Am 16. Februar 1919, rund drei Monate nach Ausrufung der Republik, fanden die  Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung für Deutsch-Österreich statt, aus der die Sozialdemokraten (SDAP) mit 72 Mandaten als stärkste Kraft hervorgingen. Bereits ein Monat später trat der neue Staatskanzler Karl Renner an die Spitze einer sozialdemokratisch-christlichsozialen Koalitionsregierung, die vor dem Hintergrund des politischen, sozialen und ökonomischen Umbruchs von 1918 bewusst die Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg in den Mittelpunkt stellte und sich dem „Primat der Ruhe und Ordnung“ verpflichtet sah (Hanisch, S. 269). 

Während innerhalb der sozialdemokratischen Partei der sozialreformerische Flügel dominierte, fand bei den Christlichsozialen nach und nach eine Machtverschiebung statt, in deren Verlauf sich der streitbare bürgerliche Flügel um Ignaz Seipel und Leopold Kunschak gegen die konsensbereiten bäuerlichen Kräfte um Jodok Fink durchzusetzte. Im Juni 1920 zerbrach die Koalition an den immer deutlicher hervortretenden ideologischen Gegensätzen zwischen den beiden Parteien; Auslöser war letzlich eine Anfrage der Großdeutschen im Zusammenhang mit dem Wehrmachtsgesetz. Dennoch gelang es den politischen Lagern, nach langwierigen Verhandlungen am 1. Oktober noch den Beschluss über die Bundesverfassung zu verabschieden.

Am 17. Oktober 1920 fanden die ersten Nationalratswahlen in Österreich statt. Die Christlichsozialen wurden mit 41,8 % der Stimmen zur stärksten Kraft, während die Sozialdemokraten mit 36 % auf Platz zwei landeten. Die Großdeutschen, ein Zusammenschluss aus vier Parteien, u. a. den Nationalsozialisten, konnten 17,3 % der Stimmen auf sich vereinen. 

Der Christlichsoziale Michael Mayr wurde am 20. November 1920 zum Bundeskanzler ernannt und übernahm vorübergehend auch die Führung des Staatsamtes für Äußeres. Das christlichsoziale Minderheitskabinett wurde in der Folge von den Großdeutschen gestützt, war bis 21. Juni 1921 im Amt und wurde anschließend von der Bundesregierung Schober I abgelöst. Die SDAP dagegen wechselte in die Opposition und sollte bis 1945 nicht mehr Regierungsmitglied sein.

Aufgrund der Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920, die über den Verbleib Südkärntens bei Österreich entschieden hatte, wurde die Nationalratswahl in Kärnten erst am 19. Juni 1921 nachgeholt. Das Burgenland, seit November 1921 Österreich zugehörig, wählte am 18. Juni 1922. In beiden Bundesländern konnten die Sozialdemokraten die meisten Stimmen erlangen.

Quellen und Dokumente

Zusammensetzung des Nationalrates in Mandaten, 1919-1934 [Online verfügbar]; Nationalratswahlen 1919-1930, in Prozenten und Mandaten [Online verfügbar]; Der Riss in der zweiten Koalition. In: Reichspost, 11.6.1920, 1-4; Demission der sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung. In: AZ, 11.6.1920, 1; Die Regierungskrise. In: Reichspost, 14.6.1920, 1; Auswahl an Reaktionen auf den Ausgang der Nationalratswahlen 1920 in der österreichischen Presse [Online verfügbar]; Ergebnisse der nachgeholten Nationalratswahl in Kärnten. In: WZ, 20.6.1920, 1; Ergebnisse der nachgeholten Nationalratswahl im Burgenland. In: WZ, 21.6.1921, 6.

Literatur

Herbert Dachs (Hg.), Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918-1933, Wien 1995; Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (Österreichische Geschichte 1890-1990), Wien 22005; Robert Kriechbaumer, Die großen Erzählungen der Politik: Politische Kultur und Parteien in Österreich von der Jahrhundertwende bis 1945, Wien, Köln, Weimar 2001. Hermann J. W. Kuprian, „Mayr, Michael“. In: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 565 f. [Online verfügbar]; Alfred Pfoser, Andreas Weigl, Die erste Stunde Null. Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922, Salzburg, Wien 2017; Gernot Stimmer, Eliten in Österreich, 1848-1970 (Studien zur Politik und Verwaltung, Bd. 57), Wien, Köln, Graz 1995; 

(MK)