W [Victor Wittner? ]: Valuta und Prostitution. (1920)

Wer mit Sorge in die Zukunft unseres Vaterlandes blickt, den mag die wirtschaftliche Not, die auf uns lastet, fast noch weniger beängstigen als der sittliche Niedergang der Wiener Gesellschaft, der sich mit trauriger Offenkundigkeit vollzieht. Die Angehörigen der Wiener Mittelschichten wissen insgesamt, daß sie nicht leben können – und sie leben dennoch. Sie wissen, dass sie selbst und ihre Nachbarn und ihr ganzer Bekanntenkreis von dem bürgerlichen Einkommen, das sie haben, schlechterdings nicht die notwendigsten Bedürfnisse bestreiten können und dennoch geht man gleichmütig aneinander vorbei, begrüßt sich, seufzt ein wenig über die schlechte Zeit, ist aber noch leidlich anständig gekleidet und ist, statt nach allen Gesetzen der Logik zu verhungern, bisher auf rätselhafte Weise am Leben geblieben. Jeder ist für seinen Nachbarn ein Rätsel: Wie existiert der Mensch mit seiner Familie? Und jeder betrügt den Nachbar und umgekehrt. Sie betrügen einander mit geputzten, frisch aufgebügelten, gewendeten Kleidern, mit übermäßig gebürsteten Hüten, mit Stiefeln, die so geflickt und gewichst sind, daß „man es nicht merkt“. Es soll der Eindruck erweckt werden, daß man’s noch aushält, daß man noch Reserven hat. Ein namhafter Teil des Wiener Bürgertums – und nicht der schlechteste – sucht auf diese Weise mit äußerster Kraftanstrengung zu verbergen, daß er bereits proletarisiert ist. Ein anderer Teil freilich hat nichts zu verbergen, sondern zeigt ganz offen, daß es ihm gut geht. Das sind die Leute, die in ihren Geschäften betrügen und daraus die Mittel ziehen, in ihrem gesellschaftlichen Auftreten ungeniert zu protzen, während die anderen in ihrem Berufsleben rechtschaffen bleiben und daher als arme Teufel genötigt sind, zur Wahrung des sozialen Scheins mit umgedrehten Hemdkragen und ängstlich konservierten Bügelfalten zu hochstapeln. Diese verhältnismäßig unschuldigste Betrugsform wird von anderen Formen im privaten wie im geschäftlichen Leben hundertfach überboten.

Im Wiener Handel, besonders im Kleinhandel, haben wohl seit jeher ein wenig orientalische Usancen geherrscht. Aber eine so schamlose Willkür der Preisbestimmung, eine so souveräne Verachtung aller Gesetze einer soliden kaufmännischen Kalkulation, eine so brutale Vergewaltigung der wehrlosen Kundschaft, ist noch niemals dagewesen. Waren schon während des Krieges die herkömmlichen Bezugswege und Preisberechnungsmethoden außer Gebrauch gekommen, so hat der Kurssturz der Krone im letzten Jahre die kaufmännischen Traditionen vollends begraben. Nun gibt es keinen Halt mehr. Das Offert von gestern stimmt morgen nicht mehr – wozu also überhaupt kalkulieren? Man bezieht die Waren, man weiß nicht woher, man verkauft sie, man weiß nicht wohin, die Herkunfts- und Absatzbeziehungen sind verändert und ändern sich mit jedem neuen Tag, und so wird der Handel zum Glückspiel, in dem sich der Händler die Gewinste selber zumißt. Jeder Geschäftsabschluß ist eine Trefferziehung. Kann man sich über die Ausschreitungen der Börsenspekulation wundern, da der sogenannte solide Handel täglich die gleichen Ausschreitungen begeht? Jeder Warenpreis ist gegenwärtig ebenso willkürlich und aus der Luft geholt, wie die Börsenkurse. Man kann mit Tuch, Messing, Holz oder Zucker geradeso „spielen“, wie mit Skoda oder Alpinen.

Die Börse ist nur der für alle Welt offene Markt, während man bei den anderen Warenmärkten doch irgendwie Anrainer sein muß. Freilich genügt auch eine sehr entfernte Anrainerschaft. Es gibt Spezereiwarenhändler, die mit Telegraphendraht und Optiker, die die mit Stiefelsohlen Handel treiben. Keiner bleibt auf dem geraden Wege seines Berufes. Vor den obersten bis in die untersten Schichten hinab sucht jeder eine Nebenbeschäftigung, die möglichst mühelosen Gewinn abwirft und wird der ruhigen Übung und hergebrachten Ehrbarkeit seines eigentlichen Berufes entfremdet. Die Korruption ist tief in das öffentliche Beamtentum, noch viel tiefer in gewisse Kreise des Privatbeamtentums eingedrungen. Mann verkauft die Machtbefugnisse oder die vertraulichen Kenntnisse des Amtes. Aus allen Finanzinstituten heraus wird ein schwunghafter Handel mit Börsentipps getrieben. Die „Wissenden“ florieren. Kleine Bankbeamte geben ihre Gehälter als Trinkgelder an die Bureaudienerschaft ab, weil ihnen das Börsenspiel gestattet, auf größtem Fuß zu leben. Auf den Gängen der Bankgebäude treiben sich Schleichhändler herum, die hier für die erlesenste Ware leichten Absatz finden. Wie dieses Treiben auf die zahlreich weibliche Angestelltenschaft der Bank und der Kaufmannshäuser wirkt, braucht nicht gesagt zu werden. Die Sitten der Wiener Weiblichkeit von heute sind ein Kapitel für sich, wohl das schmerzlichste von allen. Wenn man die Preise auch nur der mittleren, der durchschnittlichen Konfektionsware in Rechnung zieht und auf der Straße die Kleider und Schuhe der jüngeren und reiferen Damenwelt mustert, so weiß man genug. Und wer unsere zahllosen, täglich sich mehrenden und täglich überfüllten Bars und Konzertcafés kennt und dort Beobachtungen und statistische Berechnungen anstellt, wird zu Schätzungen der Wiener Prostitution aller Gattungen kommen, deren nüchterne Ziffern man lieber für grauenvolle Phantasie halten möchte. Nie und nirgends hat es Verhältnisse gegeben, in denen der bestimmende Einfluß des wirtschaftlichen Unterbaues der Gesellschaft auf ihren sittlichen Überbau so augenfällig geworden ist, wie in dem Wien unserer Tage. Wenn man in Springers österreichischer Geschichte nachliest, wie da die demoralisierenden Wirkungen des Staatsbankerotts der napoleonischen Kriegszeit geschildert werden, findet man eine schlagende Übereistimmung zwischen einst und jetzt. Nur daß die engen Verhältnisse des Wien von damals, der von Festungswällen eingeschnürten, in idyllische Dörfer hinausquellenden Weltstadt, jetzt ins riesenhafte vergrößert sind – vergrößert der Umfang des Schauplatzes, vergrößert die düstere Intensität des Sittenbildes. Mit dem Schwanken und Sinken des Geldwertes schwanken und sinken die Grundlagen, auf denen eine scheinbar selbstherrliche Kultur sich in Generationen aufgebaut hat. Die Zusammenhänge zwischen Valuta und Preiswucher, zwischen Valuta und Sittenverderbnis, zwischen Valuta und Prostitution liegen für jeden, der sehen will, klar zutage.

Auch der Verwalter unser[er] Staatsfinanzen müßte dafür ein offenes Auge haben. Jeder Schritt, den er täte, um unseren Geldwert zu festigen, brächte uns auch der sittlichen Gesundung näher: jeder Schritt, den er unterläßt, bedeutet ein tieferes Hineintauchen in den Sumpf der Verkommenheit. Niemals hat ein österreichischer Ressortminister eine schwerere materielle und moralische Verantwortung getragen.

In: Der Morgen. 19.1.1920, S. 5.

Paul Szende: Der Schieber als Sinnbild der heutigen Wirtschaftsordnung.

             Der Schieber ist ein Kriegsprodukt und verdankt sein Dasein der Warenknappheit. Er überdauerte den Zusammenbruch, die Revolution und Gegenrevolution, trug zuletzt einen glänzenden Sieg über die bolschewikische Theorie in Rußland davon. Er behauptet sich trotz Verachtung, Schlagworten und Gesetzen überall. Was sind die geistigen Fähigkeiten dieser Menschengattung? Worin besteht ihre Überlegenheit? Versuchen wir dies festzustellen.

1. Schnelle Anpassungsfähigkeit.

Der Schieber war und ist der Registrierapparat der Konjunktur, der alle Bewegungen des wirtschaftlichen Körpers genauest aufzeichnete und augenblicklich verwertete. Er ist in jeder Branche zu Hause, keine Ware entgeht seiner Aufmerksamkeit. Ebenso blitzartig ist seine politische Anpassungsfähigkeit. Obzwar er für die alte Ordnung schwärmt, das Schwinden der hergebrachten Autorität und Disziplin beklagt, findet er sich in alle politischen Systeme hinein; ob Monarchie oder Republik, Reaktion oder Demokratie, er ist in allen Sätteln gerecht, er liefert ebenso gern für Horthy wie für die russische Sowjetrepublik.

2. Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit.

