Unter Kinetismus wird eine Kunstbewegung innerhalb der europäischen Moderne verstanden, die um etwa 1910 an der Wiener Kunstgewerbeschule (heute Universität für angewandte Kunst) ihren Ausgang nahm und bis Mitte der 1920er Jahren ihren Höhepunkt erlebte.

In dem von dem Kunstpädagogen und früheren Maler und Grafiker Franz Čižek geleiteten Kurs für Ornamentale Formenlehre wurden den Studierenden die internationalen avantgardistischen Strömungen der Zeit – vorwiegend Kubismus, Futurismus, Expressionismus und Abstraktion – vermittelt. Čižeks Unterricht, der zunächst auf großen Widerstand stieß, reichte über die bildende Kunst im engeren Sinne hinaus, indem er auch Rhythmus, Tanz sowie eine ganzheitliche Sicht des Gestaltens in die Gesamtbetrachtung mit einband, um sie letztlich zu einer „produktiven Synthese zusammenzuführen und für die Schulung des Empfindens zu nutzen“ (Larcati, S. 98). Somit war die Darstellung von Bewegung ein zentraler Inhalt von Čižeks Lehre, die auch beeinflusst war von seinen Erfahrungen auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendkunst, die er als anerkannter Reformpädagoge und Kunsterzieher seit 1897 maßgeblich mitgeprägt hatte.

In einer von Ludwig Steinmetz stammenden Rezension anlässlich einer Ausstellung in der Kunstgewerbeschule, in der auch Werke von Čižeks Schülerinnen und Schülern zu sehen waren, fand sich 1920 erstmals die Bezeichnung „kinetische Übungen“; der Begriff „Kinetismus“ selbst wurde dann zwei Jahre später in der von W. L. Rochowanski – selbst ehemaliger Schüler Čižeks und erster Theoretiker des Kinetismus – publizierten Monografie Der Formwille der Zeit in der angewandten Kunst theoretisch fundiert u. kunstgeschichtlich kontextualisiert. Čižek selbst sah den Kinetismus als „[d]ie Kunst Bewegungsabfolge in ihre rhythmischen Elemente zu zerlegen.“ (Platzer, Kinetismus).

Vor dem Hintergrund der allgemeinen Dynamisierung der Lebenswelt wurden die Arbeiten der Čižek-Klasse bald breiter rezipiert: Sie wurden 1922 in Holland und 1923/24 im Rahmen einer Wanderausstellung in den USA gezeigt, so etwa im Metropolitan Museum (New York), in der National Gallery (Washington) und im Art Institute (Chicago). 1925 war die Čižek-Klasse für die Wiener Kunstgewerbeschule auf der Pariser Weltausstellung in der Exposition des Arts décoratifs et industriels modernesvertreten. Auffallend ist dabei, dass die „erste Kunstrichtung Österreichs mit radikal-abstrakten Ansätzen“ (www.wienmuseum.at) vor allem weiblich geprägt war: Künstlerinnen wie Erika Giovanna Klien, My Ullmann und Elisabeth Karlinsky gelang es unter Čižeks Anleitung in besonderer Weise, abseits formaler Gesetze einen Mix aus Expressionismus, Kubismus und Futurismus aufs Papier zu bringen, der sowohl Gefühl als auch Bewegung auszudrücken und abzubilden vermochte. Für kurze Zeit wurde die Klasse für Ornamentale Formenlehre, untergebracht in der Dependance der Kunstgewerbeschule in der Fichtegasse 4, „zum Schmelzpunkt der Wiener Avantgarde“, die internationale Künstler, Architekten und Besucher wie Wassily Kandinsky, Ernst Krenek und Elisabeth Duncan anzog. Im Oktober 1924 empfing Čižek dort die Futuristen Filippo Tommaso Marinetti und Enrico Prampolini sowie den MA-Herausgeber Lajos Kassak und Theo van Doesburg von der holländischen De Stilj-Gruppe, die sich von den Arbeiten des Kinetismus beeindruckt zeigten und Parallelen im Schaffen der Futuristen, Kubisten und Kinetisten erkannten. Gegen die in einem italienischen Zeitungsartikel aufgestellte Behauptung, beim Kinetismus handle es sich um einen „Futurismo Viennese“, verwehrte sich der Theoretiker Rochowanski jedoch heftig.

