Der Agis-Verlag wurde am 6.8.1924 gleichzeitig mit dem Verlag für Literatur und Politik (VLP) von KP-Mitglied Johannes Wertheim ins Wiener Handelsregister eingetragen. Er besaß auch in Berlin eine Zweigstelle. Anders als im VLP dominierte nicht politische oder agitatorische Literatur das Verlagsprogramm, sondern in erster Linie deutschsprachige Belletristik, häufig mit pazifistischer Ausrichtung. Insgesamt wurden zwischen 1924 und 1932 bei Agis 35 Titel publiziert, zunächst mit der Ortsangabe Wien, ab 1927 meist Wien-Berlin bzw. 1931/32 Berlin-Wien.

Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf Gegenwarts- und Unterhaltungsliteratur von Autoren wie Max Barthel, Johannes R. Becher und Ludwig Renn, daneben erschienen mehrere Russland-, China- und Afrika-Berichte sowie (zeit-)historische und aufklärerische Werke. Einige dieser Texte wurden in der Roten Fahne, dem Zentralorgan der KPÖ, als Fortsetzungsromane abgedruckt, u.a. Abenteuer in Florenz von Lawrence Desberry (1926), Erotik und Spionage in der Etappe Gent von Heinrich Wandt (1928), Ein Soldat der Revolution von F. C. Weiskopf (1929), Vaterlandslose Gesellen und Der große Betrug. Die Geschichte einer proletarischen Familie von Adam Scharrer (1930 bzw. 1932), ein Auszug aus Eine Frau reist um die Welt von Maria Leitner (1932) sowie Junge Leute in der Stadt von Rudolf Braune (1933).

Ähnlich wie beim Verlag für Literatur und Politik ist die Eigenständigkeit des Agis-Verlags durchaus umstritten. So gab Hans Holm, Berliner KPD-Verleger, an, der nach außen hin als unabhängig auftretende Verlag habe in Diensten der KPD bzw. des Moskauer Lenin-Instituts und der Kommunistischen Internationale agiert und Wertheim nur als „fiktiver“ Besitzer fungiert. So seien gezielt eine Reihe vordergründig parteiunabhängiger Verlage (u.a. auch der Malik-Verlag, der Neue Deutsche Verlag und der Internationale Arbeiter-Verlag) geschaffen worden, um auch ein bürgerliches Publikum zu erreichen. Werke mit geringer marxistischer Ausrichtung seien demnach bei Agis erschienen.


Literatur (Auswahl)

Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Ein biographisches Handbuch (2011), 343f., E. F., Stephan Füssel (Hg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Die Weimarer Republik 1918-1933, Teil 2 (2012), 117f., Wolfgang U. Schütte: Der Agis-Verlag Berlin und Wien. In: Marginalien 1987, H. 106, 64-74, Germaine Stucki-Volz: Der Malik-Verlag und der Buchmarkt der Weimarer Republik (1993), 157-187, Georges Wertheim: Die Odyssee eines Verlegers. In memoriam Dr. Johannes Wertheim (1888-1942). In: DÖW-Jahrbuch 1996, 204-229 [mit einer Bibliographie der in von Wertheim geführten Verlagen erschienenen Titel].

(ME)

Schon vor den Diskussionen über Formen politisch engagierten Theaters im Kontext des Politischen Kabarett taucht der Begriff Agitationstheater in feuilletonist. Texten über Russland auf, so z.B. 1923 in einem von R. Fülöp-Miller. Auch die Salzburger Wacht brachte am 15. Febr. 1927 einen Beitrag über die Zukunft des sowjetischen Theaters und verwies dabei u.a. auf die Leningrader Studiobühne, 1928 folgte, wieder in Form einer Besprechung des von Fülöp-Miller und J. Gregor vorgelegten Buches über Das russische Theater ein weiterer Beitrag, der das Agitationstheater mit Theaterkonzepten von Ewreinoff und Mejerhol’d in Verbindung brachte. Dieses (erstaunliche) Interesse am sowjetruss. Theater im bürgerlichen Feuilleton führte allerdings auch zu polemischen Einwürfen; so sprach die Salzburger Chronik im Umfeld der Festspiele (ein Jahr zuvor gastierte in Salzburg das Leningrader Opernstudio) von einer „Bolschewisierung des Theaters“ (7.8.1929). Etwa zur selben Zeit legte R. Ehrenzweig (unter seinem Ps. Neon) in der Zs. ›Das politische Kabarett‹ den „stark von den Ideen Piscators“ (Doll, 265) beeinflussten programmat. Artikel Agitationstheater vor. Dieser sah eine Trennung zwischen ‚bürgerlicher‘ und ‚proletarischer Kultur‘ vor, forderte den Primat der Propaganda im Verhältnis zur Kunst sowie eine (weitgehende) ideolog. Übereinstimmung zwischen den Produzenten und dem Publikum. Ästhetische Überlegungen waren dabei zweitrangig, zeitgenössische Formenexperimente im Umfeld des epischen Theaters ebenso, wenngleich eine Integration dieser sowie auch Formen des zeitgenöss. Unterhaltungstheaters (z.B. Kabarett, Revue, Massentheater, Satire) durch die aus dem austromarx. Politischen Kabarett kommenden Theoretiker u. Praktiker des Agitationstheaters (auch Agitprop) angestrebt wurde. Ähnlich argumentierten auch Beiträge zur proletarischen Revue in der Wiener Roten Fahne, als diese z.B. mit den Maifeiern verknüpft wurde. Eine Nähe zur Tendenzliteratur wird nicht bestritten; diese wird auch dem bürgerlichen Theater attestiert. Inhalt habe vor Form zu stehen bzw. Form allein sei noch kein Garant für ein neues proletarisch-sozialistisches Theater. Dies gilt auch für die Disk. über die Form der Revue: für Ehrenzweig, angelehnt an Piscator, sei sie keine „Gesinnungsform“: „Sie ist an sich nicht bürgerlich, nicht sozialistisch – so wie der Expressionismus, die ‚neue Sachlichkeit‘, die moderne Architektur […] Sie kann bürgerlich-harmlos sein: Illusionstheater. Oder ihr Geist, ihre Flammen entspringen politischem Gestaltungswillen, politischer Satire.“ (Kunst und Volk, 6.2.1929,154). Das Plädoyer für die Revue-Form verwundert nicht, wenn man in Rechnung stellt, dass die Programme des  1926 gegr. Politischen Kabaretts u. der ‚Roten Spielleute‘-Gruppe um V. Grünbaum, M. Jahoda, P. Lazarsfeld, H. Zeisel u.a. mit ihren 13 Produktionen von 1926 bis 1933 gerade auch auf das Format der Revue und somit eine Synthese aus Varietè- und Agitationstheater gesetzt haben, was u.a. E. Fischer in seinem AZ-Artikel Scherz, Satire und Klassenkampf 1929 anlässl. Der 100. Aufführung des Polit. Kabaretts  anerkennend vermerkt hat. Die Einschätzungen Ehrenzweigs wird 1932 Jura Soyfer aufgreifen u. in der Folge auch modifizieren. In seinem vermutl. ersten programmat. Beitrag zur Theaterarbeit, in Politisches Theater (März 1932), wird es z.B. heißen, „die Arbeiterschaft soll das Theater finden, das nicht außerhalb, sondern innerhalb ihres Befreiungskampfes steht: die politische, revolutionäre Bühne […] Wir dienen nicht der Kunst, sondern der Propaganda“ (GW, 465). Doch die Schlussbemerkung – „Mag sein, daß unsere Gesinnung, unsere ethische Kraft uns manches Mal künstlerischem Schaffen näherbringt“ – deutet an, dass Soyfer den Begriff der Propaganda aus seiner negativen Zuschreibung herausführen und mit künstlerischen Ansprüchen vereinbar machen wollte. Seine Szenen wie z.B. König 1933 ist tot – Es lebe König 1934, v.a. aber seine sog. Mittelstücke wie Der Weltuntergang, Astoria, Vineta oder Broadway-Melodie 1492 sind ab 1935-36 sehr wohl in der Lage, dialektisches Theater mit Formen der Satire, Revue und Montage zu verbinden, Agitation auf der Grundlage eines neuen Form-Bewusstseins u. einer krit. Reflexion der künstler. Tradition wie der Gegenwart auf eine neue Ebene zu heben.

