolf Hilferding die Arbeiterbildungseinrichtung Zukunft, ab 1904 bis 1923 war A. mit Hilferding Herausgeber der Marx-Studien, die u.a. seine Ideen zu einer Theorie vom wissenschaftlichen Sozialismus verbreiteten, u.a. über die  bei Dietz erschienene Studie Marxistische Probleme. Beiträge zu einer Theorie der materialistischen Geschichtsauffassung und Dialektik (1913). 1907 war er Mitbegründer der Gesellschaft für Soziologie. Trotz Zugehörigkeit zur sog. Parteilinken und Sympathien für das Rätesystem zählte M. A. 1918/19 zu jenen Stimmen in der SDAP, die rhetorisch zwar klassenkämpferisch argumentierten, in der politischen Praxis jedoch pragmatisch und reformistisch agierten, z.B. als Funktionär des Wiener Arbeiterrates 1919-1920, als Landtagsabgeordneter für Niederösterreich 1919-21 und als Gemeinderat für Wien-Floridsdorf bis 1923. 1919 habilitierte sich Adler in Gesellschaftslehre (die erste Lehrbefugnis dieser Denomination in Österreich) an der Universität Wien, war jedoch vor allem in den Einrichtungen der Sozialistischen Bildungszentrale, in der 1926 begründeten Arbeiterhochschule, im programmatischen Organ Der Kampf sowie als Mitarbeiter der Arbeiter-Zeitung tätig. Von großer Wirkung war seine Schrift Neue Menschen. Gedanken über sozialistische Erziehung (1924) sowie seine Mitarbeit an der Formulierung des austromarxistischen Linzer Programms von 1926, insbesondere des umstrittenen Konzepts der „demokratischen Herrschaft des Proletariats“. Hermann Broch dagegen schätzte seine Marx-Studien wegen der „Reinheit der methodischen Prinzipien“ und der Verbindung zu positivistischen Theoretikern wie Ernst Mach, so in einer Besprechung der Schriften Marx als Denker bzw. Engels als Denker (beide 1921). 1928-1931 fungierte A. auch als Mitherausgeber der Berliner Zeitschrift Der Klassenkampf.  Im Februar 1934 wurde er im Zuge des Bürgerkriegs kurzzeitig verhaftet, durfte aber danach sogar seine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen, wohl weil er sich bereits seit 1933 aus den Führungsgremien der SDAP zurückgezogen hatte. In seiner letzten größeren Schrift Das Rätsel der Gesellschaft (1936) bemühte er sich nochmals um eine Synthese zwischen seiner von Kant und Marx geprägten idealistischen Gesellschaftstheorie.


Weitere Werke

Zur Diskussion des neuen Parteiprogramms. In: Der Kampf 11/1926.

Wegweiser. Studien zur Geistesgeschichte des Sozialismus (1914); Demokratie und Rätesystem (1919); Klassenkampf gegen Völkerkampf! Marxistische Betrachtungen zum Weltkriege (1919); Die Staatsauffassung des Marxismus. Ein Beitrag zur Unterscheidung von soziologischer und juristischer Methode (1922); Fabrik und Zuchthaus. Eine sozialhistorische Untersuchung (1924); Das Soziologische in [Immanuel] Kants Erkenntniskritik. Ein Beitrag zur Auseinandersetzung zwischen Naturalismus und Kritizismus (1924); Kant und der Marxismus. Gesammelte Aufsätze zur Erkenntniskritik und Theorie des Sozialen (1925), Der Arbeiter und sein Vaterland. Marxistische Bemerkungen über bürgerliches und proletarisches Wehrsystem (1929); Lehrbuch der Materialistischen Geschichtsauffassung (Soziologie des Marxismus, 1930–1932, 2 Bände; bearb. Neuausg. 1964); Ausgewählte Schriften. Hg. von Alfred Pfabigan und Norbert Leser (Wien: 1981)

Literatur

Alfred Pfabigan: Max Adler. Eine politische Biographie (1982), Robert Kriechbaum: Die großen Erzählungen der Politik (2001), 109f., Reinhard Müller: Max Adler (2007) (Online verfügbar), Axel Rüdiger: M. Adler. In: R. Voigt, U. Weiß (Hgg.): Handbuch Staatsdenker (2010, 11-13); Peter Goller: Otto Bauer-Max Adler. Beiträge zur Geschichte des Austromarxismus (2008)

Reinhard Müller: Max Adler. In: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich.

