Dr. Max Ermers: Jungrussische Kunstausstellung. (1924)

Seit einigen Tagen gibt es bei uns eine russische Kunstwoche. Ein Ereignis, das uns zwingen sollte, aufzuhorchen. Und während um die de jure-Anerkennung der Sowjetregierung bei uns noch lebhaft gefeilscht wurde, hielt die neue Kunst Rußlands bereits ihren Einzug: ein jungrussischer Autorenabend, ein russischer Musikabend, eine russische Kunstausstellung. Ein Vor­trag Fannina Halles, einer der Wortführerinnen der nachrevolutionären Moskauer Kunst. Heute werden wir sogar Wassilji Kandinsky, derzeit Professor am Weimarer Bau­haus, sehen und sprechen hören (im Österreichischen Museum). Soweit es sich also um die Niederreißung geistiger Blockademauern handelt und um die Möglichkeit, den Horizont nach Osten zu erweitern, haben wir alle Ursache, der Initiato­rin, der Gesellschaft zur Förderung moderner Kunst in Österreich, zu danken.

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Wir betreten die Säle der Ausstellung (1. Bez., Grünangergasse 1). Hochgespannt und voll Er­wartung. Manifeste rauschen uns entgegen. Ge­malte, gegossene, gezeichnete, gedruckte Manifeste. Jedes erzählt uns vom Tod der alten Kunst, der Barschui-Kunst. Die Sowjetkunst beginnt. In Kandinsky hat sie eigentlich vor dem Kriege schon begonnen. Die Welt der Gegenstände war eine bürgerliche Angelegenheit. Menschen, Bäume, Tiere, Berge und atmosphäre Objekte der absterbenden Bourgeoiskunst. Nur Farbflecke, ein­fach geformte oder sonderbar gestaltete, oder Li­nien, steife und geschwungene, haben Daseinswert im Bilde. Alles natürlich in Proportion, Relation und sogenannte Harmonie gebracht. Voll von Rapports, die man bei Cézanne bezog. Ideenassoziationen, die an Farben und Formen anknüpfen, halfen mit, eine neue Gefühlsatmosphäre im Beschauer zu schaffen, zu ermöglichen, zumindest vorzubereitcn. Kandinsky schrieb damals sein berühmtes Buch vom Geistigen in der Kunst.

Neben mir steht vor einer Komposition Nr. X Kandinskys ein junger Maler und meint: „Ja, so fühle ich es selbst manchmal, wenn ich am Diwan liege und in die Physiologie meines Lei­bes hineinschaue. Man braucht dann nur die Hand auf der Leinwand laufen zu lassen und die Bilder entstehen von selbst. Physiologische Explosionen.“ — „Ich kann es nicht so sehen.“ Meint ein anderer, „ich sehe ganz deutlich Reminiszen­zen von Feldern aus dem Gemälde, den gelben Mond und Bruchstücke grüner Bäume. Es ist eine Landschaft“ — „Sie können es auch so betrach­ten,“ meint eine hochgewachsene Dame, die eben aus Rußland zurückgekehrt ist, „ich aber sehe in dem Bild — jenseits von allen Bruchstücken und Resten der Gegenständlichkeit— die Stimmung eines Winternachmittags bei Twer, knapp nach Sonnenuntergang. Man ahnt beinahe schon den jungen Frühling. Aber darauf kommt es eigent­lich nicht an; das Schöne in diesen Bildern ist, daß jeder dabei denken oder fühlen kann, was er will.“ Worauf ich prompt an die alten, ver­witterten, zerklüfteten Mauern Lionardos denke, deren Betrachtung er um der Anregungen der Phantasie willen seinen Schülern so angelegent­lichst empfohlen hatte. Unmöglich natürlich, hier sämtliche Meinungen und Auffassungen der Adep­ten zu notieren, die bei den häufigen Kontroversen vor Kandinskys Bildern auftauchen. Schwärmt der eine von einer neuen Musik auf der Leinwand, so vergleicht der nächste sie mit der maurischen Ornamentik, die ja auch geometrisch — gegenstandslos ist… Die meisten Besucher aber sind so ehrlich einzugestehen, daß sie zu die­sem abstrakten Chaos keinen Zugang finden.

In alledem, was dir Augen der Gläubigen in diesen zum Teil wirklich fesselnden, aber nicht mit überzeugender Kraft aufgebauten Bildern Kandinskys herauslesen, steckt natürlich ein gewisses Wahrheitsgehalt. Zu überschwenglichem Bekennt­nis ist aber keinerlei Ursache vorhanden. Um höchst individuelle Angelegenheiten handelt es sich hier, halb aus dumpfen Trieben, halb aus stammelnder Wissenschaft geboren. Verwandt organisierten Geistern mag wohl das eine oder andere der viel­deutigen Werke zur Quelle eines leichten Rausches werden. Für uns sind dies Experimente, nur ver­ständlich aus der Kampfessituation der jungen Kunst aller Länder, aus dem Ringen um eine neue, stärkere, ausdrucksvolle Sprache. Experi­mente, die noch nicht sehr weit geführt haben.

El Lissitzky. Wie anders mutet uns dies Zeichen an. Ein Ingenieur, kein Maler. Er zeigt zehn Szenenbilder für eine futuristische Oper von Krutschonjch, die 1913 in Petersburg aufgeführt wurde. Damals mit Musik von Matjuschin, mit Dekorationen von Malewitsch. Lissitzky wälzt den Inhalt der Oper, die Sieg über die Sonne heißt, um; macht daraus ein physikalisch-mechanisches Schautheater. Unter Ausschaltung der Menschen, an deren Stelle Figurinen und plastische Schau­körper aus blankem Kupfer, stumpffarbigem Eisen, Glas usw. treten. Ein riesiges Gerüst von Schienen, Rippen, Traversen. Ständern, allseitig sichtbar, bildet die Bühne; eine Art Scenic Railway. Ver­schiebbar, dehnbar, drehbar, erhöhbar. Aus dem Gerüste laufen, rollen, kriechen, gleiten, fliegen die Schaukörper, gefolgt von Lichtstrahlenkegeln, Ko­meten gleich. Im Mittelpunkt des Gerüstes, an der Schalterzentrale, sitzt der Schaugestalter. Diri­giert mit Tastern die mechanischen und geistigen Kräfte der Erde, d. h. ihre Realisationen in den Schaukörpern. Er drückt auf die Taster und alle Beleuchtungseffekte der Welt stehen ihm zur Ver­fügung. Er drückt und es brüllt der Niagarafall, es tosen die Lawinen, es dröhnen die Hammer­werke, es gellen die Bahnhofsgeräusche von ganz Europa. Zu seiner Rechten steht das Radiomegaphon, zu seiner Linken sind die Apparate, die seine Stimme in die der Figurinen wandeln. Elektrische Riesensätze zittern in die Luft und ver­schwinden. „Eine andere Gegebenheit soll zustande gebracht werden“, schreibt der Künstler. „Die groß­artigen Schauspiele der Städte, die niemand beachtet, weil jedermann selbst am Spiele ist, müssen zur Schau gebracht werden, die elementaren Vorgänge der Welt zur höchsten Steigerung. Alle Energien müssen zur Einheit organisiert, kristallisiert wer­den. Die Sonne als Ausdruck der alten Welt­energie wird vom Himmel herabgerissen durch den modernen Menschen, der kraft seines technischen Herrentums sich eine eigene Energiequelle schafft.“

Liest man dieses Manifest, das in seiner Sonnenemanzipation des pathologischen Einschlages nicht entbehrt, so fühlt man die Sehnsucht einer neuen Ideologie: Rußland, ein neues Zentrum der Welt. Die thaumaturgische Maschine Grundlage einer neuen Religion. Sowjetgott-Vater, der Göttlichkeit beraubt, aber mit höchster Zentralgewalt bekleidet, sitzt als Schaugestalter am Zentraltaster der Welt. Enthüllt die unerhörten Erdkräfte, die Rußland für die Menschheit freigemacht hat (freimachen möchte). Rührender und gigantischer Fiebertraum des armen Rußlands, dem Kapitalmangel bei Entfaltung seiner großen Naturkräfte so völlig die Hände bindet. Lissitzky ahnt die neue Welt der Elektrozentralen, des Broadcasting, der Allernherrschaft der Kinos und der mechanischen Schautheater… Seine Visionen sind groß und man hätte Lust, dem ungeheuren Spektakel des „Sieges über die Sonne“ bei­zuwohnen. Aber seine Kunstwerke sind ärmlich und schwach, wie die Kräfte des erdenschweren Muschiks, der mit dem primitiven Pflug den Boden aufreißt. Seine Szenenbilder sind Still­leben aus Maschinenteilen und geometrischen Figuren, mit fragwürdigen Fragmenten aus dem Tagesleben gespickt: Sowjetsternen. Särgen, Schachteln, Ruderleibchen. Nur hie und da blinkt ein Funke von Genialität, nein bloß von Witz und Geist durch die intellektuelle Konstruktion Ganz abstrakt, quälerisch und voll Privatallüren erscheinen seine übrigen Arbeiten. Kreise, Quadrate, Rhomben und Rechtecke suchen sich in Relation zu setzen. Proportionsstudien. Farbstudien. Experimente.

Chagall, der Elegiker des russischen Dorfes; // durch die jüdische Brille gesehen. Ganz gegen­ständlich, zertrümmert er wieder seine Welt der Objekte, spielt Fangball mit den Bruchstücken. Wenn Chagall einen alten Handeljuden über die Dorfkirche fliegen läßt — mit viel Erdenschwere allerdings — so fühlen wir: so heimatlos flogen die Juden vor dem Kriege in Rußland herum. Viel Urgesundes, Russisches, Derbbäuerliches steckt in seiner Farbengebung. Aber vieles mutet uns nur als Spaß an; indessen es dem Maler sicher­lich sehr zu Herzen geht. Zu seinem schwer­mütigen, russischen Maler-, Bauern- und Judenherzen. Auf der Ausstellung kommt Chagall leider nicht voll zur Geltung. Sein graphischer Zyklus Mein Leben gibt uns schwache Ahnungen seiner Kunst.

Von Archipenko ein paar Aktskizzen und Kleinplastiken. Die Zeichnungen könnten ganz gut von irgend einem Klassiker der Genelli-Zeit stammen. Seine eigentlichen Bewegungsstudien, geistreiche kinetische Abstraktionen, fehlen. Ein weibliches Torso-Figürchen, in der Tiefenachse zusammengedrückt und abgeflacht, zeigt ein paar interessante Linien, aber nichts vom eigentlichen Wollen des Künstlers. Das Übrige repräsentiert nur gutes Mittelmaß.

Resümieren wir: Viel Experimente, die für die Entwicklung der Kunst ihre kleinen Beiträge leisten werden. Besonders in der Richtung der Musikalität und der Architektur der Bildwerke. Aber keine irgendwie überwältigend großen Resultate. Maschinenromantik und Apotheose der Technik, Überwindung aller rückwärts gewandten Romantik. Opposition gegen die Welt der Gegen­stände. Viel Wollen, hinter dem das Können weit zurückbleibt. Viel Sektierergeist. Elemente einer absterbenden, individualistischen und Ele­mente einer neuen, sozial eingestellten Kunstatmosphäre durchdringen sich. Europäisches und Russisches. Nicht unwichtig, zu erwähnen, daß alle diese Künstler eher in Paris, Berlin und Weimar anzutreffen sind, wie in Moskau.

In: Der Tag, 4.3.1924, S. 4-5.

N.N.: Der Heimwehrtag in Baden (1927)

Eine machtvolle Kundgebung. – Fortschritte des Selbstschutzes in Niederösterreich. – Nunmehr einheitliche Führung der Heimwehren.

Baden hatte gestern einen großen Tag. Die niederösterreichischen Heimwehren (Selbstschutzverband) hatten unter der Leitung des Majors Karz in dieser Stadt ihre erste große Kudgebung veranstaltet, an der Abordnungen der wehrhaften Organisationen aus allen Teilen des Landes teilnahmen. Die Veranstaltung stand unter dem Zeichen des gewaltigen Aufschwunges der niederösterreichischen Heimwehren. In der bodenständigen Bevölkerung, vor allem in der niederösterreichischen Bauernschaft, hat der Gedanke der Heimwehr feste Wurzel geschlagen. Das Bekennen der Bevölkerung zu den Heimwehren hat auch die Hindernisse beseitigt, die der Organisation des Selbstschutzverbandes entgegenstanden. Seit dem 15. Juli ruft die niederösterreichische Land­bevölkerung nach den Heimwehren. Von welchem Schwung die Heimwehrbewegung getragen wird, zeigte die macht­volle Kundgebung in Baden.