Doch gleicht diese Anpassungsfähigkeit mehr der des Aasgeiers, der in der höhe schwebend den Kadaver mit Scharfblick erforscht und sich in blitzschnellem Sturzflug auf ihn wirft. Der Schieber war im Kriege der Frontkämpfer des Hinterlandes, und er führt den Stellungskrieg gegen die konsumierende Bevölkerung ohne die Gefahren des Frontdienstes noch immer fort.

3. Intuitive Erfassung der Eigenart der neuen Wirtschaftsordnung.

Der Schieber hat sofort nach dem Kriegsausbruch erkannt, daß die Zurückhaltung der Waren – im Frieden nicht nur ein gegen das öffentliche Wohl verstoßendes, sondern zugleich privatwirtschaftlich unökonomisches Verhalten – die ausgiebigste Quelle großer Gewinne sein kann. Die Störung des Gleichgewichtes zwischen Produktion und Verbrauch, zwischen Einfuhr und Ausfuhr dauert noch heute in den besiegten Ländern unvermindert an. Ebenso intuitiv hat er erschaut, daß seit dem Kriege die Epoche des risikolosen Geschäftsganges hereingebrochen ist; derjenige, der von seinen Skrupeln getrübt ist, kann sein Geschäft ohne Wagnis führen. Das ist eben der springende Punkt, denn das geschäftsmäßige Risiko liebt der Schieber ebensowenig wie der Teufel den Weihrauch.

4. gründliche Kenntnis der staatlichen Machtverteilung und des politischen Getriebes.

Die Schieber wurden sich sofort dessen bewußt, daß in dem bestehenden Klassenstaat das System der Zentralisation, der Höchstpreise und der Rationierungen naturnotwendig zur Korruption führen wird. Sie wußten, daß alle diese Gesetze und Verordnungen auf dem Papier bleiben müssen, da ihre ehrliche und rücksichtslose Durchführung in erster Linie die Interessen derjenigen mächtigen Faktoren schädigen müßte, die in jedem Staat über die Gesetzgebung oder die Verwaltung verfügen. Sie legten daher ein sorgfältig durchdachtes, sogar geniales Kanalnetz der Korruption an, in welches von allen Seiten die Waren hineinströmten.

5. Gefühl der Sicherheit.

Dieses Gefühl stammt von der Feststellung, daß alle führenden Schichten an der Kriegskonjunktur in vollstem Maße teilgenommen haben. Die Schieber hätten niemals ihr Werk verrichten können, wenn nicht die „legitimen“ Agrarier, Industriellen und Kaufleute ihnen die Waren zugeschoben, zur Verfügung gestellt hätten. In dieser Gesellschaft hatten sie nichts zu befürchten.

6. Gefühl der Unentbehrlichkeit

Ohne den Schieber wären diese vornehmen Klassen nicht imstande gewesen, die Kriegs- und Nachkriegskonjunktur gehörig auszunützen. Ihre Tätigkeit ist mehr kontrollierbar, die öffentliche Aufmerksamkeit ist zu sehr auf sie gelenkt. Das Schiebertum ward in ihren Händen zu einem willkommenen Instrument, das sie den Heiligenschein wahren ließ und doch die Teilnahme an der Konjunktur gewährte.

8.  Der Schieber ist ein überlegener Lebensphilosoph.

Er durchschaut das ganze wirtschaftlich-politische Gewebe, ihm sind alle Geheimnisse erschlossen. Er nützt die Heuchelei und Doppelmoral der herrschenden Klassen zum eigenen Nutzen aus. Den Vornehmen gegenüber, welche dasselbe Geschäft, nur verschämt, betreiben, empfindet er einen gewissen Stolz. Er weiß, daß diese von ihm durchaus nicht entzückt sind, denn das unverhüllte Treiben des Schiebertums bringt dem Publikum zu sehr vor die Augen, wie die großen Vermögen entstehen, wie unbeschränkt die Ausplünderungen der Wehrlosen vor sich gehen kann. Er lächelt verständnisvoll und duldet, daß er als Sündenbock hingestellt wird, doch läßt er sich dafür hohe Entschädigungsprämien zahlen, selbstverständlich nicht von seinen Dienstgebern, sondern von der konsumierenden Bevölkerung.

In: Arbeiter-Zeitung, 9.5.1922, S. 5.

Stefan Großmann: Sprung nach Wien

Nachdem man einen Tag im Eisenbahnwagen verbracht hat, wird man in Passau aus dem Kupee getrieben, die ganze Herde der Reisenden muß auf der Treppe der Überquerung des Bahnhofs eine Stunde lang, mit Koffern und Taschen, frierend hocken. Oben wird der Stall durch eine Kette abgesperrt, die ein Schutzmann von Zeit zu Zeit öffnet. Dann darf eine kleine Bande hurtig ins Zimmer der Zollbeamten laufen, um sich abtasten zu lassen. Es ist die kläglichste Mißhandlung durch den Staat, die man sich denken kann. Täglich lassen sich dreihundert Leute diese Malträtierung gefallen. Es ist nicht angenehm, von der bayrischen Seite den Anschluß an die österreichische zu finden, es ist die menschenunwürdigste Art des Anschlusses, die man sich vorstellen kann. Aber was läßt sich der Deutsche nicht alles vom Staate gefallen? Nur wird im stillen ein theoretisches Aufblitzen von Staatsfreudigkeit durch so rohe Methoden des Herdenbesitzers Staat zerstört.

             Aber am Nachmittag ist man in Wien und alle Schmach ist vergessen.

                                                      Billardspieler.

             Sonntag vormittags bummelte ich durch sie Alserstraße. Regnerischer Tag. Die Kaffeehäuser schon jetzt vor dem Mittagessen überfüllt. Und in jeder größeren Straße zehn, zwölf Kaffeehäuser. Überall Leute, die Zeit haben, zu lesen, zu rauchen, Bilder anzusehen, zu plauschen. Hier wird noch Billard gespielt. In Berlin gibt es nur mehr ein einziges Café, in dem Billards stehen, Kerkau in der Friedrichstraße, aber das Billardspiel artet dort gleich in ein Turnier aus. Hier ist in jedem Café ein Billardsaal und erwachsene Menschen vertreiben sich viele Stunden damit, einen langen Stab in der Hand zu halten, ihn mit bläulicher Kreide an der Spitze einzusalben, sich über das Spielbrett zu beugen, auf ein paar weiße und rote Kugeln zu zielen und endlich loszustoßen. Wie viel Rast und Ruhe der Seele gehört zu diesem Spielgleichmut. Das ist ein Spiel ohne aufregenden Gewinn, ein Spiel ohne sportliche Leidenschaft, ein Spiel ohne nagende Berechnung, mit einem Wort: Nichts als ein Spiel. Nur sehr gelassene, nicht von Zwecken gehetzte Menschen sind solcher gleichmütigen Betätigung fähig. Man sollte auch in Berlin Billard spielen. Es wäre besessenen Menschen Medizin. Aber um es einzuführen, müßte die Polizei Billardzwang einführen, oder Ullstein müßte ein Sechstage-Billardspiel arrangieren. Daß erwachsene Menschen freiwillig stundenlang mit einem Stab dastehen, ihn einsalben, Kugel zu Kugel stoßen, dem Partner aufmerksam zusehen, über jeden Stoß Aufzeichnungen an der schwarzen Tafel machen, den Stab wieder bekreiden, wieder zu zielen, stoßen… eine besessene Berliner Betriebsseele wäre dazu nicht imstande.

                                                      Breitbartspiel.

Die Erwachsenen in Wien haben sich seit Monaten nur mehr mit Breitbart beschäftigt. Das ist ein junger galizischer Schlosser von ungeheurer Kraft. Er zerdrückt schwerste Eisenketten mit den Zähnen, zerdrückt Hufeisen in der Hand, trägt auf dem eisernen Brustkasten ein Auto mit Menschen.

Ich komme zu Freunden. Im Kinderzimmer heilige Stille. Was ist denn los? Warum schreien die Bälger nicht? Besorgt treten wir ein. Da liegt die fünfjährige Erica auf dem Boden. Auf ihrer Brust das Reißbrett des großen Bruders. Und auf dem Reißbrett stehen, eng beieinander, das achtjährige Brüderchen, der neunjährige Freund des Bruders und die dreijährige Schwester. Im ersten Augenblick fahre ich entsetzt zurück, aber mein Freund, der Vater der Bande, lächelt: „Es sieht nur bedrohlich aus. Die Kinder haben das oft erprobt. Erica spielt Breitbart.“

                                                      Aussichten.

In einer Zeitung veröffentlicht der frühere Bundeskanzler Schober, der jetzt Polizeipräsident von Wien ist, eine Erklärung, worin er die Nachricht, daß er Bankpräsident werden soll, entschieden berichtigt. „Wenn ich einmal zurücktrete, so gedenke ich mich wissenschaftlichen Arbeiten zuzuwenden. Ich werde, da ich kein Vermögen besitze und – mein Ruhegehalt zum Lebensunterhalt nicht ausreicht, wahrscheinlich auch schriftstellerisch tätig sein.“ Wie spartanisch, wie edel in der Armut. Krieger, die invalid wurden, betätigen sich als Werkelmänner. Ministerpräsidenten, die in Pension gehen, werden Schriftsteller. Dazu langt’s immer noch.

                                                      Auslagefenster.

