Toman/Koritschoner: Die Wahrheit über den 15. Juni. Die Schuldigen am Blutbade

N.N. [Toman/Koritschoner]: Die Wahrheit über den 15. Juni. Die Schuldigen am Blutbade. (1919)

Wahrheit gegen Lüge.

Schon wieder ist die Presse der Bourgeoisie am Werke, um ihr Gift der Lügen, Verleumdungen und wilden Beschimpfungen gegen die „Kommunisten“ auszuspritzen, um sich auf Kosten der Kommunisten von der

Blutschuld, die allein auf den gegenwärtigen Machthabern lastet,

reinzuwaschen, um die Augen des arbeitenden Volkes von den wahrhaft Schuldigen abzulenken und sie mit blindem Hasse gegen jene zu erfüllen, deren einziges Bestreben es ist, das Proletariat von den eisernen Fesseln der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu erlösen.

            Aber nicht die kapitalistische Presse, nicht das Bürgertum sind die Führer in diesem Lügenfeldzug, der nun gegen die Kommunisten unternommen wird, sondern

die sozialdemokratische Presse, voran die „Arbeiter-Zeitung“, und die sozialdemokratischen Parteiführer sind es,

welche mit allen Mitteln der tückischen und rohen Vergewaltigung der öffentlichen Meinung die Arbeiterschaft gegen ihre revolutionären Vertreter aufzuhetzen bestrebt sind, und welche das Bürgertum ermutigen mit den Argumenten Noskes, das ist mit Maschinengewehren und Handgranaten, die soziale Revolution zu verhindern, und zu hintertreiben

Der Zweck der Massenkundgebung am 15. Juni.

Mit ihrer Massenkundgebung am 15. Juni wollten die Kommunisten laut bezeugen, daß in dem Land, dessen Wirtschaft und Kultur durch die Schuld des Kapitalismus unter allen Ländern am meisten verrottet ist, dessen Proletariat so verelendet und verknechtet ist, wie nirgends auf der Welt, so daß es in dem bestehenden bürgerlichen Staate nicht mehr länger „durchhalten“ kann,

daß in diesem Deutschösterreich der soziale Umsturz überreif ist.

Ein lauter Aufschrei der proletarischen Massen gegen den Burgfrieden mit den Kapitalisten, der nur diesen zugute kommt, ein mächtiger Protest gegen jene Koalitionsregierung, durch die den Kapitalistn hüben und drüben zu neuen Triumphen verholfen wird, sollte alle jene aufrütteln und erschüttern, welche glaubten, das Proletariat noch weiter im Sumpf der gegenwärtigen „Ordnung“ versinken und ersticken lassen zu müssen. An diesem Sonntag sollte der revolutionäre Geist des Klassenkampfes gegenüber dem verderblichen reaktionären des Klassenpaktes zu einem weithin schallenden Ausdruck kommen. Eine Kundgebung sollte es sein gegen den Anschluß an die Staaten im Westen und im Norden wo die Reaktion neuerlich ihre blutigen Triumphe feiert, eine Kundgebung für den Anschluß an jene Staaten im Osten, in denen die Arbeiterschaft sich aus den Ketten der Versklavung befreit hat, in denen die kapitalistische Gesellschaftsordnung der kommunistischen zum Heil aller arbeitenden Menschen Platz gemacht hat. In Herz und Geist aller Proletarier sollte die Forderung Wurzel fassen, daß in Deutschösterreich, um des eigenen und des internationalen Proletariats willen die soziale Revolution so rasch als möglich nottut. Sonst wird es zu spät. Denn schon erhebt die Reaktion immer frecher ihr blutrünstiges Haupt. Darum muß in Deutschösterreich mit dem dem bankerotten bürgerlichen Staat ein Ende gemacht werden und an seine Stelle der Staat der gemeinsamen Arbeit, der gemeinsamen gleichmäßigen Verteilung alles Gutes ins Leben treten. Das Wenige, was vorhanden ist und war erarbeitet werden kann, muß dem Proletariat zugute kommen!