Quellen und Dokumente

Literatur

W. Fähnders: Literatur im Klassenkampf. Zur proletarisch-revolutionären Literaturtheorie 1919-1923 (Frankfurt 1974); H. Jarka: Jura Soyfer. Leben. Werk. Zeit (Wien 1987); J. Doll: Theater im Roten Wien. Vom sozialdemokratischen Agitprop zum dialektischen Theater Jura Soyfers (Wien u.a. 1997).

(PHK)

Bewegung im Umfeld des literarischen Expressionismus, die auf eine Aktivierung bzw. Involvierung der Geistigen in die Politik abzielte, ohne dabei einer Partei oder einer ideologischen Strömung anzugehören. Maßgebl. Inspiration bezogen die Begründer dieser Bewegung, d.h. Kurt Hiller u. Ludwig Rubiner, bei Heinrich Mann u. seinem Essay Geist und Tat (1911). Die Berliner Zs. Die Aktion, hg. von Franz Pfemfert, in der Hiller wie Rubiner seit 1912 publ., letzterer z.B. den manifestartigen Text Der Dichter greift in die Politik, bildete eine frühe Plattform für den A. Durch den Ersten Weltkrieg verbreitete sich diese Bewegung und orientierte sich zunehmend in eine sozialistisch-pazifistische, auch utpoisch-anarchistische Richtung. Seit 1916 gab Hiller die Programmzeitschrift Ziel-Jahrbücher (bis 1924) heraus. In Österreich/Wien orientierten sich ebf. expressionist. Schriftsteller u. Künstler ab 1916-17 in aktivist. Richtung, insbes. R. Müller, der 1917 durch ein Theaterstück hervortrat, in dem unter dem Titel Die Politiker des Geistes (PdG) versch. Varianten der Geist-Idee sowie versch. Perspektiven einer auf sie bauenden gesellschaftl. Organisationsform durchgespielt werden. Dabei ergaben sich Schnittflächen zur, aber auch (iron.) Kommentierungen der zeitgenöss. Lebensphilosophie, des Vitalismus wie Skeptizismus sowie eigenwillige Verzahnungen von Geist u. Politik im Sinn eines Versuchs den Erneuerungsvisionen des Expressionismus ein handlungstheoretisches Konzept zu unterlegen (Wallas, 61).  Noch vor Kriegsende häufen sich ab Ende 1917, Anfang 1918 programmatische Texte u. Visionen hinsichtl. der Aufgaben des Aktivismus. R. Müller hielt z.B. in der Neuen Freien Bühne am 11.11.1917 eine später auch als Essay veröffentl. Rede unter dem Titel Die Geistrasse; B. Viertel kommentierte diese Bewegung, mit Bezug auf neue Zs.-Gründungen in Wien (Das Flugblatt, Der Anbruch, Der Friede, Die Rettung, Der Strahl u.a.) ebf. in einem programmat. Beitrag am 7.4.1918 unter der Perspektive „Der Aktivist ist heute Pacifist“, der Anspruch der Jugend drücke sich in einem Bekenntnis zu „radikale[r] Vermenschlichung“ aus, Grundlage künftiger Begegnung der Jugend aller Nationen. Zugleich sei der Aktivist, so Müller, „das fliegende Korps des Expressionisten“, d.h. während der Expressionismus „umfassende Erregung“ sei, verkündet der Aktivist „die Religion des Bewußtseins“, welche auf Rationalität und „Gesetzgebung“ abziele.

Zur selben Zeit definierte sich auch die ungar. Avantgarde-Gruppe um die Zs. Ma und Lajos Kassák als „Dichter des Aktivismus“ u. veranstaltete am 9.4. 1918 ihren ersten „Propagandaabend“ in Budapest. Deren Ausrichtung war explizit politischer Natur, Thema jenes Abends war nämlich „Probleme des Kommunismus in seinem Verhältnis zur neuen Kunst und zum kollektiven Individuum“, so der Pester Lloyd (9.4.1918, S.10). Kurz danach, am 4.5.1918, fand auch im Stadttheater von Czernowitz ein literar. Abend unter der Devise der „Erneuerung unserer Literatur durch den Aktivismus und Expressionismus“ statt, bei dem Texte von Wildgans, Werfel, Lasker-Schüler, Ehrenstein, Däubler, Rilke u.a. sowie der erste Akt von Hasenclevers express. Drama Der Sohn vorgetragen wurden. Müllers Konzeption des A. richtete sich trotz revolut. Rhetorik explizit gegen die zeitgenöss. polit. Massenbewegungen u. setzte dagegen die Figur und die Tat des Individuums als „Politik des Geistes“ (PdG, 39). Auch im Sept. 1918 charakterisierte er imWage-Artikel Die neue Erregung den A.nicht als Partei, sondern „vorerst das Pathos zu einer Politik“, deren Zielv.a. in einer „Revolutionierunge des Denkens“ (Wolf, 60) bzw., so Müllerselbst, in einer Art gesamtgesellschaftlichen Bildung, die „ein Leben ingeistiger Erregung gestattet und fördert“, Voraussetzung für die Änderung desMenschen und in der Folge auch des sozialen Verhältnisse.