Der Heimwehrtagung kommt besondere Bedeutung zu. Bisher litt die Bewegung darunter, daß ein Zuviel an Organisationen bestand, die zwar das gleiche Ziel an­strebten, aber nebeneinander arbeiteten und derart die Aktion schwächten. Dieser Übelstand hat aufgehört. Sämt­liche Organisationen haben sich für den Fall, daß die Heimwehren aufgerufen werden, der Führung des Bundes­rates Dr. Steidle unterstellt. Der bisherige alpenländische Selbstschutzverband hat sich zu dem öster­reichischen Selbstschutzverband erweitert, dem nun auch der Wiener, der niederösterreichische und der burgenländische Selbstschutzverband ange­hören. Die einzelnen Organisationen des Landes haben sich, sobald sie mit den Heimwehren gemeinsam operieren, dem Selbstschutzverband des betreffenden Landes unter­geordnet. Diese Einigung wurde nun von Bundesrat Dr. Steidle in Baden verkündet.

Die Botschaft wurde von allen, denen die Heimwehr­bewegung am Herzen liegt, mit Jubel aufgenommen. Nun ist auch Gewißheit gegeben, daß die Heimwehren für alle Fälle gerüstet seien und eine Richtung einschlagen werden, die von der christlich-deutschen Bevölkerung gutgeheißen wird. Nun steht vor allem der Teilnahme der katholischen Männer und Jugend an der Heim­wehrbewegung nichts mehr. im Wege. Im Gegenteil ist es Pflicht der Katholiken, der Aufforderung ihrer Organi­sationen Folge zu leisten.

Bei der Kundgebung waren von den Heimwehren erschienen Abordnungen aus den einzelnen Vierteln des Landes, aus Steiermark und Tirol. In stattlicher Zahl waren vertreten die christlich-deutschen Turner aus dem Viertel unter dem Wiener Wald (Führung Prof. Doktor Dinkhauser), der deutsche Turnerbund von Stein­feld, die Heimwehren von Baden, Mödling, Hinterbrühl, Liesing, Perchtoldsdorf, Schwechat, Wiener-Neustadt, Gloggnitz, Vöslau, Wolkersdorf, Mistelbach, Laa u. v. a., der Verband Deutsche Wehr, der Verband Oberland, zahl­reiche Burschenvereine, Schützen- und Kameradschaftsvereine und außerdem eine starke Gruppe von Front­kämpfern.

Unter den Festgästen sah man u. a.: die früheren Minister Kollmann, Dr. Rintelen, Dr. Mataja, die Abgeordneten Klieber, Kraus, Dr. Mittermann, Bierbaumer, Pichula, Dr. Reich, Zippe, die Organisationsvertreter Feldmarschalleutnant Weiß, General Lustig-Prean, Major Papst, General Kasamas, Ingenieur Wenzl, Obmannstellvertreter Scheffel, Hofrat Kupka, Präsident Kattinger.

Neben 2500 Mitgliedern der wehrhaften Organi­sationen stand Kopf an Kopf eine nach Tausenden zählende Menschenmenge auf dem großen Platz vor dem Kurhaus, wo Prälat Frim unter Assistenz eine Feldmesse las, bei der dle vereinigten Badner Männergesangvereine die Deutsche Messe von Schubert sangen. Nach erfolgter Ein­weihung von drei Standarten der Bezirksheimwehrverbände Wolkersdorf, Laa a. d. Thaya und Mistelbach be­grüßte Minister a. D. Bürgermeister Kollmann in einer zündenden Ansprache die Tagung namens der Stadtgemeinde Baden. Er sagte:

Ein freies Volk kann nur bestehen, wenn es von fremdem Einfluß frei ist. Freie Männer vertragen nicht die Gewalt Fremder über sich. Uns in Österreich droht eine solche fremde Gewalt, die nicht Sinn hat für unser Volk und eine Knecht­schaft aufrichten will über unser Volk, das Jahrtausende frei war. Ein Ruf hat Sie hiehergebracht, um Zeuge zu sein, daß nicht allein die anderen, sondern auch wir marschieren. (Lebhafter Beifall.) Ich begrüße Sie im Namen der rotumbrandeten Stadt Baden, die sie gerne haben möchten, die sie aber nie bekommen werden. (Neuerlicher Beifall.) Ich begrüße Sie und heiße Sie alle aus vollem Herzen willkommen.

Wiederholt von großem Beifall unterbrochen, führte Abg. Klieber aus:

Nicht reine Abwehr allein bilden das Ziel unserer Be­wegung. Vor allem gilt es, unsere Jugend in positivem, vaterländischem Geiste zu erziehen und die Wehrhaftigkeit des deutschen Bürgers zu heben. Das ist kein müßiges Soldatenspiel. Unsere Be­wegung richtet sich nicht gegen den Arbeiter, dem wir als Bruder die Hand reichen und dem wir aus den Fesseln einer wesenfremden Gedankenwelt, aus der Zwangs­jacke einer angeblich freien Organisation befreien wollen. Welch unermeßlichen Schaden die hemmungslose Betätigung gewisser Elemente anrichten kann, in welchen Abgrund unsere Heimat stürzt, wenn nicht eine rettende Hand eingreift, das hat uns allen der 15. Juli klar und deutlich gezeigt. Wem die brennende Fackel des Justizpalastes noch immer kein Licht angezündet hat, dem ist nicht zu helfen. Nie wieder Umsturz! Nie wieder Zustände, wo ein Telegramm eines Unverantwortlichen genügt, das ganze Wirtschaftsleben Österreichs stillzulegen; nie wieder dulden wir, daß all jene, die nicht rot gestempelt sind, in ihrer Arbeit und in ihrer Bewegungsfreiheit gestört werden. Die Zeit, da man unser armes Österreich als zweites Bolschewikenland bezeichnen konnte, muß vorüber sein.

                        Auf legalem Wege, in voller Öffentlichkeit, im Rahmen unserer Gesetze spielt sich unser Handeln ab.

Heute ist es das erstemal, daß wir uns zu einer größeren Feier vereinigen, das erstemal, daß wir Gäste aus den Heim­wehren der übrigen Bundesländer, die mit uns Schulter an Schulter standen, begrüßen können. Ich begrüße insbesondere den Bundesführer Dr. Steidle und Minister Doktor Rintelen. Unser Gruß gilt aber auch unseren gefallenen Kameraden, die im Krieg, unsere Heimat gegen eine Welt von Feinden verteidigt und in Ausübung dieser höchsten Vaterländischen Pflicht ihr Leben gelassen haben. Ihnen gilt unser Dank, den wir nicht besser erweisen können, als daß wir unseren toten Helden nachstreben in Treue, Tapferkeit und Vaterlandsliebe.

Abg. Dr. Mittermann erklärte, die Zeit des Schweigens ist vorbei, die Zeit der Tat hat begonnen. Er pries den großen Wahlerfolg im Bundesheer, das nun wieder anknüpfen will an die große Vergangenheit der alten Armee. Abg. Zippe begrüßte die Tagung im Namen des deutschen Turnerbundes.

Bundesführer Dr. Steidle, mit lautem Beifall begrüßt, führte aus:

Revolutionäre Bewegungen, die sozialen Umschichtungen entspringen, haben immer einen Druck oder soziale Versäum­nisse der gerade herrschenden Kreise zur Voraussetzung gehabt. Auch in Österreich hat die fortschreitende Industrialisierung Bevölkerungsschichten geschaffen, die sich ihr gutes Recht auf angemessene Lebensbedingungen häufig genug erst im poli­tischen und gewerkschaftlichen Kampfe holen mußten, weil große Teile des sogenannten Bürgertums nicht die Ein­sicht aufbrachten, den Notwendigkeiten einer neuen Zeitepoche aus freien Stücken Rechnung zu tragen. Mit den unerfreu­lichen Erscheinungen der heutigen Zeit büßen wir zum größten Teile die Sünden unserer Väter. Derartige sozialrevolutionäre Bewegungen haben aber das Gemeinsame, daß sie im Falle des Erfolges gewöhnlich über das Ziel schießen. Aus den Freiheitskämpfern werden selbst Tyrannen, die dann wieder denselben Fehler be­gehen, den sie ihren Gegnern vorgeworfen haben und die sie wegen der Tyrannei und Unterdrückung bekämpften. Sie rufen damit selbst wieder naturnotwendig eine Gegenbewe­gung hervor, die, wenn sie richtig geleitet ist, ein gesellschaft­liches Gleichgewicht schafft, oder, wenn sie von unsozialen Leidenschaften beherrscht ist, ebenso ihre Bahn überschreiten und einen neuen Kreislauf von Verwicklungen hervorrufen wird.

Auch bei uns haben die führenden Kreise der Marxisten aus den geschichtlichen Erfahrungen nichts gelernt und Uebergriff auf Uebergriff gehäuft. Sie machten das, was sie an dem bekämpften „Bourgois“ bitter ver­dammten, in vergrößertem Stile nach, sie schickten sich an, die Herrschaft im Staate mit Hilfe der von ihnen geführten Masten zu ergreifen und die Diktatur einer Klasse mit allen Mitteln, auch denen der Gewalt, die sie in anderen Händen mit glühenden Worten verurteilten, allen anderen Gesellschaftskreisen aufzuzwingen. Aus den Freiheits­kämpfern entwickelten sich ausgewachsene Tyrannen kleineren oder größeren Formats, je nach Charakter, Herkunft und Fähigkeit. Der Appetit wuchs täglich mit dem Essen. Und es hatte den Anschein, als ob gerade die österreichische Be­völkerung das geeignete Versuchskaninchen für solche Diktaturgelüste abgeben würde. Aber der immer mehr steigende Ueber-[ ] mit der unersättlichen roten Führerschaft erweckte den Un­abhängigkeitssinn, das natürliche Freiheitsgefühl und die gesunden demokratischen Instinkte weiter Bevölkerungsschichten. Und als die unentwegte sozialistische Verhetzung am 15. Juli die lodernde Brandfackel in die Bundeshauptstadt schleu­derte, ging ein vollständiges Erwachen durch die gesund gebliebenen Teile Österreichs. Die Abwehr der marxistischen Übergriffe durch Männer, die in der persönlichen und geistigen Freiheit das höchste aller irdischen Güter sehen, ist im Wachsen begriffen.

Angesichts der Hemmungen der verfassungsmäßigen Körperschaften mußten private Organisationen das Befreiungswerk in die Hand nehmen. Das waren und sind unsere Selbstschutzverbände, unsere Heimatwehren, die täglich wachsen und sich über alle Gaue des Vaterlandes ausbreiten.

Der auf Gewalt und Terror aufgebauten Herrschgier der roten Diktatoren muß ein Ende gemacht werden. Die Mittel der Abwehr richten sich ganz nach den Methoden des Gegners. An die Stelle der Klassen­herrschaft einer einzelnen Bevölkerungsgruppe muß das soziale, das gesellschaftliche Gleichgewicht gesetzt werden, die Volks­gemeinschaft. Der Weg dazu geht einerseits über die Abwehr und Beseitigung der roten Gewaltmethoden, anderseits über die Annäherung und Zusammenführung der sich haßerfüllt gegenüberstehenden Volksgenossen, über die Befreiung und Loslösung der verführten Arbeitermassen von ihren Vögten und über die Besinnung auf soziale Gerechtigkeit zum sozialen Interessenausgleich. Wir müssen um unsere Freiheit, wenn es sein muß, mit der Faust, mit Nägeln, und Zähnen kämpfen. Von Frieden und Ver­söhnung wollen wir reden, wenn der Gegner den ehrlichen Willen, von der Gewaltherrschaft abzulassen, nicht nur mit

gleißnerischen Worten, sondern durch die Tat bezeugt.

In: Reichspost, 17.10.1927, S. 5.

Bundeskanzler Dr. Seipel über die Tage der Revolte. (1927)

Die Erörterung der Vorgänge im Nationalrat.

Bundeskanzler Dr. Seipel hielt heute im Nationalrat sofort nach der Eröffnung der Sitzung durch Präsident Miklas folgende Rede:

Gestern in der ersten Sitzung des Nationalrates nach den traurigen Ereignissen, die in den Tagen vom 15. Bis 18. d. vorgefallen sind, hat uns die Trauer den Mund geschlossen. Wir sind, nachdem unser Präsident die Trauer unseres ganzen Landes über die erwähnten Vorkommnisse und ihre Opfer zum Ausdruck gebracht hatte, schweigend in dieser Trauer auseinandergegangen.

Heute müssen wir uns aber erinnern, daß unter den Verwundeten— Gott sei Dank, nicht unter den Toten— auch die österreichische Republik ist.

Mit dieser Verwundeten müssen wir uns heute beschäftigen, ihr zuliebe müssen wir auf die traurigen Ereignisse zurückkommen, untersuchen, wie es zu ihnen gekommen ist, wie sie verlaufen sind, und vor allem, was wir in Zukunft tun können, damit sie nicht wiederkehren und damit die österreichische Republik von der Wunde, die ihr geschlagen worden ist, gesunde. In dieser Absicht habe ich mich heute zum Worte gemeldet, um Ihrer aller Aufmerksamkeit auf diese eine eine hohe Verwundete hinzulenken.

