Fritz Karpfen: Großstadtnächte. (1925)

Improvisationen im Juli.

Mitternacht. Die Blumen des Gartens duften schwer, und eine Schwüle liegt über dem Pflaster, schlägt Wellen an den Rand der Straße, tausend Sterne glänzen verhüllt am schwarzen Himmel, Bogenlampen zittern. Wenige Menschen nur sitzen auf der Terrasse des Kaffeehauses, schauen in die Nacht, träu­men. Niemand spricht, keiner liest eine Zei­tung. Große Insekten taumeln von den grellen Lampen herab.

Aber in der Ferne gellen noch die Hupen der Autos, und der Lärm der Großstadt schrillt hie und da auf. Die Stadt schläft in der Glut dumpfer Sommernächte, alles Leben geht vor­bei wie hinter dichten Schleiern, man träumt, sinnt…

Ein Mädchen, ganz in Weiß, betritt die Terrasse, blickt sich um, setzt sich an einen leeren Tisch, mustert müde die spärlichen Gäste.

Das ist die Zeit, da die kleinen Mädchen der Straße, die Mädchen in dünnen Gewändern, die des Abends immer das gleiche Stück Weges gehen, auf und ab, und ab und auf, das ist die Zeit, da die kleinen Mädchen noch einen Augenblick im Kaffeehaus verweilen, ehe sie heimwärts gehen. Müde, die Augen trübe, hoffnungslos…

*

In den Winkeln der engen Straßen der Inneren Stadt hockt die Dunkelheit, rankt sich empor an verwitterten Mauern, kriecht in tiefe Fensterhöhlen und schlägt über den steilen Dächern zusammen. Spärliches Licht zittert von flackernden Laternen, Katzen­geschrei pfaucht von den Dächern. Hie und da ertönt der Schritt einsamer Männer, die nach Hause eilen.

Eng an die Mauer gedrückt stehen drei Ge­stalten. Sie warten. Warten auf den Gast, der ihnen kargen Liebeslohn schenken wird, auf den Gast, der zu dieser Stunde fast nie mehr kommt. Wer sollte auch bei diesen Armen die Liebe sich kaufen, da in den hellen Hauptstraßen die schönen jungen Mädchen in Seidenkleid und Seidenhut vergebens warten müssen. Die Sünde stirbt aus in Wien, vor den Nachtlokalen schläft der Portier, und das Klavier klirrt im leeren Raum…

Nicht überall. Es gibt einige Lokale, ver­steckt und unbekannt, da tobt der Rausch, der Tanz und die Liebe bei johlenden Zigeunern, gedämpften Lampen. Schmal und nieder ist der Raum. Einst mag hier eine Mönchszelle oder eine Badestube gewesen sein. Spitzbogen schwingen sich, und die Mauern sind meter­dick. Die Besucher tanzen auf einem Parkett von zwei Quadratmetern, man drückt die Leiber aneinander, küßt sich, stampft, jauchzt… Die Zecher an den Tischen schmettern die Gläser an die Decke, Wein wird verschüttet, ein junges Weib springt auf den Tisch, rafft das Kleid hoch empor und dreht sich rasend, daß ihre Seidenwäsche flattert.

Die Kellner kriechen zwischen den Tischen, fremdländische Banknoten wandern in ihre Taschen, die Damen lassen sich auf der Toilette die Provision bezahlen. Ein junger Dandy hat zu wenig Geld, die Kellner scharen sich um seinen Tisch, die Gesichter werden starr, höhnisch lächelt das Publikum, die Musik bricht ab. Der Herr läßt seine goldene Tabatiere als Pfand zurück und eilt fort.

„Joi mamam!“ und wieder fiedeln die Zigeuner, und neue Champagnerflaschen blinken, die Tänzerin springt durch den Raum, wirft die Beine, und in den dunklen Logen girren Küsse und Umarmungen.

*

Draußen, am Rande des Herzens der Stadt, liegt der große schöne Park. Tausend Rosen duften schwer und selig, wunderbar steht die Wand aus Laub und Strauch im fernen Licht der Laternen. Der Wanderer, der dieses Reich betritt, ist umgeben im Nu wie von Schmetterlingen von vielen Mädchen und Frauen. Und hinter jedem Mädchen taucht ihr Beschützer auf, und auf jeder Bank im Dunkel drückt sich ein Paar, und vor jeder Bank steht ein Louis und hält Wacht. Unendlich ist die Erzählung, die sich hier erzählt, und ohne Unterlaß kom­men und gehen die Gestalten. Nichts Bacchan­tisches liegt in diesem Treiben, nicht laute Fröhlichkeit der Sinne unter Sternen im mitternächtlichen Park. Die Verfemten der großen Stadt sind hier daheim, die Letzten, die Elendesten, die, die am Rande des Flusses hoffnungslos angelangt sind. Aber auch da herrscht Gesetz, Gesetz von Dirne und Zuhälter, Gesetz von Arbeit und Lohn. Und der Lohn ist entsetzlich und die Arbeit ist grauenhaft, und der Hunger ist der Herrscher dieses Reiches.

Das ist der Park in der Nacht, in der Großstadt.

*

Immer wenn ich heimgehe in den ersten Stunden des kommenden Tages, das Hirn schwer von der Arbeit, die Glieder müde und die Nerven brennend, immer wenn ich durch die ausgestorbenen Straßen gehe, zu einer Stunde, da niemand mehr wacht, ist es mir, als wandle ich durch die Mauern einer ver­schütteten Stadt, einer Stadt in der Wüste, einer Stadt, die vor Jahrtausenden gelebt.

Nur das feuchte Zeitungsblatt in meiner Hand, das erste, das die Notationsmaschine ausgespien hat, gibt Kunde vom kommenden Morgen. Und ein paar Vögel zwitschern in den Zweigen der Bäume der Straße.

Sie singen das Lied des Lebens.

In: Der Tag, 29.7.1925, S. 4.

Max Hussarek: Katholizismus und modernes Geistesleben (1924)

Exzellenz Hussarek überließ uns gütigst das Manuskript seiner auf dem jüngsten österreichischen Katholikentag gehaltenen Rede zur Veröffentlichung im Neuen Reich. Die Schriftleitung.

Wenn ich nach Maßgabe und mit der Beschränkung auf die Umstände eines dem rein Religiösen gewidmeten Katholikentages über Katholizismus und modernes Geistesleben sprechen soll, so muß der Ausgangspunkt wohl daher genommen werden, daß eine Einheit des Geisteslebens unserer Tage zunächst überhaupt nicht wahrzunehmen ist. Ich meine damit nicht eine Einheit der Weltanschauung, wie sie dem Mittelalter auf seinen Höhepunkten eignete, wie sie die entgegengesetztest gerichteten Geister wie Gratian und Magister Irnerius, Alexander III. und Friedrich Barbarossa, Rainald von Dassel und Thomas v. Aquin, Dante und Bonifaz VIII. doch immer verband. Diese Einheit der Weltanschauung hat die Reformationsbewegung des 16. Jahrhunderts und alles, was sich an diesen Ursprung der Verirrung und Verwirrung der Geister bis in unsere Tage herein anschloß, zerstört und wir können unser Sehnen und Ringen danach nur als auf ein weit entferntes Ziel gerichtet einstellen, das unseren Schritten auch noch lange sich als unnahbar erweisen dürfte. Wenn wir vom modernen Geistesleben sprechen, tritt uns vor allem eine bunte Mannigfaltigkeit, Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit der Anschauungen und Ueberzeugungen entgegen. Und das kann auch gar nicht anders sein. Die Zeit der religiösen Revolutionen von Hus und Wiclif, von Luther und Melanchthon, Zwingli und Kalvin angefangen bis zur geistig-sittlichen Revolution der Cherbury, Rousseau, Voltaire, Dideroth und der Enzyklopädisten und bis zur politischen Revolution der Lafayette und der Girondisten, der Robespierre, Marat und Danton mit der Krönung ihres Werkes in dem Cäsarentum Napoleon I. war eine Periode des in den vielfältigsten Formen sich gestaltenden Individualismus. Nicht jenes Individualismus, wie er der tiefe Gedanke des Erlösungswerkes Christi ist, das uns in jeder Menschenseele ihren persönlichen Wert und ihren transzendenten Zweck schätzen und achten lehrt, das Recht des Einzellebens aber in seiner Pflicht vor Gott und dem Nächsten die höchste Entfaltung finden läßt. Sondern jenes Individualismus, der ohne Scheu sich hinwegsetzt über alle Schranken, welche die Ehrfurcht vor dem Großen und Erhabenen aufgerichtet hat, der nur in sich seine Ziele und seine Befriedigung findet und der auch auf dem Gebiete des sittlichen Wirkens keine heteronomen Gebote, sondern nur die Autonomie des eigenen Befindens anerkennt. Dieser Individualismus vermochte ein Weltbild auf einheitlicher Grundlage nicht mehr zu erhalten, das Ergebnis seines Denkens war die Negation und seine besten und größten Geister verzichteten schweren Herzens auf die Erreichbarkeit der Wahrheit; sie suchten das Streben nach ihr mit dem bekannten Worte Lessings an ihre Stelle zu setzen. Wohl hat es in diesem Ringen der Geister nicht an Perioden der Wiedererstarkung und Befestigung gegenüber der weit verbreitsten Zersetzung gefehlt. Gerade in Oesterreich war das Zeitalter der sogenannten Gegenreformation eine Epoche großartiger und erhabener Sammlung, die unserem einstigen großen Vaterlande den Stempel einer eigentümlichen, in sich gesittigten hohen Kultur aufprägte, die es in den Tagen der Abwehr des letzten großen Angriffskampfes des Halbmondes wider die abendländische Gesittung auf eine seither nicht mehr erlebte politische Macht und innere Geschlossenheit erhob, und die noch lange bis in die Befreiungskriege wider das Napoleonische Joch nachwirkte, um in der deutschen Romantik, die einen ihrer wirksamsten Brennpunkte in Wien fand, eine mächtige Nachblüte zu erleben. Im Zeichen der katholischen Restauration stand auch unser staatliches Leben auf der Höhe, während die Zeitläufe des glaubensfremden Geistes mit denen des politischen Niederganges, der Zerrüttung und Schwäche zusammenfallen. Nun schien sich im 19. Jahrhundert doch wieder, wenn nicht eine einheitliche Weltanschauung, so wenigstens ein gleich gerichtetes Menschheitsideal vielen zu ergeben. So mannigfaltige Spielarten es hatte, vermag es doch am besten mit dem Sammelnamen des Liberalismus bezeichnet zu werden. Außerordentliche technische Errungenschaften und die in ihrem Gefolge ein hergehenden tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen und sozialen Umschichtungen, dann staunenswerte Erfolge der Forschung, besonders auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, schufen ein Milieu, in welchem sich ein Geistesleben entfalten konnte, das über die Romantik der Dezennien um 1800 zurück anscheinend wieder an den Realismus der Aufklärung anknüpfte und sich ein Weltbild der Negation erschuf, wie es folgerichtiger und umfassender früher nie gezeichnet worden war. Es half wenig, daß die größten Geister dieses Gedankenfluges zum Maßhalten rieten, daß ein Dubois-Neymond sein „Ignorabimus“ laut und feierlich verkündete. Der Beifall der Menge umtoste die Mittleren und die Kleinen, die sich nicht genug in einer Verflachung der Lehren Charles Darwins tun konnten, die die Rätsel des Aufbaues der organischen Welt erst unter dem Gesichtswinkel der Verneinung als gelöst darzustellen versuchten und an Plattheit ihrer Gedankengänge die Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts weit übertrafen. Heute staunt man, wie lange und von wie vielen ein Moleschott oder Haeckel ernstgenommen werden konnten. Erleben aber nicht jetzt noch die populären Darstellungen eines Boelsche Auflage über Auflage? Für das Gesamtbild des abgelaufenen Jahrhunderts am wichtigsten ist der Zusammenhang, in dem alle die einschlägigen vereinzelten Erscheinungen auf so vielen Gebieten stehen. Mochte es sich um Philosophie oder Geschichte, Sprachwissenschaft oder Kunde der Vorzeit, Bibelforschung oder vergleichende Religionswissenschaft, Chemie oder Physik, Biologie oder Nationalökonomie handeln, überall galt ein und dasselbe immanente Gesetz der Forschung: Die Verneinung des Dogmas und der Tradition. Nichts ist dafür bezeichnender, als das Testament eines Wiener Gelehrten, Anton Menger, der, persönlich ein stiller Denker von sittlich reiner Gesinnung, sich doch nicht enthalten hat, eine Art posthumer Zensur zu üben und bei der Ergänzung der von ihm hinterlassenen Bücherschätze alles ausschloß, was nicht den Stempel des Demokratischen, Sozialistischen, Antiorthodoxen an sich trägt. Ein wertvoller Beitrag zu der Phrase von der Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft. Theodor Gomperz hat die Richtung einmal witzig in der Parole zusammengefaßt: „Es gibt keinen Gott und Jodl ist sein Prophet.“

