Geb. 3.11.1906 in Wien, gest. bzw. ermordet am 4.4.1944 im KZ Auschwitz. Violinistin; Leiterin des Frauenorchesters in Auschwitz-Birkenau.

Alma Rosé wurde in eine hochmusikalische Familie geboren; ihr Vater Arnold (geb. als A. J. Rosenblum in Iasy) avancierte nach seiner Übersiedelung nach Wien und dem Studium der Musik zum Konzertmeister der Hofoper und danach der Wiener Philharmoniker, gründete das renommierte Rosé-Quartett u. leitete die Uraufführung der Verklärte[n] Nacht von A. Schönberg, der zugleich Almas Onkel war. Unterricht erhielt sie von ihrem Vater sowie von O. Sevčik [1852-1934] und galt als eine der großen Begabungen jener Zeit. Ihr Debüt im Großen Musikvereinssaal am 17.12.1926 bestätigte dies nicht nur, sondern geriet zu einem Triumph. Zehn Tage zuvor war sie bereits erfolgreich in Prag mit dem Violinkonzert von Tschaikowski in Erscheinung getreten (Prager Tgbl., 9.12.1926,5). Sie wurde ins Ensemble der Symphoniker aufgenommen und ab 1927 war sie daher auch in zahlreichen Radioübertragungen von Konzerten der Wiener Philharmoniker und der Symphoniker zu hören. Daneben trat sie gelegentlich in Revue-Musikprogrammen im Theater auf, z.B. im Dez. 1927 in der sog. Zeitungsrevue Hoppla wir lieben u.a. neben A. Berg u. G. Werbezirk im Theater an der Wien, und anschließend in der großen Revue Alles aus Liebe von K. Farkas. Mit dieser Revue absolvierte sie im April-Mai 1928 eine Tournee nach Leipzig und Hamburg, blieb aber auch im Wiener Konzertbetrieb weiterhin sehr aktiv. Ende Nov. 1928 lernte sie den tschechischen Violinisten Váša Příhoda [1900-1960] kennen, der zu den Stars der Zunft zählte und heiratete ihn 1930. In den nachfolgenden Jahren ist sie mit ihm oft auf Tourneen in verschiedenen europäischen Ländern, um Gastauftritte zu bestreiten. In Österreich selbst bleibt sie durch Radiokonzerte, z.T. mit ihrem Vater, z.T. als Solistin, präsent sowie durch einige Gastauftritte, so z.B. am 14.2. 1930 mit H. Loewe im Großen Konzerthaussaal (Wien), am 15.10. 1931 in der Grazer Urania oder im Februar 1932 im Ronacher sowie bei den Solistenkonzerten im Musikvereinssaal.