Dies sollte am 15. Juni kundgetan werden. Nicht aber, wie man es dem Proletariat mit allen Mitteln böswillig einrichten will, von oben her, mit Pulverdampf von einigen „Direktoren“ oder „Diktatoren“ durch einen Putsch eine neue Verfassung dem Proletariat vorgesetzt werden. Wer dies behauptet,

                                    lügt bewußt!

Die kommunistische Partei hat am Tage vor dem 15. Juni vor der breitesten Öffentlichkeit im „Abend“ bekanntgegeben, daß sie nichts anderes als eine würdige Demonstration für ihr Ziel, die Räterepublik Deutschösterreich in Ruhe und Ordnung durchzuführen beabsichtigt.

Wer hat den Putsch gewollt? Nicht die Kommunisten! Sondern all jene, welche die Kommunisten provozieren wollen! Die Schuldigen sind die, welche geflissentlich die Nachrichten von den Putschabsichten der Kommunisten verbreiteten. Die Bürgerlichen natürlich! Aber was noch viel verhängnisvoller war, der Vollzugsrat des Reichsarbeiterrates, die Hetzartikel in der „Arbeiter-Zeitung“, haben die Putschstimmung genährt. Alle jene, welche sich schon seit Wochen zu einem Schlag gegen das Proletariat rüsten!

überhaupt der Keim zu solch einer Empörung nicht gelegt worden wäre und sich alle Führer und Ordner am Platze befunden hätten, um die Haltung der demonstrierenden Masse zu bestimmen.

Durch all ihre Handlungen, durch die öffentliche Hetze gegen die Kommunisten von Seiten der Regierung und der politischen Parteien, insbesonders auch der sozialdemokratischen und schließlich durch die Verhaftung der Führer und Ordner jener Kundgebung haben die Regierung und ihre Organe sowie die gegnerischen politischen Führer alle Verantwortung auf sich geladen.

                                               Friedrich Adler

Und seine Genossen haben ihr Gewissen mit der Schuld beladen, die Polizei und die Stadtschutzwache mit dem Bewußtsein erfüllt zu haben, es sei ihre moralische, ja ihre proletarische Pflicht, in das demonstrierende Proletariat nach Herzenslust zu schießen und einzuschlagen.

Sie sind es, die den Willen der Kommunisten, eine edle und ruhige Demonstration zu veranstalten, zuschanden gemacht haben, indem sie diesen Willen einfach nicht beachteten und nur Blut- und Haßgedanken in die breite Öffentlichkeit ausgesät haben. Die Erklärungen des Kreisarbeiterrates, des provisorischen Vollzugsrates des Zentralarbeiterrates und des Vollzugsrates des Reichs-Soldatenrates waren, wie die darüber jubelnde bürgerliche Presse bewiesen hat, Wasser auf die Mühlen der Reaktion. Die Mühlen der Reaktion mahlen schnell.

Die Verhaftung der Führer und Ordner am Vorabend.

            Der weiße Putsch gegen die Führer und Ordner der kommunistischen Partei am Vorabend vor dem Sonntag hat das Verhalten der sozialdemokratischen Regierung gekrönt. Die hat das Maß ihrer Schuld vollgemacht.

Führer und Vertrauensleute aller Bezirksgruppen der kommunistischen Partei waren in einem Parteilokal in der Pulverturmgasse (schon der Name der Gasse riecht nach Verschwörung) versammelt, um den geordneten Verlauf der Versammlung zu organisieren. Es sollte jeder Ruhestörer, jeder Provokateur entfernt werden. […] Da plötzlich drang ein großer Trupp von Geheimpolizisten und Wachleuten mit vorgehaltenen Revolvern in den Saal und erklärte alle Anwesenden, etwa 150 an der Zahl, samt und sonders für verhaftet. Sie wurden per Lastautos in das Polizeigefangenhaus auf der Elisabethpromenade gebracht. Dort verlangen die führenden Kommunisten sofort Rechenschaft darüber, wer diese Verhaftung anbefohlen hat. Sie wollten den Staatssekretär Eldersch telephonisch auf den verderblichen Wahnsinn dieser Maßnahme hinweisen, welche die düstersten Aussichten für den nächsten Tag erwecken mußte, da zu erwarten war, daß die Masse an Haupt und Gliedern verstümmelt, ihrer Empörung Lauf lassen und sich dadurch wehrlos den Gewehrkugeln überantworten werde.