Erinnern wir uns, wie bedeutungsvoll die katholische Kirche gegen derartige Abirrungen den Schild der Wahrheit erhoben hat. Es sind jetzt wenig über sechzig Jahre her, daß Pius IX. in seinem Syllabus die wichtigsten Entartungen der Auffassungsweise seiner Tage für die Gläubigen warnend kennzeichnete. Ein Sturm der Entrüstung über dieses Beginnen durchtobte nicht nur die Presse des anderen Lagers. Parlamente und andere Körperschaften ereiferten sich darüber in allen Tonarten, daß der Heilige Vater seine Pflicht, Lehrer der Völker zu sein, erfüllt hatte. Haben die Erfahrungen, die seither mit so vielen Thesen des heiß umstrittenen Syllabus gemacht worden sind, nicht samt und sonders daran hohe Weisheit bestätigt? Hat namentlich der Weltkrieg unserer Tage mit seinen furchtbaren Rechtsbrüchen nicht gerade die Sätze jener Warnungstafel über das öffentliche Wesen und die politischen Beziehungen der Staaten untereinander in ihrer Richtigkeit vollkommen bestätigt? Auch in dieser Richtung ist klar geworden, daß außer der Kirche kein Heil ist.

Der Liberalismus war ursprünglich weltbürgerlich gerichtet. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aber gewann er mehr und mehr, am spätesten bei den Deutschen, die Richtung auf den Kultus der eigenen Nation und ergab sich alsbald der Uebertreibung dieser an sich berechtigten Pflege. In diesem Stande hat er die Wende des Jahrhunderts überschritten. Der beispiellose Erfolg eines Werkes, wie H. St. Chamberlains Die Grundlagen des 20. Jahrhunderts, zeigt einen Höhepunkt unmittelbar vor dem Verfalle. Es liegt nahe, damit ein anderes Buch zu vergleichen, welchem in unseren Tagen ähnliche äußere Ehren beschieden waren: Osw. Spenglers Untergang des Abendlandes. Hier sehen wir die entschiedenste Abkehr vom politischen, sozialen und gesellschaftlichen Liberalismus unter Festhalten an den letzten geistigen Grundlagen seines Systems, an der Negation.

Es ist nun allerdings nicht richtig, daß der Liberalismus mit dem „Bratenrock“ und dem „Festessen“, seinem wichtigsten Symbole und seiner charakteristischesten Erfindung nach Spengler, sich gänzlich ausgelebt habe. Ist er als politische Richtung weit in den Hintergrund getreten, so ist er doch für das Geistesleben vieler Gebildeter und noch viel mehr für dasjenige sehr vieler Halbgebildeter ein Pharus, dessen Wechsellichte sie gerne folgen, vielleicht mehr aus angeerbter und anerzogener Gewohnheit, denn aus selbsterrungener Ueberzeugung, und da ist es für die positive christliche Richtung heilige Pflicht, sich auch jetzt noch mit den Gedankengängen des Liberalismus kritisch auseinander zu setzen. Gerade das ist bei uns in Oesterreich, man kann sagen, in abschließender Weise erfolgt.

Es sind jetzt fast neunzehn Jahre her, seit unser Richard v. Kralik auf der Festversammlung der österreichischen Leo-Gesellschaft, die damals zu Hall in Tirol stattfand, über die Aufgaben katholischer Wissenschaft und Kunst den modernen Problemen gegenüber in zündender, zugleich aber auch tiefgründiger Weise, in glänzender, aber zugleich auch klassisch abgeklärter Form handelte. Jene Rede war eine bleibende, auf lange hinaus nachwirkende Tat. Wer sie heute nachliest – sie ist in der von der Leo-Gesellschaft herausgegebenen Vierteljahrschrift Die Kultur abgedruckt worden – wird ihr weder in der Problemstellung noch in den sachlichen Erörterungen etwas Wesentliches hinzuzufügen finden[1]. Ich möchte wünschen, daß recht viele Leser Anlaß nähmen, jenes Heft der Kultur aufzuschlagen und sich an einer Darstellung von solcher Wertbeständigkeit geistig zu erquicken. Kraliks Vortrag war der Markstein für die Wendung, die sich in vielen Geistern vollzogen hatte. Er setzt sich für die Gebiete der Philosophie, der Naturwissenschaften, der Geschichte, der Pädagogik, der Moral und der Staatswissenschaften, endlich auch für das der Kunst mit den Vorurteilen der ungläubigen Auffassung auseinander. Er zeigt, daß zu allen Zeiten die positiven Kräfte überwiegen und daß der Fortschritt der Kultur nicht auf der Reihe revolutionärer Ketzererscheinungen, sondern auf der dauernden und bleibenden Arbeit ihrer Ueberwinder beruht. Ein Dreifaches erwartet die Welt von einer wahren religiösen Weltanschauung: Die Einheit aller wissenschaftlichen Einzelbestrebungen, ohne die alles Stückwerk bliebe, die ethische Erleuchtung und Erlösung und die beseligende ästhetische Schönheit in aller Kunst und allem Leben: „Alle Revolutionen im Gebiet der Politik und Kultur sind siegreich überwunden worden und nach allen Kulturkämpfen steht keine Sache so zukunftsreich da, wie die des Glaubens und der Kirche, trotz aller Schwierigkeiten, die auch sonst immer da waren.“ In der Tat sind die letzten Jahrzehnte eine Zeit des Aufschwunges katholischen Geisteslebens in Wissenschaft und Kunst. Was in den Tagen der berühmten Rektoratsrede des großen Anatomen und Philanthropen Hyrtl noch der Ruf eines Predigers in der Wüste war, findet heute in immer weiteren Kreisen freudigen Anklang und kräftigen Widerhall. Der Katholizismus steht wieder in der aufsteigenden Richtung. Darüber darf er nicht übersehen, daß die Front seiner Gegner eine Umgruppierung erfahren hat.

Die gedankentiefe Sage der Hellenen berichtet von Kronos, dem Gotte der Zeit, der seine eigenen Kinder verschlingt. Als der Liberalismus auf der Sonnenhöhe seiner geistigen Erfolge stand und sich anschickte, sich politisch auszuwirken, schrieb Karl Marx seine Doktordissertation. Ihre Wahl kennzeichnete die Geistesrichtung, welche dann später der Sozialismus eingeschlagen hat und unentwegt bis heute festhält. Sie handelt von dem griechischen Weltweisen Epikur, dem Spötter und Verneiner, der die monotheistische Lehre des Meisters Sokrates in den Satz umbog: „Die Götter wohnen in den Lücken unserer Erkenntnis der Welt.“ Bismarck hat einmal über den Liberalismus den agrarischen Witz gemacht, er sei die Vorfrucht des Sozialismus. In der Tat finden wir heute in diesem Lager die Vertreter der Negation zusammengeschart. Freilich in ganz anderer Art wie einst. Das Schlagwort der liberalen Doktrin war die Auslese der Tüchtigsten und Befähigtesten, das Schlagwort des Sozialismus ist die Herabdrückung aller hinein in die Masse. Darum mußte auch an die Stelle der betörenden Vervollkommnungs- und Kulturfortschrittsphrasen die brutale Anreizung der Instinkte zum Genusse treten. Der Materialismus, der früher eine seidene Maske vor dem Antlitz trug, schreitet heute unverhüllt einher und rühmt und brüstet sich seiner Plattheit.

Sein Werk war der Zusammenbruch deutscher Geisteskultur nach einem Titanenkampfe ohnegleichen in der Geschichte, den Egoismus und Neid, Habgier und Unverstand entfesselt hatten; in dem der zügellose Nationalismus wüste Orgien gefeiert hatte und an dessen Ende die Gerechtigkeit trauernd ihr Haupt verhüllte. In dem Chaos, das aus diesen Schreckenszeiten hervorging, ragt das Feldzeichen der Sammlung und des Wiederaufbaues das Kreuz als Symbol des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Die katholische Kirche überwindet als ragender Fels auf der Trümmerstätte auch die Pforten der Hölle der Verneinung im modernen Geistesleben, indem sie ihm die ewigen Grundlagen der Erkenntnis in ihrem Glauben, die Stärke der Zuversicht in dem Ringen um die Palme des Erfolges in der christlichen Hoffnung, die Kraft der die Völker und die Klassen versöhnenden Tat in der christlichen Liebe entgegenstellt.

Das Problem Katholizismus und modernes Geistesleben ist in neuen Formen dasselbe wie zu allen Zeiten, es ist der Gegensatz der Bejahung und der Verneinung. Wir wollen im Geiste der Bejahung unserer christlichen Ueberzeugung kämpfen! Wir wollen an diese Arbeit herantreten im Bewußtsein ihrer Größe und Mühsal. Denn wir erkennen, daß unser Wissen Stückwerk ist und Stückwerk bleiben wird, mag es noch so weit fortschreiten. Wir wollen unsere Arbeit vollbringen in dem redlichen Bemühen der Wahrheit und nur der Wahrheit zu dienen und wir wissen dabei, daß die letzte Quelle der Wahrheit Gott allein ist, der selber die höchste und die einzige Wahrheit ist. Wir wollen unsere Arbeit vollenden in der Demut, die uns sagt, daß wir nie und nimmer auf Erden bis an das Ende der Erkenntnis vordringen können und daß, so weit wir auch gelangen in der Enthüllung der Geheimnisse des Geistes oder der Natur, jede gefallene Hülle uns nur vor neue Rätsel stellt. Ueberreich ist gerade jetzt nach der Weltkatastrophe, die so vieles zerstört hat, das Sprießen und Treiben des Geisteslebens der Gegenwart, gleich wie aus dem tief gepflügten Acker hundertfältige Frucht gewonnen wird. Da mitzuarbeiten und aus den positiven unerschütterlichen Grundlagen der katholischen Wahrheit heraus teilzunehmen an der Entfaltung des menschlichen Geistes ist eine heilige Pflicht.