Als organisator. Grundlage der Wiener Aktivisten fungierte der von Müller initiierte Geheimbund Die Katakombe, die sich rund um die express. Zeitschriften formierte sowie 1918-19  in der Zs. Die Wage eine wichtige Plattform finden konnte, aber bald zerfiel u. vom Bund der geistig Tätigen unter Franz Kobler abgelöst wurde, in dem Müller Leiter der ›Politischen Gruppe‹ war, die sich u.a. mit Fragen des Rätesystems befasste, Franz Ottmann die ›Literarische Gruppe‹, Ernst Wagner jene der Kunst(theorie) und Anton Spiller jene für Musik leitete. Wagner organis. z.B. die erste express.-aktivistische Kunstausstellung im Rahmen der Jahresausstellung der ›Genossenschaft bildender Künstler Wiens‹ im April 1919, die in der zeitgenöss. Presse sehr kontrovers aufgenommen wurde (Wallas, 79), weil  sie u.a. Anschluss an die internat. Avantgarde-Tendenzen suchte. Der erste Programmentwurf, veröff. in der Zs. Strahl zielte auf eine umfassende Reform in wesentlichen polit. u. gesellschaftl. Bereichen wie z.B. Erziehung, Sozialisierung, Genossenschafts- u. Siedlungsbewegung, Körperkultur, Internationalismus etc. Daraus ergaben sich Kontakte u. Kooperationen zu ähnlich ausgerichteten Vereinigungen wie z.B. zur Clartè-Bewegung, einschließlich H. Barbusse, zur Vereinigung ›Neue Erde‹ unter Max Ermers, zu Max Adler und seiner ›Vereinigung der geistigen Arbeiter‹, zur ›Kulturpolitischen Gesellschaft‹ unter Robert Scheu u.a.m. Dass auch Polemik u. Kritik, die z.T. auf K. Kraus gemünzt war, der später seinerseits Müller in der Fackel iron. bloßgestellt hat, z.B. als „dynamischsten Nichtskönner der neueren Literatur“ (F, 561-567/1921, 56) zum Zug kamen, liegt auf der Hand. Im Lauf des Jahres 1920 zerstreute sich auch diese Initiative, Müller zog sich in buchhändlerisch-verlegerische Aktivitäten zurück, wovon die Gründung des Literaria-Verlags sowie 1923-24 des Atlantis Verlags Zeugnis geben; andere Aktivisten konzentrierten sich auf Zeitschriften oder ebf. auf Verlagsprojekte, insbes. auf den Genossenschaftsverlag, eine von Alfred Adler, Albert  Ehrenstein, Fritz Lampl, Jakob Moreno Levy, Hugo Sonnenschein u. Franz Werfel vorangetriebene Initiative. Ab 1922-23 wurde der Aktivismus zunehmend von katholisch-romantischen (H. Bahr), aber auch rechtsnationalen, faschistischen Bewegungen okkupiert, wie R.J. Kreutz in einem Feuilleton krit. anmerkte.


Quellen und Dokumente

Berthold Viertel: „A.“ In: Prager Tagblatt, 7.4.1918, S. 2f., Hermann Bahr: Katholische Romantik. In: Reichspost, 21.9.1922, S. 1-3, Rudolf Jeremias Kreutz: Grauen. In: Neues Wiener Journal, 14.5.1923, S. 5, Robert Müller: Die Geistrasse. In: Der neue Daimon, H.4/1918, 210-213 (auch in: R. Müller: Kritische Schriften II. Paderborn 1995, 156-160).

Literatur

E. Fischer: Expressionismus-Aktivismus-Revolution. Die österr. Schriftsteller zwischen Geistpolitik und Roter Garde. In: K. Amann/A.A. Wallas: Expressionismus in Österreich. Die Literatur und die Künste. Wien u.a. 1994, 19-48; A.A. Wallas: ›Geist und Tat‹ – Aktivistische Gruppen und Zeitschriften in Österreich 1918/19 In: Ders.: Österreichische Literatur-, Kultur- und Theaterzeitschriften im Umfeld von Expressionismus, Aktivismus und Zionismus. Hg. von A. M. Lauritsch. Wuppertal 2008, 61-115; W. Fähnders: Aktivismus. In: H. van den Berg, W. Fähnders (Hgg.): Metzler Lexikon Avantgarde. Stuttgart-Weimar 2009, 28-29, N. Ch. Wolf: Revolution in Wien. Die literarische Intelligenz im politischen Umbruch 1918/19. Wien u.a. 2018, bes. 54-61.

(PHK)

Gegründet im Juli 1919 durch den christlichsozialen Abgeordneten zum Nationalrat u. Mitglied der Burschenschaft Olympia Anton Jerzabek (1867-1939), der bereits im selben Jahr durch Kundgebungen u. dezidiert völkisch-rassistische Hetze, u.a. in der Zs. des AB Der Eiserne Besen in Erscheinung trat. Der AB verbreitete sich rasch auch in anderen österr. Städten und Bundesländern; insbesondere in Tirol, der Steiermark, aber auch Salzburg, wohin 1922 die Redaktion der Vereinsztg. verlegt wurde. Am 25.9.1919 fand vor dem Wiener Rathaus eine erste, am 5.10.1919 eine weitere, größere Kundgebung statt, die sich v.a. gegen die in Wien lebenden Ostjuden, z.T. Kriegsflüchtlinge, richtete. Konfrontationen mit Gegendemonstranten sowie div. Provokationen führten zu besorgten Noten des amerikanischen Gesandten u. internat. Pressereaktionen. Die Versuche, dabei u.a. in die Leopoldstadt einzudringen, wurden von der Jüdischen Schutzwache abgewehrt, so die Jüdische Korrespondenz vom 7.10.1919. Der Tiroler AB protestierte wiederum am 30.12.1919 vehement gegen Heeres-Staatssekr. Julius Deutsch, der sich „in die unveräußerlichen Waffenrechte der bodenständigen Tiroler Bevölkerung“ eingemischt hätte, beschimpfte ihn als „Rassejuden“ und sprach ihm die Befähigung zu seinem Amt ab. Kurz darauf, im Februar 1920, störte er eine Vorlesung von K. Kraus, der diese daraufhin abbrach. Am 23.11.1919 empfahl die Wiener christlichsoz. Parteiorganisation auf Anregung von Leopold Kunschak die Anliegen des AB zu unterstützen u. diesem auch beizutreten. 1920 berichtete die Reichspost von einer gemeinsamen Resolution des AB, der Wiener christlichsoz. Parteileitung u. der Frontkämpfervereinigung an die Regierung zur „sofortige[n] Internierung aller eingewanderten Ostjuden [….]  Beschlagnahmung ihres hier erwucherten Vermögens“ und Begrenzung des Zugangs zu den Universitäten für jüd. Studierende, 1921 vom Plan, einen sog. Judenkataster  anzulegen u. begrüßte diese Vorhaben. Im März dess. Jahres trafen sich in Wien auch erstmals grenzüberschreitend antisemit. Vereinigungen, u.a. aus Deutschland u. Ungarn. Gem. mit dem sog. Deutschvölkischen Schutz- u. Trutzbund organisierte der AB im April 1922 Proteste gegen die Aufführung von A. Schnitzlers Der Reigen u. betätigte sich an zahlreichen antijüd. Aktionen an der Wiener Universität, u.a. an den Übergriffen gegen den Mediziner und sozialdemokr. Wiener Gemeindepolitiker Julius Tandler.

