Fred Heller: Wiener Spiegelbilder. Nachttänze

            Ein Uhr nachts. Alle Gaststätten sind geschlossen, die letzten Schlaflosen wandern nach Hause. Ein junger Mann darunter, Bankbeamter – natürlich, was sollte er denn sonst sein, möchte man sagen -, vom Familienkonzert im Café nicht allein befriedigt. Aber um ein Ihr nachts ist auch das Abenteuer bereits schlafen gegangen, die wenigen Leute, die ihm begegneten, gähnten aus aufgestellten Rockkragen hervor.

            Plötzlich, in einer kleinen Gasse, die den Heimweg abkürzte, trat dem jungen Mann ein kleiner dicker Herr entgegen.

            Gelindes Erschrecken, Griff nach der Hosentasche rechts außen. Nach der Brieftasche.

            Doch der Herr zieht höflich den Hut, sagt guten Abend, und fragt, mit den Fingern schnippend:

            „Nichts los mehr, was, junger Herr? Sie gingen gewiß noch gern zu einer kleinen Unterhaltung.“

            „O, nein, ich . . . ich gehe nach Hause.“

            „Schade!“ macht der andere. „Ich wüßt’ was ganz Exquisites. Nackttänze, junger Herr.

            Du lieber Gott, welcher junge Mann würde auf das hin nicht – wenigstens theoretisch – neugierig!

            „Wo?“ erkundigte sich das Bankbeamtchen.

            „Ein paar Schritte weit. Ich führe Sie hinauf.

            Hinauf – aha, Privatwohnung. Das war interessant. Nur eines: „Das Entree?“

            „Tausend Kronen. Und für die Adresse nach Belieben,“

Der Führer hielt diskret seine Hand hin. Offen.

            Als er seine Rekommandationsgebühr hatte, schritt er voraus.

Drei, vier Häuser weit. Vor einem unauffälligen Haustor blieb er stehen, zog einen Schlüssel, öffnete und ließ den späten (er sagte „frühen“) Gast ein.

            Im Hausflur war’s stockdunkel.

            „Leise!“ befahl der Führer. Nach ein paar Schritten aber hielt er den Besucher aus Wien zurück und flüsterte: „Bleiben Sie hier einen Augenblick stehen. Ich mache drüben im Hoftrakt Licht. Dann folgen Sie mir vorsichtig. Im Hause hier darf man ja keine Ahnung haben, Sie verstehen!“

            Der junge Mann verstand. Und stand still. Wartete mit Herzklopfen, bis drüben Licht gemacht werden würde. Doch – es wurde nicht. Es wurde nicht Licht, es wurde bloß eine Tür geöffnet, dann blieb alles still. Eine Viertelstunde lang.

            Der herausgeklingelte Hausmeister schaute den unbekannten jungen Mann groß an. Schließlich führte er ihn über den Hof zum Hinterhaus, das einen eigenen Eingang hatte, in der Parallelgasse. Den ihm beschriebenen Herrn kannte der Hausmeister nicht. Aber er verstand allmählich.

„Morgen wird ein anderes Schloß ans Haustor g’macht. Da kann ja wirklich jeder Schlosserg’sell . . .!“

            Der junge Mann hatte den Hausmeister stark im Verdacht des Einverständnisses. Er wollte sofort zur Polizei. Aber – er ging nicht. Weil er sich ein bißchen schämte. Und weil man ja nicht weiß, ob man wegen Besuches von Nackttänzen, selbst wenn sie gar nicht existieren, nicht auch noch mit Arrest bestraft werden kann.

Das Freundschaftsband.

            Der Gymnasiallehrer für klassische Philologie besaß einmal so viele Freunde, daß er sie kaum zählen konnte. Man nannte ihn allgemein einen ungemein sympathischen Menschen, mit dem zu Verkehren ein Vergnügen. Dabei vermochte der Unvoreingenommene nichts Besonderes an ihm zu finden. Er ist ein Normalmensch in des Wortes weitester Bedeutung. Von seiner Normalfigur angefangen bis zu seinem Lieblingsgespräch über unregelmäßige Verba. Doch gerade die Normalfigur war’s, die ihm so viele Freunde schuf. Ja, die Normalfigur und der dazu gehörige Frack. Der klassische Philologe besaß nämlich einen prächtigen Frack, den er selbst nie trug, dessen Existenz er aber einmal verraten, damals, just vor einem Jahr, und seither wuchs seine Freundesschar zusehends. Und wenn man so recht in freundschaftliche Gespräche vertieft war, kam stets der eine oder der andere auf den Frack zu sprechen, und das Resultat war, daß der Professor ihn dem einen oder dem anderen für eine Nacht gern leihen wollte, um ihm den Besuch eines Balles, einer Redoute zu ermöglichen; er selbst ging ja ohnehin nicht zu Tanzfesten.

            Der Frack verband das Dutzend gute Freunde mit dem Gymnasiallehrer so fest wie das innigste Freundschaftsband. Ueber den ganzen Fasching. Dann, in den Wochen darauf, bleib einer nach dem anderen aus dem Stammcafé weg. Der Professor vereinsamte mehr und mehr und schließlich stand, beziehungsweise saß er wieder ganz allein an seinem Tischchen.

            Man zeigte sich ihn, wenn von der Freundschaft die Rede war. Ein Opfer. Ein Zeuge für den Eigennutz und alle sonstigen Schlechtigkeiten der Menschen.

            Seit kurzen jedoch beginnen sich die ehemaligen Genossen der unregelmäßigen Verba wieder einzufinden. Einer nach dem anderen. Am Tisch des Professors sitzen bereits wieder sechs. Und jeder findet ihn ungemein sympathisch und nennt es eine Tücke des Schicksals, daß man so lange auf das Vergnügen verzichten mußte, mit ihm zu verkehren.

            Der Gymnasialprofessor ist aber jetzt wirklich freundlich. Er läßt alle in ihm schlummernden geselligen Künste wach werden, um seine Runde zu unterhalten. Selbst auf das Gespräch über die unregelmäßigen Verba hat er verzichtet, um das Freundschaftsband von einst – über das bisher taktvoll jede Bemerkung vermieden worden ist – durch seine inneren Werte zu ersetzen. Denn den Frack – o über den Augenblick, da es herauskommen wird! – den Frack trägt sein drei Vierteljahren der Oberkellner. Derselbe, der die neue Freundschaftsrunde bedient.

Causa X.

            Zu einem der ersten Wiener Rechtsanwälte kam ein Mann, einen Rechtsfall vorzutragen. Er versicherte den Advokaten seines besonderen Vertrauens, da man ihn ihm sehr warm empfohlen hätte. Daraufhin erzählte er den Fall.

            Es war eine verworrene Erbschaftsgeschichte. Der Großvater hatte, so berichtete der Klient, zweimal geheiratet, und da hätten sich dann seine Kinder aus erster Ehe mit den Kindern, welche die zweite Frau, eine Witwe, in die Ehe brachte, verheiratet. Von einem dieser beiden Paare sei er ein Sohn. Vor einem halben Hagre nun war der Großvater gestorben und hatte ein außerordentliches Vermögen hinterlassen. Es stritten sich jetzt die verwickelten Verwandtschaftsverhältnisse um das Recht des Anteils, um das teilweise auch testamentarisch verteilte Vermögen herum.

            Der Rechtsanwalt notierte die Daten. Er fragte mancherlei, denn es war mancherlei nicht gleich klar und dem Klienten schien die Angelegenheit sehr zu Herzen zu gehen, so nervös war er. Es schien ihm die Information reichlich lang zu dauern.

            Aber endlich erklärte sich der Advokat, der ja, wie gesagt, eine Leuchte in seinem Fach war, hinlänglich informiert und er zweifelte scheinbar auch nicht daran, daß der Sohn der Tochter und des Stiefsohnes seiner Großmutter sowie des Sohnes und der Stieftochter seines Großvaters ein durchaus berechtigter Erbe sei.

            Der Klient legte die geforderten Dokumente vor und unterschrieb die Vollmacht. Dann reichte er dem Rechtsanwalt als Vorschuß auf die Expensennote dreißigtausend Kronen, ohne Widerrede, ja geradezu mit Zuvorkommenheit.

            Hierauf ging er.

            Er hatte eine noble Art, die Tür zu schließen. Beinahe unhörbar. Ein feiner Mensch!

            Der Rechtsanwalt schrieb sofort die nötigen Briefe. Das Diktat dauerte allerdings viel länger als fünf Minuten. Der Doktor mußte nämlich zu Gericht. Er hatte es eilig. Und überdies ärgerte es ihn, daß er von dem so überaus bereitwilligen Klienten nur dreißigtausend Kronen Vorschuß verlangt hatte. Noch mehr ärgerte er sich jedoch, als er im Vorzimmer seinen kostbaren Stadtpelz nicht fand.

