Rudolf Jeremias Kreutz: Erkenntnis der Zeit durch das Gedicht.

Rudolf Jeremias Kreutz: Erkenntnis der Zeit durch das Gedicht. (1931)

Theodor Kramer: Wir lagen in Wolhynien im Morast. Ein Gedichtbuch.

            Ein Paradoxon sei gewagt: Wir gehen einer Epoche entgegen, die in der Oednis ihrer zweckdienlichen Sachlichkeit um so gewisser Trost suchen wird im gesteigerten, im dichterisch erfühlten Wort, je mehr Mechanisierung und Maschinismus sie entseelen. Die zahllosen technischen Wunder, allzu rasch erfaßt und darum nur oberflächlich bestaunt, vermögen die Sehnsucht der Menschheit nach den Schauern der Illusion nicht zu befriedigen, obwohl sie oft genug phantastisch und effektvoll sind. Ein Flug um die Erde zum Beispiel, motorische und Willensleistung sondergleichen, vermittelt den sinnfälligen Eindruck einer gepeitschten Bilderschau aus der Vogelperspektive, der flachsten aller Draufsichten. Ein Ruhen zwischen nickenden Grashalmen, eine Fußwanderung, die an die Landschaft „fesselt“, ein Sichschaukelnlassen von Wellen, deren Plätschern körpernahe tönt, löst unendlich mehr von jener magischen Empfindsamkeit in uns, die wir seelisch nennen, als Huschen, Rasen, windschnelles Geschleudertwerden über Land und Meer.

            Es sei übrigens gern zugegeben, daß auch aus Propellerlärm Musik der Sphären werden kann und die fabelhafte Präzision einer Maschine ihrer beträchtlichen dichterischen Werte hat. Allein im Innersten gepackt, ergriffen, können wir doch nur dort sein, wo Segen und Fluch der Erde unmittelbar an uns rühren, nicht durch das Medium eines mechanischen Apparats.

            Dieser scheinbar konservative Zug im Emotionellen könnte altmodisch, könnte altväterisch anmuten, stünde er im Zeichen jener platten Schöngeisterei und Treibhausgefühlchenaufzucht, die unseren Eltern ihre Karikatur bescherte: die süßlich-gefällige „Blätter- und Blütenlyrik“ der siebziger und achtziger Jahre. Unecht und über die Maßen greulich in ihrer opportunistischen Verlogenheit, die dem „Heroismus der Phrase“, den der ruhmreiche Krieg 1870/71 in deutschen Landen geweckt hatte, dichterische Reize abgewann. Es versuche nur einmal ein heutiger Mensch, sich in diese klingenden Hohlreimereien zu vertiefen, und er wird den gleichen Abscheu empfinden wie vor der Staubfängergemütlichkeit der „guten Stuben“ von damals, mit ihrem Stuck, der Marmor schwindelte, mit ihren Öldrucken, die in falsch vergoldeten „massiven“ Gipsrahmen Imitationen umschlossen, „fast genau wie echt“.

            Mit der Behauptung von einem konservativen Zug im Emotionellen ist also keineswegs der Hang zu reaktionärem Epigonentum gemeint, sondern ein Zustand angedeutet, der sich dem Beobachter aufzwingt: Der innenlebendige, der dichterische Mensch – im weitesten Sinn genommen – drängt, von den technischen Wundern unerfüllt, zur Erde zurück.

            Aus solchem Gesichtswinkel erwächst dem dichterischen Gewissen von heute der Anstoß zu Form und Inhalt des schöpferischen Gedankens. Groll umschattet ihn über die sinnlos gequälte Erde, anklägerische Frage kontrapunktiert den zarten Rhythmus der Empfindung, ja Selbstironie scheint ihrer zu spotten. Die Renaissance der Lyrik, von vielen jungen Talenten zähe vorbereitet, zeigt polemischen und erkenntniskritischen Charakter. Sie mißtraut aller schönen Form eines wortprunkenden, aber gedankenlosen Ästhetizismus, sie grübelt und träumt skeptisch.

            Sie haben es nicht leicht, diese spröden, in Herbheit verkapselten Begabungen, denn ihre Erdverbundenheit hat nichts billig Schmeichelhaftes im Sinne geheiligter Lesebuchüberlieferung, die vom Lyriker fordert, daß er ein edel aufrichtender Stimmungserreger sei.