Eintrag bei dasrotewien.at.

(PHK)

Geb. 4.4. 1878 in Prag (k.k. Österreich-Ungarn), gest. 8.6.1946 in Zbraslaw/Praha (Tschech. Republik). Schriftsteller, Publizist, Übersetzer.

Als zweites Kind in eine jüdische Kaufmannsfamilie in Prag geboren, besuchte er dort das deutsche K.k. Staats-Obergymnasium Am Graben, studierte an der Prager deutschen Karlsuniversität Jus und promovierte ebendort im Jahr 1901. Durch mehrere Semester hindurch fungierte er als Schriftführer und Obmann der Abtheilung für Literatur und Kunst der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag. Zugleich befreundete er sich mit Martin Buber sowie dem zionistischen Kreis um Hugo Bergmann, ohne sich ihm anzuschließen. Ab 1903 brach er zu einer jahrelangen Wanderschaft durch Europa auf, begleitet von seinem Verleger und Freund Jakob Hegner. In der Nähe von Florenz, einem Treffpunkt der Boheme, lernte er 1908 seine Lebensgefährtin, Anna Kühn (geb. Dušik; 1874–1950), kennen, mit der er seit 1910 zusammenlebte und ab 1925 verheiratet war. 1911 übersiedelten Adler und Kühn nach Berlin, wo Adler Anschluss an den Autorenkreis der Neuen Blätter gewann, insbesondere an Carl Einstein. 1912 folgte als nächste Etappe die Entscheidung, sich der Künstlerkolonie in Hellerau (bei Dresden) anzuschließen, wo ihn u.a. Franz Kafka besuchte und zwischen 1914 bis 1916 seine wichtigsten literarischen Werke ElohimNämlich und Die Zauberflöte entstanden, für die er 1917 den Fontane-Preis erhielt. Als überzeugter Pazifist konnte er sich der Einberufung zum Kriegsdienst durch ein ärztliches Attest, das ihm psychische Störungen bescheinigte, entziehen. –  Während der Dresdner Novemberrevolution wurde Adler allerdings politisch aktiv: er schloss sich der USPD an und war Gründungsmitglied einer Sozialistischen Gruppe geistiger Arbeiter, der u.a. Camill Hoffmann und Friedrich Wolf angehörten und wirkte mit dem von Otto Rühle geführten Arbeiter- und Soldatenrat zusammen. 1921 übersiedelte Adler mit seiner Familie für kurze Zeit in die eben gegründete Tschechoslowakische Republik und arbeitete als Feuilletonist für die von Präsident T.G. Masaryk gegründete linksbürgerliche Zeitung Prager Presse. 1923 gab er diese Tätigkeit wieder auf und kehrte nach Hellerau zurück, wo er sich, sprachenkundig, vor allem dem Übersetzen widmete. Nach einem Überfall der SA auf seine Wohnung musste Adler im März 1933 aus Deutschland fliehen. Den Holocaust überlebte er – seit einem Schlaganfall im Juli 1939 halbseitig gelähmt – durch die Hilfe seiner Frau in einem Versteck bei Prag.

Weitere Werke:

Materialien und Quellen:

Ludo Abicht: Paul Adler, ein Dichter aus Prag. Wiesbaden 1972; Jürgen Egyptien: Mythen-Synkretismus und apokryphes Kerygma. P. Adlers Werk als Projekt einer Resakralisierung der Welt. In: Klaus Amann, Armin A. Wallas (Hgg.): Expressionismus in Österreich. Die Literatur und die Künste. Böhlau, Wien 1994, S. 379–395; Erich Kleinschmidt: Schreiben auf der Grenze von Welt und Sprache. Radikale Poetik in Paul Adlers „Nämlich“ (1915). In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Band 73, Nr. 3 (1999), S. 457–477.