            Fort war er. Gestohlen. Von dem überaus bereitwilligen Klienten. Der sich den Spaß mit dem Pelz, der zweieinhalb Millionen wert war, bereitwilligst dreißigtausend Kronen hatte kosten lassen.

In: Neues Wiener Journal, 08.01.1922, S. 4.

Ludwig Hirschfeld: Das Wiener Leben ein Fiebertraum. Eine Influenzaphantasie

            Ab und zu ein bißchen krank sein, das ist heute der Gesundheit sehr zuträglich. Miserabel fühlt man sich jetzt doch nur, solange man gesund ist, seinen Mitmenschen, den behördlichen Einfällen, dem Telephon, den Preisen und Tagesereignissen hilflos ausgeliefert. Im Moment, wo man sich aus diesem überreizten und stark überzahlten Wiener Leben zurückzieht ins Privatleben eines Krankenzimmers, wird das alles sofort ganz belanglos. Wenn man dann hustend und in nasse Wickel eingepackt im Bett liegt, fühlt man sich wohl und geborgen, und wenn der Hausarzt sagt: „Sie müssen mindestens acht Tage liegen,“ da hat man nach langer Zeit wieder einmal das herrliche Gefühl: Es kann dir nix g’scheh’n.

            Darum war ich auch hocherfreut, als sich zur rechten Zeit eine kleine Influenza einstellte, gerade als ich vor allerlei lang hinausgeschobenen schweren Entschlüssen stand: einen Stoff für einen neuen Frühjahrsanzug aussuchen, das Einkommen für das Steuerbekenntnis zuschneiden, die Sommeraufenthaltsrechnung ohne den Wirt machen, zum Entzweiungsrendezvous und zum Zahnarzt gehen. Diese ganzen Frühjahrssorgen sind eines schönen, fiebernden Morgens vertagt und erledigt, wo einen der Hausarzt mit Influenza ins Bett schickt. Aber es war diesmal nicht das Richtige. Es hat die apathische Stimmung gefehlt, die sonst ein Krankenzimmer behaglich erfüllt. Wie überflüssige und lästige Krankenbesuche haben sich die Wiener Tagesereignisse und Neuigkeiten hereingedrängt, mich behelligt und irritiert. Wie das jetzt schon so ist, bringt jeder ein Stück Tagessorgen von draußen herein. Der Hausarzt konstatiert besorgt, daß mein Puls lebhaft und die Börse matt ist, die Bedienerin und die zur Aushilfspflege herangezogene Hausbesorgerin laben mich mit den letzten Teuerungen. Außerdem blättere ich zwischen zwei Schwitzkuren die Zeitungen durch und weiß zum Schluß nicht mehr genau, was ich eigentlich gehört und gelesen habe. Es scheint gerade jetzt enorm viel vorzugehen, Reformen und Neuerungen von umstürzender lokaler Bedeutung. Oder kommt es nur mir in meinem konfusen Fieberzustand so vor? Träume ich, oder habe ich, ohne es zu wollen, eine expressionistische Komödie des heutigen Wiener Lebens verfaßt? Soweit ich mich noch erinnern kann, sind darin folgende Personen vorgekommen:

  • Der Patient
  • Der Hausarzt
  • Die Hausbesorgerin
  • Ein kommunaler Würdenträger
  • Ein Magier, der sich in den Steuervorschriften auskennt
  • Der Gaskassier
  • Der Elektrizitätskassier
  • Ein Einbrecher
  • Ein Schleichhändler

            Das sind die handelnden Personen der Fieberkomödie, die als zeitgemäße Figuren natürlich nicht mit sich handeln lassen, sondern auf ihren Forderungen unerbittlich bestehen. Der passive Held ist der Patient, womit natürlich nicht gerade ich gemeint bin, sondern der Wiener im allgemeinen und der Mittelständler im besonderen.

            Die erste Szene spielt sich zwischen dem Patienten und dem Hausarzt ab, der eben von einem Riesenthermometer die Temperatur abliest: „140 Grad.“ – „Um Gotteswillen, Herr Doktor, das ist doch nicht möglich. Sie meinen wohl 40 Grad.“ – „Das war einmal im Frieden. Wo alles so stark gestiegen ist, sollen gerade die Fiebertemperaturen nicht gestiegen sein?“ – „Werde ich da überhaupt davonkommen?“ – „Ausgeschlossen. Schon deshalb nicht, weil Sie ein unbescholtener, korrekter Oesterreicher sind. Ja, wenn Sie ein ausländischer Valutenschieber wären, da würden Sie bestimmt davonkommen. . . . Gurgeln Sie fleißig und kaufen Sie sich Juli-Süd. Zum Schwitzen brauche ich Ihnen nichts zu verordnen. Lesen Sie nur die letzten Nachträge zur Personaleinkommenssteuernovelle. Das genügt.“

            Er läßt mich richtig allein mit meinen Steuersorgen. Weiß Gott, wieviel Fatierungstermine ich da im Bett versäume. Der Angstschweiß bricht aus. Kann mir denn niemand raten und helfen. . . . Aus dem Dunkel der Ofenecke löst sich eine sonderbare Gestalt ab: ein uralter Mann, kahlköpfig, mit einem langen, grauen Bart und in einem wallenden Mantel gehüllt, der mit lauter Paragraphenzeichen und Verordnungszahlen gemustert ist. „Wer sind Sie denn? – „Ich bin der, der die letzten Steuervorschriften versteht.“ – „Dann sind Sie kein irdisches Wesen und zur Erteilung von Steuerauskünften nicht konzessioniert.“ Unbekümmert zieht er aus seinem Mantel endlose Bogen von hoffnungslos gelbgrauem Amtspapier hervor und murmelt dabei: „Gesetz vom soundsovielten, Novelle, Nachtragsverordnung, Durchführungsbestimmung.“ Und dabei beginnt er, mich in die Bogen einzupacken wie in einen Stammumschlag. „Um Gotteswillen, lassen Sie mich doch zuerst lesen. Ich muß ja bis 15. Mai fatieren. Er schüttelt den kahlen Kopf: „Alles längst veraltet. Bis Sie gesund sind, gilt das nicht mehr. Das hat alles nur den Zweck, Ihnen warm zu machen.“ Und er wickelt mich immer weiter ein, bis ich mich gar nicht mehr wie ein Mensch fühle, sondern wie ein papiergewordenes Steuersubjekt, und läßt mich hilflos liegen.

            Matt und gebrochen erwache ich aus meinem Angsttraum und sehe die Hausbesorgerin an meinem Bett stehen und neben ihr einen verdächtigen Burschen. „Was bringen S’denn, Frau Schebesta?“ Wie einen Dolch zieht sie aus ihrem Busen einen Haustorschlüssel hervor und reicht ihn mir. „Was soll ich denn damit?“ – „Das Sperrsechserl ist abgeschafft worden. Sie kriegen Ihren eigenen Schlüssel und können nach Haus’ kommen wann und mit wem Sie wollen. Es geht mich leider nichts mehr an.“ Ist die Welt aus den Fugen oder bin ich wirklich ernstlich krank. . . . „Und wer ist denn der Herr?“ – „Bitt’ schön, das ist unser ständiger Einbrecher. Jetzt, wo sich jeder hergelaufene Kerl einen Haustorschlüssel verschaffen und einbrechen kann, kriegt jedes Haus seinen Einbrecher zugewiesen, damit eine Ordnung ist. Und bitt’ schön, dann möchte ich auch gleich vom Reinigungsgeld reden. Es wird jetzt nach der neuen Vorschrift ganz anders berechnet: die Zahl der Fenster plus der Zahl der Stufen zur Wohnung mal Regentage und schmutzige Füss’. . . .“

            Bevor ich der sinnreichen Rechnung noch folgen kann, läutet es draußen heftig. Der Gaskassier tritt ein, sonst sehr liebenswürdiger Herr, heute sieht er streng und drohend drein: „Ich erteile Ihnen einen amtlichen Verweis. Sie haben im abgelaufenen Monat bloß 29 Kubikmeter Gas verbraucht.“ – „Mehr zu verbrauchen, war doch streng verboten?“ – „Natürlich, aber geduldet war es längst. Haben Sie das nicht bemerkt? Und Sie wollen ein echter Wiener sein? Schämen Sie sich nicht? Daß Sie mir von nun an mehr Gas verbrauchen. Baden und waschen Sie sich so viel Sie wollen. Nur keine Schmutzerei. Das Sparen hat aufgehört, wo die Kohle ohnehin so teuer ist.“ Und dann verwandelt er sich in seinen Kollegen, den Elektrizitätskassier: „Warum brennen Sie denn so eine lumpige Sechzehnerlampe? Verwenden Sie Fünfziger oder meinetwegen Bogenlampen, wie sie jetzt in allen Straßen eingeführt werden. Wir brauchen ein Elend bei festlicher Beleuchtung. Die Welt soll sehen, wie schlecht es uns geht.“ Und plötzlich verwandelt er sich wieder, diesmal in einen kommunalen Würdenträger. Ich weiß nicht, wer er ist, aber er sieht sehr wohlgenährt und gesinnungstüchtig aus. Er hält mir ein Päckchen Straßenbahnfahrscheine unter die Nase: „6 Kronen 50 Heller im Vorverkauf. Nicht der Mühe wert. 7 Kronen ist doch auch kein Geld. Wem kommt es heute auf 2 Kronen mehr an? Wenn Sie sich dazu noch eine Reiseunfallversicherung kaufen, können Sie nach zwei bis drei Straßenbahnfahrten ein reicher Mann sein. . . . Nächstens werden Sie vielleicht schon um 20 Kronen bis Mitternacht fahren können. Dann können Sie auch bis 1 Uhr im Gasthaus sitzen, bis 2 Uhr im Kaffeehaus. Das Nachtleben muß wieder amtlich eingeführt werden, das Wiener Leben bei Tag heißt ohnehin nichts. Bisher hat die Gemeinde ihren Bürgern bloß Sorgen gemacht, jetzt wird sie ihnen auch schlaflose Nächte bereiten. . . .“