Von allen Auslagenfenstern die schönsten sind immer die der Blumenläden. Ich stehe vor einem Geschäft in der ….gasse. Rosen, Flieder, Alpenschneeglöckchen, Zyklamen, blühende Weidenäste. An den Wänden hängen kleine Holzschnitte und Photographien sehr schöner Frauen. Ich weiß nicht, ob es wirklich so viel mehr schöne Frauen in Wien gibt als anderswo, jedenfalls gibt es hier sehr viel mehr schöne Photographien sehr schöner Frauen. Und es ist reizend, diese Bilder unter den blühenden Zweigen aufzuhängen. Unter dem Holzschnitt ist mit einem Reißnagel ein kleiner Zettel befestigt: „Verkäuflich.“ Er ist ein bißchen unordentlich angebracht. Unzweifelhaft gilt der Zettel nur dem Holzschnitt. Aber die Hälfte des Zettels reicht zum Damenporträt hinüber. Nun, es ist jedenfalls ein verlockendes Auslagenfenster.

                                                      Hofapotheke.

             Sonntag nachmittag. Ausgestorbene Straße in der Inneren Stadt. Alle Läden geschlossen. Ich wollte doch abends meinen Freunden ein paar Flaschen Wein mitbringen. Zum Glück ist die Hofapotheke, gleich neben der alten Burg, offen. Ich trete in die hochgewölbten Hallen des alten Gebäudes. Sauberkeit, Geordnetheit, Spiegelblankheit der idealen Apotheke. Eine reizende, ebenfalls blinkende Dame fragt mich nach meinem Begehr. Ich verlangte drei Flaschen Muskateller. Ein Blick fliegt zu dem großen Glaskasten, in welchem der herrlichste alte Tokayer, wunderbarer alter Cognac, die reifsten ungarischen Weine ausgestellt sind: „Wählen Sie.“

             Während die Flaschen aus dem Keller gebracht werden, kann ich mich nicht enthalten, zu sagen: „Wie schön, daß Sie auch diese Heilmittel führen.“

             Die junge Dame erwiderte: „Man kuriert sich nicht nur mit Medizinen.“ Dazu ein sehr taktvolle, sehr liebenswürdiges, halbernstes Blick-Lächeln. Ich bin versucht zu sagen: „Auch ein freundlicher Blick kann heilen“, aber ich verschluck es. Man soll nicht alles zu Wort machen.

                                                                   Hofschauspielerin a. G.

             Nachts beim „Wiesenthal“. Das ist eine Art Heuriger für die Leopoldstadt. Nicht in Grinzig, sondern in der Nothgasse. Nicht unter freiem Himmel, sondern unter der Erde, ein Kellertheater. Es wird gesungen, Klavier gespielt. Lozzelachs werden erzählt. Der Chef ist Herr Wiesenthal, der mit der berühmten Grete keine Ähnlichkeit hat. Er ist etwas beleibter als Grete Wiesenthal, will aber auch nicht durch pagenhafte Schlankheit verführen. Er stammt nicht aus der Tänzerfamilie, eher aus der Familie Pallenberg, von dem er den aggressiven, deutlich höhnenden, den Hohn parodierenden Befehlston hat: He, Bürger! Wer hat vor Pallenberg gewagt He! zu krähen? Nun, Herr Wiesenthal ist ein wohlbeleibter Mann, der die Zuschauer beschmust. Vor und nach jeder Nummer erscheint er und wickelt die Zuschauer durch Anekdoten, Kalauer, vertrauliche Anreden ein. Er redet urwienerisch mit einem drolligen Einschlag jüdischen Jargons. Ein Fiaker, der seinen Standpunkt in der Tempelgasse hat. Es ist nur in der Ordnung, daß sein Lokal an der Grenze des Judenviertels steht, dort, wo der Leopoldstädter sich wienerisch zu assimilieren beginnt.

             In diesem unterirdischen Lokal tritt die berühmte Hofschauspielerin auf. Ich habe sie vor x-zig Jahren gesehen, damals kam sie gerade mit Kainz von einer russischen Reise zurück, die Hermann Bahr brillant beschrieben hat. Kaum zu schildern, wie jung und sprühend und schlank sie damals war. Jetzt tritt sie, von ehrfürchtigem Beifall umrauscht, um ein halb ein Uhr nachts auf die Pawlatschen, in schwarzem Spitzenkleid, heroischen Schrittes, das Haupt gen Himmel gerichtet, als müßte sie das Rauchtheaterpublikum übersehen, die Bewegungen der Arme tragisch-medeenhaft und die Stimme, diese sorgsam silbenrettende, langsam akzentuierende Stimme trägt ein vaterländisches Gedicht vor: Eine Palme wächst zu hoch. Die Palme ist Deutschland. Der Gärtner ist Gott. Es ist reinstes Burgtheater von heute. Die Verse Franz Nissels würdig, die Sprachkunst edelster Höbling, die Gesinnung würdigster Bodenstedt. Und das Publikum, das eben noch Wiesenthals Anekdoten belacht hat, klatscht begeistert in die Hände. Ja, das ist unser schönes altes Burgtheater. Dann singt die Hofschauspielerin zwei Niggerlieder. Ihre blanken Zähne glitzern, die dunklen Augen funkeln, die medeenhaften Armbewegungen verschwinden. Einen Moment muß ich an die sprühende schlanke Dame denken, die vor x-zig Jahren aus Rußland zurückgekommen ist. Es gibt ein Feuer, das nie erlischt. Vorausgesetzt, daß es einmal da war.

In: Der Tag, 22.3.1923, S. 3.

Walther Rode: Alte Reiche, neue Reiche.

             Da erscheint, niemand weiß woher, in einer fremden Stadt ein Mann, der sich eine Herrschaftswohnung mietet, ein glänzendes Bureau in einer Hauptstraße. Um ihn herum entsteht sofort Rummel und Geschäft; er verdient viel und gibt noch viel mehr aus. Eines Tages aber verschwindet der Mann ebenso plötzlich wie er gekommen ist, dem Schlittenfahrer vergleichbar, der in finsterer Nacht unter Geklingel, Pferdeschnauben und Scheinwerfern heranbraust und schon wieder vom Dunkel verschlungen ward. Ein Kobold kurzer Frist, der Menschen und Dinge durcheinander bringt, um dann spurlos unterzugehen.

             Seiner Unternehmung gebricht es an der Dauer, an jenem Willen zur Dauer, durch den allein erst den Existenzen des bürgerlichen Lebens Greifbarkeit, Echtheit, Persönlichkeit zukommt. Das Auftreten des Schlittenfahrers ist die Kontrasterscheinung zu den Gründungen für die ganz lange, Generationen umfassende Dauer. Der Schlittenfahrer kommt und geht, der gediegene Reiche ist tief verwurzelt. Namentlich bei schwerer See, in Zeiten des Krieges, des politischen Umsturzes, der allgemeinen Revolution muß seine Gründung die Überlebenskraft ihrer Anlage erweisen. Der Chef angesammelten Gutes, der auf zähes Leben gestellten Vermögensindividualität, ein Kapitän langer Fahrt, muß im Sturm eine Technik der Verteidigung anwenden, deren Eintagsvermögen, meistens selbst Kinder des Sturms, keineswegs bedürfen. Die der Person dienende Habe wird vom trauernden Reichtum auf Halbmast gesetzt, damit sie weniger lustig wimple im Äther des Klassenneides; eingezogen werden die Insignien überragender Größer: Dienerschaften, Rösser, Spielplätze. Ein emsiges Verstecken, Verschieben, Vertauschen hebt an, die kinetische Energie des Reichtums in geeigneten Kraftstationen der einstiger Wiederentfaltung zu reservieren.

             Heute kriechen sie wieder aus ihren Verstecken hervor, die soliden, auf Dauer berechneten Reichtümer. Bene vivebit, qui bene latuit. Der Sturm der empörten Volksseele scheint sich gelegt zu haben, die Geldleute sind wieder frech geworden. Wieder benützen sie den Schlafwagen, geben sich Rendezvous in Palermo, haben sie ihre Spazierritte im Prater aufgenommen. Nicht länger müssen sie dem lauten Genuß des Reichtums entsagen.

             Was sich in den ersten Jahren nach dem Umsturz breit gemacht hat, war die Totenparade der Schlittenfahrer. Sie hat dem zeitlichen Verschwinden des wirklichen Reichtums die Mauer gemacht. Während die harten Gulden irgendwo, entmaterialisiert, der Goldwerdung harrten, die reichen Leute von echtem Schrot und Korn nirgends zu sehen waren, zerstob unter Lärm und Gestank die Hauptsumme dessen, was der Schleichhandel mit Salvarsan oder mit Romanowrubeln eingebracht. Was aber in dieser Zeit für längere Dauer errafft wurde, für Generationen: der Raub des Ahnherrn, ist unter Vernichtung des Tatbestandes in die Erscheinung getreten, hat also schon bei seinem ersten Entkeimen die Verleugnungstaktik in schwerer Zeit eingeschlagen. Der Ahnherr hat in seinem Koffer holländische Gulden verstaut; den Weg aus seinem Kabinett in der Novarragasse ins Trocadero jedoch niemals gefunden.

