Ludwig Ullmann: Bekenntnis zur Dreigroschenoper. Und zu ihrer Wiener Premiere im Raimundtheater.
Ludwig Ullmann: Bekenntnis zur Dreigroschenoper. Und zu ihrer Wiener Premiere im Raimundtheater.
Es hilft nichts: Diese ungebärdig trampelnden Songs haften im Ohr. Sie dröhnen und hämmern und dampfen von der ewigen Romantik der Spelunken. Süß leuchtet der Mond über Soho, Londons Verbrecherviertel von dazumals. DieParodie hat ihr Pathos. Den Schattenglanz der Abgründe des Daseins. Die Lyrik der Schaubude, ihre wächserne Pracht, ihre schreiende Buntheit, die Melancholie hinkender und stinkender Bänkelsänger.
Süß leuchtet der Mond über Soho. Ziehharmoikazauber quietscht und knarrt.
Ein Nachtasyl des Lebens, grimmig und plakatgrell, öffnet seine Schleusen. Ein Gentleman des Mordes, Hoffnung aller Dirnen, pfeift disharmonisch und aufpeitschend auf das Gesetz. Auch auf das des Theaters. Ein Bettlerkönig lehrt die Kniffe menschlichen Jammers. Ein Leiermann gespenstert an der Pforte dieses engen Lebens: „… und er dreht mit starrem Finger, was er kann.“
Man stemmt sich entgegen im Verdacht, eine G. m. b. H. für entfesselte Wildheit sei losgelassen. Aber es hilft nichts. Dieser Betrieb ist mit allen Winkelgassen der Seele im Bunde. Er spendet die Wollust despotischer Kolportage. Spitze und sprühende Melodien schmeißt er hin, spöttisch und blasiert.
Die Kenner schwärmen mit tadelndem Behagen vom alten englischen Original. Aber hier ist das Original dieser Zeit. Es hämmert zucht- und taktlos auf den Nerven, klagt und klagt an. Knattert und rattert. Umspinnt die Sinne mit witzigem Wohllaut und mit ätzenden Drolligkeiten.
Stimmt, gröhlend und johlend. Choräle der Revolte an. Schüttet die Lauge hemmungsloser Offenbarungen aus. Stunden nachher noch klopfen die wilden Gesänge im Ohr. Leuchtet der
Mond, trunken verzerrt, über Soho.
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Auch in der Erinnerung ist es, gottlob, ein bitterer Spaß. Eine Offenbachiade des Protestes gegen die Geborgenheiten des Daseins. Erfinderisch wie die Rachsucht höchstselbst. Nur leise durchfunkelt vom verstohlenen, getretenen, gedrückten Weltschmerz jener Kreatur, die immer Unrecht hat, weil sie immer Unrecht tun muß. Ausgelassenheit mit Weltanschauung plus Galle.
Die Sonne eines unentwegt und ausschließlich sarkastischen Humors schimmert trüb durch dichte soziale Nebel. Chöre und Chansons fletschen die gierigen Zähne.
Front gegen die Weltordnung heißt die Losung, die geplaudert, gestichelt, gesungen, gekichert und gebrüllt wird.
Fehlt es an der Sonne voraussetzungslosen Humors? Vielleicht in dieser Vollmondnacht des Unrechts. Und der Ungerechtigkeit.
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Der „Neudichter“ Bert Brecht hat darauf jene Melodie der Revolte gepfropft, die er tagaus tagein mit der unleugbar routiniertest entfesselten Berserkerseele zu singen weiß, die derzeit auf dem Kurfürstendamm zu finden ist.
Aber nicht er allein macht einen Mörder, Schänder, Zuhälter zum Bonvivant der Volksseele, listest la vis und der Mond über Soho.
Er, der Dichter und Kurt Weillgeb. am 2.3.1900 in Dessau – gest. am 3.4.1950 in New York; Komponist, Musikkritiker Weill studierte ab 1918 an der Mu..., der Musiker, haben die an sich bloß historische Parodie zugeschliffen, zugespitzt, gefeilt bis zur drohenden Rasiermesserschärfe. Wie ein großer Leierkasten der Erbitterung dreht sich und drängt sich diese Sintflut eines Spottes ohne Vorbehalt, eines Hohnes ohne Schwermut und eines Humors ohne Milde: Ein atemraubender Rekord an Rhythmus, Tempo, an Vision des Grimmes und der Verzweiflung. Immer wieder sprüht und springt aus diesem verkrampften und zerwühlten Balladenton der Funke ans, entzündet die große, alte Theaterflamme, und in wildem Galopp dreht sich dies seltsame starre Karussell rasenden Gelächters, ein Wachsfigurenkabinett der Erbitterung.
