Pseudonym: Georg Fink

geb. 18.04.1879 in Gleiwitz/Gliwitze, gest. 27.04.1944 in Zürich; Schriftsteller, Kritiker

Geboren wurde Kurt Münzer als eines von drei Kindern des angesehenen jüdisch-orthodoxen Kaufmannes Mayer (genannt Moritz) Münzer und dessen Ehefrau Klara, Tochter eines Rabbiners, im oberschlesischen Gleiwitz/Gliwitze. Die Familie zog Mitte der 1880er Jahre nach Berlin, wo Münzer ein Gymnasium absolvierte und bereits während seiner Schulzeit erste literarische Werke verfasste. Zwischen 1897 und 1905 studierte er in Berlin und Zürich Rechtswissenschaften, Philosophie, Kunstgeschichte und Medizin, ohne jedoch einen Abschluss zu erlangen. Ebenfalls 1905 erschienen unter dem Titel Die Kunst des Künstlers seine vielbeachteten kunsttheoretischen, gegen den Rationalismus der vorangegangen Epoche gerichteten Betrachtungen, in denen er dafür eintrat, Objektivität und Realität zugunsten einer neuen Sinnlichkeit und Gefühlsbetontheit zu überwinden. Im selben Jahr war Münzer gemeinsamen mit seinem Lebensgefährten, dem Schauspieler Karl Feigl, in eine Straftat verwickelt: Sie versuchten, die beiden Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld und Benedict Friedlaender mit Enthüllungen über deren Homosexualität zu erpressen. Feigl wurde daraufhin für unzurechnungsfähig erklärt und musste eine Gefängnisstrafe absitzen, während Münzer straffrei ausging.

In den folgenden Jahren war Münzer quer durch Europa unterwegs, arbeitete u. a. in Wien, Paris sowie in der Schweiz in Krankenhäusern und psychiatrischen Kliniken und schließlich in Norditalien als Verlagslektor. Am Ersten Weltkrieg nahm er aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht aktiv teil, betätigte sich stattdessen aber an der Propagandafront: Bereits 1914 erschien mit Taten und Kränze. Lieder zum Kriege eine patriotisches Werk, das von der zeitgenössischen Kritik als „eine neue zeitgemäße Geste der raffinierten Großstadtlyrik“ eingeordnet wurde (Wiener Zeitung, 1.5.1915, S. 26), heute aber als „literarisch bedeutungslose Gedichtsammlung“ gesehen wird, in der der Autor „die fatale Kriegsbegeisterung vieler expressionistischer Literaten“ teilt (Tömmsen, S. 167). Es folgten 1915 die Erzählbände Der jüngste TagKriegsnovellen und Der graue Tod. Novellen aus dem Kriege. Erfolgreich ist auch sein Buch Der Ladenprinz, von dem bis in die 1920er Jahre 30.000 Exemplare gedruckt wurden und der 1928 mit Betty Bird und Paul Henckels verfilmt wurde.

1918 publizierte Münzer den Erzählband Verirrte Bürger: Novellen am Zürichsee, der sich mit dem klassischen bürgerlichen Rollenbild auseinandersetzte. Zurück in Berlin wurde Münzer, in den Augen Kurt Tucholskys „ein sehr mäßiger Teeaufguß von Heinrich Mann; verlogen, ein schlechter Stilist, kein guter Schriftsteller“ (Weltbühne 37, S. 381), zum Vielschreiber, der immer wieder seine persönlichen Lebensthemen in seine literarischen Werke einfließen ließ: dazu zählten die Unvereinbarkeit von Kunst und bürgerlicher Existenz ebenso wie der aus der eigenen Biografie gespeiste Antagonismus „verschlafene Provinz – pulsierende Großstadt“, wobei erstere als Ort der intakten Welt stilisiert wird. In seinem 1928 erschienenen Roman Jude ans Kreuz thematisierte er das Wesen des Judentums vor dem Hintergrund des bedrohlich anwachsenden Antisemitismus in Deutschland und nahm darin „gleichsam visionär die Schrecken des NS-Regimes“ vorweg. Stets ist aber „das Moment des Destruktiven“ (Lubos, S. 67) sowie die „Lust des Autors an der Darstellung des Verfalls sowie an der Untergangs- und Endzeitstimmung“ (Tömmsen, S. 159) in Münzers Schaffen erkennbar, womit er eine Grundposition der Décadence-Literatur teilt.

