Else Feldmann: Der Mensch ist gut

Else Feldmann: Der Mensch ist gut (1918)

Mein Freund Max Lesser in Berlin schrieb mir vor zwei Jahren — wir sind beide keine Briefschreiber und schreiben einander oft auch ein Jahr nicht, darum wissen wir doch, daß einer dem andern Besitz ist —, Max Lesser schickte mir also einen Zettel aus Berlin, darauf stand: Sie müssen die Ursache lesen von Leonhard Frank. Das ist ein großer Dichter, ein Nachkomme Dostojewskys, nicht ein Nachahmer; es ist, als ob er sein Bruder wäre.

Ich las damals die Ursache und ich las gleich darauf das frühere Buch von Frank Die Räuberbande. Ich war von den beiden Büchern wie hellsichtig geworden; ich konnte wochenlang an nichts anderes denken, von nichts anderem sprechen. Nie hat es einen Dichter gegeben, der so in die Seelen verwahrloster Kinder geblickt hätte. Seit Dostojewsky und Knut Hamsun gab es keinen, der die Seelen der Er­wachsenen so durchschaut hätte. Seit Viktor Hugos Les miserables, Dostojewskys Brüder Karamasow und Raskolnikow und Popper-Lynkeus Phantasien eines Realisten hat es keinen Dichter gegeben, dessen Werk so sehr Inkarnat der Menschenliebe gewesen wäre, wie das neue Buch vom Kriege Leonhard Franks: Der Mensch ist gut! Wie Jean Baljean und der junge Aljoscha Karamasow gleich dem ewigen Riesen „Moses“ von Michel Angelo über die Mensch­heit hinausragen, so werden die „Repräsentanten“: der Kellner, die Mutter, die Versicherungsagentenswitwe, das „Liebespaar“, der Philosoph und die Ladnerin, der Stabs­arzt, der Leichenwärter, aus dem Schauhause weit hinaus­ragen aus allem Weltgeschichtlichen, Zeitungsberichten, Frontberichten, Briefen und Aufzeichnungen. Denn hier hat ein Dichterherz — ein Menschenherz alles zusammengefaßt, was der Krieg an Unglück über die Welt brachte und mit dem allumfassenden Blick des Weisen überschaut und mit den Händen eines Künstlers und Gestalters geformt.

Ich weiß von dem Dichter Leonhard Frank nichts, als daß er dreißig Jahre alt, ein Deutscher ist und jetzt in der Schweiz, in Zürich lebt. Wie mag er aussehen? Ich habe kein Bild von ihm gesehen, keine Schilderung von ihm. Ich stelle ihn mir blond vor. Weiches, blondes Haar. Der Kopf schwer von Gedanken und klare, tiefe Augen. Eine unver­sehrte Jugend, trotz tiefsten Schauens. Ein Schlanker und Sehniger, der aufrecht schreitet wie ein Verkünder. Eine Seele und ein Körper ohne Hinfälligkeit; ohne Zorn, ohne Verachtung; eine Seele, die ganz Liebe und Schmerz geworden.

Oder vielleicht sieht er ganz anders aus; vielleicht ist er ein häßlicher kleiner Mensch, kurzsichtig, mit Brillen wie Schubert. Einer, der früher durch die Straßen Berlins ging, mit Zeitungsleuten in einem Kaffeehause unter den Linden gesessen hatte und die Erste des Metropoltheaters, die täglich auftrat in der „Revue“: Wie einst im Mai auf der Straße grüßte: Guten Tag, gnädiges Fräulein, während sie zu ihrem Freunde gewendet sagt: Der hat Bücher geschrieben; eines heißt: Der Mensch ist gut. Es soll ganz interessant sein!… Auch das könnte er sein! Warum nicht!

In dem Buch Leonhard Franks erleben wir den Welt­krieg. Das erste Mal sehen wir ihn mit eigenen Augen. Wir fühlen ihn, als stünde er greifbar vor uns. Während in dem Buche des Franzosen Barbusse: le feu oder in dem Lettres d’un soldat lebensechte Schilderungen von draußen, vom Felde gegeben werden, die das Blut erstarren machen, sehen wir in den Novellen von Frank die ganze Menschheit im Kriege.

Wir sehen den Kellner, den Trinkgeldmenschen, den ge­marterten Diener der Wünsche anderer. Wir sehen, wie dieser Kellner von einem Glück lebt und dieses eine Glück ist: sein Sohn. Wie er ihn mit seinen Trinkgeldern groß zieht, für die er hundertmal im Tag seinen Kopf beugen, dicken Müßiggängern in den Rock hineinhelfen muß, für die er hundert Ohrfeigen jeden Tag empfangen muß. Wir sehen, wie der Kellner seinen Sohn für diese Trink­gelder studieren läßt und wie der Sohn endlich vor Abschluß der Studien fällt— auf dem Felde der Ehre!

