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Joseph Eberle: Zum 12. November – Umsturzerinnerung

Wer heute geschichtliche Erinnerung pflegt, auf Ereignisse der Vergangenheit zurückblickt und über sie nachdenkt, kommt bei den Modemenschen nicht gut an. „Laßt die Toten ihre Toten begraben“, wird ihm ins Gesicht gedonnert. Das Bild von Lots Weib, das nach dem brennenden Sodom zurückschaute und zur Salzsäure erstarrte, wird ihm vorgehalten. Und doch: Einzig der Sinn für die Geschichte, das Leben aus den Zusammenhängen mit der Geschichte, das Betrachten der Geschichte zwecks Lernens aus der Geschichte, unterscheidet Kulturvölker von Nomaden. Der Geschichtsverächter wird Sklave der Tagesmode, Schlachtopfer der Tagesillusionen.

Wenig ist so lehrreich wie die Geschichte von Katastrophen, von Umsturzzeiten. Es sind zumeist die Schlußakte gewaltiger Dramen, wo das Geschehen sich überstürzt, wo Knoten entwirrt, Rätsel gelöst werden, wo ein Stück Räderwerk der Dinge sichtbar wird, wo menschliche Werte und Unwerte, Tugenden und Charakterlosigkeiten, Tapferkeiten und Feigheiten in hüllenloser Nacktheit sichtbar werden. Katastrophen, Umstürze sind immer erschütternde Lektionen über Völkergesetze und Menschenqualitäten. […]

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            Der Umsturzgedächtnistag wird in Österreich und in verschiedenen Nachfolgestaaten als Festtag gefeiert; in Wirklichkeit müßte er als Trauertag begangen werden. Er wäre angebrachter, Trauerfahnen auszuhängen und über alttestamentarische Klagelieder nachzudenken, als Volksmassen mit Banner und klingendem Spiel in Parade aufmarschieren zu lassen. Der Umsturzgewinner sind ja so wenige, die Zahl der Umsturzverlierer dagegen ist Legion.

            Die Zerschlagung der Donaumonarchie und die Begründung neuer Staaten und Regierungssysteme auf ihrem Gebiet ist zum Teil die Folge äußeren Druckes, des verlorenen Krieges; zum Teil die Wirkung langjähriger innerer Wühlereien, denen Not und Verwirrung die Wege ebneten. Umstürze können die begreifliche natürliche Reaktion gegenüber Tyrannenherrschaft und Volksausbeutung sein; sie können aber ebenso die Frucht geistiger Erkrankungen, phantastischer Ideologien sein. Letzteres war beim Umsturz in Österreich-Ungarn, soweit er von Innenkräften bedingt und von langer Hand angestrebt war, vorwiegend der Fall. Die Umsturzführer waren Sklaven einer falschen Ideologie. So berechtigt gesunde Schätzung von Nation und Volk, von Muttersprache und Heimat ist, so falsch ist die Vergötterung, die Verabsolutierung des Nationalen. Neben dem Nationalstaat steht gleichberechtigt, in gewisser Hinsicht sogar höherberechtigt  und übergeordnet, der Völkerstaat oder Völkerbund, der Volksstämme, die zahlenmäßig zu klein zu eigenen normalen Staatsgebilden sind, zu einem gewissen gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Leben zusammenfaßt, zumal wenn die Geographie, wenn die Geschichte und die Gesetze der Volkswirtschaft zu solcher Zusammenarbeit drängen. Die Ideologie des Nationalstaates beziehungsweise die These „Jeder Nation auch ein eigener Staat“ ist Ausfluß des neueren Individualismus. Sie ist eine Modesache im Hinblick auf die Gesamtgeschichte; sie ist ein blutiger Anachronismus im Hinblick auf neuere Entwicklungen: in Presse und Kulturorgani-//sation, in Handel und Verkehr treten immer mehr große internationale Mächte hervor; die Bedrohung Europas durch die anderen Kontinente legt europäische Solidarismen größerer und kleinerer Ordnung geradezu gebieterisch nahe. Wie lächerlich ist da der Wille zur politischen Balkanisierung, zur Duodezstaaterei! Jedenfalls hat die Balkanisierung Altösterreichs nicht die versprochene Freiheit, sondern nur Versklavung gebracht. In den Klageliedern des Jeremias heißt es vom niedergebrochenen Jerusalem, vom besiegten Judenvolk: „Wie sitzet so einsam die Stadt, einst an Volk so reich; wie eine Witwe ist die Gebieterin der Völker geworden, ihre Feinde sind ihre Beherrscher, ihre Widersacher sind reich geworden. Unser Erbe ist Fremden zuteil geworden, unsere Häuser Ausländern, unser Wasser trinken wir um Geld, unser Holz müssen wir um Zahlung erwerben, Knechte haben Gewalt über uns erlangt, niemand rettet uns aus ihrer Hand. Fürsten werden an der Hand aufgehängt, das Antlitz der Ältesten wird nicht geachtet.“ Muß das nicht heute auch von Wien und Budapest und Agram gesagt werden? Wo ist heute die Freiheit der Österreicher, der Ungarn, der Slowenen, der Kroaten, der Slowaken? Ehedem war Österreich-Ungarn eine führende Großmacht und jeder Staatsangehörige Nutznießer der Großmachtstellung; die neuen kleinen Staaten sind nur Spielbälle, Spielzeuge der Großen, und jeder Staatsbewohner erleidet dieses Schicksal mit. In Wien und Budapest ist das ganze staatliche Sein von Ententekrediten abhängig. Vertrauensmänner des Auslandes überwachen als Kontrollorgane die Schlüssel des Geldschrankes! Aber nicht nur die Wirtschaft – die ganze Kulturpolitik, die Frage, ob Antisemitismus oder nicht, ob konfessionelle oder konfessionslose Schulleiter, ob Anschlußkundgebungen oder nicht, wird vom Ausland bestimmt, wird vom Ausland belobt oder mit bitteren Repressalien bedacht. […]

