geb. 16.11.1894 Tokio, Japan –  gest. 27.7.1972 Schruns, Vorarlberg, Österreich; Schriftsteller, Politiker

1894 als Sohn des österreich-ungarischen Diplomaten Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi und dessen aus wohlhabendem Hause stammender japanischer Ehefrau Mitsuko Aoyama in Tokio geboren, wuchs C.-K. ab seinem zweiten Lebensjahr auf dem westböhmischen Familiengut Ronsberg (heute Poběžovice, Tschechien) auf. Der kosmopolitische und philosophisch äußerst bewanderte Vater, dessen Haus stets Treffpunkt von Adeligen, Diplomaten, Gelehrten und Geistlichen gewesen war, starb früh. Nach seiner Matura am Wiener Theresianum absolvierte C.-K. ein Geschichte- und Philosophie-Studium in Wien und München, das er 1917 mit der Promotion zum Doktor der Philosophie abschloss. In diese Zeit fiel auch die Hochzeit mit der um dreizehn Jahre älteren und bereits geschiedenen Schauspielerin Ida Roland, was kurzzeitig zu einem Bruch mit der Familie führte. Über seine Frau lernte C.-K. eine Vielzahl von Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen verschiedenster Weltanschauungen kennen; ein Umstand, der sich prägend auf seine philosophischen wie auch politischen Ansichten auswirken sollte. C.-K. begann als freier Schriftsteller zu arbeiten und publizierte u.a. in den Literaturzeitschriften Neue Rundschau und Neuer Merkur.

Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie erhielt er – seinem Wohnsitz entsprechend – die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, sah sich selbst jedoch zeitlebens „als Bürger einer neuen und größeren Gemeinschaft“, als „Bürger des aufgehenden Völkerbundes.“ (Coudenhove, Ein Leben, S. 93). Unter dem Eindruck der Gräuel des Ersten Weltkriegs – er selbst war aus gesundheitlichen Gründen vom Kriegsdienst freigestellt gewesen – und des wachsenden Nationalismus beschäftigte sich C.-K. intensiv mit Ideen für eine friedliche Zukunft des Kontinents. Am 17. November 1922 erschien in der Neuen Freien Presse ein Artikel, in dem C.-K. seine Paneuropa-Idee erstmals öffentlich umriss und klarstellte, dass Europa „von Portugal bis Polen“ künftig vor der Wahl stehe, sich zusammenzuschließen oder „noch im Laufe dieses Jahrhunderts politisch, wirtschaftlich und kulturell zugrunde [zu] gehen.“ (NFP, 17.11.1922, S. 2). Ein vereintes Europa, so seine Überzeugung, sei nur unter Ausschluss von Großbritannien und Russland denkbar; ersteres bilde aufgrund seiner außereuropäischen Besitzungen ein Weltreich für sich, zweiteres habe sich für den Bolschewismus entschieden und stehe zudem „kulturell außerhalb von Europa“. Als „[d]as größte Hindernis für die Bildung Paneuropas“ sah er „die deutsch-französische Rivalität“; beide Länder müssten endlich auf „ihre Hegemonieansprüche verzichten“ und „sich in den Dienst ihres gemeinsamen größeren Vaterlandes stellen“ (NFP, 17.11.1922, S. 2).

1923 publizierte er das unter wesentlicher Mithilfe seiner Frau entstandene Buch Paneuropa (Übersetzung ins Englische 1926, ins Französische 1927, in der Folge u.a. auch ins Tschechische, Kroatische, Spanische und Japanische), das als langfristiges Ziel die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“ propagierte.  Um seine Botschaft zu verbreiten, verschickte er in Folge Tausende von kostenlosen Exemplaren an Politiker, Wirtschaftstreibende und andere einflussreiche Persönlichkeiten in ganz Europa.

Ebenfalls 1923 gründete C.-K. mit der „Paneuropa-Union“ mit Sitz in Wien die erste europäische Einheitsbewegung. Sie setzte sich aus zahlreichen Ländergruppen zusammen und konnte neben Ignaz Seipel und Karl Renner u.a. auch Konrad Adenauer, Albert Einstein und Thomas Mann und zu ihren Unterstützern zählen. Die Finanzierung erfolgte einerseits über Mitgliedsbeiträge und Spenden, andererseits aus dem Privatvermögen des Gründers. Ihren ersten Kongress hielt die „Paneuropa-Union“ 1926 in Wien ab; in der Schlusserklärung forderte sie langfristig den „Abbau der europäischen Grenzen, die ein Hindernis des Friedens und der wirtschaftlichen Entwicklung“ wären, sowie die Schaffung eine[r] europäische[n] Wirtschaftsgemeinschaft“ (AW, 7.10.1926, S. 3). Als publizistisches Medium zur Verbreitung des paneuropäischen Gedankens wurde 1924 die periodisch erscheinende Zeitschrift Paneuropa gegründet, die C.-K. selbst herausgab.