             Als das erwachte Proletariat über seine Verhältnisse lebte, das geängstigte Bürgertum unter seinen Verhältnissen, der Reichtum in eine Art Winterschlaf versunken war, da gab nur frische, nur kurzlebige Beute den Mut, sich zur Schau zu stellen. Ja, in der Exhibition allein war ihr Leben. Bewaffnet mit dem guten Gewissen des Raubtieres rasten Kriegs- und Umsturzgewinner herum in ihren Kraftwagen und ersteigerten kreischend und vor aller Welt Paläste und Kunstwerke. Ihres baldigen Hingangs gewiß, mußten diese Lemuren ihre Umlaufsgeschwindigkeit, ihre Allgegenwart ins Unerträgliche steigern, so daß sie mit der Drehkrankheit behaftet schienen. Ihr Auftreten hat so fatal, so aufdringlich gewirkt, weil ihre Wirklichkeit im umgekehrten Verhältnis zu eben jener Aufdringlichkeit stand, in der allein sich ihr Eintagsdasein ausleben konnte. Die Pilotenfische, die Begleitfische des Haifisches, die sich in der Sekunde einverleiben, was der Haifisch nicht in seine Klappe hineinzwingen kann, wußten im innersten, daß ihnen ihr Raub nicht streitig gemacht werden konnte. Sie brauchten daher die Empfindlichkeiten der Zuschauer nicht zu schonen. Zu ihrem Bild gehörte der Konsum, der sofortige Konsum, der Konsum unter den exekutiven Blicken der Ausgeschlossenen.

             Wer waren sie, die den Schwarm der plötzlichen Reichen von gestern und vorgestern gebildet haben, die den bösartigsten Klassenhaß trotzten, wo sind sie heute? Der Spuk hat sich verzogen wie ein Fiebertraum. Das Hexengold aus Luftgeschäften, Diebstählen und Differenzgewinnen ist im Rachen von Cagnotte und Prostitution verschwunden. Wer mit Betrug beginnt, muß durch Betrug umkommen. Hier verfuhr der Kehrbesen der historischen Vergeltung nach dem Grundsatz: Contre galicien, galicien et demi.

In: Die Stunde, 25.4.1923, S. 3.

Alfred Polgar: Wiener Sommer.

Die Börse ist lustlos und die Menschen sind es mit ihr. Sie vermissen nicht nur ihren Besitz, sondern auch den Nervenreiz, den sie auf der schwingenden Schaukel der Kurse empfanden. Und leiden schon die Armen sehr darunter, kein Geld zu haben, so ist das den Reichen ganz unerträglich. Also geht jetzt eine Welle von Verdrossenheit und Lebensfeindschaft durch die Stadt, niemand lacht, niemand freut sich, und in der Oper wird „Schlagobers“ gespielt, von Richard Strauß. Held des Ballets ist ein Knabe, der in der Konditorei zuviel Süßigkeiten ißt, worauf ihm übel wird. Solches läßt sich verstehen. Mir war schon als Kind kein Märchen zuwiderer, als das vom Schlaraffenland: die Vorstellung, sich durch einen Berg von Mus durchzufressen, über alle Maßen peinlich, und Bäume, an denen statt Blättern und Blüten Würste wachsen, schienen mir keine Verzauberung, sondern eine unappetitlichste Entzauberung der Natur. Diese ist sommerlich erwacht. Im Mai war lange Zeit April, dann kam gleich August; Jahreszeiten und Monate gehen, wie Knöpfe und Knopflöcher einer falsch zugeknöpften Weste, nicht recht zusammen, und zu Sylvester wird gewiß was fehlen oder überzählig sein. Einen Lenz gab es heuer nicht, er wurde zwischen Winter und Sommer totgedrückt wie die Mittelparteien in der Politik. Überall siegt der Radikalismus. Nur eine leichte Klang-Modulation unterscheidet ihn von der ridiculus mus, dem bekannten Kind kreißender Berge. Wegen des Auftretens der Bisamratte aber sind die Bäder im Donaustrom noch gesperrt. Leider, denn die Hitze hat Dimensionen angenommen und der Asphalt ist weich und gibt nach wie das Herz des unerbittlichen Vaters im siebenten Akt vieler Kinostücke. Die Kinos machen jetzt auch keine guten Geschäfte, aber immer noch bessere als die Theater, die von den Menschen gemieden werden, als ob in ihnen nicht die Orska oder Frau Werbezirk aufträte, sondern die Bisamratte. Dem Kino kommen im Sommer die besseren Beziehungen zur Natur zugute und das schummrige Dunkel in seinen Hallen, was es, wie vieles andere auch noch, mit der Kirche gemein hat, deren Macht-Erbe es allmählich anzutreten scheint. Wie die Kirche umspannt das Kino die Welt (nebst Himmel und Hölle), sendet seine Missionare in die entlegensten Zonen bewohnter Erde, braucht ein gewisses Quantum Finsternis um zu wirken, gibt den Künsten zu tun, beschäftigt, unter Musik-Begleitung, Gemüt und Phantasie seiner Gemeinde, wirkt Wunder, lehrt, wie die Tugend belohnt und das Laster zu schanden wird, bereichert die Pfaffen, die ihm dienen, spricht in Zeichen und Symbolen, die Menschen jeglichen Idioms verständlich sind, und hat auch schon seinen Evangelisten, den heiligen Balazs Bela, der in dem scharfsinnigen und glänzenden Buch „der sichtbare Mensch“ jene, die guten Willens sind, zum Glauben an die beglückendsten und erlösenden Zauber des Kinos verführt. Es tagte jetzt auch ein Concil zwecks Reform des Films in Wien, bei welcher Gelegenheit der Nibelungen-Film vorgeführt wurde, ein feierlich gedrehtes Hohelied auf körperliche Kraft und den Mangel an Wehleidigkeit und auf den Gott, der Eisen wachsen ließ (allerdings auch dafür sorgte, daß, wie die Geschichte des letzten Jahrzehnts erweist, das Eisen nicht in den Himmel wächst), und auf die altgermanische Sitte, um der Treue willen Untreu zu begehen. Treue im balladesk schönen Sinn des Worts bewährte kürzlich der Wiener Motorführer, der, das ihn der Schlag traf, noch mit letzter Kraft die Handbremse zig und seinen Train zum Stehen brachte. Diesem Braven ward kein Denkmal errichtet, außer im Herzen unseres beliebten Publizisten Bettauer, das als öffentliche Anlage gelten kann. Bettauer ist der Verfasser spannender Zeitungsromane, höchst aktueller Erzählungen, in deren raschen, durch eine Journalspalte gezwängten Fluß alle andern Rubriken der Zeitung sozusagen sich ergießen. Seine Methode, Geschehnisse und Personen des Tages noch warm in den Roman zu übernehmen, ist so neu wie wirkungsvoll, und Bettauer kann auch gar nicht genug des literarischen Garns spinnen, in das ihm das Leben läuft. Fromm und tugendhaft ist er nicht, und wenig Freude hätte an ihm Herr Erich Schlaikjer, ein deutscher Mann, der mich in der „Deutschen Zeitung“ (wegen einer Glosse über das furchtbare Urteil gegen die Kadivec) des Satanismus und der Teilnahme an einer jüdischen Verschwörung zur Vernichtung des deutschen Volkes bezichtigt. Bei Kadermann im Prater, à propos, wird täglich ein ganzer Ochs am Spieß gebraten, für München was Altes, für Wien eine Neuheit. Zur Premiere waren die Vertreter der Presse (kein Druckfehler für: Fresse) geladen, und in den Zeitungen erschienen dann auch, nebst Berichten von bratensaftigster Anschaulichkeit, Bilder, darstellend den Ochsen am Spieß und unter ihm, gleichsam als zarte, abschließende Randleiste, ein anderer Spieß mit Hühnchen, aufgereiht wie Kugeln einer Gebetsschnur. Mich erinnert das Bild des Ochsen, wie er da am Spieß steckt – geköpft, entklaut und ausgeweidet zwar, aber im großen ganzen doch in der Form belassen, die er hatte, da er’s Licht noch sah –, an primitive Darstellungen der Hölle, auf denen zu sehen, wie arme Sünder über loderndem Feuer am Spieß sich drehen. Kein Zweifel: die Erde ist das Tier-Inferno. Da werden sie für Übles, das sie dereinst auf ihrer Tier-Erde getan, bestraft. Wie der Mensch zu den Tieren steht, dafür ist bezeichnend, daß seine Imagination von der Hölle, die auf ihn wartet, in der entsetzlichen Vorstellung gipfelt, er würde dort so behandelt werden, wie er in seiner Welt das Tier behandelt. Jedoch weder bildliche Darstellungen der Hölle noch die Legenden von ihr geben irgendwelchen Grund zur Annahme, daß die Teufel, wenn sie uns am Spieß braten, hiezu die Presse einladen.

In: Das Tage-Buch, H. 22/1924, S. 739-740.

Arnold Höllriegel: Metaphysik der Roulette.

             Das feine Klirren gemünzten Goldes ist in meinen Erinnerungsträumen nicht zu trennen vom Bilde Monte Carlos. In den gedämpften Glanz dieser fast feierlichen  und erhabenen Säle eintretend, hörte man sonst, durch das ganz leise Raumen der Menge hindurch, über dem Pianissimo geflüsterter Leidenschaft dieses Klingling der Schwarzen Messe, diesen goldenen Oberton. Er sickerte durch  die marmorne Vorhalle, hinein in den unfaßbar prunkvollen Raum der Oper, vermischte sich mit den Furiosen Verdis oder den Gralsglocken des Parzival; rann, ein goldener Wasserfall, über die Parkwege der unvergleichlichen Palmenterrassen, klingelte noch in den teppichbelegten Korridoren des davoneilenden Luxuszugs.