(PHK, in Vorbereitung)

geb. am 8.3.1874 in Graz – gest. am 29.7.1957 in Lienz (Grabstätte in Sillian); Radiopionier, Offizier, Redakteur

Anderle entwickelte nach dem vorzeitig abgebrochenen Besuch einer Realschule in Wien und dem Übertritt in die Pionierkadettenschule in Hainburg sehr früh Interessen für technische Neuerungen und avancierte bald nach seinem Eintritt in das Eisenbahn- und Telegraphenregiment 21 zu dessen technischem Leiter; 1911-12 wurde er Kommandant dieser Truppe. Im Ersten Weltkrieg ab 1915 Leiter verschiedener Radiostationen, ab 1917 Leiter des Radiodienstes des k.k. Heeres; hauptsächlich im Heereskommando Tirol stationiert. Nach Kriegsende wurde A. 1920 ins Heeresministerium übernommen und mit verschiedenen Aufgaben beim Aufbau der Fernmeldetruppen betraut, seit 1923 im Rang eines Oberst.

1924 begründete er die Zs. Radiowelt, das führende Organ der Radiodiskussion in technischer wie kultureller Hinsicht im Österreich der Zwischenkriegszeit. Trotz Divergenzen hatte A. gute Verbindungen zur RAVAG, in deren Beirat er Redakteure seiner Zeitschrift entsenden konnte. Anderle bemühte sich um 1925 um die Erlangung einer eigenen Sende-Lizenz für die Radioamateure im Umfeld der Radiowelt und gründete dazu eigens den Österreichischen Versuchsendeverband (ÖVSV), dem der 1926-1932 auch vorstand. 1931 schied Anderle vorzeitig und freiwillig aus dem Heeresdienst aus.

Er verfasste auch zwei lehrbuchartige Publikationen: Lehrbuch der drahtlosen Telegraphie und Telephonie (Leipzig-Wien 1911, 51921) sowie Radiokurzwellen und ihre Eigenschaften (Wien 1931)


Quellen und Dokumente

Radiofreiheit! In: Radiowelt, 23.3.1924.

Literatur

Johann Prikowitsch: Ing. Franz Anderle. Ein
österreichischer Funkpionier. In: Franz Pichler, J. Prikowitsch (Hgg.):
Aufsätze zur Radio- und Funktechnik (2012), 134-152; Primus-Heinz
Kucher, Rebecca Unterberger: »akustisches Drama«. Radioästhetik, Kultur
und Radiopolitik in Österreich 1924-1934. (2013).

Dokumentationsarchiv Funk: Geschichte des österreichischen Amateurfunks,

(PHK)

geb. als Martin Andersen am 26.6.1869 in Christianshavn, Kopenhagen – gest. am 1.6.1954 in Dresden; Lehrer, Journalist, Schriftsteller

M. A. wuchs als Sohn eines Steinhauers in Kopenhagen und später in Nexø auf Bornholm auf und kam als Maurergehilfe früh mit dem Sozialismus in Berührung. A. besuchte als Anhänger der Grundtvig-Bewegung die Volkshochschulen in Bornholm und später in Askov, um 1897 selbst Lehrer zu werden. Auf das geistige Erweckungserlebnis folgten erste publizistische und schriftstellerische Arbeiten als M. A. Nexø, 1894-1896 unternahm er nach einer Tuberkuloseerkrankung Erholungsreisen nach Italien und Spanien. Seit 1901 vertrat A. als freier Schriftsteller neben Johan Skjoldborg (1861-1936) und Jeppe Aakjær (1866-1930) die sozial-agitatorische dänische Heimatliteratur. 1906 bis 1910 erschien der dem späteren Nobelpreisträger Henrik Pontoppidan gewidmete vierbändige Roman Pelle Erobreren. Als einen Gegenentwurf verfasste A. unter dem Einfluss der russischen Revolution von 1917 mit dem fünfbändigen Ditte Menneskebarn einen weiteren Bildungsroman, der die Entwicklung der Frauenfigur Ditte zeigt. 1919 trat A. von der dänischen Socialistisk Arbejderparti zur Venstresocialistisk Parti über, die 1920 in der Danmarks Kommunistiske Parti aufging.