Es fegt Sturmwind von der Bühne, trocken, beklemmend aber unwiderstehlich.
Der Regisseur Karlheinz Martinauch Karl Heinz Martin, geb. am 6.5.1886 in Freiburg/Br. - gest. am 13.1.1948 in Berlin; Schauspieler, Theater- und Film... setzt das Verdienst des Direktors Beer in pausenlos entflammte Tat um. Er baut die Schaubude menschlichen Jammers leibhaftig auf. Mit Panoptikumsprunk auf Holzgerüsten, geisternd in Fetzen und Lumpen, klappernd mit Gerüsten und Gestängen; einen infernalischen Praterbudenspuk der Zeit und Ort hinwegwischt.
(Der Maler Alfred Kunz hat zu dieser Sintflut der Groteske sichtlich das Seine beigetragen.). Wie einen Holzschnitt hat Martin diese ganze Aufführung hingeschnitten. Tief ätzend, hart zustoßend, ohne Pause, dynamische Höchstleistungen häufend.
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Darin ergänzt ihn Harald Paulsens Räuberhauptmann, ein Charmeur, mit todesdrohend starren Schultern, hinreißend in der eisigen Wildheit und in der phlegmatischen, fast dumpfen Monotonie, mit der er das Schicksal dieses Gourmands des Verbrechens mit unbewegter Miene trägt. Hart, schneidend, schnittscharf, steinernen Herzens und steinerner Stirne. Und da er im engen Galgenkäfig sein Chanson der Todesangst keucht, stottert, gröhlt, stammelt und gellt, das ist schon ein Augenblick, der unvergeßlich und unvergessen aufleuchtet. Oder wie er in seiner steifen Tücke die Geste eines großen Herrn des Abenteuers hat, den verschleierten Blick der Verachtung und fast der Trauer. Hart geschlossen ist auch Lessens Bettlerkönig, der gleichsam die verkörperte Kurt Weill Logik sachlicher Schurkerei, ein grandioser Buchhalter der Niedertracht: Wenn er vor sich hinzetert, rasch und raschelnd, klingt es wie Maschinengewehrfeuer der Bosheit.
Keifend, grinsend, ein Zerrbild aus Volkestiefen, steht Frau Glöckner neben ihm. Es gibt dann stärkere und auch schwächere Episoden. Einzelne, die zugleich Nuancen sind. Das große, Talent des jungen Straup wetzt eine Gaunertype sozusagen blitzblank, und Herr Brandt spielt einen gemütvoll korrupten Polizeidirektor gerade zu mit lyrischen Tönen des Einverständnisses, Fräulein Markus seine verliebte Tochter mit vorschriftsmäßiger romantischer Derbheit. Nur die Silhouette der Frau Hohenberg hatte man sich aparter gedacht und auch aus ihrem entzückenden Sevres-Porzellangesichtchen dringt wenig mehr als ein passioniertes, aber recht dünnes Sümmchen.
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Die Jazz sitzt in einer Art Grottenbahn, rot-grün-blau-gelb und so fort flammen an ihr die Glühbirnen auf und verlöschen. Die Fratzenbilder drehen sich, die Spruchbänder blitzen aus dem Dunkel. Moritaten werden gekrächzt und geleiert, es donnert und dröhnt vom Unrecht des Unrechts, der Jammer der bettelnden und taschendiebischen Kreatur schreit in die Soffitten.
Dem Herrn Generaldirektor in der ersten Reihe geht es sichtlich sehr nahe. Noch auf der Nachhausefahrt seufzt er in die Autopolsterkissen:
„Wos will er?“
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Aber, gottlob, den Himmel dieses tollwütigen Wohllauts füllen die Bettler und Mörder. Die Entgleisten und Enterbten. Die Verwitterten und Zerknitterten. Und ihr verzweifeltes Grinsen schwebt, ein Lächeln Gottes, um unser Herz.