            Nein, diese wüsten Gesichte halte ich nicht länger aus. Wie komm’ denn ich mit meiner Influenza dazu, die Gemeindefinanzen in Ordnung zu bringen? Wo ich ohnehin schon ganz verschmachtet bin. Jetzt wär’ eine kleine Erfrischung gut, am besten eine Orange. . . . Kaum gedacht, ist schon eine Hand da und darunter eine Orange, bereits geschält und zerteilt. Die Hand ist nicht sehr sauber, aber die guten Sachen kriegt man ha immer nur unter solchen Händen. Ich kenne sie gut, es ist die Hand meines Schleichhändlers, er selbst bleibt wie immer rätselhaft dunkel und unsichtbar und sagt verlockend: „Die Spalte 20 Kronen.“ Eine Spalte kann ich mir schon leisten. Ah, das tut wohl . . . noch eine. „Dreißig Kronen.“ Die nächste 40 und jede mehr als die vorherige. „Was ist denn das für eine Orange?“ – „Das ist überhaupt keine Orange. Das ist der Preisabbau, mit dem die Regierung jetzt das Gremium der Schleichhändler betraut hat. . . . Wenn der Herr vielleicht Würfelzucker braucht – oder ägyptische Zigaretten, garantiert von Derbysiegern. . . . Das Stück 5 ungarische Kronen, andere nehm’ ich nicht. . . .“ Und dann wird es dunkel, ich weiß nicht mehr, was Valuta ist und habe offenbar das Bewußtsein vollständig verloren. . . .

            Nach endlosem Schlaf erwache ich spät am Vormittag, matt und zerschlagen, aber fieberfrei. Gott sei Dank, alles war nur wüster Fieberspuk, nur böser Traum und sinnloses Delirium. Der Hausarzt kommt, ist sehr zufrieden mit mir und sagt: „Zwei, drei Tage bleiben Sie noch vorsichtshalber zu Hause. Dann dürfen Sie ausgehen. Ich kann Sie schon heute gesund entlassen.“ Langsam begehe ich meine Auferstehung, zögernd kehre ich wieder ins tägliche Leben zurück, zu den Bekannten, zum Telephon, zum Beruf, in die Straßen und zu den Tagesneuigkeiten. Aber ist denn das . . . ich bin doch fieberfrei . . . alles ist ja genau so, wie ich’s geträumt habe. Was ich für wüste Fieberphantasien gehalten habe, ist wüste Wiener Wirklichkeit, wie sie sich in den letzten Wochen zusammengedrängt hat. Es lohnt sich jetzt wirklich nicht, krank zu sein und Fieber zu haben in einer Zeit, wo die Wirklichkeit alle Fieberphantasien an Konfusion und Unwahrscheinlichkeit überbietet. Und ich habe mich schon lang nicht so miserabel gefühlt, wie an dem Tag, wo ich wieder gesund ins Wiener Leben entlassen wurde.

In: Neue Freie Presse, 24.04.1921, S. 10-11.

Franz Theodor Csokor: Ballade von der Stadt. Eine Vorbemerkung

Der Versuch, ein kollektiv gedachtes Drama ins Hörspielmäßige zu formen, wird hier gewagt. Gerade das kollektive Drama wäre ja wie kaum ein anderes zum Hörspiel vorbestimmt, da es ja auch durch das gewaltigste Kollektivmittel, den Sender, verbreitet wird. Doch erhebt seine Gestaltung in solchem Sinne besondere Ansprüche, die sich von einer bühnenmäßigen Interpretation scharf scheiden. Die Urelemente eines Hörspiels: Verwiesenheit auf das Wort, Bestimmung des Schauplatzes durch akustische Mittel, Übertragung der optischen Räumlichkeit in eine akustische, zu der das Ohr als als räumlich denkendes Organ erzogen werden müßte, architektonische Stufung der Vorgänge durch musikalische Cäsuren, die zugleich den Vorhang des Theaters ersetzen [‚Tonvorhang‘], Verflechtung psychologischer Rezitative und Leitmotive zur Verdeutlichung der Geschehnisse, und Lösung der notwendigen Geräusche vom zufällig Naturalistischen ins stilhaft Schicksälige, all das fordert, daß dem Text eine Art Partitur1 beigegeben sei, die ihm Satz um Satz begleite. Für die Wahrnehmung des Schauplatzes hier herrscht Einheit des Ortes, der nur seine Züge in dem mehr als ein Jahrtausend umfassenden Ablauf des Werkes vollendet, – griff der Verfasser zu der Figur des „Ansagers“, wie er auch im Kollektivdrama der Mysterienspiele, im Hans-Sachs-Stück und als „aboyeur“ der „Beller“ bei der französischen Komödie heimisch war. Mit einer der Dichtung angeglichenen gebundenen Strophe gibt er jeweilig die erforderlichen Erläuterungen über Szene und Vorgang in einer geistigen Synthese aus beiden.

             Nun zu den Vorgängen: Ursprung, Wuchs, Blüte, Gipfel, Verfall und Untergang einer Riesenstadt über dem Giftkeim des Goldes, also ein von Gier nach Macht und Besitz gestacheltes Werden, ausgedrückt durch die an dem Goldschacht aufwachsende Stadtmauer über dem bleibenden Schauplatz des Werkes, ist das Motiv der in balladesker Verkürzung geschürzten Handlung. Den Gegenspieler macht der Uralte, das ruhige, für alles Lebende gerechte und gleichmäßige Sein der Erde, die Frucht und Freude für jedermann hätte, wäre nicht Wahn und Hast jenes Werdens mit seinem wuchernden Kampf um das Gold. Der Uralte, – er ist die Erde selbst, die in sich Kraft und Willen hätte zu einem künftigen Paradies, das nicht erst jenseits des Lebens liegt, würde der Mensch sie nicht nur als Wert und Besitz begreifen wollen.

             Eine Art Calderonsches Welttheater also ist // dieses Stück, nur ohne eigentlichen ‚deus ex machina‘; die Lösung heißt hier; der höhere Mensch! Mensch in Gemeinschaft und Arbeit so streng gegen sich, als drohten noch alle Höllenstrafen, aber aus sich so, um des Menschen willen, stets inne der heiligen Einmaligkeit des irdischen Lebens, das befreit sein muß von aller Zweckversklavung zugunsten Einzelner. Das ist das Ziel, wie es das letzte Bild dieses Werkes aufreißt; es steht damit in Antithese zu dem Beginn.

             Im Anfang fährt das Gold im Blitze zur Erde nieder und weckt den Uralten als Wächter. Aber das Unheil muß ausreifen, wie alles. Ein Menschenpaar in bäuerisch mythischer Urzeit findet das Gold und umarmt sich über ihm, der Wurzel der Stadt, die von da ihren Ursprung nimmt. Doch beide, die nun mit dem Mauerbau beginnen, erfreuen sich nicht lange ihrer Macht; von ihren Knechten werden sie getötet. An der Mauer geraten die beiden Mörder in Streit; der eine erschlägt den andern und wirft sich zum Despoten auf. Er möchte die Mauer bis an den Himmel heben und über die ganze Erde herrschen kraft seines Goldes. Als er die ihm von der Natur gesetzten und durch den Uralten verkündeten Grenzen seiner Macht erkennt, will er sich auch ihrer Zeichen begeben, –  aber die Menge, die er sich selbst zu Sklaven gezüchtet hat, zerreißt ihn im gleichen Augenblick, da er die Geißel über sie zerbricht. Die früheste Äußerung der Massenherrschaft, die über ihn gesiegt hat, wird, ehe sie sich ihrer bewußt ist, von den eben so einfachen Urformen des Unternehmertumes, den Herren der Elemente, mit dem Symbol des geheiligten Königtums gebändigt. Das Bündnis von Krone und Gold erweckt den Krieg, und durch ihn gerät mit dem Sturz des Königtums der alte noch im Ständewesen fußende Reichtum in eine Krise. Die Revolution gärt auf, befehdet von der Gegenrevolution, – es ist eine Revolution, die noch um die Macht in der Stadt geht, nicht um die Befreiung des Menschen; sie, die auf dem verdorbenen Grunde des Goldes sich entzündet hat, führt mit unabweislicher Notwendigkeit die nackte Plutokratie herbei, die Herrschaft des Händlers. Die Menschheit der Stadt, nun selbst zur ruhelosen Maschine geworden, erliegt der Despotie ihrer Mittel.