             Um nichts hat sich der äußere Glanz Monte Carlos vermindert seit jenem unvergeßlichen letzten Rivierawinter vor dem Krieg und der Trübsal, aber diese seine goldene Begleitmusik ist fort, und ein Klappern von Bein und Blech geht durch die Säle. Man spielt nicht mehr mit goldenen Louisdoren, mit Sovereigns, mit den riesigen opulenten Plaques, nur noch mit weißen, roten und blechernen Spielmarken. Man kann, glaubt es, auch so sein Geld verlieren, aber von dem Reiz und Zauber ist etwas dahin. Früher sah man das Gold, das man nicht gewann.

                                                                                 *

             Monte Carlo, in Zeiten da alle Welt an der Börse spielt, hat ohne Zweifel etwas von seinem romantischen Reiz verloren. Früher leget man auf den Trente-et-Quarante-Tisch goldene Napoleons, heute rote Beinknöpfe, die zwanzig Papierfranken bedeuten, und entschieden weniger davon. Wer große Summen einzusetzen hat, weiß sich bessere Spiele. Noch hat das blecherne Zeitalter die luxuriöse Schönheit des Milieus nicht geschädigt; das Bild dieser domgleichen Prunkgebäude, dieser Gärten, dieser schätzereichen Geschäfte ist berauschend, ist überwältigend wie zuvor. Der Kasinoplatz, von den Tischen des Café de Paris aus gesehen, mit seinen wie aus der Wunderlampe gezauberten Wohnpalästen, mit der faszinierenden Buntheit der eleganten Menge, der Schönheit der Frauen, dem Glanz der Toiletten, das alles ist, wie es war: Kingsors Zaubergarten, von gefährlichen Blumen voll, Satans irdisches Paradies – – Innen im Spielsaal sieht man Unterschiede. Irre ich mich, oder fehlen sie wirklich ganz, die jungen und energischen Abenteurer, die desperaten, bösen und charaktervollen Goldgräber des Spielsaals, spielen sie anderswo, in den nüchternen Börsen, fern von der Verlockung des Weibes, in den großen winterlichen Städten ohne Sonne? Um die großen grünen Tische von Monte Carlo sehe ich in diesem beginnenden Jahr 1924 alternde Menschen sitzen, die nicht mehr ganz in diese Zeit passen; gewiß ein paar schöne Kokotten auch, und junge Leute, die vor dem Shimmy-Tanzen aus Spaß ein wenig setzen. Aber, kein Zweifel, nicht die goldenen Träume der Jugend herrschen hier mehr vor, ihre pittoresken Laster, ihre stürmischen Wonnen und tragischen Verzweiflungen. Monte Carlo, so wie ich es heute sehe, scheint mir ein Ort des törichten und des weisen Alters, der großen Brillen, der gelichteten Scheitel. Unglaublich, wie viele dekorative Großmütter um den Roulettetisch sitzen, auf dem es klappert wie von Totengebein!

                                                                                 *

             Vielleicht gebührt ihnen der Ort von Rechts wegen, den Alternden. Weswegen spielt man in Monte Carlo? Um Geld zu gewinnen? Welcher Irrwahn, tausendmal entlarvt! Man spielt aus Religiosität. Die Roulette ist keine finanzielle, sie ist eine metaphysische Angelegenheit. Wohl steht das den Alternden an.

             Wenn ich eine Opfergabe auf diesen schwarzen und roten Altar lege, der der Altar Satans wäre, wäre Satan nicht eine bloße Maske Gottes – will ich etwas anderes, als der frömmste Beter in der heiligsten Kathedrale, Erhörung meines Flehens, vervielfältigten Segen für mein in Andacht  Dargebrachtes? Ich nehme mein Scherflein, mein Ganzopfer, lege es unter den vorgeschriebenen Riten auf Rot oder à cheval zwischen die Nummern neunzehn und zwanzig – weswegen? Weil ich, fromm in meine Seele hineinhorchend, eine innere Stimme zu hören glaubte, die mir sagt: rot! Ich zweifle nicht, und niemand, der in Monte Carlo war, zweifelt daran, daß diese Stimme in jedem Spieler spricht, und daß sie die Wahrheit sagt, nur, daß leider niemand imstande ist, diese Stimme von zehn anderen Stimmen zu unterscheiden, Stimmen der Eitelkeiten, die zugleich zu schreien beginnen. Ein heiliger Büßer, der es gelernt hätte, seinen Nabel anzustarren und sich auf seine Innerlichkeit zu konzentrieren, ein abgeklärter Philosoph, der sich selbst kennte, sie müßten, mir ist das gewiß, in Monte Carlo jede Nummer erraten, bevor sie für immer zersprungen wäre.

             Aber kommen denn solche Leute nach Monte Carlo spielen?

                                                                                 *

             Ich sage das, weil ich die Welt des Scheins längst als eine Roulettescheibe erkannt habe, auf der die Erdkugel rotiert. Was ist das, diese Zukunft, in der entweder Schwarz oder Rot kommen wird? Ist sie nicht schon gegenwärtig in unserer Seele, nur daß wir nicht gut und weise genug sind, es zu wissen?

             Oft und oft weiß ich, welche Nummer kommen wird. Es ist keine Einbildung, kein Schwindel. Leider tritt das Phänomen nur immer dann ein, wenn ich nicht gesetzt habe.

             Ich glaube, im Grunde mögen die Spieler in Monte Carlo gar nicht Franken gewinnen. Sie schämen sich zu sagen, daß sie eigentlich die Stimmen ihres Inneren bestätigt finden möchten. Wie hätte ich sonst hier einmal Viktor Adler gefunden, und gestern John Meynard Keynes?

                                                                                 *

             Die brutalen Geldverdiener sind dar nicht einmal mehr in Monte. Weise Mütter und ernste Väter sehe ich das Orakel befragen. Übrigens auch unernste Väter und törichte Mütter. Seht sie, wenn sie abgekämpft und müde sind, im pururverhangenen Lesesaal die tödlich seriöse Revue des deux Mondes lesen!

             Die Zeit ist nahe, da dieses frivole Monte Carlo an der Philosophie zugrunde geht. Eine Versammlung von Ödipussen, die alle Rätsel der Roulette erraten, wird die Bank des Monsieur Blanc sprengen. Der Herr Professor Einstein, wenn er einmal Zeit für Monte findet, wird die Relativität der rotierenden Scheibe enträtseln und den Fürsten von Monako um seine schöne Rente bringen. Schon hört man in den Sälen nicht das frivole Geld des Trugs rieseln, man hört es klappern, das trockene Gebein.

                                                                                 *

             Nur weil es unter so vielen Philosophen doch auch einige Narren gibt, steigen vorläufig die Aktien der Spielbankgesellschaft noch ein wenig.

In: Der Tag, 10.1.1924, S. 3.

Johannes Urzidil: Freiheit (Wien bei Nacht)

             Viele junge Männer gehen am Abend durch die Straßen der Stadt, mit einer Banknote in der Tasche, nicht so groß, daß man mir ihr übermütig werden könnte, aber ausreichend, um zwischen mannigfachen Genüssen die Wahl zu lassen. Vielleicht genügt sie, ein Abendessen in einem mittleren Restaurant zu bestreiten, oder sie überläßt es dem Einsamen, sich für eine Flasche erträglichen Weines oder ein Theaterbillett zu entscheiden. Man könnte auch darauf verfallen, sich bei einem der vielen Mädchen, die jetzt an den Straßenbahnstationen warten, vorsichtig mit weichem Blick einzuschleichen und nach einer stummen Unterredung der Augen ein paar Ecken weit oder noch weiter mit ihr zu fahren. Einige sind da mit dünn durfenden Batistblusen, durch welche die Transparenzen der Haut leise schimmern, leicht Vorgeneigte mit beweglichem Spielbein und geistesabwesendem Blick, einige mit resoluten Schritten, fest in ihre Form gefügt und ganz bei sich selbst gegenwärtig. Wie schön ist es, so vor der gleichgewichtigen Wage der Entscheidung zu stehen, das eine winzige, fast gewichtslose, aber alles entscheidende Körnchen des Entschlusses zwischen den Fingern zu halten, es in die eine oder die andre Wagschale werfen und sei tief hinabsenken zu können. Vielleicht so tief, daß sie niemals wieder in das schwebende Gleichmaß zurückkehrt und dieses eine, unmerkliche, aber das Leben selbst bedeutende Körnchen für ewig unerreichbar bleibt. 

Der junge Mann bummelt durch die Straßen, an den glänzend erleuchteten Nachauslagen vorbei, er bleibt da und dort stehen und betrachtet die verschiedenen ausgestellten Waren. Er freut sich im stillen, daß die Läden geschlossen sind, daß er alles genießen kann, ohne die Mühe der Entscheidung. Er besitzt ohne die Last des Besitzes und ohne den Mangel, den jeder greifbare Besitz in sich birgt. Er verschwendet das Hundertfache dessen, was er hat, er lebt ohne Gefahr weit über seine Verhältnisse. Er ist wahrhaft reich.