Nach einer ersten, von Willi Münzenberg organisierten Russlandreise zum Vierten Kongress der Kommunistischen Internationale 1922, die zum Bruch mit Reisebegleiter George Grosz führte, folgte die Übersiedlung nach Allensbach am Bodensee und Dresden (bis 1930). A. publizierte zunächst im Vorwärts-, später im Malik-Verlag und pflegte – auch als Mitglied des PEN-Clubs – Kontakt zum vorrangig gemäßigten und radikalen linken Spektrum des deutschsprachigen Geisteslebens, etwa zu Erwin Ackerknecht, Johannes R. Becher, Gregor Gog, Erich Grisar, Hans Ludwig Held, Erich Mühsam, Wilhelm Rudolph, Wieland Herzfelde und Bertolt Brecht, der ausgewählte Werke A.s übersetzte. Seit 1919 erschienen wiederholt Abdrucke in Die Rote Fahne in Wien, sein Reisebericht über Russland wurde als „vielleicht das erste wahrhaft große Buch über Sowjet-Rußland“ (Julius Epstein) rezensiert. Fritz Rosenfeld bezeichnete A. 1923 in Der Kampf als „den sozialen Dichter par excellence“, 1929 zierte A. anlässlich seines sechzigsten Geburtstags das Cover der Zs. Bildungsarbeit und las vor 500 Zuschauern in der Wiener Urania, das Kleine Blatt druckte den Roman Familie Frank. In der IVRS wirkte A. als Literarischer Beirat sowie 1931-35 im Redaktionsbeirat der Zeitschrift Internationale Literatur.

Im Zweiten Weltkrieg nach kurzzeitiger Internierung in Dänemark Ausreise über Schweden in die Sowjetunion, über Dänemark und Radebeul 1951/52 Rückkehr nach Dresden. In der DDR wurde A., 1950 vom dänischen PEN-Club für den Literaturnobelpreis nominiert und neben Hans Christian Andersen der meistübersetzte Schriftsteller Dänemarks, als Heimatschriftsteller verehrt und ausgezeichnet.


Weitere Werke (Auswahl)

Mod dagningen. Skildringer fra Rusland, 1923 (dt.: Dem jungen Morgen zu. Schilderungen von einer Russlandreise, 1923), Midt i en Jærntid, 1929 (dt.: Im Gottesland, 1929), Erindringer, 1932-39 (dt.: Erinnerungen, 1949), To verdener. Tanker og Indtryk fra en Ruslandsrejse, 1934 (dt.: Zwei Welten. Schilderungen von Reisen in die Sowjetunion, 1955), Morten hin Røde, 1945 (dt.: Morten der Rote, 1949)

Quellen und Dokumente

Von M. A. N.: Der Gott des leeren Zeremoniells. In: Arbeiter-Zeitung, 27.4.1919, S. 2, Eine Hinrichtung. In: Die Rote Fahne, 20.8.1922, S. 3, Das Proletariat und die Kunst. In: Die Rote Fahne, 14.12.1922, S. 2, Stine Menschenkind. In: Arbeiterwille, 19.10.1924, S. 5f. [als Fortsetzungsroman bis 4.4.1925], “Pelle der Eroberer” kein autobiographischer Roman?!. In: Die Rote Fahne, 30.7.1927, S. 6f., Familie Frank. In: Das Kleine Blatt, 23.6.1929, S. 15, Der graue Mann. In: AZ, 31.8.1930, S. 11f.

Josef Luitpold Stern: Stine Menschenkind. In: Der Kampf XII (1919), H. 11, S. 391f., Hermann Broch: M. A. N.: Die Familie Frank. In: Moderne Welt (1921/22), H. 2, S. 35f. Abgedruckt in: H. B.: Schriften zur Literatur I: Kritik (1975), 373f, Fritz Rosenfeld: M. A. N. In: Der Kampf XVI (1923), H. 11, S. 377-383, F. R.: M. A. N. Zu seinem 60. Geburtstag am 26. Juni 1929. In. Bücherschau. Beilage zu Bildungsarbeit XVI (1929), S. 43-45, Julius Epstein: Rez. zu: „Dem jungen Morgen zu.“ In: Die Rote Fahne, 26.3.1924, S. 2f., Leo Lania: Dichter für das revolutionäre Proletariat. In: Arbeiter-Zeitung, 20.4.1925, S. 5, N.N.: M. A. N. Zum sechzigsten Geburtstag des proletarischen Dichters. In: Die Rote Fahne, 29.6.1929, S. 4, N.N.: N.s erster Wiener Arbeitervortrag. In: Arbeiter-Zeitung, 17.11.1929, S. 11.

