Otto Koenig: Filmromane

             Man beginnt jetzt Romane und Novellen geradeaus in Hinblick auf die Verfilmung zu schreiben. Dadurch soll einerseits ein gewisses literarisches, künstlerisches Niveau gewahrt werden, das bei Herstellung bloßer Filmtexte nur zu leicht unversehens vernachlässigt wird; andererseits wird durch solche Filmdichtung jener gefährliche, zumeist mindestens recht holprige Umweg vermieden, auf dem das Dichtwerk zum Filmwerk übergeführt wird. Kurz gesagt: Erzählende Dichtungen werden geschaffen, die, als solche wirksam, zugleich der Technik, der Möglichkeit und den Wirkungen des Films gerecht werden und daher ohne organische Veränderungen: Zusätze, Auslassungen, in lebende Bilder umgesetzt, werden können. Es müssen also ernste seelische Entwicklungen und // Kämpfe vorhanden sein (nicht nur Rührseligkeiten und Sensationen), die ungezwungen, verständlich und spannend optisch dargestellt werden können.

             Nicht übel und mit Wahrung einer anständigen literarischen und sittlichen Höhe hat diese Forderung Hugo Bettauer mit seinen zwei Erzählungen „Der Herr auf der Galgenleiter“ und „Das Blaue Mal“, beide erschienen im Gloriette-Verlag, Wien, erfüllt. Die erste Erzählung behandelt sehr abwechslungsreich und spannend einen Unglückstag aus dem Leben eines jungen Valutaschiebers. Plötzliche katastrophale Verarmung, die in ihrer Gänzlichkeit allerdings nicht völlig wahrscheinlich wird, treibt den Helden binnen wenigen Stunden die Galgenleiter des Verbrechens bis hart an meuchlerischen Raubmord hinan. Das Problem des Gedankenmordes, das psychologische und juridische Problem der Schuld tut sich für einen Augenblick ganz ernsthaft auf. Plötzlich, unerwartet, aber nicht unwahrscheinlich, ergibt sich Rettung, günstige Lösung, Reinigung!

             Versöhnlichen Ausgang, wie ihn das Filmpublikum wünscht, bietet auch „Das blaue Mal“, die Lebensgeschichte eines Negermischlings erster Generation, der, in Europa erzogen, in seinem Mutterland Amerika, das er hoffnungsfroh und siegesgewiß betritt, plötzlich vor dem unausweichlichen und unbesiegbaren Rassenhaß des angelsächsischen Amerikaners gegen den Farbigen steht und sich an dieser brutalen Mauer den Kopf bis hart an Selbstvernichtung blutig stößt. Auch in dieser Geschichte bleibt der Autor nicht an der Oberfläche der Ereignisse haften. Völkerpsychologische Untergründe dieses Rassenhasses werden erhellt, Bezüge zum europäischen Antisemitismus aufgezeigt. Eine geschickte, würdige Verfilmung wäre diesen beiden Vertretern einer neuen Kunstgattung zu wünschen. Vielleicht mag auf diesem methodisch neuen Weg epischer Dichtung für den Film eine Besserung der Unterhaltungsprogramme der Lichtspielbühnen zu erzielen sein. Freilich bracht es dazu begabter, phantasievoller und technisch sehr geschickter Schriftsteller, die bei ihrer Arbeit sittliche Absicht weder „vorzeigen“, noch verleugnen.

In: Arbeiter-Zeitung, 12.7.1923, S. 6-7.