            Es gab schwere Mängel, starke verfassungsrechtliche Unausgeglichenheiten in der alten Donaumonarchie, die ein längerer Weltkrieg steigerte. Weil das alte Regime, die alte Obergesellschaft dafür verantwortlich gemacht wurde, galt der Kampf der Umsturzführer vor allem diesem Regime, dieser Obergesellschaft. Aber auch hier sind die Umsturzführer von langer Hand Sklaven von Falschvorstellungen. […] Seit 1848 sind die Parlamente, die Journale, die Universitäten, die Bücher das eigentlich Führende der Völker, sind Könige und ihre Ministerien weitgehend gezwungen, sich zu begnügen, Exponenten der stärksten geistigen und politischen Strömungen ihrer Länder zu sein. Wie dürfen dann Monarchien und Adel für die Entwicklung dieser Zeit verantwortlich gemacht werden! Die Journale waren die geistigen Nährmütter des Kapitalismus und seiner Unerträglichkeiten. Die Journale legten Holz ins Feuer der nationalen Überspannungen und Zwistigkeiten; die Journale sangen das hohe Lied der Volksvermögen fressenden Plutokratie, die Journale förderten den Aufstieg des Judentums, die Journale förderten den Libertinismus und Zynismus im Buchwesen. Die Journale aber waren nicht in den Händen von Monarchie und Adel! Die Parlamentarier wieder sekundierten weithin der Weltmacht Presse, fütterten den nationalen Egoismus, leisteten Lakaiendienste für die Reitzes und Rothschild, für die Gutmann und Taussig, machten die Bedürfnisse von Industrie und Handel einseitig zu wichtigsten Staatsbedürfnissen; die liberalen Koryphäen der Universitäten aber gingen voran, gingen voran in der Verkündigung des Dysevangeliums vom Kapitalismus und Nationalismus, vom Egoismus und Libertinismus – warum wendet sich die Umsturzführung nicht gegen diese wirklichen Könige der Neuzeit und die Fluchwirkungen ihrer Politik? Warum gegen die um die wahre Führungsmacht gebrachte Dynastie, gegen den Adel, die, noch bessere Traditionen und besseren Geist verkörpernd, als letzte Vertreter konservativer Kultur und Wirtschaft, übervölkischer Versöhnlichkeit, gesunden Interessenausgleiches der Gesamtvolksschichten, eher Verstärkung ihrer Position als Vertreibung , Vermögenskonfiskation und Tod verdienten? Schon im Hinblick auf die französische Revolution, bei Besprechung der Frage der an ihr Schuldigen, wendet sich Carlyle gegen jenen Pharisäismus, der sich anklagend einseitig nur gegen das alte Regime kehrt, das damals noch wirkliche Führungsmacht war. Gegenüber denen, die nur von der Schuld des Königs, der Königin, der Minister sprechen, betont er mit größtem Nachdruck die Schuld des ganzen Volkes – auch rückwärts, bis zu Karls des Großen Tagen; die Schuld aller, die auf ihren Posten irgend einmal ihre Pflicht nicht erfüllt haben. […]