             Schließlich aber, wenn er die Banknote nicht mehr ertragen kann, tut er mit ihr, was jeder mit ihr tun würde, bei dem Geld nicht übernachtet. Die Theater sind schon geschlossen, in den Restaurants ist nichts Rechtes mehr zu haben, die Mädchen sind nach Hause gefahren. Dier junge Mann setzt sich ein wenig in die Straßenbahn, kauft dann irgendwo eine Zeitung, wirft einem Bettler mehr als Brauch ist, in den Hut, ißt an einem Büfett überflüssige Dinge, raucht eine Zigarre und, nachdem er alles in kleinen Hingaben ohne Bedeutung vertrödelt hat, geht er heim, seufzt auf dem Treppenabsatz still vor sich hin, und mit einem Gefühl grenzenlosen Hungers und einer Leere zwischen seinen Fingerspitzen legt er sich, ohne die Lampe erst anzuzünden, in das dunkle Bett. 

In: Neues 8-Uhr-Blatt, 23.10.1924, S. 8.

Rudolf Kalmar: Unter dem Doppelgeier… Von der Börse, den Börsianern und allem was dazugehört. Zeichnungen von Fred Dolbin.

             Es ist ein frommer Brauch, den Hut zu ziehen, wenn man an der Börse vorübergeht, denn es liegt dort manches Liebe begraben: der Winter in Nizza, der Sommer auf Helgoland, das Badezimmer mit dreizehn Finessen und ein Sechszylinder mit Wasserspülung. Man träumte von diesen Dingen solange, bis die Kollegen vom volkswirtschaftlichen Teil anfingen, ihren täglichen Nachruf mit „andauernd flau“ zu überschreiben. Da wurden die Zeiten finster und bitter. Als sich die schmutzige Phantasie der Ökonomisten erst gar mit 1873 zu beschäftigen begann – in historisch-kritischen Betrachtungen und weil ihre Träger nichts besseres zu tun hatten – konnte das Ende nicht mehr fern sein.

             Gott hat es anders gewollt: die Börse steht noch immer.

             In schlichter Einfachheit lädt sie den Wanderer zu architektonischen Betrachtungen und zeigt ihm schamhaft die nackten Männlein am Dachrand. Es heißt, daß auch sie vor zwei Jahren noch eine wallende Toga besessen hätten. Wer weiß es?

                                                                                 *

             Ein Denkmal wiedergeborener Antike am Ringstraßenrand. Vom Boden an liegt eine Schicht lichter und lichter werdenden Schmutzes an dem marmorprotzenden Bau. Tritonen stechen mit goldenen Gabeln gegen die stürmende Pleite. Durch steinerne Wogen steuern Schifflein mit (wahrscheinlich) unsicherem Kurs und ein engmaschiges Drahtnetz, vor die Bogen des Atriums gespannt, hindert die Spatzen, das zu tun, was viele Börsianer schon lange getan haben.

             Just dort zwischen den dickwüstigen Säulen hat vor gut zwei Jahren ein Mann seine Höllenmaschine placiert: Konservenbüchsen mit Zündschnurzipfeln. Sie pflutschten am Abend auf, ohne Schaden zu stiften, fetter Ruß besudelte ein paar Marmorblöcke, Börsenräte kamen zum Lokalaugenschein, das Polizeipräsidium amtierte die halbe Nacht, rasende Reporter schnüffelten tagelang nach dem Attentäter und fanden ihn nicht. Er war entweder ein ganz kleiner, ein ganz ungeschickter Gauner, oder ein großer Witzbold. Noch heute sieht man einem Dachträger die Spuren von seiner Mordmaschine.

             So wenig hat sich an der Börse verändert. Nicht nur das: sogar noch weniger.

             Noch immer sitzen die Kibitze drüben im Café Wögerer, dem Fegefeuer vor dem Börsenhimmel und mimen volkswirtschaftliches Interesse.

             Man betritt die Börse (wie denn nicht) durch ein Hintertürchen und kommt zunächst nach einigem Hin und Her in einen Wartesaal dritter Klasse der österreichischen Bundesbahnen. St. Pölten, beispielsweise, doppelt genommen und frisch ausgekehrt. An graubraunen Wänden stehen biedere Bänke und langweilen sich in stiller Feierlichkeit. Wie die guten alten Ledermöbel im Rauchzimmer daneben, die im Verein mit großen Zeitungsständen das Angesicht: bürgerliches Kaffeehaus kopieren.

             Man ist prosaisch gestimmt und spricht daher von Kunst, von Musik, von Tingl-Tangl. Liest ein Feuilleton über Fritz von Unruh und wärmt alte Tratschgeschichten von irgend einer Frau Generaldirektor auf. Oder man schläft. Je nachdem. Was tuts?

             Keine Zahl schrillt auf aus dem wohlig warmen Zigarrenrauch. Nicht einmal das Erinnern an ein Bezugsrecht oder das Interesse für eine neue Emission. Egal… Man hat geruhsame Dinge im Kopf wie zur Urlaubszeit und kratzt nur manchmal unmerklich hinter dem Ohr ein wenig die Sorgen.

             Während im Saal drinnen dickflüssig und träge die österreichische Volkswirtschaft brodelt.

                                                                                 *

             Die Sensale im Schranken hocken melancholisch über ihren Büchern und kommen sich sehr überflüssig vor. Die Aufträge sind selten geworden. Man erledigt sie mit genießerischem Bedacht und malt zwischen dem ersten und dem zweiten Gähnen kunstvoll geschnörkelte Ziffern ins Register. Hie und da nur steigt – ritsche, ratsche – die Avisotafel mit einer Notiz hoch, ohne daß sich jemand darum kümmert. Hie und da putzt einer zum x-ten Maile seine Brillengläser.

             Und die Kulisse sieht zu. Man lehnt an der Mauer, lümmelt an einem Schreibtischrand, räkelt sich auf einem massiven Stockerl und stellt sich mit einem Bekannten nach dem anderen zu einer kleinen Plauderei.

             Abgerissene Redefetzen treffen das Ohr im Vorübergehen.

             „Hören sie zu: Sagt der alte Blau zur seinem Prokuristen…“

             „…die Schlanke, mit dem schreigelben Wuschelkopf…“

             „…und er bildet sich doch ein, daß das Kind…“

             „Nebbich!“

             Der Verkehrsturm in der Salgo-Kulisse ist mit Papierstreifen abgeblendet.

             Es interessiert sich kein Mensch für das ganze Brimborium.

                                                                                 *

             Endlich nach einer halben Stunde ruft irgendwo ein Kommissionär zum Geschäft. Mit gellender Stimme schreit er:

             „Ich kauf‘ zu viere… Ich kauf‘ zu viere… Ich kauf‘ zu viere…“

             Bei jedem Satz fliegt sein Arm mit scharfem Wurf durch die Luft. Trifft mit der Fingerspitze bald de, bald den. Tödliches Schweigen.

             Er kauft zu viere. Keiner rührt sich.

             Wieder platzt der Kommissionär los und geifert seinen Satz in das Gemurmel, bis ihm die Stirnadern schwellen und die Stimme kiekst. 

             „Ich kauf‘ zu viere… Ich kauf‘ zu viere… Ich kauf‘ zu viere…“

             Eine aufgeregte Hand peitscht die Luft. Die andere krabbelt nervös im Notizbuch.

             Endlich meldet sich einer: „Ich geb‘ um fünef…“

             „Ich kauf‘ um viere…“

             „Ich geb‘ um fünef…“

             „Ich kauf‘ um viere…“

Auge im Auge stehen die beiden Kämpfer // und drücken einander ihr Angebot zu. Die anderen lachen.

             „Ich geb‘ um fünef…“

             „Ich kauf um viere…“

Da zieht der Verkäufer die Schultern hoch und dreht sich gemächlich um. Es ist wieder einmal nichts gewesen.

             Schon spricht er mit einem Freund über Weihnachten am Semmering, da kreischt nach ein paar Minuten neuerlich die Stimme des Kommissärs: „Ich kauf‘ um viere…“

             Der andre schleicht langsam zu der Gruppe und lauert harmlos im Hintergrund.

             Auf einmal fährt er los, schleudert mit beiden Händen seinem Partner die Worte ins Gesicht: „Ich geb‘ um viereinhalb…“

             „Ich kauf um viere…“

             „Ich geb um viereinhalb…“

             „Gemacht… Dreimal…“

             Jeder kritzelt eine Klaue auf seinen Block. Dann verzieht man sich wieder zu den beschaulichen Gruppen.

             Schon im Abendblatt steht dann etwas von „andauernd flau, bloß kleinere Schlüsse getätigt“.

                                                                                 *

             Punkt 1 Uhr läutet eine Mistbauerglocke die Börse aus. Man notiert die Schlußkurse, telephoniert an sein Bureau um Orders und fragt zu Hause an, was es zu Mittag gibt. Sonst ändert sich nichts.

             Man kauft an der Nachbörse so wenig wie zwischen elf und eins.

             Und wenn man den vergessenen Doppeladler, der, aus alten Zeiten überkommen, noch immer einen Nebenraum schmückt, mit halbgeschlossenen Lidern anblinzelt, sieht man, wie sein Hals sich streckt, wie sein Schnabel wächst und die Augen zurücktreten.