1933 gründete sie, aus Prag nach Wien zurückgekehrt, das Damenensemble ›Wiener Walzermädeln‹, in dem bis zu fünfzehn Musikerinnen mit einem künstlerisch hochwertigen Unterhaltungs- bzw. Kammermusikprogramm mitwirkten bzw. auftraten. Ihre Tournee in zahlreiche europäische Städte Ende 1933 wurde zu einem internationalen Ereignis; selbst im bereits nationalsozialistischen Berlin fand ihr Auftritt, „Kammermusik in höchster Vollendung“ (B.Z./NWJ, 8.10.1933), begeisterte Resonanz. In Wien trat sie zudem im Renz-Varieté im September 1933 mit solchem Erfolg auf, dass die Ravag bereits am 7.9. 1933 sie in ihr Programm aufnahm. 1935 spielte Rosé mit ihrem Orchester auch auf der Bühne bei Filmvorführungen, z.B. im April im Apollo-Kino zum Film Hundert Tage (mit G. Gründgens), 1936 mit dem Quartett ihres Vaters bei den Salzburger Festspielen sowie 1937-38 in Städten wie Baden, Klagenfurt, Linz oder Villach. Bereits im Juni 1938 wird Rosés Wiener Mädeln-Orchester aufgelöst, die Flucht ins Exil unabwendbar. Diese gelingt erst im März 1939 nach London, wo sie sofort im Austrian Center aktiv wird und wohin sie ihren Vater nachholen kann. Die schwierige finanzielle Situation bewog sie, Ende 1939 ein Engagement in Den Haag anzunehmen; nach dem Überfall auf die Niederlande durch die Nazis im Frühjahr 1940 versucht sie, vergeblich, in die USA oder nach Großbritannien zu entkommen, auch eine Scheinehe mit einem Holländer gibt ihr nicht die nötige Sicherheit. Ein letzter Fluchtversuch in die Schweiz endet im Jänner 1943 am Bahnhof von Dijon, und Alma Rosé wurde wenige Monate danach nach Auschwitz deportiert. Dort überlebte sie zunächst die Selektion an der Rampe, wurde als die Violinistin Rosé erkannt und durfte danach das sog. Frauenorchester von Auschwitz aufbauen, wodurch sie ihr eigenes (Über)Leben sowie das der mitwirkenden Frauen eine Zeit lang sichern konnte. Die genauen Umstände ihres Todes nach einem hohen Fieber sind bis heute ungeklärt, klar ist, dass mit ihr eine der bedeutendsten Violinistinnen des 20. Jahrhunderts (sie spielte vor ihrer Flucht eine G.B. Guadagnini-Geige; Nowotny, 65), viel zu früh verstummt ist, zum Verstummen gebracht wurde. Im Haus der Geschichte (Wien) wurde an A. Rosé im Rahmen der Ausstellung „Nur die Geigen sind geblieben“ (Jänner-Mai 2019), kuratiert von Michaela Raggam-Blesch, erinnert.

Literatur:

Anita Lasker-Wallfisch: Ihr sollt die Wahrheit erben. Breslau – Auschwitz – Bergen-Belsen. (Bonn 1997); Richard Newman: Alma Rosé. Wien 1906 – Auschwitz 1944. (Bonn 2003); Ingrid Nowotny: Alma Rosé: Nur die Geigen sind geblieben – Soll es bei diesen resignativen Worten bleiben? In: David. Jüdische Kulturzeitschrift Nr. 122/2019, 62-65. Karin Kirchmayr: Alma Rosé. Die Dirigentin von Auschwitz. In: Der Standard, 20.1.2019. Ausstellungsbericht zu „Nur die Geigen sind geblieben“: OeAW.

Dokumente und Quellen:

Eintrag bei: Wien Geschichte; Fembio; Exilarte.at; hr-inforadio (27.1.2017); Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen.

D’Ora: Alma Rosé (Foto). In: Die Bühne, H. 112/1926, S. 21; P. Stf [Stefan]: A. Rosé spielt. In: Die Stunde, 18.12.1926, S. 8; H. Kanner: Über Rosés Debut. In: Der Morgen, 20.12.1926, S. 8; N.N.: Die Stadttheater-Revue auf Tournee. In: Der Tag, 26.3.1928, S. 3; a.r.: Zwei Sängerinnen und eine Geigerin. In: Der Tag, 16.2.1930, S. 3; p.p[isk]: Solistenkonzert. In: AZ, 21.2.1932, S. 9; (Kurz)Bericht über Konzert der Wiener Walzermädeln in Berlin. In: NWJ, 8.10.1933, S. 27; H.: Zwölf Wiener Walzermädeln auf Reisen. In: NWJ, 8.8.1934, S.7-8; N.N.: Rosé-Quartett. In: Salzburger Volksblatt, 31.8.1936, S. 8; Gastspiel-Ankündigung. In: Linzer Volksblatt, 30.4.1937, S. 7; La vie autrichienne à Londres. A. Rosé im Austrian Center. In: Nouvelles d’Autriche, H. 6-7/1939, S.219.

(PHK)