Wenn wir Katholiken dabei die Verneinung ablehnen, so sind wir uns bewußt, daß diese in zwei Formen auftritt. In der Urzeit des Christentums gesellte sich dem es bekämpfenden Heidentume die Gnosis, welche durch Umdeutung des schlichten Wortes der Offenbarung ihren Geist auflösen und verflüchtigen wollte. In der Jetztzeit tritt neben die Negation das modernen Heidentums der Modernismus, der zwischen wirklichen oder scheinbaren Widersprüchen vermitteln, der ein faules Kompromiß zwischen Ewigem und Vergänglichem schließen will. Haben wir hier zu Lande in theologischen Fragen auch keine modernistischen Ausartungen zu beklagen gehabt, so ist doch sonst im Leben der Katholiken, in ihrer Stellungnahme zu den wichtigen Ereignissen im Staate und öffentlichen Leben ein Hang zu unrichtiger Nachgiebigkeit, zum Wankelmute und zur Schwäche nicht gänzlich ausgeblieben. Auch auf diesen Gebieten gilt es Starkmut und Treue beweisen, sowie die ruhige Festigkeit betätigen, die aus dem Einklange des Gewissens mit seiner Pflicht entsprießt. Denn auch das ist eine Frucht echtkatholischer Erfassung des Geisteslebens!

Dieses aber ist nicht bloß Schmuck und Zierat unseres Seins und Wirkens, es erhöht und vollendet erst dieses überhaupt. Darum kann es bei dem Katholiken keinen Zwiespalt zwischen seinem religiösen und seinem sonstigen Geistesleben geben. Der hl. Klemens M. Hofbauer hat Wien und Oesterreich wieder gelehrt, daß katholisch sein nichts anderes bedeutet, als die Religion als den Mittelpunkt seines Daseins überhaupt bekennen, erfassen und ausüben. Wenn der Lebenshauch, der von diesem echt österreichischen heiligen Manne ausgeht, auch das Geistesleben Oesterreichs wieder erfassen wird, dann wird der Katholizismus in Oesterreich wieder die Führung der katholischen Bewegung in deutschen Landen erlangen, das katholische Oesterreich aber wird ein machtvolles und starkes Oesterreich sein. Schwebt ihm im Kampfe der Geister das Kreuz als Feldzeichen voran, so wird sich an ihm der Feldruf bewähren: „In hoc signo vinces“, „In diesem Zeichen wirst du siegen!“

In: Das Neue Reich, Nr. 1/1924, S. 14–16


[1] Das Neue Reich wird die Rede nächstens zum Abdruck bringen.

Irene Harand: Antisemitenversammlung des Herrn Jerzabek (1934)

An anderer Stelle berichten wir über eine Antisemitenversammlung, die vor einigen Tagen stattgefunden hat. Wie wir erfahren, hat Dr. Jerzabek seine Tätigkeit in allen Bezirken Wiens auf­genommen. Er kündigte seinen Plan an, 22 Versammlungen in Wien abzuhalten.

Ich staune, daß man ihn ge­währen läßt. Schon die Tatsache, daß diese Versammlungen des Hasses nur in einem als national­sozialistisch orientiert bekannten Blatte angekündigt werden, be­weist deutlich, zu welchem Zwecke sie veranstaltet werden. Mir hätten uns um Herrn Dr. Jerzabek und die traurigen Gestalten, die um ihn herum sind, gar nicht gekümmert, wenn wir nicht aus dem Munde einer verläßlichen Zeugin erfahren hätten, daß in diesen Versammlungen natio­nalsozialistische Agitation betrieben wird.

Die Versammlungen des Herrn Jerzabek entpuppen sich nämlich als Herde der Zerstörung, die nicht geduldet wer­den sollen. Wir sind die letzten, die für die Unterdrückung der Meinungsfreiheit eintreten. Wir haben das größte Inter­esse daran, daß unbeschränkte Gesinnungsfreiheit in Österreich herrsche. Unser Bundeskanzler Dr. Schuschnigg hat diese Gesinnungsfreiheit feierlich versprochen. Sie ist auch in der Ver­fassung verankert.

Ebensowenig aber, wie man in Versammlungen die Menschen zu Mord, Totschlag oder zum Dieb­stahl auffordern darf, ebensowenig darf man zum Hasse gegen be­stimmte Religionsgemeinschaften oder Volksstämme auffordern.

Man sage nicht, daß ebenso wie wir das Recht haben, gegen den Rassenhaß zu kämpfen, Herr Dr. Jerzabek das Recht für sich in Anspruch nehmen darf, die Haßinstinkte in den Menschen zu wecken und sie gegen die Mit­menschen zu mobilisieren. Zwischen un­serer Arbeit und der Tätigkeit des Herrn Jerzabek klafft ein tiefer Abgrund. Wir können jederzeit beweisen, daß wir Auf­bauarbeit im vollsten Sinne des Wortes leisten. Wir können durch Original­briefe nachweisen, daß unsere fort­währenden Aufrufe an unsere Mit­menschen im Auslande, Österreich zu helfen, schöne Früchte gezeitigt haben. Es ist nachweisbar, daß viele Ausländer unserer Bewegung zuliebe gewisse Waren in Österreich einkaufen oder ihren Urlaub bei uns verbringen. Dazu kommt noch, daß ich persönlich in ver­schiedene ausländische Städte fahre und dort gleichzeitig für meine Bewegung,und für mein Vaterland Österreich wirke.

Als ich im polnischen Rundfunk sprach, wußten alle Radiohörer in Polen, daß ich Österreicherin bin und daß von Wien aus die Idee der Menschenversöhnung ausgeht.

Ich habe auch in Österreich selbst durch meine Anhänger zur Befestigung der Regierung beigetragen. Seit Mai 1933 kämpfe ich unentwegt für den österreichischen Gedanken. Wer meine Versammlungen besucht hat, der wird den Eindruck mitnehmen, daß dort für das Vaterland und für seine Regierung gearbeitet wird, die uns vor der Sklave­rei, vor der Gleichschaltung mit dem Hakenkreuz bewahren will.

Herr Dr. Jerzabek leistet aber bei Gott keine Arbeit für Österreich. Er mißachtet das Gesetz, ja er tritt es mit den Füßen. Er verpflanzt das Gift des Hasses in die Herzen der Mitmenschen und hindert auf diese Weise das Werk des Aufbaues. Menschen, die in seine Versammlung kommen, um dort die Hetzreden gegen die Juden zu hören und Hitler-Bilder zu kaufen, leisten wahrlich keine vaterländische Arbeit und die Redner, die in diesen Menschen die Hoffnung wecken, daß der National­sozialismus in Österreich seine Auferstehung feiern wird, wirken der Auf­bauarbeit entgegen.

Wer den Rassegedanken fördert, der fördert nicht Österreich, sondern das Dritte Reich. Wer gegen die Juden hetzt, der ist ein Gesetzes­verächter, weil unser Strafgesetz diese Hetze ausdrücklich verbietet.

Die junge Frau, die in Begleitung ihrer Mutter die Versammlung be­suchte und zu uns kam, weinte bittere Tränen, als sie gelegentlich ihrer Er­zählung sich die Eindrücke wieder wach­rief, die diese Versammlung bei ihr hinterlassen hatte. Jeder Österreicher, der einer solchen Versammlung bei­wohnt, wird durch das Treiben der Hitler-Leute entmutigt.

Was soll eine solche Frau denken, wenn sie sieht, daß solche Versamm­lungen in einer Stadt stattfinden können, wo einige Monate vorher aus dem Verschulden der Hitler-Leute unser Schönstes und Herr­lichstes uns geraubt wurde. In ähn­lichen Versammlungen, wie sie Herr Jerzabek jetzt abhält, wurde der Haß großgezogen, der letzten Endes zum Putschversuch und zum nieder­trächtigen Kanzlermord führte.

Wir begreifen vollständig die Tole­ranz unserer Regierung und wir würdi­gen die Gründe, die die Regierung be­stimmen, die Versammlungsfreiheit möglichst zu erweitern. Es kann nur eine Ehre für unsere Regierung sein, wenn sie auch Andersdenkenden die Möglich­keit gibt, ihre Meinung zu äußern.

Wenn aber solche Versammlungen dazu mißbraucht werden, um einen Geist wieder lebendig zu machen, der unser Vaterland in die größte Gefahr bringen kann, wenn solche Versammlungen dazu benützt wer­den, um unser Gesetz in der krasse­ sten Weise zu verletzen, dann besteht auch keine moralische Pflicht, Versammlungsfreiheit zu gewähren.

Man vergleiche die Reden in unseren Versammlungen, wo nicht ein Wort ge­sagt wird, das der Wahrheit wider­sprechen würde, die aber zur Be­festigung des österreichischen Gedankens beitragen, mit den Zusammen­künften des Herrn Jerzabek, die den Hakenkreuzlern die Möglichkeit geben, ihre Wühlarbeit zu leisten.

Ist es nicht eine Schmach, daß man erst die Leute aufmerksam machen muß, anläßlich eines Nach­rufes für Dollfuß keine Pfuirufe auszustoßen und keine Demon­strationen zu veranstalten? Mit welchem Publikum hat man da zu tun, das man erst ermahnen muß, die Ehre des teuren Toten nicht zu profanieren und das man erst durch ein Handzeichen bestimmen muß, sich von den Sitzen zu erheben?

Abgesehen davon, daß diese Hetze in unserem Strafgesetz verboten ist, wissen wir ja alle gut, daß die Jugendlichen, die man in ihrem Antisemitismus be­stärkt, sich mit dem Judenhaß allein nicht begnügen, sondern viel weitere Aspirationen besitzen. Wir sind neugierig, ob es in Deutschland möglich wäre, eine Versammlung gegen den Antisemitismus oder gegen den Rassen­haß abzuhalten oder auch nur Zu­sammenkünfte von Katholiken zu veranstalten, um gegen die Unterdrückung der katholischen Religion zu protestieren. Wir erblicken im Dritten Reich keineswegs das Ideal, das wir anstreben sollen.

Es ist aber nicht einzusehen, warum wir ein übriges tun und Versamm­lungen eines Herrn Dr. Jerzabek dulden, die in unverschämter Weise das Strafgesetz verletzen.

In: Gerechtigkeit, 4.10.1934, S. 1.

Rudolf Henz: Für ein neues Zeitalter. (1925)

Zu den Ergebnissen der katholischen Akademikertagung in Essen.