Gleichwohl auf internationaler Ebene erfolgreich (u.a. 1926 durch Teilnahme an der International Exihibition of Modern Art in New York), gestalteten sich die Bedingungen für kinetistische Kunst innerhalb Österreichs ab 1930 zunehmend schwieriger. Einerseits fehlte es an der Etablierung einer profilierten Künstlergruppe, die den in der Kunstgewerbeschule entwickelten Geist aufgegriffen und weitergetragen hätte, andererseits lief das politisch-gesellschaftliche Klima ab den späten 1920er Jahren der Avantgarde diametral entgegen. Dies führte dazu, dass die Rezeption des Kinetismus noch vor dem Zweiten Weltkrieg völlig verebbte. Erst seit Mitte der 1980er Jahre  haben sich Ausstellungen im Wienmuseum sowie im Belvedere Wien dieser Form der Zwischenkriegskunst gewidmet, um ihre bereits vergessene Stellung innerhalb der internationalen Avantgarde wieder hervorzuheben – insbesondere geschieht dies seit der Monographischen Ausstellung von 2006.


Literatur

Dieter Bogner, Wien 1920-1930: „Es war als würde Utopia Realität werden“ In: D. Bogner, G. Bogner, A. Hubin, M. Millautz (Hg.): Perspektiven in Bewegung. Sammlung Dieter und Gertraud Bogner, Wien, Köln 2017, S. 325-352; Arturo Larcati, Zur Rezeption des italienischen Futurismus in Wien während der 1920er und 1930er Jahre. In: Primus-Heinz Kucher (Hg.), Verdrängte Moderne, Vergessene Avantgarde. Diskurskonstellationen zwischen Literatur, Theater, Kunst und Musik in Österreich 1918-1938, Göttingen 216, S. 95-115; Wolfgang Kos, Monika Platzer, Ursula Storch, Vorwort. Der Kinetismus – eine unwienerische Avantgarde. In: Monika Platzer, Ursula Storch (Hg.), Kinetismus. Wien entdeckt die Avantgarde, Ostfildern 2006, S. 6f; Ulrike Matzer, Die drei Stars der Klasse: Klien – Ullmann – Karlinsky. In: Platzer, Storch (Hg.), Kinetismus, S. 60-68; Monika Platzer, Kinetismus = Pädagogik – Weltanschauung – Avantgarde. In: Dies., Ursula Storch (Hg.), Kinetismus. Wien entdeckt die Avantgarde, Ostfildern 2006, 8-59; Ludwig Steinmetz, Kunstschau 1920. In: Kunst und Kunsthandwerk, Jg. XXIII (1920), S. 189-206; Patrick Werkner, Der Wiener Kinetismus – Ein Futurismo Viennese? In: Gerald Bast u.a. (Hg.), Wiener Kinetismus. Eine bewegte Moderne, Wien 2011, S. 56-67; Patrick Werkner, Performative Kunstgeschichte: die Positionierung des Wiener Kinetismus im kunsthistorischen Kanon [Online verfügbar]; Kinetismus. Wien entdeckt die Avantgarde. Ausstellung im Wienmuseum, 25. Mai  bis 1. Oktober 2006 [Online verfügbar]; Dynamik! Kubismus/Futurismus/KINETISMUS. Ausstellung im Belvedere Wien, 10. Februar 2011 bis 29. Mai 2011 [Online verfügbar]; Als die Abstraktion das Laufen lernte. Berichterstattung in Der Standard zur Ausstellung im Belvedere Wien, 2011 [Online verfügbar]; Kinetismus. Ein Wiener Phänomen. Berichterstattung in Die Presse zur Ausstellung im Belvedere Wien, 2011 [Online verfügbar].

Quellen und Dokumente

Hans Ankwicz-Kleehoven, Juliausstellungen. In: WZ, 1.8.1924, S. 4; Wolfgang Born, Nachwuchs im Kunstgewerbe. In: Die Bühne 239 (1929), S. 18f; Wege und Ziele des des modernen österreichischen Kunsthandwerkes. In: WZ, 3.5.1924, S. 1; Hans Ankwicz-Kleehoven, 60 Jahre Wiener Kunstgewerbe-Schule. In: WZ, 14.7. 1929, S. 1-3; Kunstausstellungen. In: NFP, 17.6.1921, S. 21.

 (MK)