geb. am 2.9.1894 in Brody (Galizien, Österreich-Ungarn) – gest. am 27.5.1939 in Paris; Schriftsteller, Kritiker, Essayist

Ps.: Josephus

J.R. wurde in eine jüdische Familie geboren; sein Vater, orthodox chassidischer Ausrichtung u. Getreidehändler, erkrankte bereits früh und lebte von der Familie getrennt auf dem Bauernhof eines Wunderrabbis, eine später mystifizierte Absenz, die R.s. Kindheit und die Situation seiner Mutter nachhaltig belastete. Nach dem Besuch des k.k. Gymnasiums in Brody immatrikulierte sich R. 1913 an der Univ. Lemberg, wo er bei seinem Onkel u. Vormund (S. Grübel) wohnte, um Germanistik u. Philosophie zu studieren u. sich bald mit Spannungen zwischen polnischen u. ruthenischen Studierenden sowie der jüdischen Frage konfrontiert zu sehen. Im Sept. 1913 nahm R. am 11. Zionistenkongress in Wien teil, wou.a. der Beschluss zur Grd. der Hebräischen Universität in Jerusalem fiel, was sein Interesse an Fragen der jüd. Identität, ihren kult. u. polit. Perspektiven zeigt u. seinen Studienwechsel 1914 nach Wien mitbestimmte. Nach anfänglich pazifist. Haltung zum Weltkrieg meldete sich R. gemeinsam mit seinem Jugendfreund Józef Wittlin 1916 als Einjährig-Freiwilliger u. wurde 1917 nach Lemberg versetzt, wo er v.a. im militär. Pressedienst tätig war, den Krieg also in der Etappe kennengelernt hat. Nach seiner Entlassung aus dem Militär Ende 1918 u. der Rückkehr nach Wien versuchte der staatenlos gewordene R. impublizist. Feld Fuß zu fassen, noch vor Kriegsende durch Mitarb. an den von Benno Karpeles gegründeten Zs. Der Friede u. ab April 1919 an der Ztg. Der Neue Tag (mit rund 140 Beiträgen) sowie, mitwenigen, aber interess. Beitr., an der Filmwelt.

Nach Einstellung des Neuen Tag übersiedelt R. nach Berlin, wo er nach Problemen mit der Aufenthaltserlaubnis zuerst Mitarb. der Neuen Berliner Zeitung wird, in der seine Berichte über den polnisch-russischen Krieg von 1920 erscheinen, dann des renomm. linksliberalen Berliner Börsen-Courier (1921-22), dessen Chefred. der aus Prag gebürtige Emil Faktor war. In dieser Phase verstärkt sich seine Sympathie für den Sozialismus, – doch der ›rote‹ Roth, der für den Vorwärts, die Arbeiter Zeitung (AZ), aber auch das Wiener Neue 8 Uhr Blatt und das Prager Tagblatt schreibt, wechselt mit 1.1.1923 zur linksliberal profilierten Frankfurter Zeitung (FZ). Zwischen Okt. und Nov. 1923 erscheint in der Wiener AZ sein Feuilletonroman Das Spinnennetz; die letzte Folge am 6.11.1923 spielt visionär auf den Hitler-Putschversuch in München vom 9.11.1923 an. Im März 1922 heiratet R. Friederike (Friedl) Reichler, die 1926 an Schizophrenie erkrankt. Durch die Aufnahme in den FZ-Kreis, die Freundschaft mit Redakteuren und Kollegen wie Benno Reifenberg, Bernard von Brentano und Soma Morgenstern, avanciert R. zu einem der Starjournalisten in der zeitgenöss. Medienlandschaft, obwohl er 1925 im Feuilleton Die weißen Städte sich als „Journalist aus Verzweiflung“ einführt. Zugleich gelingen ihm mit Hotel Savoy und Die Rebellion (1924) zwei Romane, die ihn auch als Schriftsteller positionieren. 1924 datiert zudem seine Mitwirkung anden satir.-polit. Ztg. Lachen links und Der Drache, für die R. beißende Analysen über den Zustand der Weimarer Republik verfasst. 1925 ist er an der Gründung der ›Gruppe 1925‹ rund um Rudolf Leonhard und Alfred Döblin beteiligt und wird im Mai 1925 zum Paris-Korrespondenten der F.Z. Diese Frankreicherfahrung zählt R. zu den sehr beglückenden seiner Karriere, sie war aber von Konkurrenzneid und Intrigen überschattet; 1926 wird er nämlich von F. Sieburg abgelöst, ins Rhein-Ruhrgebiet und anschließend nach Russland/Moskau entsendet, wo er aufmerksam die veränderten und sich ändernden Verhältnisse registriert. Bereits in Paris entstehen Teile des programmat. Essays Juden auf Wanderschaft (1927 in der von Leo Lania begr. Reihe Berichte aus der Wirklichkeit publ.) u.a. kleinere literar. Texte, in Russland die Idee zu Flucht ohne Ende (1927), ein Roman, der R. als wichtigen Autor der Neuen Sachlichkeit etabliert. Mit diesem Roman verdichtet sich eine Erfahrung, die R.s. Charaktere fortan kennzeichnet: eine tiefe Fremdheit u. Desorientierung, die seine Figuren destabilisieren, verbunden mit einer Absage an „psychologische Konsequenz“ und damit an die Unverwechselbarkeit des einzelnen Individuums, was, so N. Brandeis in Rechts und Links (1929), zu pluralen Identitäten führe: „Nein, man war nicht einer […] Je mehr Gelegenheiten das Leben gab, desto mehr Wesen entlockte es uns.“ 1928 ist R. neuerlich in Polen u. danach in Italien, um über den Faschismus zu schreiben, was in der Redaktion der FZ umstritten ist u. zu Spannungen führt, weil nur wenige seiner Berichte veröffentlicht werden.

