Putschversuch, 15. Juni 1919

Am 14. 6. 1919 kursierten in der Mehrzahl der Wiener Zeitungen Meldungen über eine bevorstehende Demonstration, die von anonymen Soldatenrat-Komités seit Tagen angekündigt wurden und Gegenstand einer am 13.6. eilig einberufenen Sitzung des Wiener Kreisarbeiterrates unter Vorsitz von Friedrich Adler war. Dessen Beschlüsse kamen am Folgetag in der AZ als Aufruf an die Wiener Arbeiterschaft zum Abdruck und warnten dabei eindringlich vor einem geplanten Putsch und einer Spaltung der Arbeiterbewegung sowie vor jenen Komités, hinter denen die KPÖ sowie Emissäre der ungarischen Räteregierung und dessen Abgesandten Ernst (Eno) Bettelheim ausgemacht wurden. Die Beschlüsse des Kreisarbeiterrates sahen außerdem eine friedliche Demonstration vor. Durch die Verhaftung von etwa einhundert Funktionären bzw. Aktivisten der KPÖ am Vorabend dieser Demonstration und Bekanntwerden dieses Umstandes heizte sich die Stimmung auf, sodass es zum Einsatz von Schusswachen durch die Polizei und die Wiener Stadtschutzwache kam, hinter der vermutlich der Wiener Polizeipräsident J. Schober stand. Die Folge waren 20 tote und über einhundert verletzte Demonstrationsteilnehmer. In der Einschätzung dieser Eskalation gingen die Meinungen stark auseinander: während neben der KPÖ-Darstellung, die am 17.6. in der Sozialen Revolution erschien, nur mehr von einer legitimen Demonstration und nur mehr chiffriert von der Notwendigkeit, dass „dem bankerotten bürgerlichen Staat ein Ende gemacht werden“ müsse, die Rede war und die Verantwortung für die Eskalation der Polizei, welche u.a. die vorgesehenen Ordner-Kräfte am Vorabend verhaftet hätte, zugewiesen wurde sowie der Sozialdemokratie, eine Haltung, die auch der Abend grundlegend teilte, positionierten sich nahezu alle anderen Zeitungen klar gegen diese Deutung und teilten den Vorwurf der AZ bzw. der sozialdemokrat. Parteileitung, die dahinter einen gezielten, durch die ungarische Räteregierung mitfinanzierten Putschversuch, der bloß im letzten Moment abgebrochen worden wäre, ortete, im Kreisarbeiterrat auch eine Untersuchungskommission einsetzte und verurteilte diesen klar, wenngleich z.T., je nach Ausrichtung, mit polemischen, tagespolitisch motivierten Tönen. Bereits der erste Bericht in jenem Kreisarbeiterrat legte starke Indizien und Beweismaterial vor, dass dieser gerade noch abgebrochene Putschversuch tatsächlich weit gediehen war und bereits ungarische Rote Garden an der Grenze zur Untersützung bereit gestanden wären.

Materialien und Quellen:

Die akustische Chronik des 20. Jahrhunderts: 1919-1920;

Zeitgenössische Presse-Reaktionen:

N.N. [Colbert]: Suchet die Schuldigen! In: Der Abend, 16. 6. 1919, S. 1; N.N.: Ein blutiger Sonntag in Wien. In: NWTBl, 16.6. 1919, S. 1-2; N.N. [Colbert]: N.N.: Das kommunistische Fiasko. In: Der neue Tag, 16.6. 1919, S. 1; Die Heuchler. In: Der Abend, 17. 6. 1919, S. 1; N.N.[Ullmann?]: Die nächste Pflicht. In: WAZ, 17.6. 1919, S. 2; N.N. [Austerlitz]: Die Schuld der Putschisten. In: AZ, 17. 6. 1919, S. 1; N.N.: Macht und Ordnung. In: Die Zeit, 17.6. 1919, S. 1; N.N.[Toman/Koritschoner]: Die Wahrheit über den 15. Juni. Die Schuldigen am Blutbade. In: Die Soziale Revolution (RF, Extraausgabe), 17. 6. 1919, S. 1-2; N.N.: Ungarische Geldmittel für die Wiener Kommunisten. In: NFP, 18.6.1919, S. 2; N.N.: Sitzung des Kreisarbeiterrates. Bericht der Untersuchungskommission. In: AZ, 18. 6. 1919, S. 2.

(PHK, work in progress)