Weltanschauungsfeste, wie diese letzte katholische Akademikertagung eines war, erhalten ihren vollen Wert nicht nur durch die Begeisterung der Teilnehmer, durch die glänzenden Reden und Debatten, sondern vor allem durch das triebkräftige Nach- und Weiterwirken der aufgestellten Probleme und der aufgezeigten Lösungen. Es ist nicht genug, daß eine Schar überzeugter junger Leute Fragen diskutiert und löst, sondern daß die weiteste für uns erreichbare Öffentlichkeit gleichfalls daran Anteil nehme, und es ist nicht genug, nach solchen Zusammenkünften heim­zugehen, froh und stolz zu sein, das Resultat in der Tasche zu haben, sondern es ist Pflicht, mit den Erfolgen nicht zufrieden zu sein und die in festlicher Atmosphäre gewon­nenen Erkenntnisse auf der Basis des unerbittlichen Alltags zu verarbeiten. Gerade das der Essener Tagung zugrunde gelegte Gemeinschaftsproblem kann in diesem Sinne ein dauerndes, ein praktisch fast unlösbares genannt werden, eines, das eine ungeheure Menge praktischer Kleinarbeit, praktischen Christentums in sich schließt. Aber seien wir uns von vornherein klar, daß der Aufbau einer neuen Gemein­schaft auch das Grundproblem der Zeitüberhaupt darstellt und daß fast die gesamte geistig ehrliche Gegenwart in allen Lagern gerade in dieser entscheidenden Frage auf den Katholizismus als den Retter hinblickt. Wohin immer wir horchen, Notschreie und Jammerrufe, aber nirgendwo ein Ansatz zur Erlösung, ja nicht einmal der Wille dazu. „Keine Gegenwehr!“ schreibt ein feinsinniger Wiener Schriftsteller in einem Aufsatz über die „Monotonisierung der Welt“ und „so bleibt nur eines für uns, da wir den Kampf für vergeblich halten: Flucht, Flucht in uns selbst, vollkommene Nachgiebigkeit gegen die äußere, als übermächtig erkannte Zeitgewalt, bei eherner Bewahrung des inneren, unantastbaren Eigen­ willens“. Individuelle Vollkommenheit als letztes Ziel. Aber gehört nicht eben auch der Gemeinschaftsgedanke zu dieser Vollkommenheit? Der Mensch ist ein soziales Wesen, und wenn die Gesellschaft um uns zum Teufel geht, dann ist es auch aus mit persönlicher Freiheit, mit Eros und Kunst.

Ich weiß wohl zu sehr, welch unübersteigbare Hinder­nisse sich derzeit einer wahren katholischen Gemeinschaft entgegentürmen, aber eben deshalb bewundere ich die jungen Menschen, die sich dennoch im Namen dieses Ge­dankens zusammenfinden, nicht um Phrasen zu leiern und sich an Phantomen zu berauschen, sondern sachlich der Wahrheit ins Gesicht zu sehen; nicht in einem idyllischen, friedlichen Winkel, sondern mitten im größten deutschen Industriegebiete.

Wir aber haben die Pflicht, diese Jugend durch selbst­tätige und energische Weiterverarbeitung der aufgezeigten Ideen zu unterstützen und zu diesem Zwecke sei aus dem Nach- und Nebeneinander der Debatten und Reden das Wertvollste herausgehoben und zusammengebaut.

Die kulturphilosophische Grundlage, einen knappen Querschnitt durch die Zeit, gab Professor Dr. Dessauer in einer für die „Essener Volkszeitung“ geschriebenen Skizze. „Der Mensch unserer Tage schreitet aus dem Geistesreich der Renaissance in ein neues Land, das er noch nicht kennt, von dem er aber manches ahnt. Noch hat ihn die Renaissance in ihrer Gewalt, mit ihrem gewaltigen Licht des Naturerkennens und ihrer kritischen Ordnung. Dieses Licht strahlte in der Renaissance so stark, daß es allen anderen Glanz zu verdrängen drohte. Je mehr der schreitende Mensch den Grenzen des Renaissancebereiches sich nähert, desto heller glüht anderes Leuchten am Hori­zonte vor seinen Augen auf.“ Wenn kein anderer Gedanke weiter wirken sollte, als dieser, dann wäre damit schon das Meiste getan. Es ist unmöglich, die Richtigkeit dieser Behauptung hier zu fundieren, in diesem engen Rahmen die große Entwicklungslinie Deskart [Descartes] — Luther bis Stinnes — Lenin zu verfolgen, aber ob wir an Individualismus, Dogmatismus, Relativismus herantreten, an die Entwick­lung der Technik, die an sich ja nichts für die heutige Ver­wirrung kann oder an die Erhebung der Technik zur Philosophie des Lebens, die für alle Not und Zerstörung verantwortlich gemacht werden muß, immer müssen wir um 1914 eine große Cäsur setzen, eine allerersten Grades.

Nur wer nicht hinter die Dinge sieht, kann glauben, daß wir uns in einer Blütezeit des Materialismus befänden. Nur ein ganz Unbewanderter im geistigen Werdegang der Kulturen kann sagen: ich sehe keine Wirkung des neuen Zeitalters. Jede neue Kultur wird eben erst im Menschen geboren, lange, lange eh‘ sie nach außen in Erscheinung tritt. Und wir leben in diesem primären Stadium. Auch wenn wir bloß das Gefühl hätten, daß die rationalistische Denkart nicht mehr für uns ausreicht, wenn wir das Leben, das große, aus der Religion geborene Leben über alles stellen.

Und mit dem Augenblick, da wir den Renaissancemenschen in uns zu Grabe tragen, wird es Licht um uns, wir lernen das Weltbild des Mittelalters wieder verstehen und wissen, daß das neue jenem kongenial werden muß in seinem Verhältnis von Mensch zu Gott und von Mensch zu Mensch. Nicht Nachäffung, sondern junger Bau auf moderner Grundlage. Dazu aber ist es notwendig, daß wir vor allem den Kern des Gemeinschaftsproblems klar sehen lernen, das soziale Problem. Nicht auf dem Wege der „Betäubung“, wie Dr. Dessauer sagt. son­dern auf dem Wege der „Wirklichkeit“.

Und das hat Schriftsteller Josef Joos in klarer und aufrechter Art getan. „Wir sind im Industrierevier“, führte er aus, „uns umgeben hier Großtaten menschlicher Energie und Wirtschaftsorganisation, Riesenwerke gemein­schaftlicher Arbeit reden zu uns. Steht ein Gemeinschaftsbewußtsein der handelnden Menschen dahinter? War es vorhanden? Ist es im Werden? Wir würden uns selbst täuschen, wenn wir solches annähmen.“ Denn, so fragt er, wo sind die Menschen schlechthin, die einander finden könnten? Sie alle sind gehetzt, der Zechendirektor und der Grubenarbeiter, und so kann es im heutigen Produktions­leben keine Gemeinschaft mehr geben, es sei denn, daß die Produktion und die Produzierenden sich selbst wieder in der richtigen menschen- und christenwürdigen Rangordnung der Lebenswerte zu sehen bemühten. Wenn oben und unten höchstes Streben Eigentum und einziges Ideal Besitz heißt, wie soll da Gemeinschaft werden? Die Massen sind krank, besser „gekränkt“, in ihrem Bestreben nach Persönlichkeit. Dem kann durch soziale Gesetzgebung zum Teil abgeholfen werden, das letzte aber bleibt der soziale Mensch. Was fehlt, ist die Ehrfurcht vor dem Menschen, ist persönliches Eintreten, persönliche Karitas im höchsten Sinne, persönliche Initiative überall dort, wo wir heute gewohnt sind, einfach den Staat einzuschalten. Gemeinschaft im tiefsten Sinne ist eben die seelische und praktische Haltung, die aus der tiefsten Erkenntnis von der Größe des Mysteriums des Leids und des Elends strömt.

Gerade in deutschen Landen fehlt dieser Gedanke. Anderswo sind die sozialen Gegensätze schärfer, aber nirgendwo fanatischer in Wirklichkeit umgesetzt. Da tritt an den gebildeten Katholiken die Pflicht heran, die Isolierung aufzugeben, die aufgerichteten „Glaswände“ zu durchbrechen, sich klar zu werden, daß auch ein Nationales ohne das Soziale undenkbar ist, in akademischen Korporationen nicht neue Mauern aufzurichten und die wahre harmonische Bildung zu suchen, die von selber zur Gemeinschaft führt.

Die Frage „Wozu ist der Mensch auf Erden?“ ist die Grundlage nicht bloß jeder Religion, sondern auch jeglichen sozialen Bewußtseins. Und für den religiösen Gebildeten gibt es eigentlich keinen Gegensatz zwischen Persönlichkeit und Gemeinschaft. Der Weg zu ihr führt nur über die Persönlichkeit, die zur wahrhaften Bildung, zur Liebe aufgestiegen ist.

Aus zwei Wurzeln kann also das neue Gemeinschaftsgefühl erwachsen, aus einer restlosen Aufläuterung der Persönlichkeit und aus einer der Verantwortung bewußten, ethisch gerichteten Wirtschaft.

Die zweite Frage hat Universitätsprofessor Doktor Götz-Brief eingehend beleuchtet. Die Zeit, da man Ethik und Wirtschaft nicht nebeneinander nennen durfte, sei vorüber. „Die Konjunktur der Moral im Steigen“. Ein schreckliches, aber auf die nicht immer lauteren Gründe ganz passendes Wort. Folgende Vorgänge kennzeichnen nach Dr. Brief die heutige Entwicklung: 1. Eine starke Konzentration der Wirtschaftsmächte, 2. Vernichtung zahlreicher selbständiger Unternehmerexistenzen, 3. Vieler freier Berufe und des Mittelstandes und 4. ein unge­heurer Proletarisierungsprozeß. Die Zinsfrage, die der Proletarisierung des Mittelstandes und die Lohnfrage stehen im Vordergrunde. Die Hauptfrage des Proletariats aber ist, daß der Arbeiter „dauernd und erblich in seiner Abhängigkeit steht, ohne Aussicht auf Erneuerung“. Hiefür gibt es nun negative und positive Lösungen. Erstere die soziale Revolution und Unterdrückung des Nachwuchses, letztere die kraftvolle Herrschaft des Staates über die wirtschaftlichen Mächte. Die Leiter der Konzerne und Syndikate „müssen unter den vollen Druck der Ver-//antwortlichkeit gestellt werden. Sucht man nicht diese positiven Lösungen, dann wird eine Katastrophe unausbleiblich sein!“ Die Aussprache, die sich an diese Darlegung schloß, gehört zu dem Interessantesten der praktischen Tagungsarbeit. Griffen hier doch Arbeiter und Führer ein in Fragen, in denen die nächsten praktischen Lösungsmöglichkeiten liegen. In der scharfen Verur­teilung der Konzerne war man einig, auch die Forderung nach Zusammenschluß der katholischen Unternehmerschaft verdient größte Beachtung, vor allem aber die Aus­führungen P. Hürths, daß es keine differenzierende Moraltheologie gebe und daß die Grundsätze der katho­lischen Moral für alle Katholiken in allen Lebenslagen bindend seien. Eine Selbstverständlichkeit, die, in restlose Praxis umgesetzt und wenn sie dem Arbeitnehmer auch den letzten Zweifel an der Ehrlichkeit dieser Forderung nehmen würde, ein gewaltiger Schritt zur wahren Ge­meinschaft wäre.

* *  *

Wenn hier also scharf gegen den modernen Kapitalismus aufgetreten wurde, so gelangt Abt Dr. Ildefons Herwegen von der geistig kirchlichen Seite her zur gleichen Verurteilung: „Auf der Seite Christi ist eine Welt­anschauung des Kapitalismus und ihre Folge unmöglich, und wenn sie doch da auftreten, so bedeutet das schon einen Abfall von Christus“. Das Christentum hat die soziale Zerklüftung der Antike überwunden und ist auch fähig, heute das Gleiche zu tun, denn die eigentliche christliche Volksgemeinschaft ist die Kirche, in der alle als Glieder des mystischen Leibes Christi eine hohe Würde haben. Hier ruhen die religiösen Wurzeln der Gemeinschaft; einerseits das Wissen, daß jeder Beruf Ruf von Gott ist, eine nicht immer leichte und heute für den fast zum Maschinensklaven gewordenen Arbeiter eine sehr schwere Sache, anderseits die unbedingte Achtung vor der Würde jeglichen Berufes. Bei der Aufgabe der Weltheiligung ist Dienst an der unscheinbarsten Stelle nicht weniger wichtig als der geistige auf den Höhen der Wissenschaft. Beide Gruppen sind für die Auswirkung ihres Berufes ihrer selbst und der Gemeinschaft willen aufeinander angewiesen. Die soziale Not der Antike ist dadurch überwunden worden, daß ein­zelne Herren und Sklaven ernst machten mit dem christ­lichen Wort: „Hast du den Bruder gesehen, so hast du den Herrn gesehen“.