             Jede Seite würgt einen gierigen Brocken: So wird ein altes Emblem zum Börsenzeichen: Doppelgeier.

In: Der Tag, 25.12.1925, S. 3-4.

Arnold Höllriegel: Apotheose des Fußballs.

Ein berühmter Kulturhistoriker hat die Glanzzeit der Hellenen die agonale Periode genannt; wir würden sagen: das Zeitalter der Matches. Es war die Zeit, da außer einer lächerlichen Art Völkerbund, den Amphyktionen, den großen Gedanken der hellenischen Kultureinheit überhaupt nur die zwischenstaatlichen Sportregeln der olympischen Wettspiele repräsentierten. Man datierte damals die Jahre der nationalen Geschichte ungefähr so: im ersten Jahre nach dem Sieg der Mannschaft von Uruguay. Diese Helenen, die unsere Schulmeister fortwährend als Philosophen und Künstler ausgeben wollen, waren vor allem einmal ein Volk der Sportsmen. Was Ihnen die sogenannte nationale Ertüchtigung nutzte, zeigte sich später bei dem Zusammenstoß mit den Römern, die ihre Jahre nach kommandierenden Generalen benannten und die keine Olympioniken trainierten, sondern einfach Rekruten drillten.

*

Nein, das mit der Ertüchtigung ist Schwindel und süße Ausrede. In den großen agonalen Perioden, wenn ganze Nationen vom Wettspielbetrieb erfaßt sind,  wenn der Sieg einer nationalen Mannschaft im Ballschleudern oder dergleichen zu einer, nein, zu der nationalen Sache wird, der Sport keine Angelegenheit der Sporttreibenden mehr. Als das moderne Fußballwesen aufkam, mögen vielleicht die besten Fußballer vor schlechteren gespielt haben, die alle Sportsgenossen der großen Heroen waren, wenn auch bescheidene. Heute spielen die großen, berühmten Professionalmannschaften vor fünfzig- oder sechzigtausend leidenschaftlich interessierten Zuschauern, von denen nicht der zehnte Teil jemals eine Schuhspitze mit einem Ball in Berührung gebracht hat. Wieviele von diesen Zuschauern träumen denn davon, später einmal so gut kicken zu können, wie der Uridil? Die Mehrzahl wünscht so wenig zu kicken, wie auf den Händen gehen zu können. Wenn die Jeritza singt, gibt es vielleicht ein paar angehende Sängerinnen im Parkett, aber nicht sie führen dann das große Beifallsgetöse aus. Wer sind in unseren Großstädten die leidenschaftlichsten Fußballenthusiasten? Industriearbeiter, die ihr Leben den Maschinen opfern müssen, und ferner die unentwegten Schimmytänzer, das Flaneur-Publikum der Bars und Five o‘Clocks.

Die Tatsache aber steht fest, daß in meiner Heimatstadt Wien heute die Theater leer sind und die Fußballplätze voll, daß es festliche Massenfreude überhaupt nur noch auf dem Fußballplatz gibt – und in den Tanzhallen. Es ist, als ob der große Dionysos die Köpfe nicht mehr zu beseelen wüßte, sondern nur noch die Füße. Es gab in der Weltgeschichte Kopfperioden, und Handperioden und auch Bauchperioden. Wir leben in dem Zeitalter der Füße.

*

Merkt auf: die bürgerlichen Fußballenthusiasten, das sind die gleichen Leute, die an anderen Nachmittagen die modernen Tänze tanzen oder diesen Tänzen zusehen: den eigenen oder fremden Füßen mit totenernsten [!] und gierigen Blicken folgen, während sie sich in schwierige und wenig heitere Stellungen verschieben. Die Menschen, die dies begeistert, sind die gleichen, die nur mehr mit Hilfe des Typewriters schreiben und die mit Hilfe des Autos wandern. Bürgerliche Herren der Maschinen und proletarische Sklaven der Maschinen, das ist das Fußballpublikum. Das Fußballspiel ist aber der große dramatische Protest gegen die Maschine. Hier agiert der menschliche Körper. Das Fußballspiel, das eben ein Fußball ist, ein Tanz verhält sich zu den anderen Tänzen so, wie sich in anderen Epochen die Kampftänze zu ihnen verhalten haben, jene Waffentänze, Schwerttänze, die es immer gegeben hat und wahrscheinlich immer geben wird. Aus dem Tanz hat sich einst das Drama entwickelt. Welche noch ungeahnte neue Kunstform wird einmal aus dem Ballspiel hervorgehen?

*

Ein Kampfspiel. Symbol des Krieges. Wir fechten auf den Fußballplätzen Klassen-, Rassen- und Völkerkonflikte spielerisch aus. Der vergötterte Fußballheros, der in einem Länderspiel gegen die Mannschaft des Nachbarlandes kämpft, ist nur der Nachfahr des Häuptlings, der einst mit einigen Gefolgsleuten, sagen wir: zehn Mann, einen großen Sonderkampf gegen den feindlichen Häuptling bestand, vor dem beide Herren, die erregt zusahen und „Hoppauf!“ schrien oder „Hipp, hipp!“ oder „Heilo!“ Matches dieser Art, zwischen den ernsteren Massenschlachten, hat die Geschichte immer wieder geschaut.

Der Krieg, der Haß ist, grenzt hier an den Tanz, der Liebe ist. Daher die Häufung von Leidenschaften. Daher diese unerklärliche Faszination, die von solchen Kampfspielen ausgeht. Sie packen den Menschen dort, wo er am empfindlichsten ist, als Einzelwesen, das sich jung und stark träumt, und als Kollektivwesen, das seine Rasse, Klasse oder Nation siegreich wissen möchte. Es ist im Grunde der gleiche Traum, auf zwei verschiedene Ebenen projiziert. Ein Traum von der Mannheit, den auch das Weib träumt, gerade das Weib.

*

Die Kulturgeschichte hat immer wieder solche Kollektivtänze geschaffen. Die Schwerttänze der Wilden, die Turniere der Ritter waren nichts anderes. Immer wieder aber kehrt mit bemerkenswerter Zähigkeit die Entwicklung zu einer primitiven und bedeutsamen Form des Wettspieles zurück, zum Balltreiben. Die Freude daran steckt ganz tief im Menschen, nein, in der lebenden Kreatur überhaupt. Wer lehrt junge Katzen mit rollenden Bällen spielen? Das Menschenjunge kugelt den Ball, ehe er [!] sicher auf seinen Beinen steht. Ist das der uralte Instinkt einem flinken kleinen Tier nachzulaufen, der entzückenden Maus, die so lieb ist, mit sich spielen zu lassen, ehe man sie frißt, oder steckt auch hier ein anderer Urgedanke dahinter?

Ist dieser Ball, den alle Menschen im Innersten lieben, vielleicht ein Symbol des größeren Balles, mit dem die unsterblichen Götter spielen, der runden Erde? Ist sie selbst nicht ein Fußball, den ungeheure Füße durch den Äther kicken und durch die geheimnisvollen Tore der Unendlichkeit?

*

Wo immer auf der Welt man viele Tausende von Menschen ein Ding lieben sieht, einen Brauch, gar ein Spiel, wird man ruhig annehmen dürfen, daß diese Sache dieser Brauch, dieses Spiel eben an die zwei oder drei richtunggebenden Urinstinkte der Menschenseele rührt: Nahrungstrieb, Sexualtrieb, Religion. Das Fußballspiel macht keine Ausnahme von dieser ehernen Regel. Es ist leicht, aber dumm, diese Leidenschaft der Massen mit einem snobistischen Nasenrümpfen abzutun. Wo so viel Rauch ist, muß wohl Feuer sein, ein großes mystisches Opferfeuer. Das Fußballspiel, wie jedes Massenfest, muß letzten Endes eine religiöse Angelegenheit sein. In diesem Kulttanz der modernen Zeit vereinigen sich gewißlich die großen drei Motive; niemand weiß es und jeder ahnt es. Der gejagte Ball versinnbildlicht zugleich das gehetzte Beutetier, den halbrunden Kosmos, und noch etwas anderes. Fragt die Psychoanalytiker, wie sie etwa einen Traum vom Fußballspiel deuten würden, vom Eindringen der Kugel in das verteidigte Tor!

Ein Spiel, das solche Elemente darstellt, hat man nun noch den nationalen Instinkten dienstbar zu machen gewußt, die wieder nichts sind als eine andere Erscheinungsform der einfachsten menschlichen Ur-Regungen. Wen wundert es noch, daß die Fußballwettspiele so zahllose Massen mit einer unklaren, aber erklärlichen Begeisterung erfüllen?

*

Die agonale Periode des Hellenentums hat den Sport geboren, aber auch seine Schwester, die Tragödie. Aus irgendwelchen Gründen hat, soviel wir wissen, der altgriechische Sport Wettspiele von größeren Mannschaften kaum gekannt, sondern um [!] Einzelwettkämpfe, Schwer- und Leichtathletik. Die großen Matches rivalisierender Truppen gab es auch, aber sie wurden nicht ausgefochten von kleinen Ballspieler-Banden, sondern von Schauspielertruppen, deren Captains Euripides und Sophokles hießen. Es gab ein Match Antigone kontra Iphigenie. Es waren, wie wir wissen, richtige Wettspiele mit Unparteiischen, Meisterschaften und leidenschaftlich begeisterten Parteigängern auf beiden Seiten. Diese dramatischen Wettspiele des antiken Theaters, das gar nicht viel anders aussah als ein moderner Fußballplatz, waren hervorgegangen aus den Wetttänzen und Wettgesängen rivalisierender Mannschaften, aus ursprünglichen Kampftänzen, wie sie auch dem Fußballspiel zugrunde liegen. Aus den Evoë-Chören bacchantischer Tänzer ist einmal die edelste Form menschlicher Kunst entstanden; wer weiß, was in einem oder zwei Jahrtausenden noch aus den Hurrahs werden könnte, mit dem auf den Fußballplätzen die Mannschaften einander begrüßen!