Bereits 1923-24 kam es, insbes. in Wien, zu einer Unterwanderung des AB durch Nationalsozialisten, die 1924 beinahe in die Selbstauflösung des AB im Zuge einer Grundstückstransaktion an eine Bank, die von der christlichsoz. Parteiführung befürwortet wurde, mündete. Im Zuge des von der österr. Bundesregierung bewilligten u. explizit unter Schutz gestellten XIV. internat. Zionistenkongresses vom 18.-31. August 1925 versuchte der AB Gegenkundgebungen zu organisieren, die jedoch verboten wurden. H. Bahr verfasste aus diesem Anlass ein Feuilleton in der NFP, das versuchte, den Zionismus auf primär persönl. Enttäuschungen des ihm gut bekannten Theodor Herzl zurückzuführen. 1926 fanden in Budapest wiederum Verhandlungen über einen länderübergreifenden AB statt (PTBl. 4.3.1926). 1926-27 schwenkte die christlichsoz. Partei immer stärker auf Positionen des AB ein, wie gemeins. Kundgebungen, insbes. in Wien, dokumentieren, die u.a., etwa im Juli 1927, gemeinsam mit dem AB u. dem Deutschsozialen Verein  (DV)offen Pogromhetze (RF) betrieben. W. Riehl vom DV, so Berichte in der AZ, im Linzer Tagblatt u.a. Ztg., habe dabei ausdrücklich mit „Tod den Juden“ gedroht. 1928-32 gingen zwar die offiz. Aktivitäten des AB sichtlich zurück, in Tirol kam es sogar zu seiner Auflösung im März 1932 „mangels Tätigkeit“, doch im Verein mit NS-affinen Organisationen bestand der AB trotz formalen Verbots 1933 weiter. Im Dez. 1933 kam es z.B. zu einer heftigen Polemik zwischen Jerzabek u. Oberrabiner Feuchtwang, ausgetragen in Offenen Briefen. 1934 stellte sich die neugegr. Ztg. Gerechtigkeit von I. Harand mutig gegen die anwachsenden antisemit. Tendenzen u. stellte die Berechtigung des AB in einem Leitartikel u.a. Beiträgen offen in Frage. Auch 1936 zeigte Harand in weiteren Beiträgen die problemat. Haltung des Ständestaates zum AB auf, der, wie u.a. auch die Zürcher Zeitung (richtig) vermutete, seit jenem Jahr eine getarnte NS-Organisation war, wesentlich von München aus gesteuert u. mit großzüg. finanz. Unterstützung ausgestattet wurde, wie die jüd. Ztg. Die Stimme anl. weiterer Informationen 1937 offenlegte. Eine Vermutung, die sich am 7.2. 1938 offen zeigte, als NS-Organis. gem. mit dem AB Anschläge auf jüd. Geschäfte u. ein Bethaus in Wien verübten.


Quellen und Dokumente

Die antisemitische Hetze in Wien. In: Jüdische Korrespondenz, 7.10.1919, S. 2f., Der Tiroler Antisemitenbund. In: Allgemeiner Tiroler Anzeiger, 9.1.1920, S. 2, Die Antisemitenversammlung im Rathaus. In: Reichspost, 8.6.1920, S. 5f., Anlage eines Judenkatasters für Wien. Ein notwendiges und nützliches Unternehmen des Antisemitenbundes. In: Reichspost, 11.5.1921, S. 5, Der heutige Antisemitenrummel – verboten. In: Der Morgen, 17.8.1925, S. 1, Hermann Bahr: Zionismus. In: Neue Freie Presse, 22.8.1925, S. 1-3, Der nächste Mord wird vorbereitet. In: Die Rote Fahne, 5.7.1927, S. 3, Der Radau-Antisemitismus soll wieder Orgien feiern! In: Tagblatt, 8.7.1927, S. 4, Offener Brief in: Alpenländische Morgen-Zeitung, 13.12.1933, S. 1f., Wozu ein Antisemitenbund in Oesterreich? In: Gerechtigkeit, 11.10.1934, S. 1,  Die Leitsätze des Antisemitenbundes. In: Gerechtigkeit, 9.7.1934, S. 1, Antisemitenbund unter Münchner Führung? In: Die Stimme, 22.11.1937, S. 4, Die Brandfackel. In: Die Stimme, 7.2.1938, S. 1.

Literatur

B .F. Pauly: From Prejudices to Persecution. A History of Austrian Antisemitisms. North Carolina 1992, 183f.; R. S. Wistrich: A Lethal Obsession. Antisemitism from Antiquity to the Global Jihad. New York: 2010, 218f; W. Benz: der Antisemitentag in Wien 1921. In: David, H. 114/2017 (Online verfügbar).

(PHK)

Gegr. 1889, verboten 1934, illegal 1934-1938, 1938 verboten, neugegr. 1945, eingestellt 1991

Die AZ wurde als Zeitung der Sozialdemokratischen Partei am 12. Juli 1889 durch Viktor Adler gegründet und stand in der Nachfolge der Vorläuferzeitung Die Gleichheit, die im selben Monat zum wiederholten Mal konfisziert worden war und selbst Nachfolgeorgan mehrerer vorangegangener Partei-Zeitungen seit 1870 war. V. Adler, der 1889 gerade zu einer Kerkerstrafe von 4 Monaten wegen Anarchismus verurteilt worden war, brachte als vormaliger Chefred. der Gleichheit 5000 Abonnenten ein. Bis 1895 erschien die AZ anfangs 14tägig, dann wöchentlich, schließlich bis zu 4-5 Mal die Woche und hatte laufend mit Beschlagnahmungen zu kämpfen, 1894 z.B. wurden rund 80% der Ausgaben konfisziert. Unterstützung erhielt Adler für sein Vorhaben, die AZ zur Tageszeitung zu machen, u.a. von Friedrich Engels aus London, mit dem Adler auch in reger Korrespondenz stand. Mit 1.1.1895 gelingt der Umstieg auf ein tägliches Erscheinen und schrittweise der Aufbau einer schlagkräftigen Redaktion, die den zentralen Herausforderungen, d.h. sowohl der Massenorganisation und der dazu nötigen Strategien, als auch der politisch-theoretischen, der auf die konkreten Lebens- und Arbeitsverhältnisse bezogenen sozialpolitischen sowie der kulturellen Arbeit gewachsen war. Von Beginn an war z.B. Friedrich Austerlitz dabei, der ab 1901 Chefredakteur wird, weitere Redaktionsmitglieder waren u.a. David J. Bach (ab 1904) Otto Koenig (ab 1908), Engelbert Pernerstorfer, Arthur Roessler (Kunst, ab 1908), Stefan Grossmann (ab 1904), Josef Luitpold Stern (ab 1902) und Max Winter. Einerseits als klassenkämpferisches Kampfblatt konzipiert – „Kampf gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Knechtseligkeit“ (Nr. 1/1895) – andererseits der Aufklärung im Sinn kritischer Bildungsarbeit – „Freiheit durch Bildung“ – verschrieben, entwickelte sich die AZ zwar langsam, aber stetig, erzielte um 1900 eine Auflage von 24.000 Ex./Tag und bilanzierte 1908 erstmals positiv. 1910 konnte die Redaktion in das neu erbaute Druck- u. Verlagshaus Vorwärts übersiedeln, das auch Sitz der Parteileitung wurde; 1911 stieß schließlich Otto Bauer zur Redaktion hinzu. 1914-18 erscheint zusätzlich eine Abendausg.; allerdings werden oft bis zu 60% der Beitr. zensuriert. Die Aufl. erreicht trotzdem bis zu 100.000 Ex. 1917 wird D. J. Bach leitender Feuilletonredakteur der Ztg. 1918 und in den Folgejahren wird die AZ zur auflagenstärksten polit. u. durch neue Rubriken beständig ausgebauten Ztg. der Ersten Republik. Seit 1920 Abdruck von über 50 Fortsetzungsromanen, z.T. auch als Erstdrucke, wie z.B. Jimmy Higgins (Upton Sinclair, 1920), Das Spinnennetz (J. Roth, 1923), Der Leib der Mutter (E. Feldmann, 1924), Grosser Mann (Schiller-Marmorek, 1925), Die Front des Lebens (G. Kaus, 1928), Der Fall Rist (M. Lazar, 1931), Vierzehn Nothelfer (H. Zur Mühlen, 1933), Die Amazone (H. Flesch-Brunningen, 1933), Karl und das XX. Jahrhundert (R. Brunngraber, 1933) u.a.m. Im Jahr 1923 stößt F. Rosenfeld zur Redaktion hinzu u. betreut ab 1924 die Rubrik ›Welt des Films‹, 1927 Ernst Fischer, der die Rubrik ›Zwischenrufe links‹ etabliert. Am 12.5. 1933 druckt die AZ O.M. Grafs berühmten Protestaufruf Verbrennt mich! ab. Nach dem Tod von F. Austerlitz fungierte 1931 bis 1934 (und dann wieder ab 1945) Oscar Pollak als Chefredakteur.