Das ist das Großartige an diesen katholischen Akademikertagungen, daß sie über die Debatten der inneren Organisation, über Fragen des Studentischen hinaus immer den vollen Anschluß an die lebendige Gegenwart und deren Not suchen und finden. Daß sie wie diese Tagung mithelfen, die Gegensätze, die sozialen und geistigen wenigstens unter den Katholiken selbst aus­zugleichen und aufzulösen. Denn gerade das lebendige Beispiel einer in sich einigen katholischen Gemeinschaft, die alle Klassen und Stände umfaßt, könnte nicht lange ohne Wirkung bleiben.

Ob wir durch solche geistige Aussprachen diesem Ziele näher kommen?

In einem sicher, daß wenigstens die Katholiken sich bewußt werden, daß die geistige Einstellung das Primäre ist — eine Tatsache, die nicht allen katholischen Intellek­tuellen vertraut ist —. „Wenn diese Tagungen nichts anderes erreichen,“ sagt Friedrich Muckermann, „als nur dieses eine Erlebnis, daß es dem vielbewegten Leben gegenüber eine Verantwortlichkeit gibt, das Wohl und Wehe dieser und jeder Ordnung und also auch jedes einzelnen Menschen abhängig ist von der Tragkraft geistiger Symptome, wenn dies der ganze Erfolg wäre, wir könnten uns bescheiden. Denn gewesen wären in diesem Augenblick die satte Ruhe, der eitle Stolz, der sich abson­dernde Kastengeist, die Lebensfremdheit, alles, alles, was je der gebildeten Klasse als Makel angehangen.“

In: Reichspost, 12.3.1925, S. 1-2.

J[acques] Hannak: Fußball – ein proletarischer Sport? (1925)

Schon daß eine solche Frage gestellt werden kann, heißt, sie gut zur Hälfte verneinen. Jedenfalls darf es sich die Arbeiter-Zeitung zum hohen Verdienst anrechnen, daß sie mitten in einem Meer seelenloser Sportfexerei zu geistiger Selbstbesinnung aufgerufen hat. Ihre Stimme war imstande, den tosenden Lärm ungezählter Blattseiten der bürgerlichen Sportfachpresse zu übertönen. Die Diskussion über die Frage, ob Fußball überhaupt noch als proletarischer Sport angesehen werden kann, ist in Gang gekommen, und die Häufigkeit und Gründlichkeit der Erörterung beweist, wie ernst es die Arbeiterschaft mit einem Problem nimmt, das ihre Klassenkampffähigkeit empfindlich zu tangieren begonnen hat. Wie immer darum die Diskussion ausgehen wird, die bloße Tatsache, daß sie geführt wird, ist für sich allein schon eine Tat. Der Fußballsport wird aus der Debatte nicht mehr so herauskommen, wie er in sie hineingegangen ist: er wird künftig mit dem geschärften Auge des sozialkritischen Skeptizismus betrachtet werden, und die Tage, wo, er das bequeme Mittel der Einduselung und Alkoholisierung breiter Massen war, sind jetzt wohl gezählt.

Gewiß ist das Reinigungsverfahren ein nur langsam fortschreitender Prozeß, doch nichts spricht dagegen, daß es nicht am Ende doch gelinge. Denn sogar diejenigen von uns, die den Fußballsport der Arbeiter­bewegung erhalten wollen, sind sich einig in der Er­kenntnis der Notwendigkeit und Möglichkeit eines Reinigungsverfahrens. Streitig bleibt nur das Substrat dessen, was gereinigt werden soll, die Grenze, wo der Schmutz aufhört und die Reinheit beginnt, mit einem Wort die Frage, ob bei dem Reinigungsprozeß nicht so edle Partien des zu Reinigenden mit zum Teufel gehen, daß zu guter Letzt überhaupt nichts übrig bleibt. Das ist jedoch ganz bestimmt eine Frage sekundärer Natur. Denn selbst überzeugte Fußballanhänger werden, soweit sie Parteigenossen sind, keine Bedenken tragen, ihren Lieblingssport unter Umständen auch vollständig zu opfern, sofern sie die Überzeugung gewinnen, daß der Reinigungsprozeß nur dann eine Mehrung der Klassenmoral erzielen kann, wenn die ganze Fußballerei daran glauben muß.

Untersuchen wir also zunächst, was am Fußball­sport Entartung und was an ihm echt ist. Es ist nicht neu, was wir hier sagen, sondern oft und oft schon bei früheren Gelegenheiten gesagt und geschrieben worden. Der gesunde Kern des Fußballsports liegt in der Idee solidarischen Zusam[m]enwirkens. Die zweimal elf Leute auf dem Fußballfeld bilden je eine organische Einheit, die sich nur behaupten kann durch harmonisches Füreinanderarbeiten der Gesamtheit. Der Gedanke der Selbstzwecksetzung des Individuums ist hier zum ersten­mal abgelöst von dem Gedanken der Zwecksetzung eines dritten, Höheren, des Mutualismus, des wechselseitigen Füreinanderstehens, der Solidarverknüpfung. Ferner ist auch das richtig und erst kürzlich (1. Jänner) hier zugegeben worden, daß der seelische Genuß, den die der Idee des Fußballsports zugrundeliegende Bändigung und Regulierung des atavistischen Kampftriebes im Menschen verursacht, zu einer Quelle größter An­ziehungskraft auf die Massen wird. Die Tatsache der großen Popularität des Fußballsports unter der jungen proletarischen Generation ist also unbestreitbar.

Aber ebenso unbestreitbar ist die schwere Ver­suchung des Sports durch seine — natürlich nicht zu vermeidende — Eingegliedertheit im System der kapi­talistischen Kategorien. Diese Verknüpfung von Fußballsport und Geschäft, von Romantik und Profitspekulation zersetzt die Elemente des Fußballsports: Die Idee der Solidarität schlägt in ihr Gegenteil um, in ein rohes Rivalisieren um mehr geldliche Siegesprämien, der ge­bändigte und regulierte Kampftrieb wirft die Fesseln der Regel ab und schweift frei in elementarer Wildheit, schont nicht mehr des Gegners Knochen und verwüstet Hirn und Herz der Zuschauermassen. Das Wesen des Sports ist mit dem Wesen des Kapitalis­mus unvereinbar.

Wo darum, ein Sportzweig von der Kapitals­sphäre überwältigt wird, ist alles zusammen ein einziger großer Fieberherd, und jedermann, der hier noch etwas Sportliches retten zu können glaubt, auch theoretisch absolut im Irrtum. Der Fußballsport, wie er heute im Lager des bürgerlichen Fußballverbandes betrieben wird, hat eben aufgehört, Sport zu sein. Und selbst der Um­stand, daß sich Massen von jungen Proletariern um dieses Schauspiel gruppieren, macht den Fußball eben­sowenig zu einem proletarischen Sport wie in Spanien die Stierkämpfe, die ja auch große Scharen proletarischer Zuschauer anlocken, ohne daß es uns darob einfallen wird, eine theoretische Rechtfertigung dafür zu suchen. Oder eine Angelegenheit wie das Kino: wird jemand behaupten wollen, daß, weil das Kino das Theater der Proletarier sei, es deswegen ein proletarisches Theater, eine proletarische Institution sei?

Der Genosse Trebitsch ist also sicherlich auf dem Holzweg, wenn er (Arbeiter-Zeitung vom 4. d.) einem so entarteten kapitalistischen Phänomen, wie dem heutigen Fußballsport, das Mäntelchen einer, soziologisch fun­dierten, proletarischen Rechtfertigungstheorie umhängen will. Es kann etwas von Proletariern aus­geübt werden und dennoch ungesund und schädlich sein. Die Alkoholleidenschaft ist eine traurige Leidenschaft zahlloser Arbeiter, aber deswegen doch nicht etwa eine proletarische Leidenschaft, höchstens ein proletarisches Problem. So mag denn auch Fußball heute ein Sport von vielen Arbeitern sein, ob er aber darum auch ein Arbeitersport ist, ist damit noch nicht entschieden, sondern im Gegenteil zunächst noch ein sehr kompliziertes Problem.

Die Kompliziertheit des Problems beruht eben darin, worin der Genosse Trebitsch am schwersten irrt, nämlich in seiner Einschätzung der Chance, die Klassenmoral von außen her beeinflussen zu können. Hier hat Trebitsch nicht nur theoretisch falsch gedacht, sondern er beeinträchtigt damit auch die mühselige Praxis der im schwersten Kreuzfeuer bürgerlicher Angriffe stehenden sportlichen Erziehungstätigkeit unserer verantwortlichen Sportfunktionäre. Klassenmoral „predigen“ läßt sich gewiß nicht, wenn man sie nicht schon hat. Aber wenn das, was ich durch die „Predigt“ von außen neu herbei­schaffe, auf ein empfangsbereites Gemüt trifft, für das die „Predigt“ nur das Bewußtmachen seiner selbst wird, so darf man einer solchen Klassenmoral schon vertrauen. Es wäre traurig um die Arbeiterbewegung bestellt, wenn sie nur alles Seiende begreifen und nichts von selbst neu gestalten sollte.

Der Prozeß des Sieges der Klassenmoral über die Triebkraft einer ihrer Fesseln entlaufenen Leidenschaft ist natürlich, wie gesagt, ein langsamer Prozeß, aber eine sehr dankbare sozialpädagogische Aufgabe, an der praktisch teilzunehmen man den Theoretiker Trebitsch freundschaftlichst einladen sollte. Erst mit diesem Prozeß kommt der wirkliche Prozeß des sozialen Sports zur Entfaltung. Der einzelne beginnt zu lernen, seinen Sport nicht mehr bloß als einzelner auszuüben, sondern sich auch im Sport als ein Glied seiner Klasse zu fühlen, als solidarisch mit all den andren Menschen, die unter dem Gesetz der kapitalistischen Ausbeutung leiden. So bildet diese Sportauffassung eine ganz neue Kultur, einen neuen Menschenschlag, ein neues Solidaritätsbewußtsein aus und nur, indem der Sport nicht nur als eine reintechnische Spielregel, sondern als ein Förderer und Regulator des Zusammengehörigkeitsgefühls vom einzelnen Sportausübenden erlebt wird, nur insoweit und nur dann läßt sich vom Sport als einem wahren Kulturfaktor sprechen.

In: Arbeiter-Zeitung, 7. Februar 1925, S. 12.

Karl Grunne: Film und Literatur (1923)

Regisseur der Sternfilmgesellschaft (Berlin)

Die Hauptsünde des Films heißt: Jugend! Eine jimge Kimstform und eine junge Industrie — da können Entgleisungen nicht ausbleiben. Wer aber auf die Anfänge des Kinodramas zurückblickt, wird freudig erkennen, daß die Entwicklung der letzten Jahre im Sturmschritt aufwärts führte. Aus der Verneinung ernsthafter Kritiker erwuchs in den begabteren, ehrlicheren Filmproduzenten der Wille zur Bejahung ernsthafterer Werte. Kritik, Kritik, Kritik — sie ist das Salz aus dem täglichen Brot der Filmproduzenten. Und wer da fürchtet, die Kritik könne sein Geschäft stören, ist nicht berufen, für die weite Öffentlichkeit zu schaffen.

