Nathan Birnbaum: Die gegenwärtige Lage der Juden

Nathan Birnbaum: Die gegenwärtige Lage der Juden. (1919)

Im Verlage von L. Sänger, Frankfurt am Main, ist soeben eine Broschüre „Vor dem Wandersturm“, von Dr. Nathan Birnbaum erschienen, die sich mit der zurzeit überaus brennenden jüdischen Emigrationsfrage befaßt. Dr. Birnbaum entwirft in seiner Schrift ein überaus düsteres Bild von der gegenwärtigen Lage der Juden in allen Ländern und verweist darauf, daß ein Wandersturm nicht hintanzuhalten sein wird. Deswegen sollte die jüdische Öffentlichkeit sich mit diesem Problem je eher je ernsthafter befassen. Dr. B. regt die Abhaltung einer jüdischen Emigrationskonferenz an. Im Nachstehenden reproduzieren wir ein Kapitel dieser aktuellen Schrift.

                Unsere heutige Lage! Es scheint, daß nicht viele unter uns sich klar gemacht haben oder besser, sich nicht klar machen wollen, wie sie sich nach diesem unseligen Krieg gestaltet hat. Wäre man nicht Zeitgenosse, man würde lächelnd den Kopf schütteln, wenn einem erzählt würde, daß es ein Volk gäbe, das sich – knapp nachdem die Bedingungen seines Daseins ums tausendfache sich verschlimmert haben, gerade während es durch eine Hölle schreitet, wie es eine solche in seinem höllenreichen Leben noch niemals durchschritten hat, unmittelbar vor einer Katastrophe, die schon schwarz und riesengroß genug über seinem Haupte hängt – in rosenroten Hoffnungen wiegt und nicht übel Lust zeigt, jedem den Prozeß zu machen, der sich nicht mitwiegen will.

            Sicherlich ist schon der Umstand von einigem Belang, daß uns der Krieg ungeheuer viel Menschen und Güter gekostet hat, die mehr als eine augenblickliche und bei unserem Mangel an Grundbesitz eine weit empfindlichere Schwächung unseres Volksorganismus und Volksvermögens bedeuten als die anderen in den Krieg verstrickt gewesenen Völker erlitten haben. Indessen brauchte uns, wenn es nur das wäre, um unsere Erholung noch nicht bange zu sein. Das was unsere Lage wirklich erst trostlos macht, ist der Eintritt solcher sozialer und politischer Ereignisse und Konstellationen, die uns dort, wo wir noch einigermaßen festen Boden unter den Füßen hatten, ihn uns rauben, dort, wo ohnehin unsere Lage durch Pogrome und durch wirtschaftliche Drossellungen, eine schreckensvolle war, den Schrecken ins Unermeßliche steigern, auf der ganzen Linie uns einem Ungefähr preisgeben, das mit unserem leiblichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Zusammenbruch gleichbedeutend ist. Da sind zunächst die kommunistischen Experimente, welche die zum allergrößten Teil kaufmännischen beziehungsweise händlerischen Grundlagen unserer Wirtschaft zerstören und uns außerdem sowohl dem judenfeindlichen Instinkte der bolschewistischen Banden – „Sowjet-Antisemitismus“, wie ihn das offizielle Organ der Moskauer Bolschewiken nannte – als, wegen der paar jüdischen Bolschewistenführer, die Bolschewistenfeinde, deren es mählich immer mehr geben wird, auf den Hals hetzen. Da ist ferner und vorzugsweise die politische Neueinteilung des östlichen und mittleren Europa, die schon an sich eine Katastrophe von solcher Furchtbarkeit für das jüdische Volk ist, daß nur eine so unsäglich doktrinäre, im Politischen so dilettantische Bevölkerungsschichte wie die national gesinnte jüdische Intelligenz den großen Umschwung, der unter anderem auch die Katastrophe brachte, mit freundlichen Augen ansehen und von ihm das große Glück erwarten kann.

            Es ist ja heute üblich geworden – ob mit Recht oder Unrecht, mag hier dahingestellt bleiben – der verflossenen österreichisch-ungarischen Monarchie nicht mit besonderer Freundlichkeit zu gedenken. Das eine steht aber jedenfalls fest, daß die Staaten, die auf ihrem Boden entstanden sind, in der Nationalitätenfrage eine Haltung zeigen, die zum mindesten nicht besser ist als die des in Stücke gesprengten Habsburgerreiches. Und insbesondere steht fest, daß gerade die Juden einen mehr als schlechten Tausch gemacht haben. In der ungarischen Reichshälfte war ihre Behandlung – allerdings aus leider nicht einwandfreien Gründen – geradezu eine glänzende. Und Österreich wieder war – schon aus dem altösterreichischen Charakterzug der Gemütlichkeit heraus – in der europäischen Erbsünde des Antisemitismus verhältnismäßig maßvoll, vor allem aber stets als höhere Staatsinstanz die letzte Rettung jener Juden, die in gewissen Kronländern mit weniger gemütlichen und umso temperamentvolleren Bevölkerungen zu tun hatten. Plötzlich sind nun diese fast zwei Millionen Juden, die in ziemlicher Ruhe und obendrein zu einem großen Teil in günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebten, die von einer ruhigen Entwicklung des Gesamtstaates alles zu erwarten hatten, mit diesem auseinandergerissen und an balkanoide, wirtschaftliche gar nicht hoffnungsvolle Kleinstaaten verteilt worden. Und es ist kein Budapest und kein Wien mehr da, wohin sie sich wenden können, wenn die besagten temperamentvollen Bevölkerungen ihnen zu schaffen geben.

