Anton Kuh: Die Lehre des Otto Groß

Anton Kuh: Die Lehre des Otto Groß. (1921)

Man wird sich noch der Aufsehen erregenden Affäre jenes jungen Psychoanalytikers Dr. Otto Groß er­innern, der vor etwa acht Jahren nach der Giftverabreichungen zwei Damen der Berliner Gesellschaft, die Selbstmord verüben wollten, von seinem Vater, dem bekannten Grazer Kriminalwissenschaftler Professor Hans Groß ins Irren­haus gesperrt wurde. Otto. Groß, der im engeren Kreis als Gelehrter hoch geachtet war, starb vor einem Jahr in Berlin. Im nachfolgenden veröffentlichen wir aus dem demnächst bei Erich Reiß (Berlin) erscheinenden fesselnden Buch des glänzenden Wiener Essaysten Anton Kuh über Juden und Deutsche, dessen Aushängebogen uns vorliegen, eine Würdigung von Otto Groß‘ Leben und Werk.

Ich möchte mit den Worten und Gedankenfolgen eines Mannes bekannt machen, den außer einer Handvoll Psychiatern und Geheimpolizisten die wenigsten beim Namen kennen und unter diesen wenigen nur solche, die ihm zur Schmückung des eigenen Gesäßes die Federn ausrupften. Er hieß Otto Groß, war Arzt und neben Wedekind der eigensinnigste, apodiktischste Deutsche dieser Zeit. Ein hinterlassener Klüngel Erlesener weiß von ihm zu erzählen. Mit den zarten, berührungsscheuen Armen eines Gelehrten mußte er einen Kampf auf Tod und Leben kämpfen, weil er es sich beifallen ließ, Erkenntnisse zu haben, ohne die Staatsanwälte der Bildung, die Superintendenten des Geistes darnach zu fragen. Der tausendköpfige Autoritätsgeist, in Sitz und Sicherheit bedroht, an der heikelsten Stelle gefaßt, hetzte ihn blindwütig durch Polizeistuben und Irrenhäuser und ließ ihn auch da noch nicht locker, als er, abgezehrt und verhungert, am Totenbett lag. Was war denn nur seine Unheilstat? Zweimal zwei hatte wieder einmal ohne Zuhilfenahme jener Logarithmen­tafel, deren Ermittlungsverfahren über das Resultat hinwegtäuscht, vier ergeben. Leset in Wedekinds Hidallah nach, was das zur Folge hat! Ihr dürftet dort auch unter dem veränderten Namen Karl Hetman dem Gelehrten Otto Groß be­gegnen: seinem hackigen, wüst zerschnittenen Gesicht – einen „gerupften Raubvogel“ nannte ihn ein Freund, der zu ängstlich blickte, um auch den lieben Struwwelpeter in ihm zu sehen – seinem kinderreinen Fanatismus, seinem marterbereiten Dozententum – ja. allem bis aufs Haar! (nicht einmal zu vergessen, was ich den obrigkeitlichen Dummköpfen dieser Zeit nur ungern preisgebe, jener geistigen Trockenhitze, die die fixen Ideen so oft in die Nähe der Großen bringt). Und werdet nicht erkennen, daß dieser hohlgebrannte Anarchist ein störrischer, sonnenlungernder, das Gras mit einem Blumenstengel peitschender Knabe ist, der sich in einen Gedanken verguckt hat und daheim noch immer die Mutter warten läßt. Keine Zeit! –  er muß erst, und kehre er mit Furchen und Narben in der Zwangsjacke oder den Strick um den Hals heim, seinen Wunsch erfüllt haben: Vom lieben Gott persönlich gestreichelt zu werden – – –

Aber es ist ein Unterschied.

Karl Hetman, der Häßliche, sagt: „Liebt euch ohne Schranken, ihr Schönen — und eure Kinder werden schön sein!“

Otto Groß, der Einsame, sagte: „Liebt euch ohne Gewalt, ihr Freien — und eure Kinder werden Geschwister sein!“

Er glaubte an die Herkunft alles Übeln auf Erde von der Geschlechtsgewalt. Und sah in der gleich bejahten, konfliktslosen Paarung den Keim, das edelste fleischliche Sinnbild aller Menschenbeziehung. Er war der Revolutionär a genere.

Diese Denkmethode nun auf die Geschichte der Schöpfung und des Menschen angewandt, ergab ihm folgendes:

Im Urbeginn der Menschheit jenen Zeiten, die der Römer die aurea aetas, der Jude das Paradies nennt, war das Mutterrecht (wie es auch Krapotkin als Staatsform bei den Urvölkern aufdeckt). Damals gab es statt des Geschlechtsbesitzes die Liebeswahl. Das Weib war nicht versklavte Huldin, sondern dominierendes Gemeingut der Freude. Da sein Trieb nicht an die Kette der Unterhaltssorge gelegt war, konnte es auch keine Autorität geben, kein Herrentum des Staates — es war weder nötig noch möglich. Und wer wollte die Macht haben, wo keiner unter Gewalt war?

Da geschah der Sündenfall. Wie und wodurch er sich begab, bleibt dunkel. Klar aber ist, daß es ein Verstoß gegen jene Gewaltlosigkeit der Beziehung war — ein Gewaltakt am Weibe. Die beiden ersten Menschen wandten sich, heißt es, danach schamvoll voneinander ab. Und was ist Scham anderes als der Rückfall Entfremdeter, des Geschwisterbandes Verlustiger in die Einsamkeit? Wer dem anderen die Augen verband, der kann ihn nicht mehr ansehen, wenn die Binde dahin ist; er hat die Zweieinheit zerrissen und sich der dunkeln Ferne des Todes übergeben, aus der ihn die Liebe hinwegtrug.

Fortan waren in der Welt: Machtsucht. Häßlichkeit, Gewalt. Wo die Autorität der Liebe residierte, dort gedieh nun die Liebe zur Autorität Der Mann wurde Vergewaltiger, Besitzer. Er raubte oder kaufte den Frauenleib. Die Willenssumme aber von Raub, Kauf, Besitz — die ausübende Behörde der Vergewaltigung —, sie nannte sich „Staat“. Brauchte ihn der Herrenmensch für sich, so brauchte jener mit der Zeit einen verläßlichen Grund­stock. Der beduinische Lassofang des Weibes, Verschleppung, Vielweiberei und Haremskult — das war noch für Nomaden. Der seßhafte Staat bedurfte eines festeren Grundes. Was war seine Wurzel? Der Harem zu zweit — die Ehe.

Das war die Lehre des Otto Groß.

In: Neues Wiener Journal, 11.1.1921, S. 5.