            Nicht als ob das alte Regime in Bausch und Bogen gerechtfertigt werden sollte; es hatte seine genügende Portion Mängel. Gerade wenn nicht nur gefragt wird: Wer war schuld an soundsoviel Fehlentwicklung?, sondern wenn weiter gefragt wird: Warum hat Gott die Katastrophe mit allem Drum und Dran zugelassen?, muß auf viel mangelnde Aktivität, auf allerlei geistige Unzulänglichkeiten in der Erfassung der brennenden Zeitaufgaben beim alten Regime hingewiesen werden. Ganz und gar gefehlt ist es nur, die kleineren Schuldigen abzuurteilen, die großen aber laufen zu lassen. Ganz und gar gefehlt ist es nur, die energischen Vertreter schlechter Ideen den unvollkommenen Vertretern guter Ideen vorzuziehen.

            Jedenfalls hat der Sturz der konservativen Mächte, hat die volle Demokratisierung das erwartete soziale Heil nicht gebracht, sondern nur die sozialen Übel vermehrt. Die Gegensätze von arm und reich sind nicht verschwunden, sondern nur gewachsen. An Stelle der Feudaladels tritt mit wesentlich vermehrter Macht und mit wesentlich vermehrtem Besitz der Industrie- und Handels-, vor allem der Bank- und Börsenadel. […]//

            Ein altes großes Reich wurde zerschlagen, die alte Dynastie wurde vertrieben: nun regiert der internationale Geldmann, der Geldadel, das Geldkönigtum im Zeichen jenes Geldsymbols und Geldstolzes, von dem Carlyle sagt: „Es ist das schlechteste und niedrigste unter allen Bannern und Symbolen der Herrschaft, nur möglich in einer Zeit des Unglaubens in allem, außer in brutaler Gewalt und Sensualismus. […]

            Was ist bei solcher Sachlage, bei solcher Auffassung der Sachlage die Aufgabe? Nicht jammern und die Hände in den Schoß legen, auch nicht tun, als ob die Tatsachen aus der Welt geschafft werden könnten, sondern durch Aufklärung und Tat tapfer für das Morgen zu arbeiten.

            Die falsche nationale Ideologie trägt schwerste Mitschuld an dem gegenwärtigen Elend. Also Abbau, Bekämpfung dieser Ideologie! So sehr jedes Volk Anspruch auf volle Auswirkung seiner nationalen Eigenart hat, so falsch ist jede Verabsolutierung des Nationalen auf Kosten der höheren Werte: Religion, Kultur, Recht. Kleine Völker scheinen von der Natur verkürzt gegenüber den großen Völkern, deren Zahlen- und Landschaftsverhältnisse von selbst den eigenen Staat mit sich bringen; dafür entgehen sie der Symbiose mit anderen Völkern viel mehr der Gefahr der geistigen Verengung und rassischen Erschlaffung. Nicht Balkanisierung Mittel- und Südosteuropas und damit Degradierung Mitteleuropas zum Schlachtfeld, zur Weide, zum Experimentierfeld Fremder, sondern Föderierung und damit Freiheit Mittel- und Südosteuropas muß Zukunftslösung sein.