            Erstaunlich, tröstlich groß ist dank den Lehr- und Wanderjahren durch Krieg und Frieden die Zahl der von falschen Optimismen und Opportunismen Angewiderten. So groß, daß der in der Witterung neuer Geistfährten mitunter träge Spürsinn der Verleger dieser Tatsache Rechnung zu legen sich anschickt. Solche begrüßenswerte Bereitschaft hat ihr Gutes, denn nirgends können Zweifel und Glaubensgewalten so „ewig“ haftbar gemacht werden als im seherisch erfüllten, innig erarbeiteten, gebundenen Wort. Goethes Faust in Prosa stünde als unvergängliches Geistmal weniger ragend, Liliencron, Dehmel, C.F. Meyer, Rilke – um wahllos einige zu nennen – werden von manchen ihrer Gedichte sicherer in die Unsterblichkeit geleitet als die fruchtbarsten Romanschreiber von den Zentnerlasten ihrer gesammelten Werke. Eine einzige gelungene Gedichtstrophe kann Ausblicke aufreißen, unvergeßlicher als die Horizonte sämtlicher Folianten der Welt.

            Wieder ein Paradoxon? Mag sein. Ich schließe zur Gewöhnung der Leser gleich noch eines an und behaupte: Die ganze, den Krieg verdammende Romanliteratur hat das für ihn Symptomatischeste – animalisch dumpfes Dösen und Warten auf Kampf und Tod, resigniertes Verlorensein an das Fatum in Graben und Kaverne – nicht ergreifender nachgeformt als Theodor Kramer in seinem Versbuch Wir lagen in Wolhynien im Morast… Soeben erschienen in dem auch sonst um Eigengänger (Sonka, Viktor Wittner) verdienten Zsolnay Verlag.

            Der Soldat Kramer „koffert“ gleich den Millionen anderer gesichtslos schauender Kameraden durch das Übungslager. Er sielt in Viehwaggons, liegt in Gräben, kauert in Unterständen. Er marschiert, schießt, schlingt die Menage. Alltäglichstes geschieht mit ihm und um ihn, Aber was anderen unartikulierter Seufzer bleibt, Fluch oder Stoßgebet, die Schwelle des Oberbewußten kaum erklimmend, das deutet Kramer als ein Künstler seelisch-körperlicher Zustandsschilderung beredt aus:

Im Buschgelände, das ums Uebungslager

                               Im kühlen Glanz des ersten Frühlings lag,
                               Erfuhren wir, bis auf die Knochen hager,
                               Die letzte Schulung schweigsam Tag für Tag.

                               Wir hörten uns die Kolben mit verdrehten
                               Gelenken schwingen und die Zünder zieh’n;
                               Der Rasen schien uns in den Grund getreten
                               Und blank gewetzt weithin von uns’ren Knien.

Und hinten, wo man um des Krieges willen barmherzig war und seine Wunden „heilte“:

                               Auf der Kopfschußstation sind die meisten Verletzten
                               Kaum als Kranke erkennbar; nur sind sie sehr bleich
                               Und sie geh’n wie im Käfig ein Tier mit gehetzten
                               Schritten: reizbar, behutsam und ängstlich zugleich.
                               Und sie lassen den Schädel beim Aufsteh’n leicht schlingern
                               – Statt Nacken zu straffen – und machen sich klein;
                               Denn der Schmerz, der in diesen gebrechlichen Dingern
                               Rauschend schläft, kann ganz nahe am Ausbrechen sein.

            Theodor Kramer ist ein Aufrührer von der sanften und sachten Art. Er klagt nicht an, er kommentiert nicht. In ihm ballen sich Erbitterung und Grauen nie zu übersteigerten Ausbrüchen der Verzweiflung, des Ekels und der Wut. Er berichtet, persönlich scheinbar unbeteiligt, vom Totentanz und seiner höllischen Regie. Dennoch, und gerade darum wirken diese Dichtungen in ungeahntem Grade erschütternd. Hier spricht einer, der das Zeug hat, auch jene aufhorchen zu machen, die ihm Gefolgschaft weigern, weil sie Romantiker der Idee geblieben sind, die alles Elend der Welt verschuldet hat und weiter verschulden wird: des heroisierten Soldatenschicksals.

In: Neue Freie Presse, 9.8.1931, S. 20.