Geb. 13.10.1871 in Wien, gest. 4.5. 1950 in New York.

Arzt, Psychoanalytiker, Exilant

Federn wuchs in einer Familie auf, die zuvor vorwiedend in Böhmen und Prag ansässig und jüdischer Zugehörigkeit war; erst sein Vater Salomon Bunzl-Federn übersiedelte Mitte der 1860er Jahre nach Wien. Paul F. war der jüngere Bruder von Karl und Walther Federn, nach ihm wurden noch drei weitere Geschwister geboren, darunter als jüngste die Schriftstellerin, Spanienkämpferein und frühe Feministin Marietta Federn. Nach erfolgreicher Absolvierung eines Medizinstudiums an der Univ. Wien eröffnete er 1902 eine eigene Praxis. 1903 wurde er mit Sigmund Freud bekannt, bald auch befreundet, interessierte sich sofort für seine Arbeiten und wirkte von Beginn an in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) mit. Im Weltkrieg diente er als Militärarzt; 1918-19 setzte er sich mit dem Zusammenbruch der Monarchie und der sie tragenden Gesellschaft in der bahnbrechenden Studie Zur Psychologie der Revolution: Die vaterlose Gesellschaft (1919) auseinander und wandte sich in der Folge der österr. Sozialdemokratischen Partei zu, in deren Volkshochschulen er Kurse, insbes. zu Aspekten der Hygiene des Geschlechtslebens, hielt und deren Reformprogramm er, seit 1921 auch als Kommunalpolitiker, teilte. In den Folgejahren trat er auch als Referent sowohl auf den Tagungen der Internationalen Psychoanalytischen Kongresse hervor als auch auf den Weltkongressen für Sexualreform, insbes. am IV. des Jahres 1930. 1926 legte er das in vielen Auflagen nachgedruckte Werk Das psychoanalytische Volksbuch vor; im selben Jahr wurde er Mitherausgeber der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse. 1938 war er gezwungen Österreich zu verlassen und baute sich in New York nochmals eine Existenz als Psychoanalytiker auf. In den USA nahm er mit Hermann Broch Kontakt auf; dieser entwickelte sich Mitte 1939 und war dem Austausch über Themen wie Massenwahntheorie, Weltbürgertum und Verteidigung der Menschenrechte gewidmet, aber bald auch privaten Beziehungsverstrickungen des Schriftstellers und psychologischen Fragen. Ferner richtete er ein Freud-Leseseminar ein; aus dem die Paul Federn Study-Group hervorging, die von Oktober 1950 bis April 1960 Bestand hatte. Sein Sohn Ernst (1914-2007) wurde hingegen von der Gestapo verhaftet, ins KZ Dachau verbracht und von dort im Sept. 1938 ins KZ Buchenwald, das er u.a. als Lagermaurer überleben konnte.

Weitere Werke:

Hygiene des Geschlechtslebens für den Mann (1930); Gesundheitspflege für Jedermann. Heft 1–2 (1930); Ichpsychologie und die Psychosen (1956; Neuaufl. 1978, Suhrkamp).

Materialien und Quellen:

Digitalisat Zur Psychologie der Revolution. Die vaterlose Gesellschaft.

Nachlass: ÖNB (Austrian National Library): hier.

Biographie Ernst Federn.

H. Broch: Die Briefe an Paul Federn. 1939-1949. Frankfurt 2007.

(PHK, Work in Progress)