            Eine weitere schwere Mitschuld am gegenwärtigen Elend trägt der überspannte Demokratismus. Also: Abbau der üblichen Ideologie und Kampf für gesündere, organische Auffassungen! Die Demokratie bedarf starker Gegengewichte, das Regime von untenher gewisser Bindungen von obenher. Christliches Ideal war immer die Synthese der bewährtesten Staatsverfassungen, die Verbindung des demokratischen mit dem aristokratischen und monarchischen Prinzip. Wer dieserart konservativ denkt, ist nicht Romantiker, Träumer und Illusionist, sondern Illusionisten und Träumer sind jene Naivlinge der Provinz, jene Grasgrünen unter 25 Jahren und jene unruhigen Neophyten aus dem Judentum über 25, die, ohne Kenntnis des Riesenhaften und Dämonischen der modernen plutokratischen Mächte, nicht einsehen, daß diesen gegenüber wieder Mächte aufgeboten werden müssen, daß echte Dynastien und Aristokratien geradezu letzte Schutzpfeiler gegen die Gegenwartsplutokratie sein können. Ganz abgesehen davon, daß nicht die Gesellschaft der gleichgeordneten Atome, sondern die hierarchisch geordnete Gesellschaft das Normale ist, wie denn auch der Himmel, die Gemeinschaft der Heiligen, nicht demokratisch, sondern hierarchisch geordnet ist. Es gibt keine Kultur ohne starke Wirksamkeit der Faktoren Tradition und Autorität, so auch keine politische Kultur ohne Wirksamkeit von Mächten der Tradition und Autorität.

[…]

In: Schönere Zukunft. Kulturelle Wochenschrift. Wien Nr. 7, 15. Nov. 1925, S. 157-160.

B.: Theater, Kunst und Musik. „Brülle, China!“. Schauspiel von S. Tretiakow

(Neues Wiener Schauspielhaus.).

             Ein reichlich großmauliger Titel. Aehnlich jenem Plakat eines Kleiderhauses, auf dem ein Mann den Mund sperrangelweit aufreißt. Und gleichwie die Worte, die dieser Mann hervorstößt, mit ihren ersten Buchstaben ganz klein zwischen seinen Lippen stehen und mit ihren letzten riesengroß draußen in der Luft schwimmen (eine höchst unlogische Vorstellung, weil ganz im Gegenteile die erstgesprochenen Buchstaben gewissermaßen schon groß draußen im Raume schweben müßten, während die letzten eben neugeboren dem Gehege der Zähne entspringen), so plakatiert auch das Schauspielhaus auf dem Theaterzettel und auf den Wandtafeln sein „Brülle, China!“ in schiefer, rapid anschwellender Schrift, mit einem winzigen B beginnend, mit einem großmächtigen A schließend. Höchst apart, in der Tat! Jetzt wissen wir, wie chinesisches Gebrüll graphisch darzustellen ist. Phonetisch macht uns die Regie des Herrn Fritz Peter Buch mit ihm bekannt: Es erweist sich als widerlicher, mißtönender, demagogischer Lärm.