Seit 1927 war Münzer Herausgeber der Zeitschrift Der Bücherbote.

Zu einem großen Erfolg geriet Ende der 1920er Jahre sein unter dem Pseudonym Georg Fink veröffentlichter Roman Mich hungert, der eine von Armut und Gewalt geprägte Kindheit und Jugend im Berliner Stadtteil Wedding beschreibt und in dem er sich kritisch mit jenem Krieg auseinandersetzte, dem er selbst im August 1914 noch begeistert entgegengesehen hatte.

In Deutschland seit 1933 mit einem Publikationsverbot belegt, wich Münzer auf den österreichischen Markt aus und publizierte vermehrt Beiträge und Rezensionen für die Neue Freie Presse sowie Kurzgeschichten in Zeitschriften, so u. a. in Mocca oder Die Muskete. Seinen Lebensmittelpunkt verlegte er notgedrungen einmal mehr in die Schweiz, wo er zeitweise Verlagsmitarbeiter war und 1938 – wieder unter seinem Pseudonym – den Roman Mutter und Sohn veröffentlichte, dem allerdings kein Erfolg mehr beschieden war. Münzer starb im April 1944 in Zürich.


Werke (Auswahl)

Menschen von gestern (1915); Die Heimkehr des Tobias Hug (1918); Phantom (1919); Esther Berg (1923); Das Geheimnis der Perle (1929).

Literatur

Cornelia Tönnesen: Kurt Münzer. Zwischen Nihilismus und Expressionismus. In: Bernd Witte (Hrsg.): Oberschlesische Literatur 1900–1925. Historischer Umbruch und literarische Reflexion. Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 2000, S. 149–177; Michael Helming, Leichen treppauf. Die Schriftsteller Hanns Heinz Ewers, Kurt Münzer, Alexander Moritz Frey und Hermann Rauschning, Hage 2011; Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann. Biografisches Lexikon, Hamburg 2001; Arno Lubos, Geschichte der Literatur Schlesiens, Bd. II, München 1967.

Quellen und Dokumente

Kurt Münzer, Ballett. In: Neues Wiener Journal, 17.2.1916, S. 3f; Kurt Münzer, Über die Liebe. In: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 24.7.1918, S. 6; Kurt Münzer, Unterwegs. Reiseminiaturen. In: NFP, 6.8.1924, S. 1f; Kurt Münzers fünfzigster Geburtstag. In: NFP, 18.6.1929, S. 5; Der Ladenprinz als Film. In: Das Kino-Journal, 2.3.1929, S. 11; Kurt Münzer, Die Herzogin von Imola. In: Mocca, Oktober 1929, S. 8-10; Kurt Münzer, Arthur Schnitzler. In: NFP, 17.5.1929, S. 1f; Entgegnung Leserbrief. In: NFP, 23.4.1931, S. 11; Entgegnung Leserbrief. In: NFP, 23.6.1932, S. 12; Entgegnung weitere Leserbriefe. In: NFP, 30.6.1932, S. 12; Kurt Münzer, Literarische Kriminalromane. In: NFP, 15.3.1934, S. 24; Kurt Münzer, Iwan Bunin: Im Anbruch der Tage. In: NFP, 29.3.1934, S. 24; Kurt Münzer, Josef Leitgeb: Kinderlegende. In: NFP, 22.3.1934, S. 24; Kurt Münzer, Der unterbrochene Besuch. In: Die Muskete, 18.4.1935, S. 10-12.

(MK)