Literatur (Auswahl)

Bo Elbrønd-Bek: Martin Andersen Nexøs barndomstraume og
de politiske følgevirkninger (2012), Franz Hammer: Martin Andersen Nexö. Sein Leben in Bildern (1963), Aldo Keel: Martin Andersen Nexo – der trotzige Däne. Eine Biographie. (2004), Hanne Marie, Werner Svendsen:
Geschichte der dänischen Literatur, S.
395-407 (1964), Fritz Paul (Hg.): Grundzüge der neueren skandinavischen
Literatur, S. 219-221 (1982), Henrik Yde: Nexø, Martin Andersen [dänischer Lexikoneintrag]

(ME)

auch Ernest Angel, geb. am 11.8.1894 in Wien – gest. am 10.1.1986 in New Jersey; Schriftsteller, Kritiker, Verleger, Drehbuchautor, Filmregisseur, Psychoanalytiker, Exilant

Aus: Die Botschaft (1920)

Angel wurde nach der älteren Schwester Dora (in erster Ehe mit Otto Soyka verh.) als zweites Kind des Papierfabrikanten Siegfried A. und dessen Ehefrau Ilona in ein liberales jüd. Elternhaus hineingeboren. Seit 1905 besuchte er das k.k. akademische Gymnasium in Wien, wechselte dann an das Franz-Joseph-Real-Gymnasium und das k.k. Staatsgymnasium, ebenfalls in Wien. Die Reifeprüfung legt er 1914 allerdings am k.k. Gymnasium in Brünn ab. Zu Kriegsausbruch meldete sich Angel als Freiwilliger u. verbrachte die Jahre bis 1918 an verschiedenen Kriegsschauplätzen, um Ende 1918 als mehrfach ausgezeichneter Oberstleutnant aus der Armee im Zuge der Demobilisierung entlassen zu werden. Noch als Offizier begann er sich der Sozialdemokratie anzunähern, insbes. Viktor Adler. Nach dessen Tod fand er in Gustav Landauereine wichtige Referenzinstanz, begann in Wien das Studium der Philosophie und in Zs. wie Der Friede, Die Aktion, Die Wage, Die neue Schaubühne u.a.m. Lyrik und Essays zu veröffentlichen. 1920 erschien Angels Sturz nach oben, eine Sammlung von einunddreißig spätexpressionistischen Gedichten, von denen etliche auch in die von E. A. Rheinhardt hgg. Anthologie Die Botschaft Eingang fanden, so z.B. das Gedicht In memoriam Gustav Landauer, zugleich das Eröffnungsged. dieser Anthologie, das zuvor bereits in der Zs. Die Aktion erschienen war. Im selben Jahr war Angel kurz als Lektor im Berliner Erich Reiss Verlag tätig; Mitte 1922 wechselte er in die Dienste des Kiepenheuer Verlags und zwar als Herausgeber der Reihe ›Der Musterfilm‹ (mit H. 1 über Carl Mayer), die 1924 unter dem Titel ›Das Drehbuch‹ neuerlich angekündigt wurde, u. war Verfasser einer kleinen Schrift zum Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters (so H. Bahr im NWJ, 10.6.1923, 8).

1923 heiratete er Dussia Efrika, doch die Ehe wurde 1925 wieder geschieden; Angel hielt sich vorwiegend in Berlin auf, während seine Frau in Wien lebte. Im selben Jahr erschien im Prager Tagbl. eine Artikelserie über den Erfinder Thomas A. Edinson, aus der 1926 ein Buch, gedachtals Jugendbuch u. veröffentlicht im eigens gegründeten Verlag E. Angel, entstand ein Buch, das u.a. E. Descovich in der NFP begrüßte. Über Edison publizierte Angel fortan auch in versch. Wiener Ztg.; 1927 heiratete er die Literaturwissenschaftlerin und Historikerin Johanna (Hanne) Lehmann in zweiter Ehe. 1928 produzierte er nach dem ersten Dokumentarfilm Zeitbericht – Zeitgesicht (Kamera: A. V. Blum, Produzent: W. Münzenberg) den abendfüllenden Film Emden III fährt um die Welt u. verlegte in Berlin verschiedene Sachbücher zu Alltagsthemen (Mode, Essen, Sport). 1929 gründete er die „Erdeka Film-GmbH“ in Berlin gemeins. mit dem österr. (späterbritischen) Filmemacher Georg M. Hoellering u. produzierte 1930-31 die Filme Jagd auf Dich und Freude am Körper. 1932, nach zuvor erfolgtem Ausstieg aus der Erdeka-Film, kehrte Angel nach Wien zurück. Frei nach H. v. Kleist produzierte er dort 1934 den Film Der Zerbrochene Krug, der als einziger österr. Beitrag beim Internationalen Tonfilmwettbewerb im Rahmen der Wiener Festwochen prämiert u. später auch ins Englische übertragen wurde. 1935 trat er als Referent an Wiener Volkshochschulen mit einem Vortragszyklus Wir lernen Filmsehen auf u. wurde dabei mit V. Matejka bekannt. Mit ihm, A. Hauser, E. Krenek u.a. Proponenten zählte er 1936 zuden Begründern der ›Gesellschaft der Filmfreunde Österreichs‹, der er ab 1937 vorstand.