Der Kampf um das Gold geht in rücksichtslosester, durch keinerlei Traditionsehrfurcht mehr gehemmter Art weiter. In der Figur des Händlers ist der neue Reichtum erstanden, in dessen Anfang nicht einmal mehr die eigene Arbeit wirkt wie den früheren Herren der Elemente, sondern die mühelose geschickte Ausnützung und Vergleichung von Angebot und Nachfrage. Das führt zu noch tieferer Versklavung; die Mauer hinter dem Goldschacht wird schließlich zu einer riesigen Klagemauer, an der die rettungslos an das Gold verhaftete Menge sich wütend die Fäuste wund schlägt, um so, – sei es auch über den selbstmörderischen gemeinsamen Untergang, – ins Freie zu gelangen. Verkündiger solcher stets schicksalshafter begehrter Zerstörung wird ein Schreiber, dessen Berufung zum Dichter an der Stadt verdorrte, und ein im Goldbergwerk irrsinnig gewordener Roboter des Reichtums. Der Schreiber erkennt im Sehergeist seines verstümmelten Künstlertums den Uralten, der durch alle Geschehnisse gewandert ist, als den letzten über die Stadt: Die Erde selbst schaut er in ihm, die Erde, die nach langer Duldung üb er der verkrampften Unnatur einer unlösbar dem Gold verdingten Gemeinschaft zusammenschlägt, angerufen von jener Gemeinschaft selbst, die ihres Daseins überdrüssig geworden ist. Eine furchtbare Katastrophe schlagender Wetter, die sich der Irre entfesselt zu haben rühmt, zermalmt die Stadt und alles, was in ihr lebte, also zu schwach für wirkliches Leben wurde. Und die Stimmen aller, die an der Stadt gestorben sind, mengen sich in diesen Untergang. Und wieder wird Acker wie zu Beginn. Wieder steht ein Menschenpaar darauf, Mann und Weib, dieses Mal Pioniertypus des neuen Menschen, des tektonischen, der sich jetzt Glied einer höheren Gesamtheit fühlt als einer durch Gold und Stein verpflichteten. Wieder findet die Frau das Gold, aber sie wirft es von sich. „Euer Siegt!“ ruft es ihnen aus dem Dickicht zu; dort entdecken sie den Uralten, wie im Schlafe liegend. Sie berühren ihn und er zerfällt zur Erde, die er ist, denn sein Hüteramt ging jetzt zu Ende mit der Absage der beiden an das Gold. Die neue Stadt braucht nicht Stein noch Erz zu ihrem die Welt umspannenden Bau. Hände, die einander fassen, sind ihre Mauer; Herzen, die einander finden, sind ihre Gassen; Geist, der sich brüderlich erkennt, ist ihr Gold. Und die Dinge sind ihnen untertan, nicht zu Gewalt, Schlacht und Mord, – sondern zu wechselseitiger Hilfe.

             Dies der Sinn meiner Dichtung, die so um einen sozialethischen, also von welcher Weltanschauung immer: kollektiv gebotenen Ausklang bemüht ist.

In: Radio Wien, 15.2.1929, S. 328-329.

  1. Alle im Text kursiv ausgewiesenen Stellen sind im Original gesperrt gedruckt.

Karl Tschuppik: Die Plakatwand

In der Wiener Invalidenschule, wo die Opfer des Krieges im Gebrauch ihrer verstümmelten Glieder unterwiesen werden, hat kürzlich einer der Lehrer an die Invaliden die Frage gerichtet, ob sie wohl wissen, wofür sie ihren gesunden Körper geopfert haben. Die Antworten, welche der Lehrer erhält, sind in mehrfachem Sinne beachtenswert; ein Teil der Invaliden gab einfache und richtige Antworten, ungefähr des Inhalts, daß der Einzelne nicht dazu gekommen sei, sich Rechenschaft über sein Verhältnis zum Kriege zu geben, da alle einer Macht zu gehrochen hatten, gegen welche der Einzelwille sich nicht aufzulehnen vermochte. Neben dieser schlichten und klugen Erwiderung finden sich jedoch weit mehr Erklärungen, aus denen zu ersehen ist, daß das alte Denken selbst unter den Kriegsopfern fortlebt, Erklärungen, die an Stelle einer individuellen Anschauung ein Wort oder mehrere Wörter aus dem reichen Arsenal der ehemaligen Kriegsphraseologie setzen. So schreibt ein treuherziger Mann, es sei „um die Ehre des Vaterlandes“ gegangen; ein anderer antwortet, „in der Not“ habe der Soldat zu folgen; ein dritter meint sogar, „Krieg müsse sein“ usw.

Das kleine Beispiel ist darum interessant, weil es die unglaubliche Fertigkeit der politischen Schlagworte und verkrusteten Wortbilder aufzeigt. Und es ist doppelt interessant bei Opfern des Krieges, von denen man annehmen müßte, daß sie durch das persönliche Erlebnis zu einer freieren, menschlicheren, voraussetzungsloseren Betrachtung der Dinge gekommen seien. Tatsächlich jedoch ist die Macht pathetischer Wortbilder weit größer, als man gemeinhin annimmt. Wenn man es sich recht überlegt, begnügt sich die Mehrzahl der Menschen, sobald sie den Kreis ihrer nächsten Angelegenheiten verlassen und eine Beziehung zur Allgemeinheit suchen, mit Wortbildern; sie stellen ihre ursprüngliche Art, die Welt zu sehen, gänzlich zurück und akzeptieren ohneweiters jedes geschwollene Wort der politischen Terminologie. Wer die Geschichte der letzten Jahrzehnte des alten Österreich daraufhin untersucht, der wird finden, daß die Wirklichkeit, wie sie war, niemals in Erscheinung getreten ist; die Politiker hatten zwischen ihr und den Gehirnen eine Wand errichtet, die mit pathetischen Worten tapeziert war. Die österreichische Wirklichkeit war das umgekehrte „Ding an sich“. Liegt in der Erkenntnistheorie Kants hinter der Erscheinung das mysteriöse „Ding an sich“, so lag in der österreichischen Welt die Wirklichkeit hinter der Tapetenwand der Abstraktionen. Das wirkliche Österreich war wohl sinnlich wahrnehmbar, mit den Augen zu sehen, mit den Ohren zu hören, mit den Händen zu greifen, aber die Menschen dieser Wirklichkeit ließen sich von der Tapetenwand düpieren.

Was ging uns, im Grunde genommen, diese Plakatwand an? Hatten die Menschen ihre Bestimmung, ihren Daseinszweck vergessen? War ihr Auge blind geworden für Sonne, Mond und Sterne? Hatten Wiesen, Wälder und das Blau des Himmels ihre Farbe verloren neben den Klexereien der Papierwand? Woher kommt es, daß die Sinne und die ursprünglichen Fähigkeiten durch Wortbilder zurückgedrängt werden können? Der Verlust der Naivetät, die Einbüßung der natürlichen Gabe, sich auf dem kürzesten Wege mit der Erscheinungswelt in Kontakt zu setzen – dieser Verlust ist offenbar das Werk langer Jahrhunderte, während welcher die Büttel und Autoritätshüter, Kirche, Staat, Schule und Polizei, den natürlichen Menschen in den Untertan verwandelt haben. Die Bereitschaft, an Stelle des natürlichen Bildes ein von irgendeiner Autorität empfohlenes oder befohlenes Wortbild zu setzen, ist eine anerzogene, oder, wenn man so sagen darf: angeprügelte Eigenschaft. Und es ist jedenfalls kein Zufall, daß die Empfänglichkeit für pathetische Wortbilder mit allen ihren furchtbaren Folgen bei keinem Volke so groß ist, wie bei den Deutschen.