Jede Stellungnahme zum Kinodrama erfordert als erstes eine Kunst: die Kunst des Sehenkönnens — wenn je, so kommt hier Kunst von Können — und es ist er­staunlich, wie ausgezeichnet mancher liest, dem für das Sehen jede Begabung fehlt. Man könnte ihnen mit dem Wurzelsepp zurufen: „Oes kommt’s doch net blind auf d‘ Welt wie die jungen Hund“ — aber sehert werd’s doch euer Lebtag net!…“ Das gilt im besonderen für die Irrenden, die in einem Theaterstück plötzlich einen Film zu sehen glauben, munter an die Arbeit gehen und zuletzt erkennen, daß die ganze Bilderreihe nur verständlich wird, wenn man hundert Titel dazwischenklebt. Aber ein Film mit hundert Titeln ist schon seinem eigensten Wesen entgegengesetzt, er ist nicht mehr Film, sondern photographiertes Theater, Abklatsch eines Romans, epische Lichtbilderei, statt konzentrierte Bewegungsreihe, die vom Rhythmus einer bestimmten Handlung bewirkt, einzig und allein Film ist. Photographierte Literatur wird immer ein Filmdrama ergeben, das auf Krücken geht.

Läßt sich denn aus einer Marmorstatue ein Theater­stück machen?! Wohl aber kann das eine die Anregung für das andere sein. Vor dem Bild der Mona Lisa wird ein Dichter die Inspiration für einen Mona Lisa-Roman empfangen können. Aber wenn er ein Dichter ist, dann braucht er seinen Lesern nicht auf jeder fünften Seite eine Reproduktion des Mona Lisa-Bildes zu zeigen. So kann ein Drama, ein Epos den Filmschöpfer anregen, ihm das Grundmotiv der Handlung geben — mehr aber darf er nicht aufnehmen, auch wenn es noch so verlockend gegeben wird. Es heißt, sich frei machen vom andersgearteten Vorbild, es heißt, das Motiv auf die spezifischen Gesetze des Films übertragen. Sonst kommt der Tag von Damaskus, den jeder Filmregisseur kennt, der Tag, wo die Bilderreihe zu­sammengesetzt wird und man mit Schrecken erkennt, daß nur mit einer großen Anleihe dieser ganze Bilderstaat zu halten ist — mit einer Anleihe bei dem Wortschatz des Dichters, aus welcher Anleihe sich (nach langen Verhand­lungen mit allen möglichen Instanzen) ein paar Dutzend Zwischentitel ergeben. Und der Film will doch eine stumme Kunst sein!

Handlung! Es wird allzu pathetisch von ihr ge­sprochen, sie wird als das Um und Auf hingestellt. Indessen kann sie wohl, muß aber nicht Voraussetzung sein. Ich gehe den umgekehrten Weg — ich sehe zuerst Milieu und komme dann zum dramatischen Motiv. Von meinem letzten Film Die Straße sah ich — jawohl, sah ich! — zuerst nur den optischen Lärm einer Weltstadtstraße, ihr Gleißen, Glitzern, ihr Fieber. Dann erst erschien in meiner Vorstellung der kleine Bankclerk, dem diese Straße Schicksal wird. Sieben (entbehrliche) Titel stützen dieses Bilddrama. Mehr braucht es nicht, weil es aus der organischen Fort­setzung eines Bildes entstanden war.

Das wäre aber nicht möglich gewesen, wenn der Film „nach einem Theaterstück“ entstanden wäre. In jedem Betracht heißt die größte Gefahr des Filmdramas: Literatur! An Beispielen ist kein Mangel. Wir sollten unseren Dichtern, Literaten Mut machen und ihnen immer wieder sagen, daß ihr bestes Werk der schlechteste Film werden kann, und sollten  ihnen weiter sagen, daß aus dem schlechtesten, technisch unvollkommensten Manuskript, sofern ihm eine dichterische Idee innewohnt, ein geschmackvoller Regisseur mit Talent und Stilvermögen den besten Film machen kann. Auch die Pantomime, die so oft in Wechselbeziehung gebracht wird, ist kein Vorbild. Vorbild ist allein ist das lebende Bild. Von ihm muß der Autor ausgehen, er muß in Bildern denken können und nicht in Worten.

Der weitere Aufstieg des Filmdramas liegt sicherlich nicht zuletzt bei dem Dichter; die technische Entwicklung des Kinodramas ist ihm weit vorausgeeilt. Man hat die Er­findung der Kinematographie als „die größte Tat seit der Entdeckung Amerika“ gefeiert. Wir alle wissen, daß in der Kinematographie noch viel zu entdecken bleibt und noch viel fruchtbares Neuland zu entdecken ist.

In: Neue Freie Presse, 21.9.1923, S. 13.

Max Graf: Der Jonny-Rummel und kein Ende. (1928)

Die „Neue Freie Presse“ hat schon viele Kunstschlachten verloren. Es gehört zur Tradition dieses größten Wiener Blattes, daß ihre Kritiker seit der Gründung dieser Zeitung jeder modernen Kunstbewegung feindlich gegenübergestanden sind, ob es die mächtige künstlerische Bewegung der Wagner-, Liszt-, Berlioz-Zeit gewesen ist oder der Naturalismus des Ibsen-Zeitalters, oder die Be­wegung der modernen Malerei. Die Entwicklung der Zeit hat sich immer über die Schranken der geistreichsten Feuilletons hinweggesetzt, mit denen die konservativen Kritiker modernen Kunstbewegungen, deren Richtung ihnen nicht gepaßt hat, in Ausnutzung des Einflusses einer großen Tageszeitung den Weg versperren wollten.

Es ist also auch von wenig Bedeutung, wenn der jetzige Musikkritiker der Neuen Freien Presse, dem Niemand den Rang eines kenntnisreichen und gebildeten Kritikers bestreiten kann, der modernen Musikbewegung seit einigen Jahren feindlich gegenübersteht. Man würde diese Bewegung, die alle Länder Europas erfaßt hat, sehr gering schätzen, wenn man glauben würde, daß das musika­lische Talent und der Geist ihrer führenden Musiker durch Feuilletons einer Tageszeitung gehemmt und unwirksam gemacht werden könnte. Strawinsky und Schönberg ge­nügen allein schon, um Hunderte konservative Feuilletons wegzublasen. Afflavit et dissipati sunt. Unmerklich ändern sich die alten Gehörgewohnheiten. Die Jugend wächst heran und plötzlich ist eine andere Generation, eine andere Zeitstimmung da, der die Größe moderner und einst so heftig bekämpfter Kunst etwas Selbstverständliches geworden ist.

Ich fürchte, damit Banales gesagt zu haben. Aber wie stark ist nicht die Tradition eines Blattes vom Rang der „Neuen Freien Presse“, wenn sie dieses Banale nicht erkennt und „nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten“, wo immer auf dem Kunstgebiet eine lebendige und frische Kraft sich zeigt, alle ihre in Kunstbataillen so oft geschlagenen konservativen Truppen mobilisiert. Dieser sechsundzwanzigjährige Krenek, dessen Oper Jonny spielt auf  eine Weltsensation geworden ist, die vermutlich in ein, zwei Jahren durch andere Zeitsensationcn abgelöst werden wird, hat das Talent gehabt, durch seinen Wiener Premierenerfolg die „Neue Freie Presse“ in eine Festung zu verwandeln, deren große kritische Geschütze Schrappnells aus Feuerlagen speien, deren Lokalredakteur Handgranaten

wirft, deren Theaterredakteur Giftgase ausströmen läßt und deren Leitartikelgeneral selbst in den Kampf eingreift. Nichts würde besser Ernst Krenek dokumentieren, daß er großes Talent besitzt, als die ungewöhnliche Heftigkeit solcher Angriffe, der Rummel, mit dem das größte Wiener Blatt ein Opernwerk eines jungen Musikers umbringen will, das seinem Musikkritiker nicht gefällt und dem man gewiß eines nicht absprechen kann: die Fähigkeit, überall, wo es gegeben wird, das Interesse des Publikums auf sich zu ziehen. Diese Fähigkeit wäre allein schon ein großer Talentbeweis, denn ein untalentiertes Werk interessiert das Publikum nicht. Die Mobilisierung der beträchtlichen Streitkräfte eines großen Blattes gegen einen großen und weitreichenden Opernerfolg ist ein noch größerer Talentbeweis, denn an einem jungen Musiker, der in dieser Weise bekämpft wird, muß etwas sein.

Das Merkwürdige an dem Jonny-Rummel der Neuen Freien Presse, der dem großen Premierenerfolg der Krenekschen Oper gefolgt ist, war, daß er durch ein Opernwerk hervorgerufen wurde, das gewiß kein bahn­brechendes Werk der modernen Opernliteratur ist. Keiner der Musikkritiker, welche die Kreneksche Oper mit jenem freudigen Wohlwollen beurteilt haben, das gegenüber der erfolgreichen Leistung eines talentierten jungen Mannes

menschliche Pflicht ist, hat den Jonny als eines der großen Werke der modernen Opernliteratur bezeichnet. Kritiker vom Range Dr. Decseys, Dr. Kraliks, Dr. Bachs haben neben Frau Dr. Bienenfeld und meiner Wenigkeit die Oper Kreneks gelobt, aber das Lob galt bei uns allen dem Theatertalent, der Frische, der Keckheit des Wurfs, der Fähigkeit, das Publikum mit Mitteln aller Art zu packen und (ohne sensationslüsterne Absicht) dennoch

Sensation hervorzurufen. Hindemiths Cardillac — um nur eines der interessanteren modernen Opernwerke zu nennen — ist gewiß musikalisch origineller, als die Oper Kreneks, von Alban Bergs Wozzeck gar nicht zu reden. Was Kreneks Jonny vor allem auszeichnet, ist die Buntheit und Lebhaftigkeit seiner Theaterphantasie, es ist vor allem ein unterhaltendes Theaterwerk, ist frisch als solches hingeworfen und bittet am Schluß um Dank, wenn

Jonny die Zuschauer unterhalten haben sollte, wie es seine Absicht war. Gegen eine wirkliche Originalität ind Größe der Krenekschen Oper würde, wenn schon nichts anderes, sein Erfolg sprechen. Originelle und große Werke werden nicht in einem Jahr an sechzig Bühnen angenommen und haben keine Sensationserfolge. Wie schwer setzen sich Opernwerke Hans Pfitzners durch; wie sehr hat selbst die Frau ohne Schatten von Richard Strauß heute noch zu kämpfen! Große Werke brauchen Zeit, um ins Bewußtsein der Zeit aufgenommen zu werden. Aber: das Theater lebt nicht von den großen, kühnen, originellen Werken allein, es braucht, um lebendig zu sein, auch Werke, die das Publikum sofort interessieren.