Wohl kaum ist je ein Land und eine Regierung un­schuldiger in blutige Wirren hineingestoßen worden als diesmal wir. Nicht irgendeine Regierungsverfügung, nicht irgend ein Streitfall, der das Parlament beschäftigt hätte, hat eine blutig ausgehende Volksbewegung aus­gelöst, sondern ein Schwurgerichtsurteil ist es gewesen, auch nicht das Urteil von Berufsrichtern. Das Schwurgericht war in diesem Fall gewiß kein Klassengericht; die Hälfte der Geschwornen gehörte dem Arbeiterstande an. Es ist allerdings diesem Schwurgericht vorgearbeitet worden, wie ihm hätte nicht vorgearbeitet werden dürfen.

Die Ereignisse, über die dieses Schwurgericht, dieses Volksgericht zu urteilen hatte, sind vorher in der Öffentlichkeit erörtert worden— was an sich selbstver­ständlich ist — aber sie sind in einer Weise erörtert worden, daß man daraus schon gesehen hat: hier werden

Leidenschaften aufgepeitscht. Ein Teil der Presse hat, bevor das Schwurgericht ein Urteil fällen konnte, schon das Urteil gesprochen und immer wieder das harte Wort „Mörder“ gebraucht. Auf der anderen Seite wurde da­gegen Einspruch erhoben, wurde die Tat, über die das Schwurgericht urteilen sollte, anders dargestellt. Ich wundere mich gar nicht, daß die schlichten Männer aus dem Volke, die Geschwornen, bei ihrer Verhandlung das Wort „Mörder“ im Gedächtnis hatten und sich nun die Angeklagten nur daraufhin anschauten, ob sie denn Mörder seien. Und weil sie gefunden haben, sie sind es nicht, so haben sie ihr Urteil gesprochen. Es ist nicht meine Aufgabe, an dem Urteil eines Gerichtes Kritik zu üben. Aber da nach diesem Urteil in einer Weise, wie es noch nie dagewesen ist, gegen die Volksrichter vorgegangen wurde — einer oder der andere von ihnen mußte sogar flüchten; es wird sich kaum mehr jemand trauen, bei einem großen Prozeß das Amt des Geschwornen oder auch nur des Schöffen zu übernehmen — so muß ich doch ein Wort über die Art sagen, wie dieser

Prozeß zu einem solchen gemacht wurde, daß auf ihn ein leidenschaftlicher Volksausbruch folgen konnte. Von einem der sozialdemokratischen Partei angehörenden Anwalt wurde verlangt, daß ein Teil der Geschwornen als befangen abgelehnt werde, und der Staatsanwalt hat diesem Verlangen Rechnung getragen. Die Geschwornen, die übrig geblieben sind, konnten daher gar nicht anders denken als: Hier handelt es sich um eine politische Sache.

Wenn die Ablehnung eines Teiles der Geschwornen aus politischen Gründen nicht erfolgt wäre, das Urteil hätte auch nicht anders ausfallen können als es ausgefallen ist.

Ich hätte mir wohl vorstellen können, daß man nach einem solchen Schwurgerichtsurteil, das übrigens gar nicht vereinzelt dasteht — seit langem beobachten wir sehr merkwürdige Freisprüche vor den Geschwornengerichten —, daß man sofort ins Parlament gegangen wäre und den Antrag gestellt hätte, die Schwurgerichte abzu­schaffen oder sie umzugestalten oder einzu­schränken oder sie für irgend eine Zeit, bis man wieder

mehr Vertrauen zu dieser Art von Gerichtsbarkeit haben kann, zu suspendieren.

Ich sage Ihnen im Namen der Regierung, wir würden einem solchen Verlangen keinen Widerstand entgegensetzen. Ich bringe heute nicht etwa eine Regierungsvorlage ein, die sich in der angegebenen Art mit den Schwurgerichten beschäftigt, aus dem einfachen Grunde, weil ich glaube, eine so wichtige und große Angelegenheit soll nicht durch eine Gelegenheitsgesetzgebung geregelt werden; man soll nicht im Augenblick der Leidenschaft, der Erbitterung eine Institution abschaffen wollen, an der viele von uns, wenigstens in der Vergangenheit, sehr stark festgehalten haben. Ich rechne mich zu diesen. Aber wenn man aus der Initiative des hohen Hauses heraus oder vielleicht gar, was ich am liebsten hätte, durch ein Zusammenwirken aller dazukommt, der Regierung einen Vorschlag zu machen, wie sie das Gerichtswesen in Zukunft ordnen soll, damit es der Leidenschaft mehr entrückt werde, als es leider in der Gegenwart der Fall ist, so verspreche ich jetzt schon jede Beihilfe der Regierung.

In diesen Tagen hat man auch sehr über die Tätigkeit der Presse, in diesem Fall der Parteipresse, geklagt. Ich bringe heute auch keinen Preßgesetzreformentwurf ein, aus denselben Gedanken heraus, die ich soeben geäußert habe. Aber ich mache das hohe Haus aufmerksam, daß ein Preßgesetzreformvorschlag, das frühere Parlament beschäf­tigt hat, ein Initiativantrag der Abgeordneten Seipel, Dinghofek usw., die damals noch nicht durch Regierungs­ämter gehindert waren, in diesem hohen Hause Anträge einzubringen, ein Preßgesetzreformentwurf, der gewiß nicht alles das betrifft, was wir im Augenblick von einer solchen Reform erwarten möchten, der aber doch viele Sympathien auf beiden Seiten dieses Hauses gefun­den hatte, aber dennoch nicht erledigt werden konnte,

weil eben das Parlament — nicht erst das gegen­wärtige, sondern auch das vergangene — schon an der schleichenden Krankheit litt, unter der das Parlament am allermeisten in den letzten Monaten gelitten hat und der es das Parlament verdankt, daß es in Zeiten einer wirklichen Krise der Republik nicht jenes An­sehen besitzen konnte, das es im Interesse der Staats­autorität besitzen müßte.

Aber man ging nicht ins Parlament, dafür brachen am Freitag der vorigen Woche in der Frühe die Unruhen aus. Es sind teilweise — nicht in allen Wiener Betrieben — Arbeitsniederlegungen vorgekommen und auf­geregte Arbeiter, die in ihrem Urteile im Innern dem Schwurgerichte vorgegriffen hatten und in den Frei­gesprochenen trotz dem Gerichte „Mörder“ sahen, sind durch die Straßen der Stadt gezogen; wie wir alle glaubten, um zu demonstrieren. Wir hofften, in kurzer Zeit diese Demon­stration vorübergehen zu sehen. Aber in wenigen Stunden schon mußten wir es merken, daß aus dieser Bewegung mehr als eine bloße Demonstration wurde. Es kam zu Angriffen auf die Sicherheitswache, die damals nicht mit Gewehren be­waffnet war und daher auch nicht aus ihnen schießen konnte.

Durch zwei Stunden sind, wie uns die Vorsteher unserer Kliniken sagen, nur verwundete Polizeiorgane eingeliefert worden und noch keine verwundeten Demonstranten.

Es sind Privatgebäude, die der Sitz von viel­genannten, in der Zeit vor und während des Prozesses vielgenannten Zeitungsunternehmungen sind, gestürmt worden, es ist eine Wachstube gestürmt und ausgebrannt worden; man ist in den Justizpalast eingedrungen, der wahrlich nur eben durch den Namen „Justiz“ zum Objekt dieser Stürme gemacht wurde, denn er hat mit den Geschwornengerichten nichts oder fast nichts zu tun.

Unsere Polizei war während dieser ganzen Zeit auf dem Platze auf sich allein gestellt. Als man noch in den Vormittagstunden des Freitag gesehen hatte, welche Dimensionen diese Bewegung annahm, da hat der Polizeipräsident in Erfüllung seiner Pflicht vom Landeshauptmann von Wien verlangt, daß er Militärassistenz in Anspruch nehme. Der Landeshauptmann und Bürgermeister von Wien hat dies abge-//lehnt. Er wird es natürlich von seinem Standpunkt aus nicht als einen Vorwurf empfinden, wenn ich sage, nach meiner,

nach unserer Überzeugung wären viele Opfer nicht gefallen (lebhafte Zustimmung), wäre viel Blut nicht geflossen (sehr richtig!), wenn der Landeshauptmann von Wien die Militärassistenz angesprochen hätte.

Es vergingen Stunden, während dieser Stunden sind die Ausschreitungen immer ärger geworden, sind Todes­opfer gefallen. Da mußte nun der Polizeipräsident in seinem eigenen Wirkungskreise vorgehen; er hat bestimmte Abteilungen der Polizei mit Gewehren bewaffnet. Erst seitdem ist ein Umschwung eingetreten; jetzt war der Zeitpunkt, in dem die Ordnungsgewalt wieder Herr werden konnte über die nicht nur demonstrierenden, sondern plündernden, brandstiftenden und gegen die Wache tätlich vorgehenden Massen. Es ist dann die Militärassistenz durch den Polizeipräsidenten auf seine eigene Verantwortung zu einem bestimmten Zweck herangezogen worden, um nämlich den Hauptkampf­platz, die Gegend um das Parlament und den Justizpalast, abzusperren.

Die Befürchtung, die wahrscheinlich den Herrn Landes­hauptmann von Wien geleitet hat, als er die Anforderung der Militärassistenz abgelehnt hat, daß durch das Aufziehen des Militärs die Erregung noch mehr wachsen könnte und daß die Soldaten allzu früh schießen könnten, hat sich Gott sei Dank gar nicht bewahrheitet.

Seitdem das Militär den Hauptkampfplatz besetzt hatte, haben hier die Exzesse aufgehört; das Militär brauchte nicht einen einzigen Schuß abzugeben Gerade aus dieser Beobachtung heraus haben wir die Überzeugung geschöpft, daß vielleicht die Hälfte der Blutopfer vermieden worden wäre, wenn das Militär rechtzeitig zum Schutz der Polizei herangezogen worden wäre.

Es hätte nicht zu schießen brauchen, es hätte nur durch die Straßen marschieren müssen. (Zustimmung. — Zwischenrufe.— Seitz: Überlassen Sie das uns Wie­nern, wir verstehen das besser! — Ruf: Sie haben nichts verstanden! — Dr. Waber: Sie sind der Schuldige! — Abg. Dr. Bauer: Die eigentliche Schießpartei, die Großdeutschen!) Die Maschinengewehre wirken besser als die Waffen, die die Polizei hatte; die Maschinengewehre wirken, ohne daß ein Schutz aus ihnen abgegeben werden muß, durch ihren bloßen Anblick und die Polizei hätte dann nicht mit Gewehren bewaffnet werden müssen und hätte nicht von diesen Gewehren Gebrauch machen müssen.

Dieser erste Fehler hat sich beim Landeshaupt­mann von Wien später auch noch in einer anderen Weise gerächt. Er wurde weiter gedrängt. Als am zweiten Tage, nicht mehr im Zentrum der Stadt, aber draußen in den äußeren Bezirken, lebhafte Unruhen waren, Stürme auf Polizeikommissariate und Wachstuben unternommen, als Wachebeamte durch Schüsse niedergestreckt wurden in einem Augenblick, da sie selbst gar nicht zur Waffe griffen— da hat der Landeshauptmann und Bürgermeister von Wien gespürt, was ihm abgeht, weil er die Militärassistenz nicht requiriert hat. Sonst, in anderen Zeiten, konnte die Polizei, ohne Gewehre tragen zu müssen, vor dem bewaff­neten Militär einhergehen, warnen, die Demonstranten auf die Gefahr aufmerksam machen, in der sie sind, jene, die zufällig aus den Straßen sind, wegschicken und bergen. Jetzt, da die Polizei selbst aus den Gewehren schießen mußte, war niemand da, der so vor ihr hergehen konnte.

(Unruhe.)

Es wäre noch immer die Militärassistenz zu haben gewesen, von der man bereits gewußt hat, daß sie zur Ordnung hält und für Exzesse nicht zu haben ist. Aber der Bürgermeister von Wien ist einen anderen Weg gegangen, um dieser Gemeindeschutzwache die Funktionen der Polizei zu geben.

Ich bin der letzte, der etwa dem Bürgermeister von Wien daraus einen Vorwurf macht, daß er, ohne zu fragen, ob er von den zuständigen Körperschaften eine Bewilli­gung hat, in einem solchen Falle vorgegangen ist und das getan hat, was er für gut befunden hat. Ich würde es in einem solchen Falle auch so machen, in einem Falle, in dem man nicht lange fragen und sich nicht lange Deckungen holen kann. […]

In: Reichspost, 27.7.1927, S. 1-2.