             Dieses angebliche Schauspiel des Russen S. Tretiakow dürfte dem Programm jener revolutionären Machwerke angehören, mit denen Sowjetrußland die übrige Welt belästigt. Der Tretiakow mischt sich da frech in eine Sache hinein, die ihn einen großen Schmarren angeht, nämlich in einen chinesisch-englischen „Zwischenfall“, der Jahre zurückliegt und, wenn er sich überhaupt so zugetragen hat, wie er hier geschildert wird, längst abgetan ist. Damals nämlich soll der Kapitän eines englischen Kriegsschiffes zur Sühne dafür, daß ein Amerikaner im Streit mit einem Chinesen ertrank, von den Einwohnern der Stadt Wansien unmenschliche Sühne verlangt und, da der wirkliche Täter nicht aufzutreiben war, zwei Geisel aufgeknüpft haben. Solche Grausamkeiten, wo und wann immer sie sich ereignen mögen, kann niemand schärfer verurteilen, als wir Christen, für ihre Opfer kann niemand aufrichtigeres Mitleid empfinden, als wir. Mit welchem Rechte aber heuchelt der Vertreter einer Weltanschauung Entrüstung und Mitleid, die den Martertod ungezählter Christen in Rußland, in Mexiko auf dem Gewissen hat, die das Blutregiment eines Bela Kun, den Geiselmord der Münchner Räteregierung zu ihren Ruhmesblättern zählt, die allerorten Mord und Greuel zum Parteidogma erhoben hat? So unerfindlich es ist, mit welchem Rechte er dies tut, so durchsichtig ist es, zu welchem Zwecke: Aus dem Einzelvorfall, der freilich jedem fühlenden Menschen ans Herz greifen muß, formt er revolutionäre Haßpropaganda. Eine Art von „Haßgesang wider England“. Dabei kommt es ihm nicht darauf an, die ganze weiße Rasse maßlos zu beschimpfen und zu verunglimpfen: Sie alle, die da, von geschäfts- oder berufswegen nach China kommen, Amerikaner und Engländer, sind wahre Bestien, beuten die armen Chinesen aus, mästen sich an ihren Hunger, mißbrauchen ihre Töchter, demütigen und kujonieren sie auf jede nur mögliche Art. Während die zum Tode geängstigten Gelben zitternd die beiden Opfer auslosen, tanzen die Europäer auf dem Kriegsschiff, spielen Tennis, flirten und singen zur Feier des blutigen Ereignisses das „God save the king“. Der katholische Missionär, die fromme Engländerin, auch sie, herzlose Scheinschriften, höhnen mitleidslos die gepeinigten Chinesen. Keine einzige fühlende Brust unter diesen Larven. Seht ihr, sagt Tretiakow triumphierend, so schaut die sogenannte Kultur aus! Die Wilden sind doch bessere Menschen! Da gibt es nur ein einziges Mittel: Revolution! Haut sie nieder, diese fremden Eindringlinge, murkst sie ab, erhebe dich, brülle China! Früher wird keine Ruhe sein. Ueberhaupt – so erzählt ein Kuli, der Herr Jakob Feldhammer – haben sie es drüben in Europa schon längst so gemacht, die Mächtigen, die Bedrücker gestürzt, davongejagt, sich ihre Menschenrechte erkämpft. Na also . . .

             Dieser Jakob Feldhammer, Direktor des Neuen Wiener Schauspielhauses, hat sich eine recht bequeme Rolle ausgesucht: Der Kuli hetzt nämlich fortgesetzt aus sicherem Hinterhalte, erzählt den armen Schiffern, jeder müsse die revolutionäre Kunst erlernen, für den anderen zu sterben, dabei fällt es ihm nicht entfernt ein, sich freiwillig für den alten Todeskandidaten oder für den gleichfalls zum Strick verurteilten Familienvater zum Sterben zu melden. Daran erkennen wir dich, du tapferer Revolutionär! Nur immer die anderen in den Tod geschickt, mein mutiger Phrasendrescher!

             Ein starkes Theaterstück? Mag sein. Gepeinigte Menschen in ihrem Leid zu sehen, ist immer „starkes“ Theater. Aber sicherer noch ist diese Aufführung in Wien ein starkes Stück. Es wird an einem Theater gewagt, das brave Währinger Bürger aus ihren mühsamen Ersparnissen zum Regierungsjubiläum des Kaisers Franz Josef bauten. Es wird mit all seiner maßlosen Verunglimpfung der englischen Nation in einer Zeit gewagt, da der österreichische Bundeskanzler in London herzliche und wertvolle Freundschaftsbeweise empfängt.

             Die Leistungen der einzelnen Darsteller zu würdigen müssen wir uns versagen. Die Regie des Fritz Peter Buch klappte ausgezeichnet. Gut gebrüllt China! Ein offenkundig parteimäßig eingestelltes Publikum raste vor Entzücken. Gut gebrüllt, Wien!