*

Eine moderne Großstadt ist nicht anders als ein Menschenhaufen zu jeder beliebigen Zeit. Viele, viele Menschen manchmal beieinander zu sehen, ist uns allen ein starkes Bedürfnis, und jede Epoche schafft festliche Vorwände für seine Erfüllung. Die gedeckten und komplizierten Theater des Epigonenzeitalters, ärmliche Nachahmungen der alten Massen-Kulturstätten, genügen dieser Menschheitssehnsucht und ungeheuren Versammlungen nicht mehr; der Verfall der Demokratie hat jene andere Form des Dramas, die bewegte Volksversammlung, uninteressant gemacht, aber der Mensch braucht immer wieder riesige, von Massenleidenschaft rhythmisch durchwühlte, in einem Einheitsgedanken zusammengeschweißte, besser noch, von zwei rivalisierenden Liebes- und Hassesgemeinschaften dramatisch belebte Kultversammlungen. Die aber gewährt dem Volk unserer heutigen Städte der Fußballsport. Er gewährt einer konfessionslos gewordenen Menge jene elementaren Schauspiele des Kultus, die nichts sind als die tänzerischen Bewegungen priesterlicher Leiber; Jünglinge mit prachtvollen Muskeln, die hier springen, dort rennen, hier die Arme heben, dort ein Symbol der Weltkugel zum Himmel schleudern, sind sie nicht die Mystagogen, die Priester, die jede Menge braucht? Sind sie nicht, was der Priester sein soll, das irdische Abbild jener Götter, die die großen rotierenden Bälle durch den Raum wirbeln lassen, nach geheimnisvollen, aber strengen Regeln, zwischen den erhabenen Toren der Unendlichkeit?

In: Der Morgen, 11.5.1925, S. 5f.

Hugo Bettauer: Die verfluchte Stadt.

             Vorwurf für ein grotesk-phantastisches Drama, das Oskar Panizza hätte schreiben können: Gottvater, erzürnt, weil ihm sein Ebenbild so wenig gelungen ist, beschließt, die entartete Menschheit tüchtig zu bestrafen und wendet sich, wie immer in solchen Fällen, an Satan. Der faßt einen echt satanischen Plan. Die Menschheit soll aus den Ebenen und Bergen haufenweise zusammengetrieben werden und so genötigt sein, zu Zehntausenden und Millionen miteinander zu leben, auf daß sie ihre bösen Eigenschaften und Instinkte gegeneinander ausleben müssen und jede ihrer schlechten Taten zur vollen Geltung kommt. Auf diese Art sind die Städte entstanden, von denen aus sich alles Übel über den Erdball ausbreitet, denn Kriege und Pestilenz, Haß und Gemeinheit, Kapitalismus und Bolschewismus, verderbte Liebe und Wahnsinn, Brudermord und Kubismus – dies und alle anderen schrecklichen Dinge haben ihre Geburtsstätte und ihren Nährboden nur in der Stadt, werden dort zu Beulen, die, wenn sie platzen, ihren giftigen Eiter über die Länder spritzen.

             Heute ist die Welt mit solchen Sammelstätten des Verbrechens und Grauens ordentlich bespickt. Da aber die Menschen klug und zäh sind, haben sie aus ihren Großstadtnöten eine Tugend gemacht, Licht, das von selbst brennt, unter- und überirdische Bahnen, Fernsprecher, Automobil und Kanäle zur Beförderung ihres Unrates erfunden und, vergessend, daß alle diese Erfindungen eigentlich Verzweiflungsausbrüche sind, höhnen sie die noch nicht in die Stadt gepreßten, die das, was sie Komfort nennen, entbehren müssen, ja, dafür keine Verwendung haben. So sind die Millionenstädte zu riesigen Maschinerien geworden, in denen der einzelne von dem Tosen der Treibriemen und dem Surren der Räder so betäubt wird, daß er gar nicht zur Besinnung seiner selbst kommt, ja es sogar als herrlich empfindet, daß man auf das fünfte Stockwerk hinauffahren kann, als wenn es eine große Errungenschaft und kein Jammer wäre, überhaupt fünfte Stockwerke zu haben. Bis von Zeit zu Zeit irgend etwas an dieser Maschine in Unordnung gerät und sich dann die ganze Erbärmlichkeit einer auf Rädern, Treibriemen und Batterien aufgebauten Existenz erweist. Wir haben jetzt eine solche Woche hinter uns, in der es sich deutlich gezeigt hat, wie furchtbar das Leben in der Großstadt an sich ist, wenn der künstliche Mechanismus stillsteht. Nur zwei Tage dauerte der Streik der Eisenbahn, der Post, des Telephons und diese zwei Tage genügten, um zu erfahren, daß man in der Millionenstadt verlassener, einsamer, hilfloser lebt, als auf der höchsten Alm. Am schwersten wurde das Telephon entbehrt. Es hab zwar zum erstenmal in der Geschichte des Wiener Telephons keine falschen Verbindungen, aber auch keine richtigen. Das Leben war einfach wie erdrosselt. Ich weiß ganz sicher, daß, wenn ich meinen Verleger anrufe, ich ihn nicht erreichen werde, weil sich die Zentrale nicht melden wird oder die Beamtin ihren schlechten Tag hat und nicht will oder weil sie mir bis zum Zerspringen ihr monotones „Besetzt bitte, leider“ ins Ohr plärren wird. Aber immerhin – die Möglichkeit der Verbindung besteht, sie kann doch gelingen und wenn ich verzweifelt das Höhrrohr abhänge, tröstet mich das Bewußtsein, daß es vielleicht später gehen oder der Verleger mich anrufen wird. So aber lebte man ins Leere hinein, zitterte bei dem Gedanken, wer weiß was zu versäumen, hatte das Gefühl, stumm geworden zu sein und hilflos wie ein kleines Kind.

             Dann kam dieser überaus sympathische Streik der Straßenbahner und die Großstadt verwandelte sich mit einem Ruck in die Hölle, die sie auch sonst ist, ohne daß man es aber immer merkt. Man stelle sich vor: Eine Stadt mit zwei Millionen Menschen und einer Ausdehnung, wie keine zweite Stadt auf dem europäischen Kontinent, ohne irgend ein ernstlich in Betracht kommendes Verkehrsmittel! Es gibt ja ungefähr dreitausend Automobile in Wien und sie sind ohnedies wie verrückt durch die Straße gejagt, aber schließlich sind es doch nur zehntauend Menschen, die von ihnen Gebrauch machen können, und zwar mehrstenteils solche, die eigentlich im Interesse des Gesamtwohls besser zu Hause bleiben würden. Die anderen aber, die arbeiten müssen, die unter dem ehernen Zwang der Jagd nach blauen und braunen Fetzen stehen, die zwar nichts wert sind, aber doch vor dem Hunger schützen, diese anderen Million Menschen stand fassungslos mitten in einer Wüste von Hitze und Staub erfüllt und mußte auf verfluchten Granitwürfeln, deren Kanten die Sohlen zerschneiden, phantastische Entfernungen zurücklegen. Wie ein Strom wogte es durch die Straßen, in der Früh dem Zentrum zu, abends gegen die Peripherie, und alle diese Männer und Frauen, Mädeln und Burschen schienen mit erloschenen Augen, Falten um den Mund, grünlich-gelbe Wangen und Wut im Herzen zu haben. Und wenn ich die Blicke sah, mit denen die schreitende Schar den vorbeirasenden Automobilen folgte, so erschrak ich vor so viel dumpfen Haß, Neid und Verzweiflung, die, auf Millionen verteilt, ungefährlich, einmal gesammelt und konzentriert, furchtbar sein können.

             Die trostlose Abhängigkeit, in der wir Städter leben, mag wohl jedem in diesen Tagen gedämmert haben. Die Abhängigkeit vom guten und bösen Willen der anderen, von einem gerissenen Treibriemen, dem Bruch eines Wasserrohrs. Zehntausend Menschen wollen mehr Lohn, als man ihnen geben will, und zwei Millionen Menschen müssen mit keuchender Lunge sich die Fußsohlen wund laufen! Eine winzige Bleisicherung brennt durch und eine fröhliche Gesellschaft muß aus dem Dunkel des Hauses auf die Straße flüchten, die Übeltat einer organisierten Mörderbande und sechzig Millionen Deutsche stehen unter der Fuchtel des Ausnahmegesetzes, ein Schutz am Peter- und Paulstag und die ganze Welt stand in Flammen. Und der Streik, der Mord, der Schutz wird immer nur in der Stadt geboren.

             Gott hat die Menschen geschaffen und der Teufel die Städte…

In: Der Morgen, 3.7.1922, S. 5.