Leo Lania: Das Kapital und die Wissenschaft. (1924)

(Zum neuesten Werk Upton Sinclairs: Parademarsch)

Im Jahre 1901 verließ ein einundzwanzigjähriger Jüngling die Universität Kolumbia in den Vereinigten Staaten. Es war das ein junger Mann aus „guter bürgerlicher Familie“, sein Vater und Großvater hatten hohe Stellen in der amerikanischen Beamtenschaft bekleidet und wenn die Familie auch keineswegs mit Glücksgütern gesegnet war, so hatte doch der Junge Elend und Not, Hunger und Armut nicht kennengelernt. Nach Absolvierung der Volksschule und der städtischcn Hoch­schule (eine Art Gymnasium) bezog der Jüngling eine

der vornehmen Universitäten des Landes, um sich literarischen und philosophischen Studien zu widmen. Von einem glühenden Ehrgeiz beseelt, durch eine rasche Auffassungsgabe und gute Lernfähigkeiten ausgezeichnet, stürzte sich der Jüngling mit Eifer und Idealismus ins

Studium — eine furchtbare Enttäuschung riß ihn schon nach wenigen Wochen aus allen Träumen und Illusionen. Den wahren Quell der Bildung hatte er hier zu finden gehofft— eine gähnende Leere und eine öde Langweile fand er in Wirklichkeit. Die ganze große Institution war eine hohle Nuß, ein seelenloser Körper, eine Masse aus Stein und Ziegel, zusammengehalten vom Bureaukratismus … Die Vorlesungen nichts anderes als ein schlechtes Resümee irgendeines trostlos trockenen Lehrbuches, die Professoren ehrgeizige Streber, die Studenten eitle Hohlköpfe, die im Sport, im Flirt, im Saufen und „Kot…leben“ völlig aufgingen. Und das Seltsamste: jeder, der wirklich etwas zu lernen hatte, wurde auf irgendeine Art von der Universität Kolumbia verbannt. Nur die Stumpfen oder die Schlauen blieben übrig, die Guten mußten gehen.

Angewidert von dieser kalten, seelenlosen Mechanik des Universitätsbetriebes, verließ der Jünglig nach einigen Monaten die Universität und zog in die Welt hinaus. Er hatte insgesamt neun Jahre dem Studium geopfert und glaubte daher, „ein vollkommen gebildeter

Mensch“ zu sein. Doch nach kurzer Zeit mußte er die schmerzliche Entdeckung machen, daß er die langen Jahre völlig nutzlos vertan hatte. „Ich wußte nichts über Hygiene und Gesundheit,“ so erzählt uns der junge Mann, „ich wußte nichts von Frauen, kannte außer

meiner Mutter noch drei oder vier weibliche Wesen, ahnte nicht, wie ich mit ihnen umgehen sollte. Von geschlecht­lichen Dingen wußte ich ebensoviel, wie die alten religi­ösen Asketen, aber nichts über die modernen Entdeckungen und Theorien auf diesem Gebiet. Ich wußte auch nichts von der modernen Literatur der verschiedenen Sprachen. Was die Weltgeschichte anlangt, so endete sie für mich mit dem Deutsch-Französischen Kriege vom Jahre 1870; seither schien sich überhaupt nichts ereignet zu haben. Freilich gab es Tageszeitungen, doch wußte ich nicht, was diese Zeitungen waren, wer sie beherrschte, in welchem Verhältnis sie zu mir standen. Ich wußte, daß unsere Politik korrupt sei, doch kannte ich nicht die Ursache der Korruption, noch aber wußte ich, was gegen sie unternommen werden konnte, vom Geld. dem Lebensblut der Gesellschaft, und von der Rolle, die es im Leben des modernen Menschen spielt, ahnte ich nichts. Und was das Proletariat betrifft, so hatte ich mich mit einigen aus Zeitungen geholten Vorurteilen begnügen müssen. Was aber für mich das Allerbedeutsamste war: ich ahnte gar nicht, daß eine moderne revolutionäre Bewegung existiere. Die Namen Marx und Lassalle hatte ich gehört, stellte sie mir als unheimliche Menschen vor, die in Hinterzimmern von Bierkneipen zusammen kamen, Ver­schwörungen anstifteten und Bomben verfertigten, sich außerdem der freien Liebe hingaben. Daß sie irgendwie auch mit meinem Leben in Verbindung standen, mich etwas lehren konnten, daß sie eine Bewegung begründet hatten, die die ganze Zukunft umfaßt — darüber wußte ich ebensowenig wie über die Zivilisation des Negerstaates Dabome oder die Topographie des Mondes.“

Der junge Mann hatte schon frühzeitig Proben ausgesprochener literarischer Begabung abgelegt — keiner seiner Lehrer und Professoren hatte sie einer Förderung für wert befunden; niemand es als seine Aufgabe angesehen, die in dem Jungen schlummernden Kräfte und Fähigkeiten zu wecken. Und mit bebender Angst hatte dieser den Zeitpunkt herannahen sehen, da auch ihn wie die meisten seiner Kameraden „die Walze des Schulapparats endgültig zermalmen“ würde. Da war er von der Universität geflohen.

***

Der junge Mann ging nach Chikago. Und da er ein Jüngling war, dessen Augen scharf und klar in die Welt blickten und dessen Ohren zu hören verstanden und dessen Herz am rechten Fleck saß, so sah er in Chikago nicht nur die Marmorpaläste der Konservenkönige, sondern auch die Hinterhöfe der Fabriken, er hörte nicht nur die tönenden Reden er Direktoren, sondern auch das Weh- und Jammergeschrei der Frauen, Mütter und Kinder, deren Söhne und Ernährer zu Tausenden von dem gräßlichen Vielfraß Kapital zu Krüppeln geschlagen, verstümmelt, getötet wurden, bloß weil die Unternehmer das Geld zur Anlage von Schutzvorrichtungen sparen wollten und ihren Arbeitern den letzten Blutstropfen aus den Adern preßten. Der junge Mann hatte in die grausigste Schlachtkammer des Kapitals geblickt, er hatte voll Schauder gesehen, wie die Konservenkönige, die Herren von Chikago, trichinöses, giftiges Fleisch in die Konserven verarbeiteten, um mehr und noch mehr Profit herauszu­schlagen, und wie sie dadurch Leben und Gesundheit von Millionen Menschen diesseits und jenseits des Ozeans aufs Spiel setzten. Und das Furchtbarste: da war niemand, der den Mut hatte, aufzustehen und diese Schand­taten an die Öffentlichkeit zu bringen, niemand, der den Mut hatte, den Kampf gegen die Mächtigen von Chikago aufzunehmen. Unser Freund war jung genug, um den Kampf zu wagen; er konnte, er wollte nicht schweigen. Er legte alle seine Beobachtungen in einem Buch nieder, verarbeitete sie zu einem Roman, den er The jungle (Der Sumpf) nannte. Sein Erscheinen wirkte wie eine Bombe. Der junge Mann war in wenigen Monaten eine amerikanische, eine europäische Berühmtheit. Aber noch mehr: er war in Chikago Revolutionär, er war Sozialist geworden. Den Königen und Fürsten der amerikanischen Börse, den Herren von Stahl und Eisen, den Beherrschern des Weizens und Petroleums war ein erbitterter und unversöhnlicher Feind erstanden: Sein Name ist Upton Sinclair.

                                                                       ***

Es sind nun mehr als zwanzig Jahre her, daß Sinclair jenen berühmten Roman erscheinen lieh. Eine ganze Bibliothek von Romanen, Novellen, Studien und Theaterstücken hat er seither veröffentlicht:[1]) ein nie er­müdender Kämpfer für Freiheit und Recht der Unterdrückten und Geknechteten. Die Mächtigen der Ver­einigten Staaten kennen und hassen ihn — doch sie sind ihm widerstandslos ausgeliefert. Denn in diesen langen zwanzig Jahren hat Sinclair jeden Trick, jeden Winkel des Gehirns der Fürsten und Herzoge Amerikas bloßgelegt und da ist niemand, der so die Maschinerie des industriellen und finanziellen Lebens, den „Geldtrust“ kennt wie er. Da tritt er jetzt mit einem neuen Werk // auf den Plan: Der Parademarsch (ebenfalls im Malik-Verlag erschienen). Kein Roman— „Eine Studie über amerikanische Erziehung“ nennt er das Buch. Es gibt nur ganz wenige Romane, die so spannend zu lesen sind, wie diese „Studie“, wenige Werke überhaupt, deren Kenntnis für alle Werktätigen dieser Erde, insbesondere für die jungen Kämpfer in den Reihen des Proletariats von solcher Wichtigkeit ist.

Sinclair erläutert den Zweck seines jüngsten Buches, das in den nächsten Wochen in deutscher Übersetzung gedruckt vorliegen wird, wie folgt: „Unser Schulsystem ist nicht dem Dienst der Allgemeinheit geweiht, sondern das Spezialwerkzeug des Privilegs: es bezweckt nicht die Förderung des Allgemeinwohls, sondern die Erhaltung des amerikanischen Kapitalismus. Diese Tatsache zu beweisen ist der Zweck meines Buches …“ Und warum er diesen Titel gewählt? „Wir verausgabten etwa dreißig Milliarden Dollar, ver­nichteten Hunderttausende von jungen Leben, um die deutsche Autokratie zu zerstören, glaubten allen Ernstes, dadurch von der Erde jenes Uebel zu verbannen, das den Namen „deutsche Kultur“ trägt. Diese „Kultur“ war nicht nur etwas Körperliches, war nicht nur der Drill eines ganzen Volkes, der die Macht der Militärkaste vergrößern sollte, sondern auch eine geistige Sache: das Regime des autokratischen Dogmatismus… und nun sollt ihr selbst sehen, ob ich mit meiner Behauptung recht habe, daß wir, indem wir den Parademarsch aus der Welt zu schaffen glaubten, weiter nichts taten, als ihn in unser eigenes Land zu verpflanzen und uns unter seine Herrschaft zu bringen… ihm unsere Gedanken und, was noch weit ärger ist, die Erziehung unserer jungen Generation zu unterwerfen.“

Und Sinclair führt lückenlos den Beweis, den er erbringen will. Und führt ihn so, daß wir in atemloser Spannung lauschen, während er von unseren Augen den Schleier hebt, mit dem der amerikanische Kapitalismus seine Knechtungsmethoden und die Seelenvergiftung, die er so großzügig betreibt, kunstvoll zu mas­kieren versteht. Sinclair „will nicht in diesem Buche seine Ansichten über Erziehung unterbreiten, will nicht erläutern, wie das System sein könnte oder sollte“ — er gibt Tatsachen, er erzählt uns schlicht, ohne Pathos, aber mit Ingrimm und kaltem Spott, was auf den Universi­täten vor sich geht. Über ein Jahr lang hat er das amerikanische Erziehungssystem studiert, hat zu diesem Zwecke das ganze Land bereist, hat Tausende von Menschen – Lehrer, Rektoren, Studenten — ausgefragt, Bücher und Statistiken verarbeitet, um uns enthüllen, zu können, wie die amerikanischen Hochschulen, die 600.000 jungen Menschen Bildung und Wissen vermitteln sollen, jene „Festungen der Plutokratie“, die Munitionsfabriken der herrschenden Klassen geworden sind, die die geistigen Bomben und Giftgase für den Klassenkampf gegen das Proletariat herstellen.