Quellen und Dokumente

Die deutsche Republik. In: Arbeiter-Zeitung, 31.10.1918, S. 1, Die Mörder von Schattendorf freisprochen. In: Arbeiter-Zeitung, 15.7.1927, S. 1f., Oskar Maria Graf: Verbrennt mich. Ein Protest. In: Arbeiter-Zeitung, 12.5.1933, S. 1.

Archiv und Teilnachlass: VGA

Literatur

P. Pelinka, M. Scheuch: 100 Jahre AZ. Die Geschichte der Arbeiter-Zeitung (1989); B. Seyringer (Hg.): Schreiben für den Fortschritt. Die Feuilletons der
Arbeiter-Zeitung (2009).

Grundlegende Informationen der ONB. Eintrag bei dasrotewien.at.

(PHK)

Cover von O. R. Schatz. Aus: Bildungarbeit XIII (1926), H. 1

Am 17.1.1926 wurde nach mehrjähriger Vorbereitungszeit, u.a. in der 1924 gegr. Wiener Parteischule, die sozialdemokratische Arbeiterhochschule Wien eröffnet, die ihren Sitz in dem von George Karau adaptierten, im Besitz der Gemeinde Wien stehenden Maria Theresien Schlössel in der Sickenberggasse 1 (Döbling) hatte. Sie war als Aus- und Fortbildungsstätte für sozialdem. Funktionäre gedacht, wobei der Schwerpunkt des Lehrangebots auf ökonomisch-rechtlichen Fragen lag: „Nationalökonomie, Welt- und Wirtschaftsgeschichte, Rechts- und Staatslehre stehen im Mittelpunkt des Programms“ (BA, 1926, 2). Zum Leiter wurde der Volksbildner u. Lyriker Josef Luitpold Stern bestellt. Als Vortragende dienten bereits im ersten Jahr namhafte Funktionäre, Parlamentarier und Theoretiker wie z.B. Max Adler, Friedrich Adler, Otto Bauer, Robert Danneberg, Julius Deutsch, Siegmund Kunfi, Otto Neurath, Karl Renner, Viktor Stein u.a. – als einzige Frau trug Helene Bauer vor. Die A. existierte durch vier Jahre hindurch bis 1929-30, nahm rund 30 Teilnehmer pro Jahr auf und musste aufgrund der Wirtschaftskrise 1930 ihre Tätigkeit einstellen. Aus dem Kreis ihrer Absolventen gingen jedoch schon in den 1930er Jahren herausragende Persönlichkeiten hervor wie Joseph Buttinger (Revolutionäre Sozialisten), Richard Bernaschek (Schutzbund-Führer von Linz) und Rosa Jochmann. Nach 1945 bekleideten Arbeiterhochschulabsolventen ebenfalls wichtige Positionen nicht nur innerhalb der Sozialdemokratischen Partei, sondern im politischen Leben der Zweiten Republik insgesamt wie der spätere Wiener Bürgermeister und Bundespräsident Franz Jonas oder der Sozialminister Karl Maisel in der ersten Regierung Figl und einigen nachfolgenden bis 1956.


Dokumente und Quellen

Die Eröffnung der Arbeiterhochschule. Ein denkwürdiger und weihevoller Augenblick. In: Arbeiter-Zeitung, 28.1.1926, S. 1f., Josef Luitpold Stern: Die Wiener Arbeiterhochschule. Zu ihrer Eröffnung. In: Bildungsarbeit XIII (1926), H. 1, S. 2-5, Die Wiener Arbeiterhochschule. In: Bildungsarbeit XIII (1926), H. 12, S. 217, Lernen heißt dienen. Schlußfeier der Arbeiterhochschule. In: Arbeiter-Zeitung, 29.6.1930, S. 8.

Literatur

Eintrag bei dasrotewien.at, Eintrag zu George Karau in architektenlexikon.at.

(PHK)

Die Arbeiterinnenzeitungwar eine seit 1892 in Wien erscheinende sozialdemokratische Frauenzeitschrift.

Auf Antrag der weiblichen Delegierten auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei wurde – entgegen zunächst massivem Widerstand aus den Reihen der männlichen Parteimitglieder – Ende 1891 mit den Vorarbeiten zur Gründung einer eigenen Frauenzeitschrift begonnen. Die erste Ausgabe, entstanden in der Redaktion der Arbeiterzeitung und zunächst als deren Beilage konzipiert, erschien im Jänner 1892. Lediglich der Leitartikel war von einer Frau verfasst: Adelheid Dwořak (später Popp), Initiatorin und ab 1893 verantwortliche Redakteurin, wollte mit dem Blatt „die ernstesten Interessen der Arbeiterinnen“ vertreten wissen und sie „zum politischen Kampf erziehen“ (Arbeiterinnen-Zeitung, 1.1.1892, S. 1). In den folgenden Nummern, die zweimal im Monat erschienen, publizierte eine wachsende Zahl weiblicher Genossinnen; auch Beiträge aus dem Ausland wurden abgedruckt, so z. B. von Frieda Bebel, der Tochter von August Bebel, und Luise Kautsky-Freiberger, der Sekretärin von Friedrich Engels.

Nach intensiven Diskussionen mit der (männlich dominierten) Parteispitze fiel mit Unterstützung von Viktor Adler auf dem Parteitag 1892 der Entschluss, eine eigenständige weibliche Redaktion für dieArbeiterinnenzeitungeinzusetzen. In der Folge wurde auch die Herausgeberschaft mit Viktoria Kofler an eine Frau übertragen.

