geb. 31.5.1873 in Lemberg/Lwiw – gest. 19.6.1921, Bad Gastein (Salzburg); Beamter, Schriftsteller

Pseudonym: Tomasz Czaska

R. wurde am 31.5.1873 als Sohn des einer jüdisch-assimilierten Familie entstammenden Ministers und Juristen Eduard R. in Lemberg (heute Lwiw, Ukraine) geboren und kam mit zwölf Jahren nach Wien, wo er zunächst das Theresianum besuchte. Ab 1892 absolvierte er ein Rechtsstudium an der Universität Wien, wo er 1897 zum Dr. jur. promovierte. Nachdem R. kurze Zeit als Konzeptspraktikant in der Statthalterei von Brünn/Brno gearbeitet hatte, wechselte er 1898 in das Ministerium für Kultus und Unterricht nach Wien, wo er 1913 zum Sektionsrat ernannt wurde. 1916 übernahm er den Posten des Regierungskommissärs für den Volksschulunterricht in Galizien und wurde zeitgleich Leiter der Abteilung für schöne Künste. R. optierte nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie für Polen, kehrte aber, da er in Warschau keine Berufsaussichten vorfand, nach Wien zurück.

R., ein „typischer Sprößling (sic!) des Kulturbodens der Monarchie und zugleich untypischer Fall in der Literatur“ (Tauschinski, Balanceakt, S. 414), zeigte früh literarische Ambitionen und sympathisierte vor allem zu Beginn seines künstlerischen Schaffens mit der Polnischen Moderne (Mloda Polska). Im Jahr 1894 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Tomasz Czaska in der Krakauer Zeitschrift „Czas“ die Erzählung Lulu, für die er ausgezeichnet wurde. Zeitlebens blieb er sowohl in der deutschen wie auch der polnischen Sprache verhaftet: Von seinen 17 vollendeten Theaterstücken verfasste er dreizehn in beiden Sprachen, drei in Deutsch und zwei in Polnisch. Besonders sein frühes dramatisches Schaffen orientiert sich an naturalistischen Strömungen, später kommen verschiedene Einflüsse, u. a. von Wyspiański, Hauptmann, Hamsun, Schnitzler und Altenberg zum Tragen. Sein Wiener Debüt als Dramatiker gab er 1904 im Intimen Theater an der Praterstraße mit dem Stück Die von nebenan, das in seiner polnischen Fassung bereits zwei Jahre zuvor in Lemberg und Krakau aufgeführt worden war. Während das deutschsprachige Publikum mit Unterwegs und Garten der Jugend besonders seine neuromantischen oder symbolistischen Stücke zu schätzen wusste, bevorzugte man im polnischen Sprachraum die naturalistischen und realistischen Dramen, wie etwa die gesellschaftskritische Kriminalkomödie Wölfe in der Nacht (1914; poln.: Wilki w nocy), die sein meistgespieltes Stück werden sollte und u. a. auch in Berlin, Frankfurt, München, Leipzig und Prag zur Aufführung gelangte.

Zwischen 1912 und 1918 bewarb sich R. insgesamt drei Mal um die Stelle des Burgtheater-Direktors, wurde jedoch stets abgelehnt, was in nicht unerheblichem Maße an seinem nationalen Bekenntnis zum Polentum gelegen haben dürfte. Daneben übernahm er  ab 1915 für kurze Zeit die künstlerische Leitung des polnischen Theaters in Wien und führte vereinzelt auch Regie. Er schrieb zudem Theaterkritiken und Beiträge für den Feuilletonteil der polnischen Zeitungen „Wiedenski Kurir Polski“ (Wiener Polnischer Kurier) und „Czas“, in welchen er das Kultur- und Alltagsleben in der Haupt- und Residenzstadt beschrieb und dabei die Rolle des ironisch-distanzierten Beobachters mit jener des in Wien verwurzelten kulturellen Akteurs zu verbinden wusste: „Ich stehe zwischen Deutsch und Polnisch […] Man behandelt mich vielfach auf beiden Seiten als Gast. Und ich sehe so vieles, hier und dort, mit dem unbefangenen Blick eines Fremden.“ (Das Literarische Echo, 400).