Von sozialdemokratischer Seite wurde die paneuropäische Idee grundsätzlich befürwortet, gleichzeitig aber befürchtet, der Gedanke eines vereinten Europa sei ein geschickter Schachzug des Kapitalismus, um dessen Herrschaft auszuweiten. Auf Ablehnung stieß das Konzept bei den erstarkenden Nationalsozialisten, die die Paneuropa-Union nach Hitlers „Machtergreifung“ in Deutschland verboten. C.-K.s Versuche, in den frühen 1930er Jahren den faschistischen Diktator Benito Mussolini für sein Projekt zu gewinnen, sind vor dem Hintergrund der Bedrohung Österreichs durch das NS-Regime zu sehen, speisten sich zum Teil aber auch aus einer persönlichen Bewunderung C.-K.´s für Mussolinis autoritären Politikstil.

1938 floh C.-K. gemeinsam mit seiner jüdischstämmigen Frau zunächst in die Schweiz, dann nach Frankreich, von wo aus er 1940 die Reise ins US-Exil antrat. Von New York aus bemühte er sich gemeinsam mit Otto von Habsburg vergeblich um die Schaffung einer österreichischen Exil-Regierung. Er kehrte 1946 nach Europa zurück, reaktivierte die „Paneuropäische Union“ und blieb bis zu seinem Tod ein Vorkämpfer der europäischen Idee.


Literatur

Walter Göhring, Richard Coudenhove-Kalergi. Ein Leben für Paneuropa, Wien 2016; Verena Schöberl, „Es gibt ein großes und herrliches Land, das sich selbst nicht kennt … Es heißt Europa.“ Die Diskussion um die Paneuropa-Idee in Deutschland, Frankreich und Großbritannien 1922-1933, Berlin 2008; Anita Ziegerhofer-Prettenthaler, Botschafter Europas. Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi und die Paneuropa-Bewegung in den zwanziger und dreißiger Jahren, Wien u.a. 2004;

Quellen und Dokumente 

Richard Nikolaus Coudenhove-Calergi, Paneuropa. Ein Vorschlag. In: NFP, 17.11.1922, S. 2f; Desiderius Papp, Die Wunderinsel: Paneuropa. In: Neues Wiener Journal, 1.12.1923, S. 8f; Der Schwindel der nationalen Gegensätze. In: AZ, 6.11.1923, S. 7; Krise in der Paneuropäischen Union. In: Kleine Volkszeitung, 4.12.1928, S. 8; Pan-Europa in Wien. In: Die Rote Fahne, 30.9.1926, S. 1f; Das Paneuropäische Manifest. In: Reichspost, 2.6.1924, S. 6; Ein Friedensmanifest in Zahlen. In: Arbeiterwille, 19.8.1926, S. 2; Die Schlusssitzung des Paneuropäischen Kongresses. In: Arbeiterwille, 7.10.1926, S. 3; Richard Nikolaus Coudenhove-Calergi, Die europäische Nation. In: Neues Wiener Journal, 8.10.1923, S. 3; Paneuropa-Zeitschrift. In: Pilsner Tagblatt, 10.12.1928, S. 4; Auftakt zum ersten Paneuropa-Kongress. In: Neues Wiener Journal, 25.9.1926, S. 4; Pan-Europa. In: Prager Tagblatt, 4.7.1924, S. 4; Richard Nikolaus Coudenhove-Calergi, Die Aristokratisierung der Menschheit. In: Neues Wiener Journal, 5.11.1922, S. 4f; Richard Nikolaus Coudenhove-Calergi, Geldherrschaft. In: Neues Wiener Journal, 21.12.1921, S. 12f; Wien als Welthauptstadt. In: Deutsches Volksblatt, 18.11.1920, S. 6; Stalin & Co. In: Reichspost, 14.11.1931, S. 4.

Werke (Auswahl):

Europa erwacht! (1923); Krise der Weltanschauung (1923); Kampf um Paneuropa, 3 Bde. (1925-1928); Stalin & Co. (1931); Die Europäische Nation (1953); Ein Leben für Europa, Lebenserinnerungen (1966); Weltmacht Europa (1971).

 (MK)