Die Deutschen sind das Volk der unglücklichsten Geschichte. Die Verfälscher der Wirklichkeit haben auch die deutsche Geschichte gefälscht; seit dem Ende des deutschen Liberalismus zumindest, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also bis auf unsere Tage, haben die offiziösen Geschichtsschreiber der borussischen Schule kein anderes Ziel gekannt, als die traurigen Tatsachen der denischen Geschichte in das verlogene Rampenlicht, der borussischen Geschichtsauffassung zu stellen. Der begabte Fälscher war darin zweifellos Heinrich von Treitschke, dem freilich der mildernde Umstand zugute kommt, daß er, mehr Dichter als Historiker, von der Wahrheit seiner Dichtung überzeugt war. Aber selbst ein Mann wie Karl Lamprecht, der in den zwei ersten Bänden seiner großangelegten deutschen Geschichte sich sehr ernst um die Aufhellung der deutschen Vergangenheit bemüht, selbst Lamprecht fiel dem allgemeinen Laster des Lakaitums zum Opfer und erfand im letzten Band einen eigenen Begriff, den Begriff der „Reizsamkeit“, um die Darstellung des nach dieser Erfindung benannten Zeitalters in eine Apotheose auf den göttlichen Repräsentativmann dieses Zeitalters, auf Wilhelm II., ausklingen lassen zu können.

Man wird diesen despektierlichen Bemerkungen vielleicht den Einwand entgegensetzen, daß jedes national fühlende Volk seine eigene Geschichte verherrlicht und sich dabei nicht an die Wahrheit gehalten habe. Das mag bis zu einem gewissen Grade richtig sein; aber es ist bei dieser Verherrlichung nicht gleichzeitig, was verherrlicht wird. Zweifellos hat, um nur dies Beispiel anzuführen, die Glorifizierung der großen Revolution den Franzosen geistig weniger geschadet, als jener Untertanendrill deutscher Professoren, der das Deutsche Reich als das Werk der herrlichen Dynastie darzustellen nicht müde wurde, Auf jeden Fall hat die durch viele Jahrzehnte betrieben Erziehung des Volkes im Sinne einer unbedingten Autoritätsverehrung zur Beherrschung der Köpfe durch Begriffe und weiter zur Verkrustung dieser Begriffe wesentlich beigetragen. Es war unter gewissen Schichten des deutschen Volkes ganz unmöglich geworden, über Dinge des täglichen Lebens, über Ereignisse und Einrichtungen des Landes voraussetzungslos, naiv, sprechen zu können. Nicht die Paragraphen des Strafgesetzbuches – die zu Wortbildern verkrusteten Begriffe verhinderten jede natürliche Aussprache. Der „Kaiser“, das „Vaterland“, die „Armee“, die „deutsche Wissenschaft“, der „Pflichtbegriff Kants“ – die deutsche Plakatwand war mit einer Unzahl solcher Worte beklebt, die einfach als heilige Dinge hingenommen wurden. Die österreichische Terminologie war bescheidener, ihr fehlte der große pathetische Atem, dennoch – wie viele Gehirne wurden mit Worten verkleistert wie: „die Belange“, „schimmernde Wehr“, „der welsche Feind“, „Österreich wird ewig stehen“, „Radetzky“, „Prinz Eugen“ usw. …? Es gibt noch immer altösterreichische Staatsphilosophen und Historiker, die den Untergang Österreich auf alle möglichen mysteriösen Ursachen zurückführen, dabei aber den einen, wahren, einfachen Grund nicht sehen: die Unwirklichkeit dieser verstorbenen Größe, die groß war nur auf der Wand der pathetischen Plakate. Kein Wunder aber, daß gerade diesen Schattenösterreichern jedes Verständnis für das wirkliche Österreichertum fehlt, welches so wirklich und lebendig war, daß es noch nach Österreichs Untergang fortlebt.

In: Prager Tagblatt, 1.2.1921, S. 2.

e.f. [Ernst Fischer]: Stadt im Licht

Lichtreklame.

            Licht überschäumt die großen Boulevards mit roten, grünen, gelben und violetten Trunkenheiten, die Fassaden der Warenhäuser blühn durch die magische Nacht der Stadt wie ungeheure Orchideen, phantastische Lilien, abenteuerliche Magnolien, springen wie silberne Brunnen in den Himmel empor, leuchten wie Freudenfeuer über die Plätze hin. Tausende stehn und staunen, warten entzückt auf jede neue Verwandlung des riesigen Flammenspiels, genießen die ewige, alle Kreatur erfüllende Lust am Licht. Wie gern sie sich selber beschwindeln, die klugen, vernünftigen Menschen, wie gern sie sich selber beweisen wollen, das Zweckhafte, Nützliche, Rationelle sei es, was ihr Tun und ihr Schicksal bestimme: diese brennenden Blumen, diese funkelnden Fontänen, diese gigantischen Glanzgirlanden – alles nur Lichtreklame, alles nur maskiertes Geschäft, alles nur entfesselter Kommerz. Wirklich nicht mehr, wirklich nur ein wohlüberlegtes Manöver, um Käufer anzulocken, wirklich nicht das wunderliche Verlangen der Menschheit nach dem Pathetischen, Lodernden, Ueberflüssigen?

            Gewiß: die Reklamechefs der Warenhäuser werden lang und breit den Beweis erbringen, daß diese großzügige und kostspielige Propaganda rentabel sei und die Kauflust steigere, und man wird sich das einreden lassen, man wird argumentieren, daß jeder Kaufmann sich hüten werde, so viel Geld zu investieren, ohne daß es sich lohnt. Ich bin kein Kaufmann, ich kann das nicht beurteilen, aber ich bin überzeugt, daß das eine Selbsttäuschung ist. Romantik, als Geschäftsinteresse kostümiert. Ich halte die Besitzer der großen Warenhäuser nicht für Romantiker, aber der Wille zur Prachtentfaltung, zur großen Gebärde, zur majestätischen Geste wirkt auch in ihnen und treibt sie in Experimente hinein, die kaufmännisch kaum zu rechtfertigen sind, verwandelt sie, ohne daß sie es wollen, in Mäzene, die verschwenderische Schauspiele geben, in Zauberer, die einen nächtlichen Platz mit orientalischen Märchen überschwemmen.

            Die Technik wird zur Legende: man träumt in dieser Stadt, die von Lichtorkanen durchbraus ist, unter diesem Himmel, durchblutet von rote Reflexen, verwirrende Träume. Man verleiht sich in solchen Träumen die Macht eines Götersohnes [sic!] (der Reichtum eines amerikanischen Oelmagnaten genügt), um für eine geliebte Frau alle Boulevards, Avenuen und Plätze zu illuminieren, alle Türme in Flammenkonturen aufzulösen, die Stadt in ein Chaos von Sternen und und Rosen zu verwandeln. Lichtreklame für die Liebe, für die Seele, für jeden Herzschlag und für jeden Atemzug! Lichtreklame, Lichtreklame…! Wenn der Kapitalismus, die Konkurrenz der Warenhäuser zu solchem übermenschlichen Schauspiel sich steigert, in solchen Scheiterhaufen von allem Schmutz sich befreit, wie muß die Menschenseele lodern und leuchten in diesem wilden und ungestümen Jahrhundert, um die Menschen in einen heiligen Lichtrausch zu stürzen, emporzureißen!

            Lichtreklame für die Seele…! Mitten unter den grellen Orchideen und riesigen Silberbrunnen hängt eine zarte und blasse Scheibe wie eine geisterhafte Frucht. Für welche Ware wirbt sie, für welche Firma schimmert sie so rührend// und schüchtern unter dem purpurnen Himmel? Die blasse Scheibe, die geisterhafte Frucht ist der Mond, der wirkliche Mond, der sich zwischen den strahlenden Bogenlampen verirrt hat.

Stimme der Seele.

            Aber die Seele selber, die Seele von Paris, man sieht, man hört sie täglich in einem kleinen Theater. Sie ist eine Russin und heißt Madame Pitoëff: die Seele von Paris war immer eine Fremde, die an der Seine ihre Heimat gefunden und sich naturalisiert hat. Sie spielt in einem Stück, das, wie man sich am Theaterzettel überzeugt, nicht von Hans Müller, sondern von Lenormand ist1: eine Mutter, die für ihr Kind sich prostituiert, einen Mord begeht, an großen Diebstählen mitwirkt und allerhand Probleme in ihrem Busen birgt. Homosexuelle, Zuhälter, Verbrecherinnen geben ihre Philosophie zum besten, und die Erkenntnis, daß das Leben eine Mischung von Gut und Bös, von Seele und Leidenschaft, von Gott und Teufel ist, pocht auf ihre Originalität: sie gab dem Drama den Namen Mixture. Madame Pitoëff spielt in diesem effektvollen Stück die Tochter, das junge Mädel, für das die Mutter sich opfert, und man zittert, wenn sie die Hand bewegt, wenn sie den Mund öffnet, ist von Schauern, tiefster, körperloser Zärtlichkeit, intensivsten, melodischen Glücks bedrängt, hat im Hinterkopf ein merkwürdiges Kältegefühl – nur der Dämon der Musik wühlt so mit saugenden Lippen im Hirn, nur im Konzertsaal erlebt man manchmal diese beklemmende und beseligende Empfindung des Ausgetrunkenwerdens. Zart und zerbrechlich wirkt diese Schauspielerin, die ihrem Manne jährlich ein Kind gebiert, um einst eine Truppe der Familie Pitoëff zusammenstellen zu können, wie ein unerhört edles und dünnes Gefäß, das von Licht überfüllt ist, von dem sanften, grauen und starken Licht der Place de la Concorde, der Champs Elysees, der Boulevards, Licht, das in ihre Stimme quillt, das ihren Körper durchpulst, das von allen ihren Gebärden verschüttet wird.

