geb. am 3.2.1904 (1907?) in Wien – gest. 1.6.1942 in Maly Trostinez, Weißrussland; Erzählerin, Lyrikerin, Schauspielerin

Lili Grün, Tochter eines jüd. Kaufmanns und aufgewachsen im ärmlichen 15. Arbeiterbezirk Wiens, wurde noch vor ihrem 18. Geburtstag zur Vollwaisen. Den frühen Verlust ihrer Eltern versuchte sie literarisch zu verarbeiten, indem sie Protagonistinnen ihrer Werke das gleiche Schicksal ereilen ließ. Kurz vor Hilde Spiel, die nach 1945 als einzige auf G. aufmerksam machte, gab sie mit dem Roman Herz über Bord 1933 ihr Debüt bei Zsolnay – sowohl dieses als auch die weiteren Werke G.‘s zeugen von ihrer Sympathie mit den fortschrittlichen Ansichten Hugo Bettauers, der sich u.a. für die Rechte der Frauen eingesetzt hatte.

Mit 17 Jahren gab Grün, ihrer Leidenschaft Ausdruck gebend, ‚Theaterelevin‘ als ihren Beruf an und spielte im Wien der zwanziger Jahre an der Bühne der sozialistischen Arbeiterjugend. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit ging sie Ende der zwanziger Jahre nach Berlin und gründete mit weiteren jungen Künstlern 1931 das politisch-literarische Kabarett-Kollektiv Die Brücke. Neben den von der Presse größtenteils gelobten Vorstellungen schrieb G. Gedichte und Kurzgeschichten für das Berliner Zeitgeist-Blatt Tempo, das Berliner Tageblatt und das Prager Tagblatt.

Die in Berlin während der Weltwirtschaftskrise herrschende Armut zwang G., neben dem Kabarett in einer Konditorei zu arbeiten. Durch Doppelbelastung und Mangelernährung erlitt sie schließlich eine Lungenkrankheit und kehrte 1931 nach Wien zurück. Gleichzeitig verarbeitete G. die Berlin-Erlebnisse in ihrem ersten Roman, unterstützt und vermittelt durch Robert Neumann. Es folgten Aufenthalte in Prag und Paris, zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem Journalisten und Schriftsteller Ernst Spitz. Geldnot und der schlechte Gesundheitszustand zwangen sie 1935 zur Rückkehr nach Wien. Der Zsolnay Verlag ermöglichte G. einen durch Spenden finanzierten Kuraufenthalt, worauf 1935 der Theater-Roman Loni in der Kleinstadt und 1936/37 Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit, ein Angestelltenroman aus dem Wien der zwanziger Jahre, erschienen. G. hatte durch Verarmung und Krankheit keine Möglichkeit zur Emigration. Sie wurde am 27. Mai 1942 in das weißrussische Maly Trostinec deportiert und noch am Tag ihrer Ankunft ermordet.


Weitere Werke (Auswahl)

Gedichte Man kann so tun (1937); Lied einer Ehefrau (1937); Gespräch vor meinem Spiegel (1937)

Kurzprosa Es ist immer dasselbe (In: Der Wiener Tag 1931); Sieben Jahre Fegefeuer (In: Wiener Mode 1932); Selbstmord ganz vergeblich (In: Der Wiener Tag 1933); Die Tränen der Kollegin (In: Der Wiener Tag 1933); Man hat gelacht (In: Der Wiener Tag 1935); Glückliche Ehe (In: Die Stunde 1936)

Dokumente und Quellen

o.: “Brücke” in die Katakombe. In: Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung, Nr. 105, 7.5.1931, S. 15; Friedrich Lorenz: Junge Mädchen lernen leben. In: NWJ, 4.4.1933, S. 8; Fritz Rosenfeld: Blick in die Bücher. Herz über Bord. In: AZ, 4.5.1933, S. 6; Schiller Marmorek: Von alten und neuen Büchern. Die Zwanzigjährigen. In: Das Kleine Blatt, Nr. 308, 8.11.1933, S.12; J. K.: Von neuen Büchern. In: Das interessante Blatt, 11.05.1933, S. 15; Alfred Zohner: „Kati auf der Brücke.“ Roman von Hilde Spiel. „Herz über Bord.“ Roman von Lili Grün. In: Wiener Zeitung, 11.06.1933, S. 9; Max Springer: Lili Grün: Herz über Bord. Roman. In: Reichspost, 20.08.1934, S. 7; Milo‘: Kleine Schauspielerin. In: NFP, 13.11.1935, S. 12.

Literatur

Katharina Achtsnith: Von Indianermädchen und Schafen. Die “Neue Frau” zwischen Realität und Fiktion in Lili Grüns Romanen “Herz über Bord”, “Loni in der Kleinstadt” und “Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit“. Diplomarbeit, Wien, 2014. [Online verfügbar]; Siglinde Bolbecher, Konstantin Kaiser: Lexikon der Österreichischen Exilliteratur (1999), Eckart Früh: Lili (Elisabeth) Grün (2005), Hans Giebisch, Gustav Gugitz: Bio-Bibliographisches Literaturlexikon Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (1964), Anke Heimberg (Hg.): Nachwort. In: Lili Grün: Alles ist Jazz. Roman [vormals Herz über Bord] (2009), Corinna Prey: Leben und Werk der Schriftstellerin Lili Grün. Diplomarbeit, Wien, 2011 [Online verfügbar], Hilde Spiel (Hg.): Die zeitgenössische Literatur Österreichs (1976).

Nachlass: Konvolut Lili Grün: Österreichische Nationalbibliothek; Signatur 289/B364.

(SK)