Die zehn bis zwanzig Könige der amerikanischen Hochfinanz und Industrie sind die Kuratoren der amerikanischen Universitäten, die Rektoren und Professoren sind ihre Angestellten. Die Universitäten besitzen Ver­mögen, Aktien von Unternehmungen, die jenen gehören, die im Kuratorium der Hochschulen entscheidenden Sitz und Stimme haben. Da gibt es also eine Universität des Bauholztrustes, des Petroleums, des Weizens, des Kupfers, der Gas- und der Elektrizitätsgesellschaft. Ein dichtmaschiges, riesiges Netz ist über ganz Amerika ausgebreitet, dem niemand entrinnen kann. Fällt es einem Professor, einem Rektor ein, gegen den Willen der Kuratoren die Studenten zum selbständigen Denken, zum Erkennen der Wahrheit zu erziehen — er verliert un­fehlbar seinen Posten. So blüht die „reine Wissenschaft“: „Ihr Sklaven des großen Bostoner Warenhauses, von dem die Harvarder Universität fünfundzwanzighundert Aktien besitzt, findet euch ab mit der langen Arbeitszeit, den niederen Löhnen und der Tuberkulose, zu der ihr verdammt seid, denn für den von euch erzeugten Reich­tum hat ein gelehrter Mann die Menschheit über „die Anwendung der starken Konjugation bei Chaucer“ auf­geklärt! Ihr Polizisten, deren Streik durch die Harvarder Studenten abgewürgt wurde, findet euch ab mit eurem Hungerlohn, hat doch einer dieser Studenten die Menschheit über die „Syntax des Infinitivs bei Shakespeare“ aufgeklärt! Ihr Mädchen, die ihr in den Textilfabriken schuftet, die ihr in den „Weiberstädten“ Neuenglands auf den Strich geht und euren Leib für ein belegtes Brot verkauft, frohlockt, denn ihr habt es ermöglicht, daß die Menschheit etwas über den „Konjunktiv in Layamons Brut“ weiß! Ihr Männer, die ihr zwölf Stunden täglich vor den glühenden Hochöfen Bethlehems, Midvales und Illinois Steel front, seid fröhlich, packt die Schaufeln fester an, denn eure Arbeit ermöglicht der Menschheit, sich genau über den „Ursprung des Romans in Briefform“ zu unterrichten. Ihr Berg­leute, die ihr, jeden Augenblick von Tod und Verstümmelung bedroht, in den Eingeweiden der Erde schuftet, findet euch damit ab, daß die große Universität keine Schutzvorrichtungen anbringen konnte, die euer Leben zu retten vermöchten, hat sie doch das dazu bestimmte Geld ausgegeben, um die „während Sir Robert Walpoles Regierungszeit geschriebenen politischen Balladen“ zu sammeln und zu veröffentlichen!“

Sinclair erzählt uns die Geschichte der zwanzig Hochschulen in den Vereinigten Staaten von ihrer Gründung bis auf den heutigen Tag. Eine Geschichte, die sich wie eine Verbrecherchronik liest, die sich in phantastischen Steigerungen überbietet — eine Geschichte des gigantischen Siegeszugs des amerikanischen Kapitalismus —, Verbrechen, Korruption, Mord und Totschlag bezeichnen ihren Weg. „Das sind doch typisch amerikanische Zustände!“ ist vielleicht mancher im ersten Augenblick auszurufen versucht. „Bei uns in Europa…“

Nun, die Perspektiven, die Sinclair für die nächsten zehn Jahre aufzeigt: „Die Universität wird auch eine Abteilung für Streikbrecher, für das Hand­haben des Gummiknüppels und die Anwendung des „dritten Grades“ besitzen. Beredte Artikel werden schildern, daß die Geschäftsleute ihre Zeit dazu verwenden, Agitatoren von ihren Betrieben fernzuhalten, wobei der Geheimdienst der großen Körperschaften eine gewaltige Rolle spiele, und deshalb sei die Universität im Begriff, eine Fakultät für Spitzel zu gründen.“

Amerika, du hast es besser! In zehn Jahren? Europa hat bewiesen, daß es mit der Zeit zu gehen ver­steht: Streikbrechergarden, „Technische Nothilfe“, Geheimbünde, Korruption, Juden- und „Marxisten“- verfolgungen… Sinclairs Prophezeiungen für das Jahr 1933 sind in Europa im Jahr 1923 schreckliche Wirklichkeit geworden.

Und dennoch: Selbst in Harvard gab es im Krieg einen Studenten, dem es gelang, sich aus der Gletscher­welt der kultivierten Vorurteile einen Ausweg zu bahnen. Er ging nach Rußland und gab sein Leben für die Revolution, seine großmütige Persönlichkeit wird in der russischen Geschichte alle von den Kapitalisten der amerikanischen Regierung gegen Rußland be­gangenen Verbrechen auslöschen… John Reed!“

In memoriam John Reeds und aller jener, die drüben in Amerika den schweren, ungleichen Kampf gegen die Könige des Geldsacks gewagt haben, ist diese Schrift Sinclairs entstanden. Kein blutloses, erklügeltes „Kunstwerk“ — eine Kampf-, eine Tendenzschrift im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Pamphlet? Ja, aber eines, das uns alle angeht, wo immer wir wohnen, welche Sprache wir auch sprechen: denn diese „Studie über amerikanische Erziehung“ ist in ihrer Allgemeingültigkeit in Wahrheit eine Studie über den Kapitalismus, über die bürgerliche Erziehung überhaupt.

In: Arbeiter-Zeitung, 24.1.1924, S. 9-10.


[1] [Orig.FN] Der Malik-Verlag, Berlin, gibt jetzt die Werke Sinclairs gesammelt heraus.

N.N.: Die Rote Garde gegen das Parlament. Sturmszenen und Panik (1918)

[…] Hierauf verläßt der Staatsrat die Rampe und zieht sich ins Parlament zur weiteren Tagung der Nationalversammlung zurück. Die Tore schließen sich. Während die Massen vor dem Parlament sich zum Abzug anschicken, fällt plötzlich, es ist etwa 5 Minuten vor halb 5 Uhr, ein Schuß. Doch die Ruhe in den nächsten Minuten läßt Zweifel darüber aufsteigen, ob es wirklich ein Schuß war. Bald aber hört man Salven und ununterbrochen Schuß auf Schuß fallen. Des unzähligen, durcheinander gewürfelten Publikums bemächtigte sich eine ungeheure Panik. Einige Beherzte versuchen, die Ruhe herzustellen. Es geht aber nicht. Es beginnt eine wilde Flucht nach allen Nebenstraßen des Franzensringes. Viel schlimmer noch ist die Panik, die auf den der Bellaria zu gelegenen Seiten entsteht. Tausende von Menschen laufen in Angst und wildschreiend zur Oper zu, wo sich ein unentwirrbarer Knäuel von Menschen gebildet hat. Wie in äußerster Todesgefahr drängte jeder vorwärts. […]

Gewehrfeuer gegen das Parlament.

            Kein Mensch weiß, was eigentlich geschehen ist, niemand kennt die Ursache der furchtbaren Szenen. Dann aber heißt es: Die Rote Garde will das Parlament stürmen! Die unmöglichsten Gerüchte durchschwirren die Luft, und erst nach geraumer Zeit klärt sich die Situation. Die tatsächlichen Vorgänge waren folgende: Nachdem Präsident Seitz seine Ansprache beendet hatte, zog er sich mit den Mitgliedern der Nationalversammlung in das Abgeordnetenhaus zurück. In diesem Momente drängte die Rote Garde nach, um in das Parlament zu kommen. Dies wollte man verhindern und die Gardisten bedienten sich daher der Gewehrkolben. Nun entstand ein noch ärgeres Gedränge, da alle die schützende Säulenhalle erreichen wollten. Präsident Seitz gab den Auftrag, die Tore auf keinen Fall zu öffnen und die Lichter in der Vorhalle abzudrehen, was auch sofort durchgeführt wurde. In den nächsten Augenblicken hörte man heftige Schläge gegen das große Gittertor und das Klirren der Scheiben hallte in den weiten Räumen wider. Die massiven Tore gaben jedoch nicht nach. Unter dem Publikum, das von den Galerien in die übrigen Räume des Parlaments gelangt war, entstand große Aufregung. Die Leute stoben nach allen Richtungen auseinander. Bald darauf hörte man eine heftige Schießerei. Es war sofort erkennbar, daß auf das Parlament geschossen wird, und der Aufenthalt in der Säulenhalle und in den vorgelagerten Räumen war lebensgefährlich. Das Gewehrfeuer dauerte etwa zehn bis fünfzehn Minuten, die manchen Leuten zu einer Ewigkeit wurden. Die Mitglieder des Staatsrates bewahrten vollkommene Ruhe. Der Preßleiter Ludwig Brügel wurde durch einen Kopfschuß schwer verletzt, ein Projektil war oberhalb seines linken Auges eingedrungen. Mittlerweile war bekannt geworden, daß die „Rote Garde“ alle Tore des Gebäudes besetzt hatte. Nach einer Pause von einer halben Stunde wurde die Sitzung der Nationalversammlung, die anläßlich der Ansprache an die Menge unterbrochen worden war, wieder aufgenommen und die restliche Tagesordnung in aller Ruhe und ohne jeden Zwischenfall erledigt. Im Hause waren auch eine Reihe nichtdeutscher Abgeordneter anwesend, die längere Zeit das Gebäude nicht verlassen konnten; sie äußerten ihr schärfstes Mißfallen und Bedauern über diese Gewalttat. Unterdessen waren vor dem Parlament die Stadtschutzwache und Volkswehr aufgezogen. Staatssekretär Mayer empfing ein Mitglied der „Roten Garde“. Es stellte sich heraus, daß es sich angeblich nur um ein Mißverständnis gehandelt habe. Die ganz unsinnige Behauptung, daß aus dem Parlament scharf oder auch nur blind geschossen worden war, konnte durch nichts erhärtet werden. Die Roten Gardisten räumten sodann das Feld.

[…]

Die Rote Garde in der Redaktion der „Neuen Freien Presse“.

            In den Abendstunden erschienen Mitglieder der Roten Garde in der Redaktion der „Neuen Freien Presse“ in der Fichtegasse. Sie besetzten das Gebäude und erklärten, daß sie von nun an die Leitung des Blattes in die Hand nehmen würden. Diese Tatsache wurde durch ein Extrablatt bekannt gemacht, in dem es heißt: In Ausführung eines Beschlusses der kommunistischen Partei wurde heute nachmittags das Redaktionsgebäude der „Neuen Freien Presse“ durch Volkswehr und Rote Garde besetzt. Die „Neue Freie Presse“ wird bis auf weiteres unter der Kontrolle kommunistischer Redakteure erscheinen. Für vollkommenen Ruhe wird verbürgt. Die Gerüchte, daß die Rote Garde an der Schießerei beim Parlament, welche eine furchtbare Panik hervorgerufen hat, teilgenommen hätte, sind vollkommen erlogen. Es wurde aus dem Parlament blind geschossen. Gezeichnet: Osternig, Koniakowsky, Rote Garde, Hoffmann, Lux, Infanterie-Regiment Nr. 4.

            Zu einem späteren Termin wurden Verhandlungen mit den Gardisten eingeleitet. Volkswehr und Sicherheitswache war inzwischen aufmarschiert und die Rote Garde bewogen, das Haus zu verlassen. Bald darauf erschien eine zweite von der Roten Garde herausgegebene Extraausgabe, in der erklärt wird, die ganze Besetzung des Redaktionsgebäudes sei nur als warnendes Beispiel anzusehen, als Beweis dafür, daß die Soldaten und Arbeiter imstande seien, wenn sie wollten, die Macht an sich zu reißen. Das hätten sie der Polizei mitgeteilt und seien dann ruhig abgezogen.

            Ein kleines Aufgebot von Sicherheitswache ist zum Schutze des Redaktionsgebäudes zurückgeblieben.

In: Fremden-Blatt, 13.11.1918, S. 5.

N.N.: Der Umsturz (1918)

            Die Bevölkerung von ganz Österreich ist von fieberhafter Gärung ergriffen. Im Norden und im Süden erschallt befreiender Jubel über die Schaffung der neuen nationalen Staatsgebilde. Er ist nur zu begreiflich, sind doch die Tschechen und Südslawen der Unterstützung von seiten der siegreichen Entente sicher. Deutschösterreich hat sich viel zu spät auf sich selbst besonnen, und der Moment, da es von seinem Selbstbestimmungsrecht Gebrauch macht, findet es in der denkbar gefährlichsten Situation. Unsere unmittelbaren Nachbarn sind uns recht wenig freundlich gesinnt. Die Absperrung der Lebensmittelzufuhren ist ein sichtbarer Beweis hiefür. Hinter diesen Nachbarn steht aber der Feind, mit dem wir seit fünfviertel Jahren im mörderischesten aller Kriege stehen. Die unglückliche Politik einer k.u.k. Regierung hat uns so weit gebracht, daß wir nun darauf angewiesen sind, unser Schicksal vom Gegner bestimmen zu lassen. Wie es beschaffen sein wird, ist noch in Dunkel gehüllt.

            Düsterer als die Zukunft ist aber die unmittelbare Gegenwart. Die Berichte aus dem Kriegspressequartier verkünden, daß das italienische Gebiet geräumt wird. Was das zu bedeuten hat, vermag die üppigste Phantasie kaum auszumalen. Der Verlust der besetzten Landstriche wäre noch das wenigste. Wir können ihn um so leichter verschmerzen, da ja die Freigabe der nichtdeutschen Provinzen bereits eine ausgemachte Sache ist. Dagegen ist zu befürchten, daß der Rückzug der Armee Erscheinungen auslösen wird, welche die Sicherheit und Ordnung des Hinterlandes aus das Schwerste bedrohen. Was wird geschehen, wenn für die zurückflutenden Soldatenmassen keine Nahrungsmittel vorgesehen sind? Die Zivilbevölkerung hungert sich von einem Tag zum anderen hinüber. Sie kann den durchziehenden Heeresmassen so gut wie gar nichts bieten. Der Hunger treibt aber den Gutmütigsten zu Taten der Verzweiflung…

            Wie eine drohende Gewitterwolke naht das Unheil immer näher. Wir vernehmen, daß die „Grünen Garden“ das Feld ihrer Schreckenstaten bis nach Steinbrück ausgedehnt haben. Auf den südlich gelegenen Bahnstrecken spielen sich schon jetzt furchtbare Szenen ab und in den allernächsten Tagen dringt die Welle der Auflösung aller ordnenden Bande vielleicht bis zu uns, wenn es uns nicht gelingt, ihr rechtzeitig einen Damm zu setzen. Es werden geradezu übermenschliche Anforderungen an die Spannkraft unserer Nerven gestellt werden. Wir werden ihnen nur gerecht werden können, wenn jeder einzelne kaltes Blut bewahrt und seine ganze Persönlichkeit in den Dienst des Gemeinwohls stellt.