            Tiefste Erschütterung, wenn dieses schmale Geschöpf in unerwarteter Leidenschaft ausbricht, wenn sie mit eckiger und bezwingender Geste den Revolver gegen den Strolch erhebt, mit dem sie allein im kahlen Zimmer zurück blieb, wenn ihre Reinheit drohend und unbarmherzig wird und die Kraft eines Erzengels sie umpanzert, wenn sie, in der großen Szene des Dramas, der Mutter hell und unantastbar entgegentritt und die Freiheit ihres Lebens verteidigt. Kein Pathos, kein greller outrierter Ton, nur eine leise und liebenswerte Gewalt, eine Größe des Gefühls mit weich entbreiteten Schwingen, wenn sie der Mutter sagt: „Du willst  dich an mir für die Opfer rächen, die du gebracht hast, du willst, daß es mir nicht besser gehe als es dir gegangen ist – aber ich will nicht, ich gebe mein Leben, mein Schicksal nicht preis.“ Und dann die Mutter, eine ausgezeichnete Schauspielerin, wie ein Granitblock der Schmerzen, der Qualen, und an ihren mächtigen mütterlichen Hüften hinabgleitend, unwirklich zart, unwirklich schmächtig wie ein versickernder Lichtstrahl, die Pitoëff – niemals vergißt man dieses Bild. Und niemals die melancholische Anmut der großen Künstlerin, niemals ihre wie aus wehenden Morgenwolken sickernde Lichtstimme.

                        Schauspiel im Freien.

            Stundenlang schlenderst du über die abendlichen Boulevards, immer aufs neue verwundert, daß diese tausend und tausend Autos, diese tausend und tausend Menschen so  glatt und geschmeidig aneinander vorübergleiten, daß dieser ungeheure Verkehr so wenig brutal, so höflich und liebenswürdig ist. Es hat geschneit, die Temperatur ist unter Null gesunken, aber auch die Kälte ist höflich und liebenswürdig und meidet barbarische Übertreibungen. Vor den Kaffeehäusern sitzen die Menschen im Freien, denn überall hat man große Füllöfen aufgestellt, die in dieser unwinterlichen Stadt für künstliche Frühlingswärme sorgen. Längs der Boulevards sind unzählige Buden aufgeschlagen, Buden, in denen man alles zu kaufen bekommt, was man sich wünschen kann: Strümpfe, Schuhe, Schals, Seidentücher, Manschettenknöpfe, Uhren, Puppen, Bücher, Majoliken, Zigarettenspitze, Kinderspielzeug, Lampen, Zuckerwaren, Taschenmesser, Parfümflakons, Teekessel, Landkarten und tausend närrische und übermütige Dinge. Das ist der große Weihnachts- und Neujahrsmarkt, der sich bunt und phantastisch entfaltet. Die Verkäufer und Verkäuferinnen sind Künstler, von denen viele Redner und Schauspieler lernen können: unermüdlich halten sie an die Vorbeieilenden formvollendete, witzige und pathetische Ansprachen, dichten sie ganze Romane, ganze Theaterstücke um die Waren, die sie feilbieten, erfinden sie Anekdoten, Legenden und Zaubergeschichten, um die fabelhaften und überirdischen Qualitäten des Gegenstandes, den sie in der Hand hochhalten, ins rechte Licht, in das jubelnde Licht des Boulevards zu rücken. Jede Bude ist ein kleines Theater, vor dem sich die Menschen ansammeln und auf die Zehenspitzen stellen, um alles zu sehen, alles zu hören; für die meisten ist das ein kostenloses Schauspiel, denn gekauft wird sehr wenig und die Verkäufer nehmen es keinem übel, wenn er sich hundert Dinge zeigen läßt, um endlich weiterzugehen, ohne einen Sou ausgegeben zu haben.

Andere fahren in Automobilen, in denen die Waren verstaut sind, durch die Straßen, lassen den Wagen irgendwo halten und beginnen in großer und farbiger Rhetorik über die Köpfe der Menge hin zu sprechen, und die Lust am gerundeten Wort, an der leidenschaftlichen  Gebärde, an der geformten Sprache reißt sie hin. Wenn man einige Meter entfernt ist, meint man, ein Volkstribun fordere die Massen auf, Barrikaden zu bauen und für die Freiheit zu sterben – erst in der Nähe merkt man, daß nur ein armer Händler seine Puppen oder Krawatten oder Schuhputzmittel anbringen will. Einige Minuten lang hört man zu, dann wird man wieder fortgeschwemmt von dem weichen und elastischen Druck der lebendigen Welle; man fügt sich willig in den Rhythmus, fügt sich willig der Suggestion des Lichtes, steht auf einmal vor einem farbigen Glücksrad, das sich immerfort dreht, immerfort dreht (zwei Kilogramm Würfelzucker sind der Gewinn), wird auf einmal zu einem Schießstand hingespült, starrt auf einmal, eingekeilt in hundert Neugierige, in die glänzende Spiegelscheibe eines Warenhauses – und schlendert weiter, immer weiter, bis man fast betäubt ist vor Müdigkeit. Und plötzlich steigt wieder ein Springbrunnen silbern in den Himmel empor, blüht wieder maßlose Lichtreklame durch die Nacht.

Rote, grüne, gelbe, violette Sterne schmelzen über die Seine, tausend und tausend Glühwürmchen wirbeln über die Champs Elysees, über die Plâce de la Concorde, die Lichter der Automobile, summender, glitzernder Strom gewaltiger Lebensfülle, elektrische Flammen bäumen sich über die Dächer, der Himmel ist übersättigt von roten Reflexen. Stadt im Licht! Stadt im Licht!

            Aber dort bei den Hallen, die wie eine gespenstische Drohung sind, liegt ein alter Mann, liegt eine Frau mit Kindern, liegen Menschen in Lampen auf Bänken und Pflastersteinen, um unter dem Winterhimmel zu schlafen.

In: Arbeiter-Zeitung, 8.1.1928, S. 7.

  1. Henri-Renè Lenormand (1882-1953): vielgespielter französischer Theaterautor der 1920er Jahre, von S.Freud beeinflusst. Mehrere seiner Stücke wurden von Bertha Zuckerkandl ins Deutsche übertragen.

Fred Heller: Die Straße der Räusche. Ein Wiener Bild

            Ein sagenhafter Weinkenner soll einmal behauptet haben, der richtige Weintrinker müsse die Sorte nicht nur im Glase und auf der Zunge erkennen, sondern auch an dem Rausch, den sie ihren Verehrern beigebracht hat. Leider ist uns kein Handlexikon der Räusche übermittelt, die interessante Systematik der Schwipse, Spitze und Affen muß jeder Interessent durch eigene Forschungen aufzustellen suchen, mit viel Fleiß und werktätigen Proben, und obzwar es an sehr eifrigen Kandidaten dieser Wissenschaft nie gefehlt hat, gelangt doch keiner zu den reinen Höhen ihrer Theorien, weil der beste Wein gerade an Hänge wächst und die Beine bergan stets schwerer wurden, je leichter es dem Forscher im Kopfe werden wollte. Der Wein läßt sich am wenigsten von seinen ergebensten Jüngern der Wahrheit ablauschen, die in ihm bekanntlich liegt. Mangels der unerläßlichen Weihe, die man nun einmal empfangen haben muß, um überhaupt in die Mysterien der Kräfte und Gewalten des heutigen Bacchuskultus tiefer einzudringen, scheinen aber die Nüchternen wieder selbst durch schärfste Beobachtungen auf die feineren Differenzierungen zwischen Rausch und Rausch niemals daraufzukommen, sonst könnte ich doch wenigstens schon einen Grinzinger oder einen Sieveringer Rausch von einem Nußdorfer unterscheiden.

            Diese drei Gattungen treffen sich nämlich allabendlich auf dem Gürtel zwischen Heiligenstädterstraße und Nußdorferstraße, aus nächster Nähe beobachtet vom Auge Gottes, das dreieckige Strahlen aussendend, von den Schildern des bekannten Etablissements halb neidvoll, halb langmütig und allbarmherzig nach der Kreuzung hinübrsieht. Neidvoll, weil sich die Heurigen- und Biergäste aus Grinzing, Sievering und Nußdorf bereits so schwer beladen dem „Auge Gottes“ nahen, daß sie sich selbst von einem strahlenden Augenblinzeln nicht mehr von der Straßenbahnlinie weglocken lassen, die die gesammelte Bettschwere auf kürzestem Wege ins Bett bringen soll.