Die Auskunft, wer die Verhaftung veranlaßt hat, wurde glatt verweigert. Mag sie nun von dem sozialdemokratischen Staatssekretär Eldersch selbst ausgegangen sein oder mag sie von seinen Gehilfen, dem Polizeipräsidenten Schober selbständig verfügt worden sein, natürlich im Geiste seines Vorgesetzten und ermutigt durch die sozialdemokratische Hetze gegen die Kommunistenjedenfalls hat diese Maßnahme in öffentlicher Weise die kommunistischen Führer jeder Verantwortung entbunden und die Verantwortung auf jene Regierung und jene regierenden Parteien überladen, welche die verantwortliche Kommunisten verhaftet haben.

Wären die Führer und Ordner nicht verhaftet worden, wäre nicht dadurch künstlich eine wilde aufrührerische Stimmung in der Masse entfacht worden, so wäre es zu keiner Hinschlachtung von Proletariern gekommen. […] //

Sie sind die Schuldigen.

Ungeheures reaktionäres Wachaufgebot zum Schutze des bürgerlich demokratischen Staates!

Schon am frühesten Morgen des Sonntag waren umfassende Vorbereitungen getroffen worden, um die Ruhe und Sicherheit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu

sichern. Ein ungeheures Aufgebot von Polizei zu Pferde und zu Fuße und von  Stadtschutzwache hatte den Ring und die innere Stadt zu einer Festung gemacht. Besonders die Heiligtümer der kapitalistischen Demokratie, wie z. B. Parlament, Börse und Polizeipräsidium, waren von starkem Truppenaufgebot geschützt.

Aber welche Truppen hatte die sozialdemokratische Regierung aufgeboten? Sie hatte natürlich erklärt, daß es die glorreichen Errungenschaften der „Revolution“, daß es die gegenwärtig offenbar herrliche Lage des Proletariats zu behaupten gelte!

Hat sie aus dieser Erklärung ihre Schlüsse gezogen? Hat sie die proletarische Klassentruppe,

die Volkswehr, aufgeboten? Nein! Diese wurde vielmehr kaserniert. Polizei und Stadtschutzwache, also reaktionäre weiße Garden, die sich mit Kornblumen, ja sogar mit weißen Blumen zur Feier des Tages geschmückt hatten, wurden zu tausenden bereit gestellt, um das Proletariat auf ihre fürchterliche Weise zu empfangen. Dies muß für alle Ewigkeit festgenagelt werden. Wer sich reaktionärer Sicherheitstruppen bedient, derer er

sicher ist gegen das Proletariat, der ist selbst reaktionär, dem geht es nicht um die Arbeiterschaft, sondern um die Bürgerschaft, dem geht es um die Aufrechterhaltung des bürgerlich-kapitalistischen Staates. Die Sozialdemokraten haben ihre Maske fallen gelassen.

Diese zum Großteil neu angeworbenen Truppen waren, wie einige Zeugen ausdrücklich und ehrlich erklärt haben, in gehobener Laune und in einer Mordiostimmung gegenüber dem Proletariate. Sie waren in Gasthäusern mit Speisen und berauschenden Getränken zur Aufstachelung ihres Interesses an der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung verpflegt worden: Als eine drohende Gefahr für die unbewaffneten Proletarier standen sie bereit.

Die Versammlung vor dem Rathaus.