            Der von den Vertretern aller Bevölkerungskreise eingesetzte Wohlfahrtsausschuß steht mit den militärischen Stellen in Verhandlungen, um entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu treffen. Jedermann, der die Stimmung unserer Soldaten und Offiziere kennt, weiß, daß sie mit Begeisterung bereit sind, sich der Sache des Volkes zur Verfügung zu stellen. Die k.u.k. Armee ist im Begriffe, sich in eine Volkswehr im vollsten Sinne des Wortes umzubilden, und wenn sie für ihre Aufgabe zu schwach sein sollte, sind die Arbeiter selbstverständlich bereit, ihre Reihen zu verstärken. Ihre Aufgabe ist es aber nicht, etwa einen auswärtigen Feind zu bekämpfen, sondern für die Aufrechterhaltung der Ordnung im Innern in diesen schweren Tagen Sorge zu tragen.

            Damit dies aber möglich sei, müssen alle Versuche von einzelnen Leuten, auf eigene Faust vorzugehen, mögen sie dabei auch von den besten Absichten geleitet sein, mit Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Wir sind sonst keine Freunde allzu weitgehender Ordnungsmacherei. In dieser ernsten Zeit hängt aber alles davon ab, daß sich jedermann dem Willen derjenigen unterordne, die von dem Vertrauen der Bevölkerung getragen sind. Niemand soll sich durch die unruhige Zeit zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen. Durch solche Handlungen schaden wir uns nur selber. Die Bevölkerung möge wissen, daß trotz der eruptiven Erscheinungen, welche die Gründung des südslawischen Staates begleiten, nicht alle Fäden nach dem Süden abgerissen sind. Es zeigt sich vielmehr, daß auch die verantwortlichen Führer der Südslawen sich dessen bewußt sind, daß sie auch in Zukunft unsere Nachbarn sein werden und daß sie deshalb auch in ihrem Interesse handeln, wenn sie in ihren Handlungen möglichst einvernehmlich mit uns vorgehen. Über alle auftauchenden Differenzen kann und wird verhandelt werden, und der Bürgermeister von Marburg hat ein treffendes Wort ausgesprochen, als er in einer Aufrufe sagte: „Es ist unsere heiligste Pflicht, Ruhe und Ordnung zu halten und allen Hader und Zwist, welcher geeignet ist, die Verhandlungen zu hindern, zu bannen, da dieselben nur geeignet sind, der Bevölkerung den längst ersehnten Frieden vorzuenthalten.“ Darum noch einmal: Kühles Blut wie, wenn es sein muß, kühne Entschlossenheit, sind heute notwendiger denn je.

In: Arbeiterwille (Graz), 1.11.1918, S. 1.

Ludwig Hirschfeld: Herr ohne Beschäftigung (1933)

Ein Zeittypus, der zuviel Zeit hat.

Hat es draußen nicht schon wieder geläutet? … Bevor man noch durchs Guckloch sieht, weiß man, wer vor der Tür steht. Eine Gestalt, die den traurigen Refrain dieser Zeit aufsagt: Arbeitslos, ausgesteuert, bitt’ schön, gnä Herr. Manche flüstern bloß oder strecken stumm die zur Bitte verkrampften Hände vor… Eingelernte Pose, routinierte Berufsbettelei? Kann auch sein. Aber bis einer so weit kommt, daß er vor jeder Tür diese Verzweiflungspantomime aufführt, wieviel echte Verzweiflung muß er vorher zur Abhärtung durchgemacht haben… Auf der Straße ist der Elendsbetrieb noch intensiver. Hier flüstert er nicht, hier singt und musiziert er an jeder Ecke und im Stadtbahnzug heischt er die täglich kleiner werdende Kleinigkeit mit der Mundharmonika. Und wenn man spät abends nach Hause geht, dann schleicht einem im Dunkeln eine Stimme nach: „Nur fünf Groschen…!“ Und je geringer der geforderte Betrag, desto drohender wird die Stimme…

Arbeitslosigkeit… das ist die sichtbare, die demonstrativ zur Schau getragene Not primitiver Menschen. Es gibt aber auch eine andere, eine unsichtbare und diskrete Not im guterhaltenen Rock. Keine Arbeitslosen im Sinn des Gesetzes, nur Beschäftigungslose, die noch etwas haben und dennoch arme Menschen sind. Denn wir arm einer heute ist, das hängt ja nur davon ab, was er gestern war und hatte. Was war er gestern? Fabrikant, Kaufmann, Bureauchef, Ingenieur. Und heut ist er ein Herr ohne Beschäftigung. Noch immer, so lange es geht, ein Herr, und das ist eben die Verschärfung. Ein neuer, täglich häufiger werdender Typus dieser im Unproduktiven so produktiven Zeit. Der Herr ohne Beschäftigung ist gewöhnlich ein Mann zwischen vierzig und fünfzig. Also jenes Alter, das man in besseren Zeiten die // besten Jahre genannt hat. Jetzt sind es die miserabelsten Jahre, rüstig, arbeitsfähig, in seinem Beruf erfahren und tüchtig und plötzlich von einem Tag auf dem anderen ausgeschaltet, kaltgestellt. Ein Müßiggänger wider Willen, ein Ruhestand ohne Ruhe. Denn wenn man auch einige hundert Schilling Pension, Rente oder Zinsen hat, daß es auf Wohnen, Essen, auf Kaffeehaus und Zigaretten reicht – ist das ein Leben, wenn man gerade zu leben hat? Die Illusion, die man anfangs hatte, ist längst zerstört: die berühmte Nebenbeschäftigung, die gelegentliche Arbeit. Unmöglich, als Mann in den besten Jahren irgend etwas zu finden, auch nur etwas gering Bezahltes, wo die Jugend keinen Platz findet und graue Schläfen die schlechteste Empfehlung sind. Jeder von uns kennt diesen Herrn ohne Beschäftigung in so und so vielen Exemplaren. Man begegnet ihm auf der Straße, im Stadtpark, im Prater und er wird uns nie etwas vorjammern, weil er sich ungern in sein Schicksal hineinblicken läßt. Und es wäre doch ganz interessant, sich diesen Zeittypus, in den jeder von uns sich vielleicht schon morgen verwandeln kann, einmal näher anzusehen. Wie er seinen leeren Tag ausfüllt, womit er sich in seiner ziellosen Beschäftigungslosigkeit beschäftigt. Suchen wir einige leichtere und schwerere Fälle auf und geben wir ihnen, da sie sonst nichts annehmen, eine kleine Gabe von Verständnis und Mitgefühl. Wie meinen Sie: Warum sich die Sorgen der anderen machen? Noch immer besser, als die eigenen…

Der muntere Großpapa.

            Er ist noch lange nicht im richtigen Großvateralter. In diese Würde ist er vorzeitig hineingeraten, weil er so jung geheiratet hat: mit vierundzwanzig. Und die erste Tochter war auch schon mit neunzehn Mama, so hatte er Ende Vierzig bereits eine kleine Enkelkollektion. Aber wenn man fortwährend im Beruf steckt, fortwährend geschäftliche Sorgen hat, das erhält irgendwie jung und elastisch. Aus jeder Krise, aus jedem Ausgleich schien der Herr Präsident der Familien A.G. um soviel Prozent fescher hervorzugehen, als die angebotene Quote betrug. Bis plötzlich nichts mehr auszugleichen war, weil es nur noch Passiven gab. Schluß mit dem ganzen Werkel, Liquidation durch eine Bank gegen eine bescheidene Abfertigung. Kein fescher Präsident mehr, der mit seinen gemütlichen Scherzen über die ungemütlichen Aufsichtsratssitzungen hinwegkam, sondern ein Privatier. Genauer gesagt: ein Großpapa im Ausgeding. Denn natürlich muß er jetzt bei der verheirateten Tochter wohnen, was schon in wirtschaftlicher Hinsicht das beste für ihn ist. Aber wie wird es das aushalten, was wird der unruhige alte Herr den ganzen Tag anfangen? Ein Mensch, dem man plötzlich die jahrzehntelange Geschäftigkeit und Tüchtigkeit weggenommen hat. Er hat wenigstens immer so getan, ununterbrochen präsidiert, konferiert, disponiert. Immer war er Mittelpunkt und jetzt soll er sozusagen bescheiden im Winkerl stehen – das muß doch einen gesunden Menschen vor der Zeit alt und krank machen. Diese Familienbesorgtheit hat der Großpapa rasch und gründlich widerlegt. Er nimmt sich seinen finanziellen und kommerziellen Sturz nicht übermäßig zu Herzen. Man kann nicht einmal behaupten, daß ihm die gewohnte Arbeit fehlt. Seitdem er unterbeschäftigt ist, hat er nämlich enorm viel zu tun, bedeutend mehr als früher. Frühstück, Zeitungslektüre, Rasieren und Bad erfordern allein schon zwei Stunden. Auch Gutangezogensein ist ein Ding, das Weile braucht. Die Schuhe dürfen je nach der Tagestemperatur nicht zu leicht, nicht zu schwer sein, die Krawatte muß zur Bewölkung passen. Spaziergang mit dem Hund, Bekannte treffen, ihnen wertvolle Ratschläge geben, damit vergehen auch wieder zwei Stunden. Höchste Mittagszeit, zu der er nicht nur den kräftigen Hunger des Unbeschäftigten mitbringt, sondern auch eine Fülle von Lebensweisheit. Beim Tischgespräch, da kann er wieder nach Herzenslust präsidieren und disponieren, indem er die schwebenden Angelegenheiten mit folgenden Sätzen löst: „In einem solchen Fall hätte ich… Ich würde ganz einfach… Du kannst dem Kerl von mir sagen…“ Worauf er sich befriedigt zurückzieht, zum Leihbibliotheksschlaf mit Radionebengeräusch. Ab sechs Uhr ist er hauptsächlich guter Vater und Großvater, indem er die Tochter beim Wirtschaftsbuch und die Enkel bei den Aufgaben stört. Manchmal versucht er in Arithmetik zu helfen, aber es ergeht ihm genau so wie bei seinen Bilanzen: ein Rechenfehler nach dem anderen. Allen Versuchen, ihn durch Aufträge oder Wege irgendwie zu beschäftigen, weiß er sich durch den Hinweis auf einen plötzlichen Rheumatismus oder Schnupfen geschickt zu entziehen. Auch seine Vertretung der Eltern beim Sprechtag im Gymnasium hat sich nicht bewährt, da er die Professoren durch sein eigenes Beispiel davon überzeugen wollte, daß Lernen ganz überflüssig sei, um es im Leben zu etwas zu bringen. Seine Enkel haben ihn auch beschworen: „Großpapa, wenn du noch einmal nachfragen gehst, fallen wir bestimmt durch…“ So besteht die einzige Hoffnung der Familie darin, daß vielleicht doch wieder einmal eine geschäftliche Konjunktur kommt. Dann wollen sie dem Großpapa sofort eine A.G. einrichten…

                                    Der Langschläfer.