            Um 9 Uhr abends beginnt da lebhafte Leben und Treiben auf der sonst so nüchternen Straße, die beinahe noch zur inneren Stadt und doch schon auch zu der minder gemäßigten Zone des Gürtels gehört, obwohl seit Menschengedenken an dieser Stelle noch niemand totgestochen oder nur auch ausgeraubt worden wäre. Es ist die sicherste Gürtelgegend, trotzdem oder weil sich hier so viele Räusche kreuzen, die sich, eben aus der Beengtheit der Straßenbahnwagen befreit, zum erstenmal und heftig Luft machen, ehe sie wiederum in einem Straßenbahnwagen verstaut werden sollen. Sobald sich, pünktlich zur Stunde des (seligen) Zapfenstreiches, die ersten schwankenden Gestalten nahen, nimmt an der Ecke der „Würstelmann“ Aufstellung, das heißt, er fährt auf wie eine Batterie. Der Würstelmann und die ersten Räusche vom Tage lassen einander nie im Stich, kein Rendezvous wurde je so pünktlich eingehalten. Bei ihm und im Straßenbahnwartehäuschen sammeln sich die Vorhuten aus Grinzing und Sievering, um dann in der Elektrischen auf die Nußdorfer zu stoßen, harmlose, heitere Geplänkel um ein paar Sitzplätze, von dem Gefühl enger Zusammengehörigkeit Wiener Landsleute mit Liebenswürdigkeit und Witz geschlagen. Die Leutchen, die schon so verhältnismäßig früh am Tag ihren Rausch abhaben, das sind die soliden Liebhaber eines guten Tropfens, treu, ehrlich und fleißig im täglichen Dienst ihrer Labung, die seit jeher so ganz zu ihrer Lebenseinteilung gehört, daß ein völliges Nüchternsein zu dieser Abendstunde geradezu eine Konfusion in ihrem Leben hervorrufen würde, daß sie sich vorkämen, als hätten sie einen Tag ein unerhörte Ausschweifung begangen, die ihr Wohlbefinden schwer stören müßte. Man sieht sie gern mit einem Lächeln an, hört sie erheitert räsonieren und ist ihnen gut wie Kindern, für deren Gesundheit es ein gutes Zeichen ist, wenn sie mäßig schlimm sind. Die Räusche zwischen 9 und 10 Uhr abends sind mäßige, bodenständige, echte Wiener Räusche. „Schweigl“ nennt man sie, glaube ich, und das klingt ebenso gemütlich wie die Weltanschauungsvorträge der ersten Heimkehrer aus Grinzing und Nußdorf, die den Optimismus predigen und selber Pessimisten nur dann sind, wenn das Bier schal, der Wein gewässert und der Heurige sauer ist.

            Ich mag sie sehr gut leiden, sie sind mir sympathisch, die „Ang’stochenen“ zwischen neun und zehn, die das Maul, aber auch das Herz auf dem rechten Fleck haben. Was sich von Torschluß ab in der Straße der Räusche aus überfüllten Straßenbahnwagen herauskollert, hinausstößt und was hier abgeladen wird, das ist ein gar nicht so heiteres Nachtbild Wiens, so übermütig-lustig es sich auch gibt. Es sind die „feineren Leute“, auch „bessere“ genannt, Herren und Damen, Jünglinge und Mädchen, die abends nach Geschäftschluß und nach der Kenntnisnahme der Börsenkurse in die Heurigenschenken hinausgefahren sind, nicht um Wein zu trinken, sondern um sich mit Wein zu betrinken. Sie „mußten wieder einmal in Grinzing sein“, weil das jetzt so Sitte, mit seinem Mädel „auf einem Heurigen zu gehen“ oder draußen sein Mädel zu suchen und irgendeines zu finden. Aber auch junge Ehepaare, ältere und jüngere junge Ehepaare, machen gern so einen Ausreißer, hinaus zu zweien, herein oft zu dreien oder gar zu vieren, je nach der Höhe der „Gemütlichkeit“, die sich beim Wein entwickelt hat. Der Grad der Gemütlichkeit ist jedem Unbeteiligten auf der Straße bald klar, wenn nicht, wird sie ihm noch rasch vor dem Einsteigen klar gemacht. Eine Fülle von „humoristischen“ Einfällen tobt sich da an der Kreuzung der Räusche aus, die breite Straße bietet für die „weitausladenden“ Schritte wie für jederlei Ulk Raum und man tut gut daran, in weitem Bogen auszuweichen, wenn man „keinen Spaß versteht“. Diese Lärmmacher um des Lärmes wegen, das sind dieselben, deren Krawall schon so oft den Döblinger Spitälern Anlaß zu öffentlicher Klage gegeben hat, diese von ihrem Rausch berauschten, die sich in der Freude, einmal „ganz verfluchte Kerle“ zu sein, an Flegelhaftigkeiten nicht genug tun können – das sind die unsympathischen, ja widerlichen Betrunkenen, ihr Rausch ist bloß für Geld gekauft und ohne Genuß am Wein erworben, ihre Betrunkenheit ist sozusagen absichtlich und vorsätzlich erzeugtes Mittel zum Zweck. Grinzing und Sievering liefern das Hauptkontingent dieser Räusche, von Nußdorf kommen auch spät abends noch die biederden, rechtmäßigen, ehrlichen Räusche. Doch wenn die beiden aufeinanderstoßen! Aus dieser Kreuzung entwickeln sich keine gutlaunigen Geplänkel, das sind schon kleine Skandale, was sich in den überfüllten Straßenbahnwagen an wörtlichen, nicht selten auch tätlichen Beleidigungen abspielt, und man muß wirklich an den Schutzengel glauben, der angeblich jedem Betrunkenen beigegeben ist, anders hätte es schon zu den folgenschwersten Exzessen kommen müssen.

            Allabendlich und allnächtlich rollt dieser Film in der Straße der Räusche ab, hier ist reichliche Gelegenheit, neuere Zeit und neuere Sitte zu studieren, die von 10 Uhr ab überhaupt [neu]ere Großstadtsitte ist. Da aber die „Heurigen“ eine Wiener Spezialität sind, werden die oft auch von Fremden beobachteten Bilder dieser Straße gern in das Wiener Album eingezeichnet, das die Ausländer dann nach Hause mitnehmen. Sie machen ebensowenig Unterschied zwischen Grinzinger, Sieveringer und Nußdorfer Räuschen wie zwischen einem Original Wiener Rausch und der arg verfälschten Nachahmung des Kost-er-was-er-kost-Rausches, dem die Weinsorte gleichgültig ist, wenn sie nur möglichst rasch in „Stimmung“ bringt.

In: Neues Wiener Journal, 7.8.1921, S. 9.

Emil Kläger: Großstadtromane

Menschen im Hotel“, Roman von Viki Baum. Ullstein-Verlag, Berlin. – „Petersburg“, Roman von Schalom Asch. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien-Berlin. – „Dritter Hof links“, Roman von Günther Birkenfeld. Bruno-Cassirer-Verlag, Berlin. „Jugend“, Roman von W. E. Süskind. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.

In neuen Büchern wird wieder einmal der Versuch gemacht, die große Stadt abzuschildern. Häusermassen, Massenmenschen, Erlebnismassen, es reizt die Romanarchitekten, deren es jetzt eine ganze Anzahl gibt. Die Schicksale werden sozusagen etagenweise übereinander gelagert, türmen sich zum Wolkenkratzer. So ähnlich, beispielsweise, hat die in Berlin zu großem Erfolg gelangte Viki Baum ihre „Menschen im Hotel“ konstruiert. Das ergibt ein Nebeneinander, ein Gewirr von Lebensläufen, einen Roman, zusammengesetzt nur aus Episoden, die ineinandergeschachtelt sind. So eine Episode steigt in der Handlung unerwartet als Passagier auf Zimmer Nummer soundsoviel ab, bleibt vielleicht ein halbes Kapitel lang, zieht unvermutet wieder aus. Unbekannt, wohin. Kehrt eines Tages möglicherweise als Gast der Handlung für eine Zeit zurück, verschwindet. Im Zimmer nebenan wohnt indes eine ganz fremde Episode, und überhaupt wohnen fremde Episoden und Schicksale nebeneinander. Sie kennen sich gar nicht. Wohnen aber alle zusammen in demselben Hotel : Roman.

Die seltsamsten Gegensätze stellen sie vor, nur durch eine dünne Zimmerwand getrennt, ergeben ein Beieinander der schreiendsten Kontraste, Tür an Tür, wissen einer vom anderen nichts und blieben auch gänzlich unbeteiligt, wenn ihre Existenzen sich berühren würden, die da entlang des Hotelganges nebeneinander hausen. Obwohl manche Nachbarn wohl täglich um dieselbe Stunde über denselben langgestreckten Korridor zur Treppe gehen. Ein Chaos, in Zimmer abgeteilt, durch Wände geordnet, in Häusern verstaut, von ordentlichen Gassen durchzogen, in denen Schutzleute tadellos den Verkehr regeln. – es ist schon etwas wesentlich Großstädtisches an einem solchen Buch, wie Viki Baums „Menschen im Hotel“.