Unter dem Titelzusatz „Sozialdemokratisches Organ für Frauen und Mädchen“ behandelte die Zeitung fortan aktuelle politische Themen wie den Kampf um das Frauenwahlrecht, Bildungsarbeit, Sozialgesetzgebung, Kindererziehung und Eherecht, nicht ohne aber dabei den Blick auf die Entwicklungen in den Nachbarländern der Donaumonarchie zu weiten und das europaweite Wirken der Sozialdemokratie zu thematisieren. Die AutorInnen scheuten sich nicht, herrschende gesellschaftliche Konventionen der Habsburgermonarchie kritisch zu hinterfragen; so wurde etwa Adelheid Popp aufgrund ihrer in diversen Artikeln geäußerten Kritik an der Ehe und deren Moralkonventionen wegen „Herabwürdigung der Ehe und Familie“ 1895 zu einer  Arreststrafe verurteilt.

1919 übernahm Popp, inzwischen Abgeordnete zum Nationalrat, die Herausgeberschaft der Arbeiterinnenzeitung, die inzwischen 70.000 LeserInnen – einen Gutteil davon in der Bundeshauptstadt – erreichte. Im März 1924 erfolgte ein inhaltlicher Relaunch der seit 1922 monatlich erscheinenden Zeitung sowie deren Umbenennung auf Die Fraumit dem Titelzusatz “Sozialdemokratische Monatsschrift für Politik, Wirtschaft, Frauenfragen und Literatur”, um mit modernerem Konzept künftig Vertreterinnen aller Berufsgruppen gleichermaßen anzusprechen. Nach wie vor nahmen aktuelle (gesellschafts-)politische sowie spezifisch frauenrelevante Themen wie Mutterschaft, Verhütung und Schwangerschaftsabbruch breiten Raum ein; darüber hinaus fanden sich Politikberichterstattung aus Europa, aktuelle Beiträge aus den einzelnen Landesorganisationen sowie Buchsprechungen. In der neuen regelmäßigen Beilage Freie Stundenfanden sich zudem Kurzgeschichten, Lyrik, Rubriken zu Kunst und Literatur, Mode- und Basteltipps sowie Rezepte und praktische Ratschläge für die Hausfrau.

Eine abermalige Überarbeitung erfuhr das Blatt, das sich nach wie vor als “ein Kampf-, Aufklärungs- und Erziehungsorgan für die weiblichen Mitglieder unserer großen, allumfassenden Parteiorganisation” verstand, im Jahr 1929 (Arbeiterinnen-Zeitung, 1.1.1929, S. 1). Neben der Etablierung eines eines neuen Layouts mit diversen Illustrationen und vereinzelten Fotografien wurde der Umfang quantitativ deutlich erweitert: Statt der bisherigen zwölf erwarteten die Leserin nunmehr 24 Seiten, ab 1930 18 Seiten Lektüre. 

Die letzte Ausgabe erschien im Feber 1934; das Verbot der Sozialdemokratie und ihrer Vorfeldorganisationen bedeutete auch das Aus für Die Frau. Nach Kriegsende initiierten Ferdinanda Flossmann und Helene Potetz eine Neugründung der Zeitschrift, die fortan bis zu ihrer endgültigen Einstellung 1987 wöchentlich in den Verkauf gelangte.


Literatur

Johanna Meditz, Die „Arbeiterinnen-Zeitung“ und die Frauenfrage. Ein Beitrag zur Geschichte der österreichischen sozialistischen Frauenbewegung der Jahre 1890-1918, Wien 1979; Die Frau. In: Helmut W. Lang (Hg.), Österreichische Retrospektive Bibliographie (ORBI), Reihe 2: Österreichische Zeitungen 1492–1945, Bd. 2: Helmut W. Lang/Ladislaus Lang/Wilma Buchinger, Bibliographie der österreichischen Zeitungen 1621–1945, A–M, München 2003, S. 260; Eintrag bei dasrotewien.at.

Quellen und Dokumente

Erste Ausgabe der Arbeiterinnen-Zeitung, 1. 1.1892; Wahl in die Nationalversammlung. In: Arbeiterinnen-Zeitung, 18.2.1919, S. 1; Erste Ausgabe von Die Frau, 1.3.1924; Aufwärts und vorwärts mit altem Mute. In: Die Frau, 1.8.1927, S. 1f; Beilage „Freie Stunden“ 9 (1924); Erste Ausgabe von „Die Frau“ im neuen Layout, 1.1.1929; Letzte Ausgabe von „Die Frau“ vor ihrer Einstellung, Feber 1934.

(MK)

Nicht nur aufgrund mangelnder personeller und finanzieller Ressourcen sowie zur Steigerung der Auflagen zählten Versuche zur aktiven Einbindung der LeserInnen früh zum Programm kommunistischer Presseorgane; die Bemühungen knüpften an Schriften Lenins und die Diskussionen des dritten Weltkongresses der Kommunistischen Internationale zur Agitation an. Dahinter standen die Wünsche nach größtmöglicher Nähe zum proletarischen Alltag, der Mobilisierung der Sympathisanten sowie die Unabhängigkeit von Nachrichtendiensten. Arbeiter wurden dazu aufgefordert, anonym aus ihrer beruflichen wie privaten Alltagspraxis zu berichten und als Vertreter ihrer Klasse Bedürfnisse zu artikulieren. Ab Mitte 1924 wurden in der Wiener Roten Fahne gezielt Aufrufe zur aktiven Mitarbeit veröffentlicht und meist kurzlebige Rubriken wie Aus den Stätten der Ausbeutung, Aus der Provinz und Was unsere Genossen sagen, später Aus dem Arbeiterleben geschaffen. Ab 1925 trat eine Phase der Professionalisierung ein: Erwin Zucker wurde verantwortlicher Redakteur für die Arbeiterkorrespondenz, eine Agitpropabteilung wurde eingerichtet. Mitte Dezember 1925 fand eine erste Konferenz der Arbeiterkorrespondenten (AK) mit über vierzig Teilnehmern statt, bei der neben Zucker auch der kommunistische Verleger Johannes Wertheim als Redner auftrat. Dabei wurde für Jänner bis Dezember 1925 die Veröffentlichung von 1.200 AK-Beiträgen mit rund 60.000 Zeilen verlautbart.