            Dem alten Rußland kann man gewiß nichts Ähnliches nachsagen, wie Österreich-Ungarn. Die Juden hatten es hier entschieden schlecht, sehr schlecht. Aber gerade für diejenigen Gebiete des Riesenreiches, in dem sich die jüdischen Massensiedlungen befanden, stand von vornherein fest, daß bei ihrer Abtrennung von Rußland die Lage der Juden zumindest keine Verbesserung, ja in wirtschaftlicher Beziehung wegen der Zersplitterung des grandiosen Wirtschaftsgebietes, eine Verschlimmerung erfahren würde. Nun, da diese Abtrennung und Zersplitterung eingetreten ist, hat sich herausgestellt, daß die Befürchtungen in Bezug auf das Wirtschaftliche nur allzu begründet, in Bezug auf die Frage der Sicherheit jüdischen Lebens, jüdischer Freiheit und jüdischer Ehre von der Wirklichkeit weit übertroffen sind, daß in Hinsicht darauf das zaristische Rußland im bolschewistischen oder demokratischen einen gelehrigen Schüler, in den Trennungsstaaten seinen Meister gefunden hat. Das bedeutet, daß weitere sechs bis sieben Millionen Juden die Rechnung des Umschwungs bezahlen müssen.

            Will man sich mit dem Schutz der Minderheiten trösten, beziehungsweise mit dem Völkerbund, der ihn verbürgen soll? Als ob nicht für jeden, der sich nicht selber täuschen will, klar wäre, daß gerade das Prinzip des persönlichen Anspruchs auf die eigene Kulturart oder Nationalität, das vor dem Kriege mühsam, aber sicher sich durchzusetzen begann, jetzt nach dem Kriege als vollständig unterlegen sich erweist; daß nicht der reine nationale Kulturgedanke, sondern gerade im Gegenteil, der Zwangs- und Machtnationalismus des Territoriums gesiegt hat; daß die Menschheit, wer weiß wie lange brauchen wird, um in Bezug auf Rechte der Minderheiten auch nur so weit zu kommen, wie sie vor dem Kriege war. Was werden papierene Bestimmungen, was wird auch eine internationale Polizei – wenn es zu diesem Gebilde kommen sollte – gegen Völker vermögen, die selbst auch nicht die leiseste Spur, auch nicht einen glimmenden Funken des Geistes besitzen, den sie bei ihnen ersetzen sollen? Wie soll diese Polizei in absehbarer Zeit das jüdische Volk gegen den Haß, gegen die Mord- und Raublust, gegen die erprobte Boykottwut seiner Peiniger schützen? Welche Mittel stehen ihr zur Verfügung, um plumper und raffinierter Brutalität an tausenden Orten, bei tausenden Gelegenheiten, von Millionen Menschen an Millionen Menschen geübt, zu wehren?

            Oder will man sich damit beruhigen, daß doch nicht alles so bleiben werde, daß sich noch vieles wenden mag, daß ja die Welt endlich aus dem Trubel herauskommen müsse? Ja, wenn nicht die Labilität das Merkmal aller Verhältnisse für Jahrzehnte und vielleicht auch für Jahrhunderte geworden wäre und so das Geänderte von morgen nicht übermorgen wieder so ähnlich aussehen könnte, wie es heute aussieht.

            Oder soll man sich damit bescheiden, auf die allmähliche Abwanderung als ausgleichendes und heilendes Geschehen, wie überhaupt auf die biotische und wirtschaftliche Elastizität der Juden zu hoffen, die schließlich alle Katastrophen zu überwinden wisse? Was nützt aber die Abwanderung, was nützt die Elastizität, wenn sie nicht verhindern können, daß eine Reihe jüdischer Generationen, mit nicht zu überbietendem Elend beladen, in die Grube fahren müssen, bevor vielleicht endlich eine längere Pause in den Peinigungen eintritt? Muß die Qual so vieler Geschlechter sein?

            Dabei sieht es gar nicht danach aus, als ob sich die Elastizität der Juden auf dieses Abwarten und Abwandern noch einlassen könnte und wollte. Vielmehr stimmen alle Berichte darin überein, daß Millionen Ostjuden fiebernder, irrer Sehnsucht den Augenblick erwarten, da der Friede geschlossen und die starre Abschließung der Länder gegen einander wieder aufgehoben sein wird, um aus dem Grauen zu flüchten, irgendwohin, wo wieder Licht und Leben ist. Gerade daraus aber droht eine Katastrophe zu erwachsen, gegen die alle vorausgegangenen ein Kinderspiel sein werden. Denn jener Augenblick ist nahe, sehr nahe, und es ist nichts geschehen, um ihm gerecht zu werden. Die Millionen werden sich erheben, eine ungeheure Masse in naturhafter Bewegung, – aber nur ein kleiner Teil wird Grenzen und Gestade finden, die sich ihm öffnen werden. Wenn nicht jetzt, in letzter Minute, Vorsorge, Plan und Führung erstehen, so sind Millionen unseres Volkes dem Verderben in der Hölle ihrer Heimaten oder auf ziellosen Wanderwegen geweiht, und das ganze Volk in das Riesenunheil mit hineingezogen.

In: Jüdische Korrespondenz, 7.10.1919, S. 4-5.