Kennzeichnend für R.´s Spätwerk sind seine vier Romane. Besonders Zimmer des Wartensund Die Brücke verarbeiten familiengeschichtliche und autobiografische Erfahrungen; Geister in der Stadt und Die andere Welt sind wesentlich von den persönlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Zerfall der Vielvölkermonarchie geprägt und zeigen einen „fundamental gestörten Wirklichkeitsbezug“ (ÖBL). Seiner gesellschaftlichen wie literarischen Sozialisation geschuldet, sind seine Werke über weite Strecken von den Einflüssen der Wiener Moderne geprägt – vor allem Bezüge zu Schnitzler und Altenberg, die er persönlich kannte, sind evident. Dies zeigt sich gerade in jenen Dramen, die in seiner späten Schaffensperiode entstanden sind, so etwaKinder der Erde (1915) oder Die Tragödie des Eumenes (1920), deren Uraufführung jeweils am Wiener Burgtheater stattfand.

R.´s literarisches Schaffen zeigt sein lebenslanges Bestreben, sich sowohl in der polnisch- wie auch der deutschsprachigen Literatur zu etablieren, was ihm auch gelang: Als Epiker wie auch als Dramatiker genoß er zu Lebzeiten in beiden Kulturkreisen Popularität. Er starb am 19. Juni 1921 in Bad Gastein.


Literatur

Moritz Csáky, Das Gedächtnis der Städte. Kulturelle Verflechtungen: Wien und die urbanen Milieus in Zentraleuropa, Wien, Köln, Weimar 2010; Das Literarische Echo 19/7 (1.1.1917), 400f; Gabriela Giel, Das zweisprachige Schaffen von Thaddäus Rittner in den Augen polnischer Literaturhistoriker. In: Jens Adam, Hans-Joachim Hahn, Lucjan Puchalski, Irena Światłowska (Hg.), Transitraum Deutsch. Literatur und Kultur im transnationalen Zeitalter, Wrocław, Dresden 2007, 275–284; Agnieszka Palej, Tadeusz Ritter und die Wiener Moderne. In: Hartmut Kircher/Maria Klanska/Erich Kleinschmidt (Hg.), Avantgarden in Ost und West. Literatur, Musik und Bildende Kunst um 1900, Köln, Weimar, Wien 2002, S. 141-158; Stefan Simonek, Distanzierte Nähe: Slawische Autoren der Donaumonarchie und deren Position zur Wiener Moderne. In: Opera Slavica XI/3 (2010), 1-13; Erich Johannes Steiner, Thaddäus Rittner. Sein Leben und Werk, Wien 1932; Oskar Jan Tauschinski, Kakanischer Balanceakt. Versuch einer Information über Thaddäus Rittner. In: Österreichische Osthefte 16/4 (1974), S. 414-429; Mieczyslaw Urbanowicz, Thaddäus Rittner auf den deutschen und polnischen Bühnen. In: Lenau-Forum. Vierteljahresschrift für vergleichende Literaturforschung (1969), S. 74-84; Günther Wytrzens, Das Wiener Kunstleben der Jahrhundertwende in den polnischen Feuilletons von T. Rittner. In: Studia Austro-Polonica 2 (1980), S. 113-117; Ders., Die österreichische Kultur und Literatur der Jahrhundertwende in den Feuilletons von Thaddäus Rittner. In: Fedor B. Poljakov/Stefan Simonek (Hg.), Slawische Literatur – Österreichische Literatur(en), Bern, Berlin, Wien u.a. 2009, S. 287-310; Thaddäus Rittner, Mein Leben. In: Das literarische Echo 19/7 (1. Jan. 1917), S. 401; W. Schmidt-Dengler, “Rittner, Thaddäus”. In: Österreichisches Biographisches Lexikon, Bd. 9 (1985), S. 183 [Online verfügbar]; R. Hackermüller, “Rittner, Thaddäus”. In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 21 (2003), S. 671f [Online verfügbar].

Quellen und Dokumente

Karl Marilaun, Bei Thaddäus Rittner. In: Neues Wiener Journal, 12.3.1920, S. 3f; Friedl Schreyvogl, Nachruf auf Thaddäus Rittner. In: Wiener Montags-Journal, 27.6.1921, S. 7. Die Direktionsfrage. In: (Österreichische) Volks-Zeitung, 9.7.1918, S. 6; Josef Schenk, Thaddäus Rittner, In: Neues Wiener Tagblatt, 28.7.1919, S. 8f; Frankfurter Theaterbericht. In: Der Humorist, 11.2.1918, S. 6; Ein Ehrengrab für Thaddäus Rittner. In: Neues Wiener Journal, 29.6.1921, S. 11; „Unterwegs“ an der Neuen Wiener Bühne. In: AZ, 9.5.1914, S. 7.

(MK)