            Das ist schon ein ernsterer Fall von Beschäftigungslosigkeit. Weil es der Fall eines älteren Junggesellen ist. Wenn man Frau und Kinder hat, da ist man nie völlig im Ruhestand, denn Familienleben nimmt den Menschen immer reichlich in Anspruch. Aber so ein Junggeselle, der die beste Nachtmahljahre hinter sich hat, mit kleinen Liebschaften verzettelt, dem bleibt schließlich nur eine große Liebe: der Beruf, die Stellung. Ob Direktor, Abteilungsvorstand, Oberingenieur, das ist egal. Die Hauptsache, daß man von neun Uhr früh bis sechs Uhr abend wer ist, daß man an einem Schreibtisch amtiert, daß im Vorzimmer die Parteien, die Angestellten warten, daß man das Schicksal von soundsovielen Menschen dirigiert, daß man das Mittagessen gehetzt hinunterschlingt, keine Zeit hat, zum Schneider zu gehen. Telephonieren, diktieren, unterschreiben, tausend Sachen im Kopf haben, bis man dieser unmöglichen Existenz verzweifelt flucht, weil ja ein bißchen Verzweiflung zu jeder echten großen Liebe gehört. Und auf einmal ist alles aus. Von heute auf morgen Pensionierung, Abbau, ganz kaltblütig und selbstverständlich. Wo er sich fünfundzwanzig Jahre lang geschunden und aufgeopfert hat, wie für eine eigene Sache, wo er tatsächlich im Dienst ergraut ist? Oh, das ist heute kein Milderungsgrund. Im Gegenteil: das ist ein Verschulden… Und dann umgibt den Abgebauten plötzlich die große Stille, die völlige Isoliertheit. Von früh bis abends nichts als Privatleben, das man nie gekannt, nie geübt hat. Der Vormittag vergeht ja noch irgendwie, aber diese entsetzliche Endlosigkeit der Nachmittage. Der Herr Abteilungsvorstand war nie ein Kaffeehausbesucher, er begreift das Vergnügen nicht, drei, vier Stunden mit Karten und Witzen hinzubringen. Er geht also fleißig spazieren, weil das sehr gesund ist, bis er sich davon krank fühlt, bis ihm die schönsten Plätze verhaßt sind. Wochenlang hat er es mit dem Lesen versucht, jeden Tag zwei, drei Bücher, wahllos durcheinander, Literatur und Kriminalschund, bis er es nicht mehr unterscheiden konnte, bis ihm alle gedruckte Weisheit sinnlos erschien. Und dann gab er den Kampf auf und flüchtete sich in den Schlaf. Bis zehn Uhr vormittags, nachmittags wieder und abends um neun. Er ist in diesem Training schon so weit, daß er fast zu jeder Stunde einschlafen kann. Anfangs hat er oft vom Bureau geträumt, vom wirbelnden Betrieb des Telephonierens und Diktierens. Jetzt träumt er gar nichts mehr. Er schläft in die Nacht und in den Tag hinein, mit einem völlig abgebauten Seelenleben. Er ist erst fünfundvierzig, vollkommen gesund, und bei seinem Pech kann er auch achtzig werden…

            Hat’s nicht schon wieder draußen geläutet?… Das ist ja zum Verzweifeln. Kaum daß man sich in unangenehme Dinge vertiefen will, wird man dabei gestört. Man kann doch nicht fortwährend aufmachen, fortwährend in die Tasche greifen, bis nichts mehr drin ist. Gewiß, lauter arme, bedauernswerte Menschen. Aber sie können wenigstens laut fordern, singen, musizieren. Doch wer hört die, die nur leise ächzen, flüstern oder sich schweigend verkriechen? Und sie werden immer zahlreicher. Täglich schwemmt der unerbittliche Geschäftsstrom seine Opfer ans Ufer und aufs völlig Trockene. Dem einen ist’s so un dem anderen so passiert, aber alle haben das gemeinsame Schicksal: daß sie unter dem ärgsten Überfluß leiden, den es geben kann: zuviel Zeit. Und noch dazu von einer Zeit, von der wir alle schon genug haben.

In: Neue Freie Presse, 30.4.1933, S. 9-10.

N.N.: Die Rote Garde im Redaktionsgebäude der Neuen Freien Presse. (1918)

                                                                                              Wien, 12. November.

            Heute Dienstag gegen 4 Uhr nachmittags sind Angehörige der Roten Garde und vom Infanterieregiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4 im Redaktionsgebäude der „Neuen Freien Presse“ erschienen. Sie erklärten dem anwesenden Sekretär des Blattes, daß die „Neue Freie Presse“ unter der politischen Kontrolle der kommunistischen Partei erscheinen solle. Der Sekretär des Blattes fragte den Offizier, auf Grund welcher Berechtigung diese Verfügung getroffen wurde und ob er sich durch die Legitimation eines Vorgesetzten beglaubigen könnte. Der Offizier antwortete, daß er keine Legitimation habe und den Vorgesetzten heute noch nicht nennen könne. Der Sekretär verwahrte sich entschieden gegen die Maßregel, für die weder ein Rechtsgrund noch eine Beglaubigung des in Österreich regierenden Staatsrates, von dem die Sicherheit der Person und des Eigentums verbürgt worden ist, vorliege. Der Offizier antwortete, daß es sich allerdings um eine Maßregel der Gewalt handle.

            Die Räumlichkeiten und die Treppen des Hauses wurden besetzt, ein Maschinengewehr wurde vor dem Haustor auf der Straße aufgestellt und eines im Hof postiert. Die Fichtegasse, wo sich das Redaktionsgebäude befindet, war gegen den Kolowratring und gegen den Beethovenpark von den Soldaten abgesperrt und nur Angehörige des Blattes durften passieren. Mit den Truppen waren auch Vertreter der kommunistischen Partei aus dem Zivilstande erschienen. Von Seiten des Staatsrates wurde eingegriffen und nach einigen Stunden war der Zwischenfall beendigt. Die Rote Garde hatte gleich nach dem Eintritt in das Haus verlangt, daß eine Extraausgabe über die Vorfälle beim Parlament veranstaltet werde, was unter entschiedener Verwahrung der Redaktion geschah. In einer zweiten Extraausgabe wurde mitgeteilt, daß die Partei durch ihre Anwesenheit in der „Neuen Freien Presse“ eine kommunistische Kundgebung habe veranstalten wollen, daß der ganze Vorgang nur demonstrative Zwecke gehabt habe und daß sich nach deren Erfüllung die Offiziere und die Truppen zurückziehen wollen.

            Wir möchten an dieses Eindringen in unser Haus die Bemerkung knüpfen, daß die Achtung vor der Preßfreiheit die oberste Pflicht jeder Partei sei. Eine Demokratie, welche das Recht auf Urteil bedrücken und Meinungen verfolgen und sich der Kritik entziehen will, ist eine Verfälschung der wahren und echten Volksherrschaft. Auch während der Anwesenheit der Roten Garde in unserem Hause hatten wir die Überzeugung, daß in Deutschland nie die Zeit kommen werde, in der die Freiheit solcher Gewaltsamkeit ausgeliefert sein werde. Die vorliegende Nummer erscheint ohne jede fremde Kontrolle als freie Meinungsäußerung der Redaktion.

In: Neue Freie Presse, 13.11.1918, S. 1.

Hans Tietze: Die Krise der Gegenwartskunst. (1931)

Von Krisen in der Kunst ist oft die Rede gewesen. Jedesmal, wenn eine Generation ihre Leistungsfähigkeit erschöpft hatte und eine neue mit unterirdisch lang vorbereiteter Opposition hervor­trat, gab es im Faden der Kunstentwicklung einen Knoten, der sich dem nachsichtigen Blick der unmittelbar Interessierten zu einer richtigen Revolution vergrößerte; immer wenn wir nicht weiter können, glauben wir, daß die Kunst zu Ende ist. Als an der Jahrhundertwende der letzte müde Wellenschlag des Impres­sionismus verebbte, schien ein neues Kapitel anzuheben; Expres­sionismus, Kubismus, Futurismus, die die geheimsten Triebkräfte drei großer europäischer Nationen, des deutschen, französischen, italienischen Volks, in eine künstlerische Formel spannten, prokla­mierten ihr Lebensrecht; der elementare Ausbruch dreier in ihrem Grundwesen verschiedener, dennoch in ihrer Leugnung alles Vorangegangenen einmütiger Ausdrucksweisen rechtfertigte die neue Kunst als die Sprache der dem Krieg geweihten Generation.

Auf jene erschütternde Kundgebung, mit der die Kunst das angstvoll gehütete Ereignis der nahenden Katastrophe voraus­ahnend herausschrie, ist tiefe Ernüchterung vieler Einzelner und der Allgemeinheit gefolgt; jener von ungeheurer Ergriffenheit zuckende Taumel will nun als ein Feuerwerk erscheinen, in dem eine von ihren Wurzeln gerissene Kunst ihre letzten Lebenskräfte verbrannte. Als Reaktion gegen die geflissentliche Unsachlichkeit von gestern ist eine nicht minder gewollte Sachlichkeit als Aus­druck einer Ermüdung entstanden, an der Erschöpfung und schöpferische Pause in unberechenbarem Verhältnis Anteil haben. In dieser Metamorphose macht die Plötzlichkeit stutzen, mit der die Kunst aus dem Extrem der Unverständlichkeit ins Extrem der Verständlichkeit taumelt. Das Gefühl, das sie, um sich zu retten, sich preisgibt, beherrscht nicht nur die Ästheten von gestern, für die eine Kunst ohne Dunkel und Heimlichkeit immer eine banale bleibt; auch unverbrauchterer Instinkt erwartet von der Kunst, daß sie ausspreche, was die Allgemeinheit braucht und wünscht, aber selbst nicht weiß. Das Opfer künstlerischer Feinfühligkeit, das die neue Sachlichkeit gebracht hat, hat die Kunst nicht po­pulärer gemacht; es hat sich nichts geändert, als daß es eine Kunst­richtung mehr gibt.//

Damit ist aber der Kern der heutigen Krise der Kunst nicht getroffen; nicht wie diese sein soll, sondern ob sie sein kann, ist brennend geworden. Der wirtschaftliche Zusammenbruch hat alle Schleier von dem Zustand gerissen, in den sie durch ihre ausschließliche Ästhetisierung im Lauf von Jahrhunderten ge­raten war: zur Befriedigung eines ideellen und materiellen Luxus­bedürfnisses. Solange nun die Wirtschaft über Überschüsse ver­fügte, kamen diese den an sich unnötigen künstlerischen oder wissenschaftlichen Zwecken — denn die Selbstzwecklichkeit der Wissenschaft hat sich ganz parallel zum l’art pour l’art entwickelt — zugute. Was zulässiges Wohlleben gewesen war, ist dann — wie manches andere — unerlaubter Luxus geworden; die Kunst, die als gesellschaftliches Tun von den überschüssigen Energien gespeist wird, die sich nicht im nackten Lebenskampf verbrauchen, sie stirbt ab, wenn diese Kräfte versiegen.

Wir haben hundertmal darüber gesprochen, wieso diese tief­gehende Entfremdung zwischen Kunst und Allgemeinheit ent­standen ist; wir wissen, daß die soziale Umschichtung, die außer­halb der bisherigen Tradition stehende Kreise zu Macht und Ein­fluß erhob, dabei ebenso mitgewirkt hat wie die Veränderung der Produktion aus einer handwerklichen in eine maschinelle oder das Vordringen materieller Gesinnung auf allen Gebieten. Alle diese, seit dem Ende des XVIII. Jahrhunderts ausschlaggebend gewordenen Faktoren haben mitgeholfen, aber sie sind gegenüber der Hauptursache, der Tendenz der Kunst zur Selbständigkeit und Selbstherrlichkeit, sekundär. Kunst wurde in langen Jahrhunder­ten europäischer Geschichte in engstem Zusammenhang mit dem religiösen Leben erzeugt; als Schmuck des Gotteshauses, als Be­lehrung der Gemeinde, als Bestätigung und Bekräftigung herr­schender Gläubigkeit. Daneben und später, um dem Glanz des Fürsten zu dienen, um patriotische oder humanitäre — in beiden Fällen soziale — Empfindungen zu fördern, um das Andenken bestimmter Personen festzuhalten oder um Kenntnisse zu ver­mitteln; um der Bildung, dem Schmucktrieb der Erotik zu dienen. Die dieses Bündel von Zwecken zusammenfassende Tendenz zum Ästhetischen hat sich nachmals emanzipiert. Die Kunst wurde eine selbstherrliche Weltdeutung, sie setzte ihren Ehrgeiz mehr als in die Erfüllung jener anderen Zwecke in die Lösung der im engsten Sinn des Wortes künstlerischen Probleme; sie wurde Selbstzweck und geriet dadurch immer mehr in eine glänzende und schließlich verderbliche Isolierung.

Dadurch hat die Kunst die feste äußere Bindung verloren, von der sie sonst ihre Stütze erhielt; sie war ein bürgerliches Hand­werk und ist eine Mission geworden. Der äußere Beruf des Künst­lers hat sich in eine innere Berufung umgewandelt, seit in seinem Tun nur mehr das Schöpferische galt; man hat ihn zum Hüter des der Menschheit geschenkten prometheischen Funkens gemacht// und ihm dadurch den Sparherd bürgerlichen Daseins verwehrt. Seine Ausbildung, seine Produktionsweise, seine ganze soziale Existenz ist auf ein Künstlertum zurechtgeschnitten, das verein­zelten Genies entspricht, aber den Durchschnitt zugrunde richtet; „alles oder nichts“, auf dem seine Wirksamkeit beruht, ist seine Glorie und sein Todesurteil. Denn eigentlich hat in der heutigen Auffassung der Kunst, jeder, der nicht das Höchste erreicht, seine Existenz verfehlt. Dies gilt auch im materiellen Sinn. Da der Künstler nicht für Auftraggeber arbeitet, sondern für Sammler, sich nicht an die Allgemeinheit wendet, sondern an die Kenner, eine Erfüllung außerkünstlerischer Zwecke als Prostitution emp­findet, ist seine wirtschaftliche Basis zu schmal geworden. Er hat als Abnehmer nur die verschwindende Minderzahl jener, die im Kunstwerk nichts suchen als ästhetische Befriedigung, während er dem unvergleichlich größeren Kreis jener völlig entfremdet ist, die vom Kunstwerk in der ästhetischen Form die Erfüllung ganz anderer Bedürfnisse erwarten.