In: Reichspost, 4.5.1930, S. 13. Weitere Aufführungsdebatten finden Sie hier.

Ernst Fischer: Das große Welttheater. Von Hugo Hofmannsthal

In dieser Zeit der Skepsis und der Regie, der entfesselten Technik und der geknebelten Seele, der großen Maschinen und der kleinen Herzen, in dieser Zeit, die wie eine schreckliche Pause zwischen dem zu Ende gespielten Gestern und dem noch wenig erprobten Morgen ist, treten die Gaukler vor die Rampe, die Schlangenbeschwörer der toten Kultur, die wunderlichen Fakire des Geistes, die letzten Artisten der Alten Welt. Sie haben die Kunst der Steinzeit, die Plastik der Neger, die Malerei der Südseevölker, die Geheimlehren der Inder, die Gifte aller Mysterien und den Katholizismus entdeckt. Sie haben alle Gräber geplündert und von den Tafeln der Toten betäubende, erregende, nervenbeklemmende Dinge mitgebracht. Sie füllen die Pause, die schreckliche Pause zwischen gestern und morgen mit ihren grellen und müden Künsten.

            Einer von diesen Gauklern und Schlangenbeschwörern ist Hugo von Hofmannsthal. Er hat uns die zarte und süße Musik empfindlicher Nerven gegeben, er hat mit kühlen, zuckenden Händen Elemente der Renaissance, der Antike, chinesische Märchen und barocke Geschichten, seltsame Anekdoten und katholische Mysterienspiele in leise Krankheit verwandelt und die große Skepsis und Müdigkeit zu sanften Ekstasen verführt. So hat der Meister des kleinen Welttheaters das große Welttheater des Katholizismus zu schattenhaftem Leben erweckt und ein geistliches Schauspiel Calderon de la Barcas, des genialen katholischen Dichters, durch eine ästhetische Injektion vergewaltigt. Reinhardt hat in den Salzburger Festspielen das Stück zur jüdischen und christlichen Sensation gemacht und der internationalen Halbwelt des Geistes und der Finanz zwischen Börse und Fußball die zauberhafte Regie der katholischen Kirche verabreicht.

            Helmut Ebbs, der das Stück in Graz inszenierte, hat die Dichtung, in der Vergangenheit sich wunderlich mit Gegenwart paart, in der die Revolution und der Sozialismus neben dem christlichen Dogma lyrisch über die Bühne geistern, in der neben künstlicher Einfalt allzu kluge Worte vieldeutig aufleuchten, entkatholisiert und Hofmannsthals Flirt mit der Kirche weise gedämpft. Was unter seiner Regie sich formte, war wirkliches, starkes und buntes Theater. Es wurde kein Hochamt zelebriert, es wurde Theater gespielt, es wurde nicht in Katholizismus gemacht, es wurde eine Dichtung in Bild und Gebärde geformt. Nichts erinnerte an eine gotische oder barocke Kirche, in weite, mystische Landschaft öffnete sich die Bühne. Der Gott, der sein Werk, die Schöpfung, vollendet hat und nun, da alle Rollen verteilt und alle Stellen besetzt sind, nicht weiß, wie er sich die Zeit, die tolle Tochter der Ewigkeit, vertreiben soll, war keine körperlose Stimme aus dunklem Gewölbe, sondern ein Greis mit bronzenem Antlitz und strotzenden Muskeln, der christlicher, jüdischer oder heidnischer Konfession sein konnte und sich nicht in dogmatischen Abstraktionen aufgelöst hatte. Seine Musikantin, die „Welt“ der Dichtung, die das Menschenmaterial für die Spiele zu liefern hat, war zur braunen Erde und heidnischen Mutter geworden, die fahl und magisch beglänzt, in einer Höhle kauert und Lieder von Tod und Leben singt (ein Bühnenbild von ungewöhnlicher Schönheit), der Tod selber, der Bühneninspizient des Welttheaters, trat nicht als christliches Knochengerippe auf, sondern als einer „aus des Dionysos, der Venus Sippe,“ wie der junge Hofmannsthal ihn einst, als er noch bei Goethe, Nietzsche und der Antike zu Gaste saß, gestaltet hat. Ebbs spielte den Tod in grauer Seide, rot umblutet von seidenem Bande, mit weichem, lockenden Bariton und seltsamer Anmut der Bewegung.