Die Verfasserin ist eine immens begabte Unterhaltungsschriftstellerin, geht nicht tief, aber die Oberfläche, die sie bietet, vibriert immer interessant, gibt ausgezeichnet gesehene Schilderungen heutiger Menschen wieder, wie überhaupt in ihren Büchern ohne Literaturmätzchen die Heutigkeit spannend und fast richtig abgebildet wird. Nur fast, weil Frau Viki Baum nicht zögert, rechtzeitig an hohe Auflagen zu denken, der Marktgängigkeit die unerläßlichen Konzessionen zu machen. Sie ist zweifellos eine Künstlerin, wie schon aus ihrem Buch „Hell in Frauensee“ festzustellen war, aber sie hat sich auf die Erwerbsseite geschlagen, weicht dem reinen Kunstwerk aus, höchstwahrscheinlich bewusst. Echte Figuren werden von ihr kandiert, der Handlung an einem Wendepunkt nützliche Sentiments beigebracht. Es ist Rücksicht auf die Ware, offenbar. Wahrscheinlich will sie weniger bewundert als gelesen und bezahlt werden. Dennoch sind ihre Bücher ausnahmslos auf durchaus nicht banale Weise unterhaltend und spannend. Sie hebt das Genre.

Ein Großstadtroman ist auch das jüngste, in deutscher Sprache erschienene Werk von Schalom Asch, „Petersburg“. Der Titel trifft nicht ganz zu. Das Wort „Petersburg“ auf dem Buchumschlag lockt bloß an, gerade, weil es allein dasteht. Man denkt also, es handle sich um die vormalige Hauptstadt Rußlands, wobei zunächst offen bleibt, ob die Residenz des Zaren oder das Petersburg der Sowjets gemeint ist. Das Buch greift zeitlich weit zurück, betrifft schon historisch gewordene Russen, in der Hauptsache Juden, zeigt das immer halbdunkel verhängte Petersburg vor dem Krieg, ein Roman, umschlungen von Großstadt, doch kein Städteroman. Das Problem Petersburg wird gar nicht angefaßt. Daher stimmt der Titel nicht. Aber es ist das Werk eines in blühender Kraft stehenden starken Gestalters mit fesselnden, dichterischen Zügen. Es ist ganz unmodisch, eigentlich unmodern. Da gibt es nichts Skizzenhaftes, keinen artistischen Stil, wie überhaupt niemals aus dem Buch, wie jetzt so häufig, scharfes Licht reflektiert wird auf den Autor, der zwischendurch sein von Individualpsychologie zerpflügtes Gesicht, von allem anderen ablenkend, sehen läßt. Rein, es ist ein gesunder, vollblütiger Roman, schön und reich gegliedert, mit völlig durchgezeichneten Figuren, einem sorgfältig gemalten Milieu. Die russischen Menschen von gestern, die zerbrochen und verweht sind, die jüdischen Bürger der Hauptstadt leben auf, ein Gewimmel von merkwürdigen Geschäften und sonderbar gefärbten Menschlichkeiten, Typen und Charaktere, über die sich das heilige Rußland wie ein dämmeriger, mystisch-altertümlicher Mauerbogen wölbt. Es ist ein gesunder, ausführlich geschriebener Roman, in dessen Stofflichkeit sich schwelgen läßt und in dem sich der Leser an Handlung und Schilderung einmal ordentlich sattlesen kann. Dabei verläuft die Handlung dieses empfehlenswerten Werkes anscheinend mit Absicht auf der mittleren Linie des Bürgertums. Es hätte besser heißen können : „Petersburger Bürger.“

Bei Bruno Cassirer erschienen ist „Dritter Hof links“ von Günther Birkenfeld. Das ist ein Buch von der Großstadt, allerdings von ganz unten gesehen. Not, Arbeitslosigkeit, Prostitution wird hier mit Erbarmungslosigkeit, armen, nackten, schamlosen Worten erzählt, mit einem finsteren Stolz auf vernarbte Wunden, die sich die Helden im Kampf mit dem Großstadtmoloch zugezogen haben. Es ist die düstere Arbeit eines verbitterten, jungen Menschen, der alles hart und derb herausstößt, schonungslos, wie auch mit ihm verfahren worden sein muß, eine Arbeit, die über gründliche Milieukenntnisse verfügt und den Verfasser trotzig hersagen läßt, was er geschaut hat. Im dritten Hof einer Zinskaserne links. Über die Grenzen des Geschmackes tritt der Verfasser achtlos hinaus, weil er sie für gering erachtet, weil er alles so schamlos auszusprechen beabsichtigt, wie es ist, wie er es empfindet und uns nicht schenken will. Ohne dabei leidenschaftlich oder anklägerisch zu sein. „Er tut es mit erstarrter Fassung, mit entschlossenem Haß. Es ist eine festgefügte Gesinnung zu spüren, es sind Milieueinblicke in das Vegetieren der Ärmsten zu gewinnen. Ob der Verfasser auch über wirkliche Begabung verfügt, ob er seinen Blick von dieser zerfetzenden Trostlosigkeit befreien kann, darüber vermag nach einem solchen Erlebnisbuch allein nichts Bestimmtes gesagt werden.

Ein wunderhübsches Buch, das schönste, das ich seit langem in der Hand gehabt habe, ist „Jugend“ von W. E. Süskind, wirklich jung, erfrischend natürlich, ein Roman von den deutschen Pennälern , die in Klassenzimmern und Gymnasienhöfen ihren Schulkrieg ausfochten, als drei Viertel der Männer Deutschlands im Schützengraben langen. Im Buch sieht man die im Krieg gewordene Generation wachsen. Man erlebt, wie sie entflieht, schaut die werdende Zeit, ihre Knaben, ihre Jungmänner, die heute schon die Stützen der ganzen Wirtschaft geworden sind, fast dreißig Jahre alt, also noch halb Hoffnung, zum Teil aber schon Erfüllung. Die Stützen der Gedanklichkeit und des Charaktergesichtes unserer Epoche. Man macht die geistige Geburt dieser Generation mit, ist dabei, wenn sie während der letzen Klassen zur Schule geht. Da ist das Buch noch ein Schulroman, einer der farbstärksten, der unbestechlichsten, die man je gelesen hat. Mit allem, was zur Schule gehört, die einen eigenen Weltkörper bildet neben dem anderen, in dem wir leben, einen eigenen Luftkreis besitzt, mit ganz anderen Maßen für Wichtigkeiten, anderen Gefühlswerten. Süskind erzählt davon, zeichnet Köpfe, eröffnet Seelen, alle ganz sachte, ganz innig, dabei überströmt von Erlebten, als geschehe das eben jetzt, so feuchtfrisch mutet die Schilderung an. Unvergeßliche Schulszenen, unvergeßliche Knabenköpfe. Er legt ganz tendenzlos, unpädagogisch, Grundsteine von Menschen. Man sieht sie wachsen, man sieht die Zeit wachsen, die fürchterliche Nachkriegszeit, die Katastrophenepoche, die Katastrophenmenschen.

Die Generation sitzt noch in der Schule, draußen ist Krieg, die Generation macht ihr Abiturium, der Zusammenbruch ist da. Die Jugend tritt vor die Schultür, das Chaos ist hereingebrochen, das deutsche Chaos. Der Sturm reißt sie vom Studium weg, sie klammern sich noch ein wenig an Klassenzimmerideale, überhaupt an Ideen, sie suchen noch ein wenig den festen Weg. Den Anfang hat man sie gelehrt, jetzt sollen sie ihn selber gehen. Aber das Chaos nimmt sie mit, wirbelt sie in den Schlammboden der Inflation hinein, so daß nicht einmal die Stirnen sich mehr davon freihalten können, sie werden Spekulierer und Schieber. Die Jugend wird devalviert. Die Schulvergangenheit ist zertreten, Familien zerkriegen sich wegen der Börse, ein Benjamin hat bessere Typs als der greise Vater, dessen Begriffe ins Schaukeln gekommen sind, mit den Seinen hungert, und den der unreife Sohn verachtungsvoll mit zweifelhaften Gewinn aus Nöten herausrettet. Die Mädels laufen mit den Schiebern, mit denen, die gewinnen. Man kauft sich um ein paar Kilo entwerteter Geldscheine Nachtgenüsse, erschachert Liebe. Sie ist bloß zum Vergnügen geworden, hat ihren alten, festen Wert verloren. Die Inlandliebe steht, ach, so tief. Der Dollar grinst.

Die Generation und die Zeit haben die Schulbank verlassen. Nun sind sie beide erwachsen, ausgereift. Man sehe sie in dem innigen, leisen und feinen Buch Süskinds und erkenne diese heutige Welt.

In: Neue Freie Presse, 19.1.1930, S. 27.