Nach der Okkupation Österreichs durch das NS-Deutsche Reich wurde Angel, der zunächst unbehelligt blieb, im November 1938 im Zuge eines Aufenthalts bei seiner Frau in Berlin verhaftet und ins KZ Sachsenhausen eingesperrt, aus dem er nach fünfwöchiger Haft nach wieder frei kommen konnte. Am 31.3. 1939 konnte er schließlich Berlin Richtung Großbritannien verlassen, wo er auf seinen Jugendfreund Flesch-Brunningen traf. 1940 emigrierte er nach New York, wo ihn sein Schwager Heinrich E. Jakob, der von 1933 bis 1938 in Wien gelebt hatte, zunächst aufnahm. Mit ihm gründete er 1941 das Komitee ›Friends of the European Writers and Artists in America‹, in dem bedeutende internat. Emigranten wie Jules Romain, H.W. Auden, C. Zuckmayer und die Österreicher R. Auernheimer oder B. Viertel mitwirkten. Angels Bemühungen, in den USA im Filmbereich Fuß zu fassen, blieben dagegen ohne Erfolg, weshalb er sich mitversch. Hilfsarbeiten durchschlagen musste. Ab 1947 begann er sich derPsychologie, ab 1951 auch der Psychoanalyse, zuzuwenden, begann ein Studium, das er an der School for Social Research 1954 abschloss, um danach als Psychologe am Institute for Motivational Research in New York zu arbeiten. 1965 schloss Angel einundsiebzigjährig seine psychoanalyt. Studien an der New Yorker Universität mit der Promotion(Ph.D.) ab u. arbeitete dabei seit den späten 1950er Jahren u.a. mit Rollo May zusammen. 1973-1975 wurde er zum Präsidenten des ›Council of Psychoanalytic Psychotherapists‹ gewählt.


Quellen und Dokumente

Edison, der Ahasver der Telegraphie. In: Wiener Morgenzeitung, 23.3.1927, S. 3, Das Geheimnis des Tonfilms. In: Das Kino-Journal, 20.6.1931, S. 8f., Österreicher im deutschen Film. In: Neue Freie Presse, 31.7.1932, S. 12.

Ein Blick ins Atelier. In: Prager Tagblatt, 15.10.1922, S. 20, Neue Filmliteratur. In: Der Filmbote, 9.2.1924, S. 21, Vom Zeitungsjungen zum Erfinderkönig [zu Th. A. Edison]. In: Prager Tagblatt, 7.11.1925, S. 3, Emo Descovich: Thomas Alva Edison. Zu seinem 80. Geburtstag. In: Neue Freie Presse, 8.2.1927, S. 11, Gutes Essen – der modernste Sport. In: Moderne Welt 10 (1929), H. 15, S. 12, P.: Erster Abend der Gesellschaft der Filmfreunde. In: Der Wiener Film, 16.2.1937, S. 3.

Literatur

Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 4: Bibliographien. Schriftsteller, Publizisten und Literaturwissenschaftler in den USA, herausgegeben von John M. Spalek, Konrad Feilchenfeldt, Sandra H. Hawrylchak. Bern-München 1994, 81-83 (weitgehend vollst. Bibl. auch der Zs.-Drucke).

Eintrag bei filmportal.de.

(PHK)