Die Massen sammelten ich um 10 Uhr vor dem. Rathaus. Mindestens zwanzigtaufend Personen füllten den Platz vor dem Rathaus und die umgebenden Plätze. Sie befanden sich in einer durchaus ruhigen Stimmung. Da wurde von der Rampe des Rathauses her verlautbart, daß die Kommunistenführer und Verbandsleute am Vorabend verhaftet worden waren. Sofort bemächtigte sich eine tiefe Erregung der Versammelten. Einige Genossen

hielten an mehreren Orten Ansprachen. Eine Deputation wurde gebildet, um sich zum Staatsekretär des Innern zu begeben und die sofortige Aufhebung dieser ganz unerhörten Gewaltmaßnahme zu erwirken. Eine andere Deputation begab sich später zu demselben Zwecke ins Polizeipräsidium. Aber die Menge ließ sich nicht beschwichtigen. Die Erregung wuchs. Viele befanden sich in der irrigen Annahme, die Verhafteten seien im Landesgericht interniert und gaben daher die Losung aus, zum Landesgericht zu ziehen und die Verhafteten zu befreien. Der Zug ordnete sich. Voran Invalide und Heimkehrer. Sämtliche Demonstranten waren unbewaffnet. Vor dem Landesgerichte machte der Zug halt. Dort wurde der Masse bekanntgegeben, daß sich die Verhafteten nicht im Gebäude befinden. Die Masse flutete geordnet weiter. Auf dem Votivplatze machte ein Teil halt, ein anderer Teil drängte weiter, um vor das Polizeigefangenhaus zu ziehen und dort die Freilassung der Verhafteten zu erwirken. In Ruhe und Ordnung rangierte sich der Zug, um durch die Hörlgasse zu marschieren. Die Gegend schien „rein“ zu sein. Aber als der Zug sich durch die etwas bergabgehende Hörlgasse wi von selbst hinabzuwälzen begann, stand plötzlich eine kompakte Masse von Bewaffneten da, um den Weiterzug zu verhindern. Nun kam es zum Zusammenstoß. Einige aus der ersten Reihe der Demonstranten versuchten mit den Schutztruppen zu verhandeln, um sie zur Freigabe des Weges zu veranlassen. Ver-

geblich. Die Menge drängte nach. Da gab ein Polizeioffizier den Beſehl: „Den Platz rämmen!“ Ein Schuß fiel! Nicht aus der Menge! Sondern aus einem Haus. Aus dem Maximiliangymnasium! Er traf einen Mann in die Schläfe, der tot hinfiel. Es folgten mehrere Schüsse. Der Masse bemächtigte sich eine Panik. Sie suchte sich zu retten. Sie stürmte in Todesangst vorwärts, rückwärts, seitwärts. Da folgte auf eine blinde Salve der Stadtschutzleute rasch hintereinander scharfe Salven von allen Seiten, von rechts, von links, von oben. Tote und Verwundete bedeckten den Platz.  Die Invaliden, die Frauen und Jugendlichen stürzten hin und verknäulten sich.

Es wurde weiter wie tollwütig in sie hineingeschossen. Fliehende wurden verfolgt und in sie hineingepulvert. Ein fürchterliches Jammern erhob sich am Platz. Die Wache tobte sich im Blutrausch aus. Die Berittenen ritten alle die Elenden nieder, die ihnen im Weg waren, und hieben mit gezügten Säbeln wie Besessene in sie ein. Auch auf dem Votivplaß, wo sich die Ärmsten der Armen hinter Büschen zu verstecken suchten, wurde noch drauf losgefeuert, sogar mit Maschinengewehren. […]

Ein Zug brach sich endlich bis zur Elisabethpromenade Bahn, wo er die inzwischen freigelassenen Genossen empfing, die dann beruhigend auf die Menge einwirkten. Später sprachen auch vor dem Rathause eine Anzahl der Freigelassenen, worauf die Masse vormittags auseinanderging.

Die Inhaftierten wurden freigelassen mit der ausdrücklichen Bitte der Polizei, die Massen zu besänftigen und zu zerstreuen! Dies spricht eine klare Sprache! Dies wo die Mörder sind!

[…]

Die Fortsetzung der Veröffentlichung der Zeugenaussagen erfolgt in der Hauptnummer.

In: Die Soziale Revolution (Die Rote Fahne, Extraausgabe), 17.6.1919, S. 1-2.