Sein Verdienst ist darum nicht kleiner. Dem Opern­spielplan fehlen neben den großen Meisterwerken der Ton­kunst und den großen Werken moderner Klassiker, wie es Strauß und Pfitzner sind, in empfindlicher Weise Werke, die, ohne ins Banale zu fallen, das große Publikum inter­essieren. Wenn die Opernhäuser überall über die Inter­esselosigkeit des Publikums klagen und in einer Krise be­griffen sind, trägt der Mangel an Werken mittleren Ranges, welche das Publikum ins Haus ziehen, am meisten dazu bei. Im Publikum ist ein berechtigter Trieb nach Neuem, nach Abwechslung, nach Anregung. Es will nicht nur große Feiertagswerke hören, die eine beträchtliche An­spannung verlangen, sondern auch in geistreicher Weise unterhalten sein. Das erklärt den Erfolg des Jonny, Hier ist endlich ein moderner Komponist, der seine Zeit kennt und aus einem lebhaften Theaterempfinden heraus eine Oper geschrieben hat, die mit künstlerischen Mitteln das  Unterhaltungsbedürfnis des Publikums befriedigt. Eine amüsante, abwechslungsreiche Handlung ist da, gut gesehene Figuren, dekorative Abwechslung, ein Einschlag von Jazzmusik, von Kino und Revue, als Musik- und Theaterelementen der Zeit, daneben so viel moderne Musik, als sie das Publikum gerade noch verträgt: dies alles mit dem Theatertalent eines frischen, jungen Men­schen verbunden. Wenn man weiß, wie selten und wie schwer Opernerfolge in unseren Theatern zu erzielen sind, wiegt ein Sensationserfolg wie der Jonnys doppelt und dreifach. In sehr jungen Jahren hat Krenek diesen seltenen Erfolg davongetragen. Freuen wir uns doch eines solchen Talents.

Die Neue Freie Presse hat sich nicht gefreut, sondern ist gegen den Operndirektor, der nach den großen Erfolgen des Jonny verpflichtet war, das Werk auch in Wien zu geben, stürmisch losgezogen und hat ihn mit einem unge­wöhnlichen Notizenkrieg einzuschüchtern versucht. Woher diese Erbitterung, die sich nicht ersättigen konnte? Es ist nicht schwer zu erraten. Seit längerer Zeit wird in dem großen Blatte immer wieder gepredigt, die moderne Musik sei tot, sie sei nur ein Schwindet von Cliquen, die sich gegenseitig hinaufloben, der Zusammenbruch sei da, die Musiker seien impotent, niemand wolle von ihnen ein Stück Brot nehmen, und plötzlich hat einer der jungen Musiker, ein Wiener, einen unbestreitbaren Publikumserfolg. Das ist gewiß ärgerlich und für reizbare Gemüter sogar so aufregend, daß sich der Unwille hinter den sorgsam zusammengetragenen ästhetischen, kulturellen und moralischen Argu­menten nur schlecht verbirgt. Wer könnte das nicht be­greifen? Schöner wäre es gewiß, wenn ein Blatt von der Bedeutung der Neuen Freien Presse seiner Verpflichtung bewußt wäre, den geistigen Bewegungen der neuen Zeit mit wohlwollendem Verständnis gegenüberzustehen, junge Talente mit Wärme zu begrüßen und zu fördern, das Schaffen der Zeit mit den Lesern zu verbinden. Schöner und auch menschlich wertvoller wären Güte und Freude am Talent und der Arbeit der Zeit. Die großen reaktionären Kunsttraditionen der Neuen Freien Presse, mit denen Übelwollen und der Geist der Ketzerverfolgung sich legiti­mieren wollen, haben genug Niederlagen erlitten. Die Traditionen bleiben und die Zeit und das Schaffen der Künstler der Zeit schreiten weiter.

In: Der Morgen, 9.1.1928, S. 7.

Bruno Frei: Menschen im Elend. Schuldfrage (1918)

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und durch die Brust schlich mir ein Bangen,
als sei ich auch schuld an all dem Jammer.
Richard Dehmel.

Alles hat seine Ursache. Ursache, das ist die Sache, die am Uranfang einer Kette von Mittelgliedern steht. Alles in der Welt ist abhängig von anderen Abhängigkeiten und diese wieder von anderen. Alles setzt sich zusammen aus Teilkräften und ist das Endergebnis von früheren Ergebnissen. – Auch das Elend und die Not und der Hunger und der Jammer haben ihre Ursache. Jemand oder etwas muß an ihnen schuld sein. Manche sagen die Fahrlässigkeit des Notleidenden verursacht seine Not, oder die Untüchtigkeit des Hungernden ist schuld an seinem Hunger; manche halten die jeweilige politische Lage eines Landes für die Ursache seines wirtschaftlichen Aufschwunges oder Niederganges, andere kehren das Verhältnis um und meinen, die Wirtschaftsnot des Friedens brachte „notwendig“ die Greuel des Krieges, sein schmählicher Ausgang aber das traurige Elend von heute, manche wissen, daß auch der Sieg der Waffen sowohl die Armut der Armen als auch den Reichtum der Reichen vergrößert hätte und halten fehlerhafte Gesetze oder eine schwache Regierung für die Ursachen des menschlichen Elends; manche halten es sogar für eine gottgewollte Einrichtung. In Wahrheit aber üben diese und andere vorgebliche Ursachen nur eine verlassende und auslösende Wirkung aus, weil sie eben keine Ursachen sind und daher zur Erklärung unserer vielfältigen Sorgen nicht ausreichen.

Aus einem unrasierten Gesicht starren scheue Augen. Als straßengehetzter Flüchtling kam er einst nach Wien. Seither sind viele Tage verflossen. Er ist 26 Jahre alt und hat schon Frau und Kind zu erhalten. Seine eigene Schuld, gewiß. Wie der Mann aussieht, halte ich ihn für fähig, bisher überhaupt nur Fehler begangen zu haben. Er besteht nämlich aus lauter Untüchtigkeit [unleserlich], Sein ganzes Dasein ist ein Fehler. Nun ist er aber da, mit all seiner Untüchtigkeit im schlauen Erjagen des Profits, mit all seiner Schwäche im rohen Ellenbogenspiel des Lebens. Eer verliert seinen Posten durch offensichtliche Ungeschicklichkeit, indem er seinem Dienstherrn, gelockt durch das Versprechen eines Mehrbietenden, kündigt. Statt des größeren Verdienstes hat er nun gar keinen. Denn bei den plötzlich geänderten Verhältnissen will der neue Dienstgeber sein Versprechen nicht einhalten. Er wird arbeitslos, zu einem Zeitpunkt, da Arbeitslosigkeit den Tod bedeutet. Was wird aus Frau und Kind im fernen Lande Galizien? Verließ sie doch der Ernährer nur, um in der großen Stadt mit viel Schweiß und Sorge noch mehr Brot, zu „verdienen“. Verdienen, dienen! Schwere Arbeit, große Mühe, was immer, nur nicht hungern und verhungern lassen, dienen, verdienen! Er, der schwächliche Mensch mit den eingefallenen Wangen, mit dem unbeholfenen Gesichtsausdruck, mit dem Siegel des Würgers auf der Stirne, er, der kraftlose Zwergmensch, will schwere Arbeit leisten, um dem wohlbehüteten Speicher des Lebens einen Bissen Brot zu entreißen und dann in Ehrlichkeit und Pflichterfüllung auf dem Schindanger des namenlosen Heldentums umzusinken!

*

Fünf Wohltätigkeitsvereine brachten mit großer Kraftanstrengung die 60 Kronen auf, die zu seiner Heimbeförderung nötig waren, nachdem das Arbeitslosenamt, die Flüchtlingszentrale und das Gewerbegericht den Fall mit wohl begründeten, aber leider nährwertlosen Entscheidungen beteilt hatte. Er wird sein Glück anderswo suchen.

Es gibt heute zwei mögliche Mittel, das Leben zu Fristen: entweder durch eigene Arbeit oder durch die Arbeit anderer. Im letzteren Falle ist es in der Regel mehr als ein Fristen, es ist ein Genießen. Da aber alle das Leben nicht allein fristen, sondern, wenn auch bescheiden, genießen wollen, so bestreben sich alle, von fremder Arbeit zu leben, d. h. andere zum schalen Fristen des Lebens zu verhalten. Dies geschieht in der Welt des Kapitalismus. Jeder Unternehmer ist ein Ausbeuter, nicht weil er zu geringe Löhne zahlt, sondern weil er überhaupt welche zahlt. Denn Lohn ist das, was zum knappen Fristen des Lebens vom Arbeitswert übrig bleibt, nachdem der Unternehmer soviel als möglich zum Genießen seines Lebens zurückbehalten hat. Jeder Mensch schafft mit seiner Arbeit mehr, als er an Lohn bezahlt bekommt. Vom Mehrwert seiner Arbeit genießt eben der Unternehmer das Leben. Der Unternehmer ist also ein Mensch, der sich fremde Hände Arbeit zunutze macht, sich vom Hunger der anderen sättigt, der freiwillig nie mehr gibt, als er für die [?] Erhaltung seiner Stellung braucht.

Nicht ein hartherziger Unternehmer ist schuld an dem Unglück des verzagten Hilfsarbeiters aus dem Osten, auch nicht die Rechtssprechung, die den Arbeitgeber nicht zwingen will, ein Versprechen ohne Rechtsgültigkeit einzuhalten. Auch hilft die Redensart vom selbstverschuldeten Elend nicht viel, wo drei hu[n]grige Mägen gesättigt werden wollen. Sondern, der Umstand, daß es überhaupt Unternehmer gibt, eine herrschende Klasse von Menschen, die nur dann zu essen geben [!], wenn es ihr Vorteil erheischt, Und nicht mehr, als sie müssen, das ist die Ursache des Elendes. Wenn aber das Kapital – nicht das Geld, sondern die Bergwerke, die Fabriken, die Eisenbahnen, die Schiffe, die Maschinen, der Boden, die Häuser – Gemeineigentum darstellt, fällt der ganze Nutzen, den es durch die menschliche Arbeit abwirft, denen zu Komma die in dieser Gemeinschaft arbeiten. Niemand kann ihnen nun den Vollwert ihrer Arbeit rauben, die Mittel zum Genusse des Lebens werden von niemandem abgezogen.

Aber auch diese Ursache läßt sich auf eine ursprüngliche [?] zurückführen. Die Schuld des Kapitalismus ist groß, aber unsere ist noch größer. Denn seine Herrschaft ist abhängig von unserer Dummheit und Trägheit; sie wächst mit ihnen, aber sie verschwindet auch, wenn diese Erzfeinde der menschlichen Vervollkommnung gläubigem Wissen und kraftvollem Willen gewichen sind. Wir werden bei den Wahlen Gelegenheit haben, Zeugnis abzulegen, ob es zu tagen begonnen hat oder ob es weiter Nacht bleiben soll. Wir müssen eine alte Schuld einlösen, eine Schuld gegen uns selbst, wir müssen das Königreich der Gerechtigkeit aufbauen, weil eine Verantwortung auf uns lastet, dergleichen nie gewesen.

Aus: Der Abend, 27. Dezember 1918, S. 4.

Johann Ferch: § 144, Arbeitslosigkeit und Überbevölkerung. (1926)

            Während in Deutschland – wie in fast allen Staaten – immer stärker eine Reform der veralteten Mutterschaftsgesetze gefordert und die Bedeutung einer vernünftigen Geburtenregelung einer sich steigernden Beachtung gewiß ist, verfällt bei uns die große Frage der alten österreichischen Einschlummerungstaktik. Und wird sie hin und wieder einmal berührt – wie in der Vorwoche durch den Ärzteverein des 8. Bezirkes – so sind es Richter und Ärzte, die trotz ihrer reformgünstigen Stellungnahme das Problem von Standpunkten aus erörtern, die wir seit einem Jahrzehnt als erledigt betrachten.