So hat noch nie kein Mensch gelitten, wie der Kellner leidet. Als er sich durch den Schmerz durchgerungen, bricht etwas neues in seinem Herzen auf: die Liebe zu den Menschen. Im dunkeln Gastzimmer, wo er, ein gesellschaft­lich Heruntergekommener nur noch die niedrigsten Dienste zu leisten hat, fängt er vor ein paar Herumlungerern seine Rede an — man hört sie auf der Straße, arme Frauen kommen herbei, Arbeiter, Taglöhner — die Menschen kommen von allen Straßen und Plätzen, der Kellner, der die Liebe erlebt hat, schreit in die Menge hinein: Wir wollen alle Brüder sein! Der Mensch ist gut!

Sie verstehen ihn nicht, denn sie haben nicht die Liebe in ihren Herzen erlebt…. Wir alle, Reiche und Arme, sind brutal wie Mörder und gierig wie harte Wucherer; wir alle sind Offiziere und Börsianer, auch wenn wir erfolg­lose Sklaven geblieben sind. — Glückliche, unendlich reiche Kinder könnten wir sein aus unserer unendlich reichen Erde und sind erfolggierige Geldmenschen, bedauernswerte, erlebnisarme Schurken, die zu staatlich sanktionierten Mördern wur­den. Der Krieg ist durch den Krieg nur sichtbarer geworden.

Der Versicherungsagentenswitwe war der Mann gefallen. Der arme Versicherungsagent, der von den Prozenten lebte, die er täglich in hundert Lügen aus den Leuten herausschwatzte, war auf dem Felde der Ehre gefallen. Die Frau erwartet ihr erstes Kind. Durch die Nacht des Wahnsinns, durch die sie gegangen, erwacht sie eines Morgens mit der Liebe zu den Menschen im Herzen; und fanatisiert schließt das Weib sich dem Kellner an….

Der Mutter ist der Sohn gefallen; sie bekommt seinen Brief — den Brief des toten Sohnes: Gesund bin ich wie noch nie; als die Mutter ihn las, hing der Sohn im Drahtverhau.

Der Philosoph und die Ladnerin lagen auf zwei Pritschen nebeneinander im Leichenschauhause; sie sind den Gastod gestorben. Dem Mädchen ist der Bräutigam gefallen. Der Wärter, der im Schauhause lebt und das Unglück der Menschen fühlt, wird vom Strahl der Liebe getroffen und schließt sich dem Kellner an. Der Kellner spricht jetzt schon zu einer ganzen Stadt. …

Bedeutet das nicht von allem Anfang an in der Lüge ertrunken sein, von Zivilisation zu. sprechen, solange noch durch jede Straße Europas Menschen gehen, die an der Seite Messer hängen haben, dafür bestimmt, in Menschenleiber hineingebohrt zu werden? Zivilisation!

Wir sehen das Lazarett, das im Tanzsaal hinter der Front untergebracht ist; den Kübel mit den Menschengliedern, der alle paar Stunden ausgeleert wird. Der Stabsarzt führt den Krüppelzug: die Amputierten, die Blinden, die Irren. Wir sehen Leid und Schmerzen, unerträgliches Leid, unerträgliche Schmerzen. Das „Phänomen“ ist ein Rumpf, dem alle Glieder fehlen; der nur noch Augen hat, um zu weinen Tag und Nacht, und einen Mund, um zu fragen: Was soll ich tun, Herr Stabsarzt? Was soll ich tun?

Da erwacht auch in dem Stabsarzt die Liebe, er bedeckt das Gesicht des „Phänomen“ mit seinen Küssen, küßt die elenden Reste eines Menschenkörpers und wird erlöst, wird ein Mensch. Er wird sich dem Kellner anschließen. Der Kellner aber spricht jetzt schon zu einem ganzen Lande: Wir wollen uns jetzt endlich besinnen. Wollen denken. Uns daran erinnern, daß der Mensch gut ist und unser Bruder ist. Wir wollen endlich herausreißen aus unserem Herzen: die Gewohnheit, die Lüge, die Gewinnsucht, die Bewunderung der Gewalt, Autorität und Macht, damit nicht auch der Same der noch ungeborenen Geschlechter den Keim in sich trage zu neuem Morde….

Dieses Buch, dieses glühendste Manifest der Liebe liegt vor mir. Wie ist es möglich, frage ich mich, nachdem einer die Wahrheit erkannt und sie den Menschen ins Gesicht schrie, wie ist es möglich, daß nach diesem Buch auch nur ein einziger Tag weiter Krieg sein kann?

In: Der Morgen, 15.7.1918, S. 5.