In der Frühphase der AK-Bewegung wurden Themenvorgaben und Rundfragen als Motor verwendet, 1928 wurde bei einem Preisausschreiben  in der Rubrik Rationalisierung, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot für veröffentlichte Berichte zu proletarischen Lebens- und Alltagsbedingungen eine Russlandreise verlost. Der nach dem Vorbild der KPD formulierte Plan, neben regelmäßigen Besprechungen zwischen Redaktion und AK auch Schulungen abzuhalten, blieb zunächst weitgehend unerfüllt, woran die Gründung des überparteilichen Klubs der Arbeiterkorrespondenten 1926, Bemühungen um die internationale Vernetzung und die zweite AK-Konferenz im März 1927 nichts änderte. Auch wenn Friedrich Hexmann beim 9. Parteitag der KPÖ Mitte 1927 die AK-Bewegung als im europäischen Vergleich stark ausgebaut beurteilte und sie anlässlich des Roten Pressetages im September 1928 als Nachweis der Sonderstellung der kommunistischen Organe als einzige authentische Arbeiterpresse gedeutet wurde, blieben die Aktualität der Berichterstattung sowie die Dichte des Korrespondentennetzes in den Bundesländern ein (auch medial diskutiertes) Problem. 1929 wurde der Tätigkeitsbereich der AK durch die Einrichtung der Proletarischen Radiokritik in der Rubrik Arbeiterradio erweitert. Ende März 1930 wurde eine dritte Konferenz  abgehalten, bei der neben Zucker auch Richard Schüller und Johann Koplenig auftraten, und im Jahr darauf der Briefkasten der Arbeiterkorrespondenten als Forum eingerichtet. Obwohl am 11. Parteitag Ende Juni 1931 die mangelnden Fortschritte neuerlich kritisch artikuliert wurden, bildeten die Jahre 1931/32 den Höhepunkt der AK-Bewegung: Die nun in größeren Seitenumfang erscheinende Rote Fahne bot den AK mehr Raum (nun meist in der Rubrik Proleten schreiben), auch die Organisation wurde mit der zum Jahreswechsel 1931/32 eingerichteten Zentralstelle für Arbeiterkorrespondenten bei der Agitpropabteilung und dem ab Februar 1932 erscheinenden Informationsorgan Der Arbeiterredakteur verbessert. Ab Juni 1932 setzte eine kontinuierliche Schulungstätigkeit, an der u.a. Chefredakteur Schüller und sein Mitarbeiter Franz Millik, aber auch Mitglieder des Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller Österreichs (BPRSÖ) mitwirkten, ein. Noch wenige Monate vor dem Verbot wurden mit teilweise auch illustrierten Betriebsreportagen neue Impulse gesetzt.

Die AK-Bewegung stand in kritischer Distanz zu den Arbeiterschriftstellern, auch wenn der BPRSÖ in seiner Satzung die Unterstützung der AK-Bewegung ankündigte und den Kurs für Betriebsreportagen organisierte. Die Redaktion der Roten Fahne mahnte bereits 1926 die sparsame Produktion von Gedichten ein, das Verfassen von Agitationslyrik blieb wenigen Autoren wie Hans Maier vorbehalten. Während der auch in der Wiener Roten Fahne gedruckte KPD-Autor Hans Marchwitza sich vom Korrespondenten zum Schriftsteller wandelte, blieb die Trennung bei den österreichischen Autoren meist aufrecht. Einzig der Waldviertler Aktivist und Autor Franz Janiczek, der 1930 ein Preisausschreiben in der Berliner Linkskurve gewann, veröffentlichte sowohl Erzählungen als auch tagesaktuelle Berichte.


Quellen und Dokumente

Moskwa: Die AK in Rußland. In: Die Rote Fahne, 14.5.1924, S. 2, Deine Zeitung. In: Die Rote Fahne, 1.6.1924, S. 3, Peter Schnur: An die Redaktion der „Roten Fahne“. In: Die Rote Fahne, 17.10.1924, S. 7, Das Leben der Bankdirektoren und jugendlichen Bankangestellten. (Von einem jugendlichen AKen.). In: Die Rote Fahne, 29.1.1925, S. 5, Was soll der AK berichten. In: Die Rote Fahne, 18.10.1925, S. 6, Johann Koplenig: Zur Konferenz der AK. In: Die Rote Fahne, 19.12.1925, S. 1f., Lenin über die Arbeiterpresse. In: Die Rote Fahne, 31.8.1926, S. 6, Frida Rubiner: Die Zeitung des Arbeiters. In: Die Rote Fahne, 1.1.1927, S. 3, Lenin über die Mitarbeit der Arbeiter an der kommunistischen Presse. In: Die Rote Fahne, 26.1.1927, S. 3, Nikolai Bucharin: Die Aufgaben der AK. Das Vermächtnis Lenins. In: Die Rote Fahne, 8.2.1927, S. 5, Julius Deutsch: Organisation, Agitation, Propaganda. In: Die Rote Fahne, 26.5.1927, S. 7, Otto Mödlagl: Politische und organisatorische Parteifragen. In: Die Rote Fahne, 14.6.1927, S. 4, Erwin Zucker: Die Bedeutung der Berichterstattung. In: Die Rote Fahne, 17.6.1927, S. 5, Die „Rote Fahne“, die Zeitung der Arbeiter. Unser Arbeiter-Korrespondenz-Preisausschreiben. In: Die Rote Fahne, 29.1.1928, S. 3, M. Broide: Freudige Begegnung. In: Die Arbeiterin, 5 (1928), 11, S. 7f., Die ersten Arbeiterkorrespondenzen. Eine interessante Veröffentlichung des Engels-Archiv. In: Die Rote Fahne, 13.4.1930, S. 7, Die Schulung der AK. In: Die Rote Fahne, 10.6.1932, S. 8, Vieh- und Menschenfriedhof: St. Marx. In: Die Rote Fahne, 16.3.1933, S. 5, Wie die Rote Fahne entsteht. Arbeiterkorrespondenzen und Reportagen. In: Die Rote Fahne, 18.5.1933, S. 9.

Literatur

Gerhard Moser: Zwischen Autonomie und Organisation: Die Arbeiterkorrespondentenbewegung der „Roten Fahne“ in den Jahren 1924 bis 1933. Eine Studie zur Kommunikationspolitik der KPÖ in der 1. Republik. Phil. Diss. (1988)

(ME)

19.-26. Juli 1931 in Wien; Veranstaltungsorte: Praterstadion, Stadionbad, Apollo-Kino, Ringstraße.

An dieser zweiten Arbeiterolympiade (AO), deren Winterspiele im Februar 1931 in Mürzzuschlag abgehalten wurden (erste AO: 24.-28.7.1925 in Frankfurt, Waldstadion) nahmen über 20.000 Sportlerinnen und Sportler aus 19 Verbänden der Sozialistischen Arbeitersport-Internationale (gegr. 1912), darunter auch einer Delegation aus dem brit. Mandatsgebiet Palästina (Hapoel Tel Aviv) teil, die ohne nationale Abzeichen sich in 117 Disziplinen maßen, begleitet von mehreren gymnastischen Massenübungen. Der Akzent sollte dabei weniger auf den Einzelleistungen liegen, sondern auf der Breitenwirkung des Sports in erklärter Alternative zu den als nationalistisch eingestuften Olympischen Spielen. Trotzdem berichtete die AZ in hymnischen Tönen von neuen Bestleistungen und Rekorden. Neben den sportlichen Wettkämpfen wurde auch auf kulturelle Manifestationen, insbes. auf Massenspiele, Wert gelegt, die im Einklang mit den ideologischen Zielen und der zeitaktuellen klassenkämpferischen Allegorik der österr. Sozialdemokratie standen. Am abschließenden Festzug am Abend des 26. Juli über die Ringstraße nahmen etwa 100.000 Personen teil. Im Vorfeld der Wiener AO organisierte die Rote Sport Internationale die Spartakiade vom 4.-12.7. 1931 in Berlin als Gegenveranstaltung der kommunistischen Körperkultur-Bewegung, die allerdings mit rund 600 aktiven Teilnehmern deutlich unter den Erwartungen geblieben ist.