            Der Bettler, die eigenartigste und modernste Gestalt der Dichtung, wurde von Theodor Grieg dargestellt, der in der leidenschaftlichen, aus edlen Versen auflodernden Anklage gegen die Welt der Könige, der Händler und der Bauern zu wenig metallisch, in der heiteren Resignation und hohen Verklärung des Schlusses aber sehr wirkungsvoll war. Dieser Bettler ist mir behutsamer Überlegenheit du großer Klugheit gestaltet; der Ästhet Hofmannsthal berauscht sich an der erregenden Kraft der Revolution, wie er sich an der Antike oder am Katholizismus berauscht. Aber der Dichter denkt, doch dunkles Menschenschicksal lenkt seine Hand; der Bettler mußte, über die kühle Ruhe dessen hinaus, der ihn schuf, die stärkste Figur in diesem Welttheater werden. Sie alle sind meisterhaft aus der Zeit auf die Bühne gestellt, der Bauer, „ein Laib mit Brot mit zwei Füß“, der Reiche, der die Macht, und der König, der ihren Schein besitzt. aber sie alle sind fest und klar charakterisiert und begrenzt, nur der Bettler flammt über sich selber ins Grenzenlose hinaus. Er hebt das Beil gegen alle und einen Augenblick lang weiß niemand, weiß weder der König auf der Bühne noch das Publikum, der Engel und die Heiligen, ob das noch zur Rolle gehört oder ob das rebellische Improvisation ist. Das Stück, das zur Ehre und zur Lust Gottes aufgeführt wird, ist in Frage gestellt – dann aber geschieht das Wunder, das die Weisheit, die das traditionelle Gewand der Nonne trägt, das Herz des Rebellen erschüttert, weil sie nicht gegen ihn, sondern für alle Kreatur ist. Und die Weisheit schenkt ihm das Beil, da der Bettler sich weigert, ein Werkzeug zu führen, das nicht ihm gehört. Ist es des klugen Dichters Absicht, habe nur ich aus dieser Szene herausgehört, daß die Weisheit dem alten Besitzer den Produktionsapparat nimmt und ihn in die Hände des Proletariers legt, und daß nur so das Unheil und die Gewalt von dieser Welt abgewendet werden? Ist die Dichtung Hofmannsthals mehr als ein Zwischenspiel, grüßt der große Könner die Kommenden oder -?

            Das ist es, was mir an dieser Inszenierung so gut gefiel: daß sie aus dem Scheine der Vergangenheit in das Sein der Gegenwart eine Brücke schlug, daß sie aus dem katholischen Mysterium den menschlichen Mythos schälte. Abgesehen von kleineren Störungen, die schwer zu vermeiden sind (der fatale Sprechchor, die Unzulänglichkeit der weiblichen Stimmen, die dem großen Raum nicht gewachsen sind), war die Aufführung ein Maximum des an unserer Bühne Möglichen, dank der wundervollen Regie, dank den Schauspielern, unter denen außer den schon genannten vor allem Hugelmann als meisterhaft gestalteter Bauer und Kreidemann als vortrefflicher Widersacher auffielen. Allerdings war die optische Wirkung stärker als die akustische, die Sinfonie der Farben bezwingender als die Sinfonie der Worte: so vollendete Bühnenbilder wie den Tanz der Glücklichen, das Lied der Erde, den rhythmisch gelösten Totentanz und die weiße Verklärung des Schlusses haben wir selten gesehen. Das Wort litt manchmal unter den Dimensionen des Opernhauses.

In: Arbeiterwille (Graz) 11.3.1925, S. 3-4.