Kunst ist genialer Eingebung entwachsende Schöpfung und die professionelle Ausübung bestimmter Tätigkeiten; Künstler ist der einsame Deuter der tiefsten Geheimnisse und der Hersteller von irgendwelchen Bildern, Plastiken und graphischen Blättern — wie von Abendlektüre und musikalischer Unterhaltung. In einen Begriff faßt die Armut der Sprache zusammen, was in Art und Rang von Grund aus verschieden ist. Die ästhetische Terminologie unterscheidet zwar gelegentlich zwischen „Hochkunst“ und „Niederkunst“, aber diese Scheidung ist zu schwach, im Sprach- und Denkgebrauch verfließen im Namen der Kunst: Kunst und Nichtkunst, polare Gegensätze, die unendliche Übergänge ver­binden. Im Verschwimmenlassen dieser Grenzen liegt der Grund des Chaos, in dem wir stecken; wir vergewaltigen die Kunst mit den Maßstäben der Hochkunst, aber auch diese mit den Maßstäben jener.

Und hier könnte der Punkt sein, von dem aus sich die letzte Wandlung in der Kunst grundsätzlich anders darstellte als frühere; vielleicht ist die fragwürdige Primitivität der neuen Mode doch ein Symptom tieferer Umkehr; schließlich haben doch die falschen Schäferinnen der Eremitagen die Herrschaft der echten Fisch­weiber vorbereitet. Die Radikalen an der Jahrhundertwende hatten um der Selbstherrlichkeit der Kunst willen alle Tradition des Sehens und Gestaltens über Bord geworfen; die Modernen von heute unterwerfen sich der solidesten Tradition, geben aber die besondere Mission der Kunst preis. Sie wollen etwas machen, was so aussieht wie die Kunst von früher, aber doch nicht Kunst mit dem Anspruch des Selbstzwecks ist. Dieser Prozeß ist gewiß kein bewußter, da zuviel vom Gestern noch ins Heute hereinhängt, aber er enthält ein in die Zukunft weisendes Element. //

Der Künstler wird, wofern er überhaupt weiter bestehen soll, auf die Ausnahmestellung, die ihm das neunzehnte Jahrhundert als trügerischen Ersatz für seine geminderte Bedeutung im sozialen Leben zuerkannt hat, verzichten und versuchen, seine Tätigkeit wieder zu einer als notwendig empfundenen zu machen. Er wird nicht mehr an dem prahlerischen Begriff eines dem Göttlichen sich nähernden Schöpfertums, der an den vereinzelten Genies höchsten Banges gebildet worden ist, zu schmarotzen brauchen, sondern im Rahmen anderer menschlicher Verrichtungen der seinigen nach­gehen; ein Handwerker, der die Bedürfnisse seines Publikums an­erkennt und befriedigt, ein notwendiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Daß er dabei vielleicht das meteorhaft unerrechen­bare Genie sei, das eine ganze Menschheit zu bereichern vermag, wird immer noch die heimliche Sehnsucht bleiben, die sein Tun befeuert, aber es wird nicht mehr die stillschweigende Voraus­setzung seines Daseins bilden, deren Nichterfüllung ihn ins Nichts des Überflüssigen stößt.

Die Krise der Gegenwartskunst ist möglicherweise ein Ansatz, aus der gespannten und übergespannten Situation hinauszufinden, in die unsere nur ästhetische Einstellung die Kunst gebracht hat. Diese soll wieder ein Handwerk werden, nicht so sehr in ihrer Technik wie in ihrer Gesinnung; eine Produktion, die sich wie jede andere an dem Bedarf des Konsumenten regelt; eine Tätig­keit, die der Raschheit und Beweglichkeit unseres Daseins entspricht, deren Ergebnisse sich in der Regel mit dem Tag ver­brauchen, für den sie entstanden und aus der, ausnahmsweise, ein oder das andere Mal das große Kunstwerk herauswachsen mag. Durch all dieses ein Tun, das auch wieder seine verlorene wirt­schaftliche Grundlage zurückgewinnen könnte.

In: Das Tage-Buch, H. 28/ 1931, S. 1103-1105.

Dr. J[osefine] W[idmar]: Tanz und Spiel in der Mittelschule. Allerhand Bedenklichkeiten. (1928)

Der Beginn des neuen Schuljahres bedeutet in vieler Hinsicht ein denkwürdiges Datum in der Entwicklung der österreichischen Mittelschule: Die Durchführungsbe­stimmungen für die neuen Lehrpläne unserer Mittel­schulen, die im Juni dieses Jahres bekanntgegeben wurden, umschließen tatsächlich für die studierende Jugend ein neues Bildungsprogramm. Auf den Erfahrungsgrundlagen alterprobter Bildungsgüter auf­gebaut, ragt die neue Mittelschule stolz und zukunftsfroh in das Neuland pädagogischer und didaktischer Errungenschaften hinein, mit denen die Erziehungs­wissenschaft aller Länder in den letzten Jahren bereichert wurde. Im Vordergrund unter den pädagogischen Reformgedanken der neuen Mittelschule steht die starke Hervorhebung der körperlichen Erziehung. In einer kürzlich erschienenen Verlautbarung des Unterrichts­ministeriums wurde ausdrücklich auf jenen Teil der neuen Lehrpläne hingewiesen, die sich mit den nunmehr

obligatorisch gewordenen Leibesübungen an den Mittelschulen befassen. Die jungen Mittelschüler und Mittelschülerinnen werden in Hinkunft zu der Erlernung von Schwimmen, Ski- und Schlittschuhlaufen, zu rhythmischem Turnen und Tanzspielen ebenso verpflichtet sein wie zu der Einprägung lateinischer Vokabeln und geometrischer Formeln. Zweifellos steht Österreich mit dieser Neueinführung beispielgebend unter den übrigen mitteleuropäischen Ländern da.

Es ist nun interessant, daß gerade dieser Programm­punkt der neuen Lehrpläne in vielen Eltern- und Pädagogenkreisen, die sonst dem Reformwerk des Unterrichtsministeriums mit Anerkennung und Interesse gegenüberstehen, mit einer gewissen Zurückhaltung auf­genommen wird. Namentlich aus den Bundesländern werden Bedenken und Zweifel laut: Es wird da die Befürchtung geäußert, die stärkere Betonung körperlicher Bildungswerte könnte die schon ohnehin stark gefährdeten geistigen Bildungsgüter an der Mittelschule noch mehr in den Hintergrund rücken, die Mittelschule zu einer Sport- und Unterhaltungsstätte herabdrücken. Mit unangebrach­ter Schärfe wurde sogar von „Harlekinaden“ und Tanzkränzchen an den Mittelschulen gesprochen.

Der letzte Grund dieser sachlich keineswegs gerechtfertigten Ablehnung gegen diesen Programmpunkt der neuen Mittelschule liegt wohl in dem Mißtrauen, das man auf dem Lande allen Wiener Schulerneuerungsbestrebungen ohne Unterschied entgegenbringt. Die maß­losen, nur von politischer Zielstrebigkeit diktierten Experimente der roten Schulreformer, der Raubbau, der gerade von dieser Seite an dem Bildungserbe unserer Mittelschulen getrieben wurde, hat dieses Mißtrauen gesät. Aber es darf nicht übersehen werden, daß gerade das Reformwerk des Unterrichtsministeriums diesem verderblichen Experimentieren und der Politisierung der Mittelschule ein Ziel gesetzt und ihre aus den Zeitverhältnissen gebotene Weiterentwicklung in fest um­schriebene Bahnen gelenkt hat.

Dieser Weiterentwicklung gehört nun sicherlich auch die stärkere Beachtung der Sport- und Bewegungspflege im Lehrplan der mittleren Bildungsanstalten. Es ist voll­kommen unrichtig und zwecklos, das Streben nach körper­licher Ertüchtigung und Leistungsfähigkeit, wie sie Sport und Spiel in der freien Natur gewähren, in Bausch und Bogen zu verdammen und in scharfen Gegensatz zu geistiger und seelischer Bildung zu stellen. Sport im weitesten Sinne ist heute ein Erfordernis des modernen Lebens geworden, auf das die Jugend nicht mehr verzichten kann und will. Er stellt den nötigen Ausgleich zu den immer mannigfaltiger und schwieriger sich gestal­tenden Aufgaben des Arbeitslebens dar, das erhöhte Spannkraft und Nervenstärke verlangt. Es ist Aufgabe aller Volkserzieher, darüber zu wachen, daß diese an sich gesunden Bestrebungen nicht in Rekordpsychosen und in  einen unsittlichen rein materialistischen Körperkult aus­arten, wie leider heute vielfach die Ansätze dazu vorhanden sind. Wenn die Schule den Sport und die Körperpflege in ihr Bildungsprogramm aufnimmt und in vernünftige Bahnen leitet, so leistet sie damit eins sehr zweckmäßige Vorbeugearbeit und gräbt zahlreichen Ausschreitungen von vornherein den Boden ab. Haben die jungen Leute von der Schule aus Gelegenheit zu schwimmen, zu rodeln, Skilaufen unter der Leitung und Überwachung eines tüchtigen Lehrers, so haben sie es nicht notwendig, diese Künste in Kursen und Gesellschaften zu betreiben, die, wie jedermann weiß, oft von nichts weniger als er­zieherischem Einfluß auf das Seelenleben der Mädchen und Jünglinge sind. Und wenn in Zukunft in unseren Mittelschulen die Weisen der alten lieben Tiroler und Kärntner Volkstänze und die Melodien Mozarts und Schuberts aufklingen und die jungen Menschen zum rhythmischen Gestalten und Bewegen einladen, so ist dies wohl ein Teil höchst notwendiger künstlerischer Jugenderziehung, das beste Gegen­mittel gegen die hemmungslose Hingabe an Jimmy, Jazz und Niggertänze! Vergessen wir es nicht, daß dieser Kulturschande von einer Gesellschaft Raum gegeben wurde, die, allzu einseitig intellektuell gebildet, ihr kein Bewußtsein bodenständiger Sport- und Bewegungskultur entgegenzusetzen hatte. In dieser Hinsicht ist eine schulgemäße maßvolle Sportbildung unserer Jugend nur zu begrüßen.

Es ist wohl auch nicht zu befürchten, daß die körper­lichen Übungen an den Mittelschulen eine Gefahr für den Lerneifer der Schüler und Studienresultate darstellen.

Dafür bürgt die ganze Anlage der neuen Lehrpläne, die die Erwerbung und Einübung von Wissensgütern in allen Lehrfächern auf das genaueste und strengste regelt. Übrigens sind die Grundsätze für eine moderne Körper­bildung, wie sie durch die Lehrpläne nunmehr gesetzlich normiert erscheinen, schon seit längerer Zeit an vielen Knaben- und Mädchenmittelschulen geübt worden, ohne daß irgend eine Schädigung des Bildungsniveaus be­merkbar geworden wäre.

In diesem Zusammenhang sei auch an die alten Militärakademien und k. u. k. Kadettenschulen der ehe­maligen Monarchie hingewiesen. Niemand wird heute diesen Anstalten überstürzten Reformeifer und revolutionäre Schulden vorwerfen. Dennoch hatten sie in ihrem Lehrplan Tanzen und Anstandslehre aufgenommen aus der vernünftigen Erkenntnis heraus, daß für jeden jungen Menschen, der einmal auch zu der bescheidensten Führer­rolle berufen ist, Beherrschung des Körpers und seiner Bewegungen notwendig ist. Umso weniger darf man es der modernen Mittelschule verargen, wenn sie diese alte Erkenntnis weiterführt. Sie öffnet damit nur die Bahn zur zeitgemäßen Erfüllung des alten humanistischen Bildungsideals, das Plato in seiner Politeia für die Ertüchtigung der Jugend. aufstellte.

Eltern und Kinder können mit aller Beruhigung dem Beginn des neuen Schuljahres entgegensehen. Die jungen Leute werden bald erkennen, daß trotz Ski, Tanzen und Rodeln das Gymnasium eine ebenso ernste und vielfordernde Lehr- und Lernschule geblieben ist wie bisher. Die Eltern aber werden sich freuen, daß ihre Kinder Sport und Spiel unter Schutz und Leitung der Schule betreiben und nicht auf abseitigen Nebenwegen!

In: Die Reichspost, 4.9.1928, S. 6.