            Es muß immer wieder betont sein, daß

            Kommissionen mit Richtern und Ärzten unmöglich geworden sind,

            da die Bestimmung der Familiengröße nicht von kriminalistischen oder ärztlichen Erwägungen, sondern von der Ernährungsmöglichkeit abhängig ist. Alles andere ist in der Zeit der Arbeitslosigkeit ein leeres Gerede, umfangen von Gedanken, die längst von vorgestern sind, daß aber die

Arbeitslosigkeit nicht ein vorübergehender Krisenzustand ist, sondern ein sich verschärfender dauernder,

vermögen freilich gerade gewisse Kreise nicht zu begreifen. Der Nationalrat Kunschak war der erste aus einem Vertretungskörper, der kürzlich unsere seit Jahren gekündete Auffassung aussprach,

daß die Arbeitslosigkeit durch die rationelle Betriebsausgestaltung für viele Arbeiter eine dauernde sein müßte.

Und eben diese Arbeitslosigkeit ist es, die nicht nur gebieterisch, sondern zwangsnotwendig die Reform erfordert.

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            Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit in allen Staaten wird von den Vertretern der alten nationalökonomischen Schule als besonderer Ausdruck einer internationalen Wirtschaftskrise bezeichnet, die als Folgeerscheinung der Friedensverträge und der Verarmung der Welt gewertet wird. Für die Erklärung unserer Verhältnisse werden die drückenden Zollbestimmungen des Neuauslandes und die Industrieerrichtung in den Sukzessionsstaaten als besondere Ursache namhaft gemacht. Chauvinismus und nationale Engstirnigkeit sollen dabei eine große Rolle spielen.

            Gewiß wird es an Protesten nicht mangeln, wenn man versucht, bisher unbesprochene Ursachen der Arbeitslosigkeit zu untersuchen und sie in den Kreis der öffentlichen Diskussion zu stellen. Die Resultate werden vielleicht als Ausfluß eines Weltanschauungsfanatismus bewertet, aber Tatsachen sind bekanntlich stärker als noch so bestechende wirtschaftliche Konstruktion. Ich bezeichne (und zwar seit Jahren) die Überbevölkerung, verschärft durch nicht verwendbare Arbeitskraft (infolge der Erfindungen) als Hauptursache der zunehmenden und

immer weniger zu beseitigenden Arbeitslosigkeit.

Man betrachte die Verhältnisse. Sie sind, abgesehen von geringen Varianten, sowohl in den Sieger- als auch Besiegtenländern gleich. Amerika und England stehen im gefährlichen Schatten der Arbeitslosigkeit, in Frankreich, Italien, Deutschland – überall ein Überschuß an menschlicher Arbeitskraft. Die Auswanderung ist unmöglich gemacht, die Überschüsse an Menschen in den europäischen Staaten finden das bisher regelnde Abströmventil verschlossen. Indien und die anderen Kolonialbesitzungen bilden sich heute schon zu großen Zukunftsenttäuschungen für die verwaltenden Staaten heran. Die Stauung in der Abwanderung füllt die Städte und schafft ein wachsendes, nach Arbeit verlangendes Proletariat.

Von diesem Gesichtspunkt aus ist auch teilweise die Industrieförderung in den Sukzessions- und auch in anderen, bisher industriearmen Staaten zu erklären. Die Industrie gibt teilweise für die Arbeitskräfte Verwendung, die Technik ermöglicht die Versorgung des ungelernten Arbeiters mit Beschäftigung, da Gewerbe und Handel qualifizierte Kräfte benötigen und von dem überreichlichen Angebot ohnehin überflutet sind.

Es ist geradezu verblüffend, daß in allen Studien über die Arbeitslosigkeit

an der sich immer schärfer auswirkenden Erfindungswelle der Technik vorbeigegangen wird,

die in den letzten Jahren ungeheure Fortschritte machte und jetzt in einem Monat die Erfinderarbeit früherer Jahrhunderte leistet. Bis zum Kriege wirkte sich die Kraftersparnis nicht so deutlich aus. Das Riesentempo des letzten halben Jahrzehnts zerreibt die Reste des Gewerbestandes, mechanisiert den agrarischen Betrieb, neuen Abfluß vom Lande und Zustrom in die Städte schaffend, und dringt jetzt auch in die Berufe der geistigen Arbeit ein. (Eine Buchhaltungsmaschine ersetzt zwölf Bürokräfte, eine Rechenmaschine deren vier, zwei äußerst sinnreiche Statistikmaschinen in einer Krankenkasse 48 Bürofräuleins. Die Telephonautomatisierung ersetzt hunderte Kräfte usw.) Kein Betrieb, kein Beruf bleibt frei von der Kraftersparnis. Wenn man nur kurz erwiegt, wieviel durch die Intensität des Massenbetriebes an Menschenkraft erspart wird, so ist ein sprunghafter Abbau der Verwendung menschlicher Kraft augenfällig.

            Der Handel ist überfüllt, das Gewerbe zerbröckelt, die Teile rieseln unaufhörlich ins Proletariat ab, das aber durch die Maschinen fortgesetzt überschüssig wird.

Jeder erzeugt durch die Maschine mehr als er verbrauchen kann,

die menschliche Vermehrung und die Fortschritte der Technik bringen immer neuen Kraftüberschuß. Jeder Geburtenüberschuss ist ein mehrfacher, zur Unverwendbarkeit verurteilter Kraftüberschuß, der mit der Technikauswirkung im gleichen Maße wächst und die Arbeitslosigkeit erhöht, automatisch aber auch dadurch die Lebenshaltung immer breitere Kreise senkt.

            Zugleich schwillt die Fürsorgelast in einem rasenden Tempo an, das menschliche Leid zerstört Sinn und Zweck des Lebens, das Elend der unteren, durch die wachsende Aussichtslosigkeit zur Verzweiflung getriebenen Massen bedroht auch die anderen Schichten. Die Überproduktion droht phantastische Formen anzunehmen, wird schließlich ein nur vorübergehendes, bald wieder überholtes Aushilfsmittel erzwingen: eine radikale Arbeitszeitherabsetzung neben dem notwendigen Abbau der Überbevölkerung.

            Diese muß beseitigt werden, das ist das Hauptgebot, nicht einer akademischen Erörterung, sondern volkswirtschaftlicher Zwang. Die sinn- und zwecklose Menschenvermehrung muß der Vergangenheit angehören. Sie und nur sie allein ist in der Hauptsache das in beispielloser Kurzsichtigkeit übersehene Hauptproblem der wirtschaftlichen Krisen.

Der Ausgleich zwischen Menschenproduktion und technischer Entwicklung muß bewirkt werden.

            Zur Begründung dieser Forderung bedarf es keiner neuen Lehrgebäude, sondern nur des Verhältnisses für die Wirklichkeit. Das ungeheure menschliche Leid der Gegenwart, die unabänderliche Entwicklung gebieten den Weg. Menschliche Vernunft und Zwangsnotwendigkeiten werden ihn gangbar und brauchbar machen. Alle anderen Wege und Pläne, entspringen dem Vergangenheitsdenken, müssen an den Tatsachen scheitern, auch das Bestreben, mit veralteten Gesetzen und Flickreformen Weltwirtschaftsnotwendigkeiten verhindern zu wollen.

            Noch eines muß gesagt werden. Hätten wir nicht das Listenwahlsystem, würde die ganze Frage für Österreich rasch entschieden sein. So müssen wir uns noch eine geraume Zeit quälen lassen von akademischen Gutachten, die für die große Frage längst nebensächlich geworden sind.

            Die breiten Massen der Arbeiterschaft aber werden doch noch erkennen, was für sie die Fortschritte der Technik bedeuten. Dann werden sie ja doch einmal mit den dummen veralteten Gesetzen Schluß machen.

In: Der Morgen, 9.2.1926, S. 8.

Albert Ehrenstein: Georg Trakl (1914)

„Am Abend versinkt ein Glockenspiel, das nicht mehr tönt,
Verfallen die schwarzen Mauern am Platz,
Ruft der tote Soldat zum Gebet.
O, ihr zerbrochenen Augen in schwarzen Mündern…“
(Georg Trakl im Helian.)

Er starb in diesen Tagen in Krakau, starb um Galizien, starb für uns, nahm das Leid auf sich, bis er es nicht mehr ertrug und dahinschwand. Sein Leben war stets umschattet, sanfte Melancholie vor dem Tod, den er immer sah, ein Hintaumeln vor der Verwesung, die er immer fühlte. Hie und da freute ihn noch das Blau des Himmels und der Gewässer, das Braun des Waldes, dann floh er wieder in die Betäubung, die ihm Wein, Veronal, Morphium schufen. Als Angehöriger der Sanitätstruppe, als Leutnant bei der Medikamentenver­waltung zog er fröhlich in den Krieg, den er als Befreiung empfand. Sie wurde ihm anders… Der stärkste Eindruck seines friedlichen Lebens war es gewesen, als er einmal vom vierten Stocke eines Hauses einen Zigarettenstummel abwärts fallenund dann glimmen, Hinglimmen, verglimmen sah, übergehen in ein Nichts, in graue Asche. Und stundenlang konnte er von dem gräßlichen Anblick sprechen, den ihm eine Kröte bereitete, die irgendwo in der Nähe eines Tunnels gehockt. Nun kam er nach Galizien, sah wie ein Schwerverwundeter sich und der Qual eines Blasenschusses ein Ende setzte, sah, wie mensch­liches Hirn die Wände bespritzte. Sein Mitgefühl entrückte ihn, wie er es in seinem herrlichsten Gedichte, im Helian pro­phezeit hatte: „verliert sich der Fremdling in schwarzer Novemberzerstörung.“ Die Umnachtung nahm ihn hinweg, er starb im siebenundzwanzigsten Jahre seines Lebens, am 5. November in Krakau.

Er war von Hölderlins Art, aber er durchlief rascher die Bahn. Wir sollen nicht klagen, „wenn ein eherner Engel im Hain, den Menschen antritt“. Er war der Vollendung nahe in den schmerzlichen Rufen seiner Gedichte. In ein Stammbuch schrieb er: „Schaudernd unter herbstlichen Sternen neigt sich jährlich tiefer das Haupt“. Wir wenigen, denen er teuer war, hofften wenigstens dieses — aber sein schlichtes, früh von hin­fälligem Silbergrau geätztes Haupt wird sich nicht mehr in un­serer Mitte tiefer senken, er ließ uns allein. „O wie infam endet der Abendwind.“

In seinen (bei Kurt Wolff erschienenen) „Gedichten“ schritt er rasch fort von aller „fortgeschrittenen“ Lyrik bis zu einer Synthese von Friedrich Hölderlin und Else Lasker-Schüler. Seine besten neuen Gedichte sollten erscheinen — da erschien der Krieg. Einen anderen Sänger der Verwesung, Georg Heym, enttrug das Schicksal lang vor dem Krieg. Georg Trakl wäre vielleicht ein stillerer Sänger des Kampfes geworden. Nun ist er ganz still geworden. In Salzburg geboren, in Krakau ge­storben — dazwischen liegt das alte Österreich. Einige in Wien und Innsbruck und Berlin kannten ihn. Wenige wissen, wer er war; wenige wissen um sein Werk: daß keiner in Öster­reich je schönere Verse schrieb als Georg Trakl.

In: Pester Lloyd, 17.11.1914, S. 10.