Quellen und Dokumente

Die Arbeiterweltspiele beginnen. In: Sporttagblatt, 18.7.1931, S. 1, Das große Fest. In: Arbeiter-Zeitung, 19.7.1931, S. 7, Die Weltmeisterschaften haben begonnen. In: Arbeiter-Zeitung, 24.7.1931, S. 5, Unser die Jugend – unser die Welt! – Die grandiose Huldigung vor der Internationale. In: Arbeiter-Zeitung, 27.7.1931, S. 1, Schlußtag der Arbeiter-Weltspiele. Eindrucksvoller Verlauf. – Riesige Anteilnahme des Publikums. Gute Leistungen. In: Sporttagblatt, 27.7.1931, S. 1.

Literatur

Eintrag bei dasrotewien.at.

Blogeintrag: Arbeiter-Olympiade in Wien: Was war mit den zionistischen Arbeitersportlern los? (2013), Film über den Bau und die Eröffnung des Wiener Praterstadions mit Aufnahmen der Arbeiterolympiade vom 19.-26. Juli 1931 bei mediawien-film.at.

Eintrag zur ersten AO in Frankfurt/M. 1925. In: Archiv der sozialen Demokratie.

 (PHK)

Die Initialzündung zu Arbeiterräten ging von der Russischen Revolution (1917) aus und fand in Teilen der österr. Arbeiterschaft vor dem Hintergrund der schwierigen sozialen Lage rasch Anhänger. Erste, noch illegale, Betriebsversammlungen fanden bereits im Dezember 1917 in Linz statt, im Jänner 1918 wurden im Zuge der von der Gewerkschaft nicht autorisierten Streiks in Wiener Neustadt, Wien-Floridsdorf, aber auch in Böhmen und Ungarn, den sog. Jännerstreiks, erstmals Forderungen nach Einführung einer Sowjetverfassung laut. Daraufhin ergriff die Parteileitung der SDAP und deren Gewerkschaftskommission die Initiative, unterstützte den am 15.1. 1918 in Wiener Neustadt gegründeten Arbeiterrat (AR) und richtete einen für Wien ein, um die Kontrolle über diese neue Bewegung sicher zu stellen. Der Wiener AR, ergänzt um SDAP-Politiker wie Otto Glöckel und Karl Seitz, führte bereits am 19.1.1918 Verhandlungen mit der Regierung, in der neben Friedensverhandlungen auch Anliegen der Demokratisierung zur Diskussion standen. Der Forderung nach Freilassung von Friedrich Adler, Gallionsfigur der Kriegsgegner sowie der Linken, wurde jedoch nicht stattgegeben.

Vor diesem Hintergrund ist auch der nach wenigen Tagen gescheiterte Aufstand der Matrosen der k.u.k. Kriegsmarine in Cattaro Anfang Februar 1918 zu sehen, wo sich erstmals Matrosen- und Soldatenräte bildeten, die jedoch von der sozialdemokrat. Parteileitung nicht ausreichend unterstützt wurden. Allerdings wurde bereits am niederösterreich. Parteitag der SDAP im Febr. 1918 die Einrichtung von weiteren AR beschlossen. Im Lauf des Jahres 1918 gewannen die AR im Gegensatz zum Deutschen Reich an Gewicht, kanalisierten die Protestbewegung, was zu ersten internen Differenzen führte, die mit der Gründung der KPÖ am 3.11. 1918 und ihres Anspruchs auf Umgestaltung des AR nach sowjetischem Modell deutlich zu Tage traten. Zugleich bildeten die AR ein wichtiges organisatorisches Netzwerk, das bei Ausrufung der Republik im Verein mit den von Julius Deutsch seit Früherbst 1918 organisierten Vertrauensleuten in der Wiener Garnison, dem Kern der späteren Soldatenräte der Volkswehr, maßgeblich den geordneten Übergang von der Monarchie zur Republik unterstützte. Trotz interner Konkurrenz zur KPÖ, in der Franz Koritschoner die Organisierung der AR übernahm,  gelang es der SDAP, ihren Führungsanspruch durchzusetzen und  im Februar 1919 eine Reichskonferenz der AR einzuberufen, in der sich die SDAP-Fraktion rund um F. Adler personell wie politisch durchsetzte.

Im Zuge der (friedlichen) Ausrufung der ungarischen Räterepublik durch ein Parteienbündnis aus Kommunisten und Sozialdemokraten am 20.3.1919 traten die internen Differenzen offen zu Tage. Die Grußadresse des österr. AR enthielt nämlich eine Absage an die KPÖ-Forderung, es dem ungarischen Proletariat gleichzutun und ebf. eine Räteregierung herbeizuführen. Die österr. AR stellten sich somit trotz revolutionärer Rhetorik auf den Boden der parlamentar. Demokratie, auf dem sie im Verein mit der SDAP mehr durchzusetzen hofften als ihre Weggefährten in Budapest oder in München, wo am 7. April 1919 ebf. eine Räterepublik ausgerufen wurde. Die politische Arbeit konzentrierte und begrenzte sich in der Folge auf die Ebene der Industriebetriebe gemäß einem im Juli 1919 beschlossenen Statut, in dem der Antrag, wonach die AR „die Verfassung des zukünftigen Arbeiterstaates darstellen“ keine Mehrheit fand, weil die organisierte Arbeiterschaft nahezu geschlossen die SDAP und ihre Vertreter im AR unterstützte. Dies zeigte sich im Zuge des Putschversuchs vom Juni 1919, als mit Zustimmung des Wiener AR das Volkswehrbataillon 41, bekannt als Rote Garde, aufgelöst wurde, ebenso wie in der Phase des Zusammenbruchs der ungarischen Räteregierung unter Bela Kun Anfang August 1919.

Die AR wirkten fortan, d.h. bis zum Bestehen der ersten Koalitionsregierung 1920 und den Wahlen von 1921, an der Bewältigung des schwierigen Alltags mit, d.h. an der Reorganisierung der Ernährungs- und Wohnungslage, aber auch an der Kontrolle des Waffenschmuggels sowie an der militärischen Sicherung der Grenzen im Burgenland. Sie positionierten sich klar hinter der SDAP, deren Vertreter bei internen AR-Wahlen 1921 über 90% der Stimmen erhielten und stellten, als die innenpolitischen Konfrontationen zunahmen, die Kader des 1923 eingerichteten Republikanischen Schutzbundes.


Quellen und Dokumente

Maximilian Schreier: Das Arbeiterparlament. Zur Tagung des Reichsarbeiterrates im Abgeordnetenhaus. In: Der Morgen, 30.6.1919, S. 5.

Literatur

Rolf Reventlow: Zwischen Allierten und Bolschewiken. Wien 1969; Fritz Keller: Die Arbeiter- und Soldatenräte in Österreich 1918-1923. Versuch einer Analyse. Wien 1971, 1998 (Online verfügbar).

(PHK)