Im März 1929 wechselt R., u.a. aus finanz. Gründen, zu den konservativeren, die völkischen Kräfte unterstützenden Münchner Neueste Nachrichten, was ihm harsche Kritik eintrug u. Mitte 1930 wieder zu einer Verständigung mit der F.Z. führt,in der sein Roman Hiob noch vor der Buchausgabe bei seinem neuen Verlag Kiepenheuer erscheinen kann, der in der Folge auch internat. auf Resonanz u. Erfolg stößt. In dieser hochproduktiven Phase entstehen weitere Projekte, u.a. Der stumme Prophet, vertieft sich die Freundschaft zu Stefan Zweig; zugleich ist sie von der Tragödie der Einweisung Friedls in psychiatr. Kliniken (seit Dez. 1933 Am Steinhof /Wien) u. der späteren Trennung geprägt u. belastet. In permanenter Geldnot pendelt R. 1930 bis 1933 zw. Deutschland u. Frankreich, verstrickt sich auch in erot. Abenteuer; trotzdem gelingt ihm 1932 eines seiner Hauptwerke: Radetzkymarsch.

Nach der Machtergreifung durch den NS verlässt R. DL Richtung Paris, wo er sich mit anderen Exilanten einzurichten versucht u. in schwierigen Verhältnissen für das Neue Tage-Buch, das Pariser Tagblatt,aber auch für konservat. österr. Blätter wie z.B. Der Christliche Ständestaat schreibt. Über Hermann Kesten u. Kurt Langhoff kann R. bei Querido und de Lange in Amsterdam neue Verlage finden, wo in rascher Folge Stationschef Fallermayer (1933) bzw. Tarabas (1934) erscheinen. 1936 lernt R. in Ostende Irmgard Keun kennen, die beiden werden ein Paar u. leben bis 1938 in Paris zusammen. Trotz zunehmender Alkohol-Probleme, pessimistischer Feuilletons, überzogener Erwartungen an eine legitimistische Restauration im Zuge seiner Wien- und Budapest-Reisen 1937-38 gelingen R. beachtliche Erzählungen u. Romane, z.B. Das falsche Gewicht (1937), die von ihm lange verzögerte Die Geschichte von der 1002. Nacht (1938), Die Kapuzinergruft (1938) und schließlich 1939 Die Legende vom Heiligen Trinker (1939). Am 23.5.1939 erfährt R. vom Freitod Ernst Tollers, bespricht diesen mit seinem Freund Soma Morgenstern u. bricht daraufhin zusammen. Vier Tage danach, am 27.5.1939, verstirbt R. im Hôspital Necker.


Werke

Der blinde Spiegel (1925); Zipper und sein Vater (1928); Triumph der Schönheit/Die Büste des Kaisers (beide Novellen, 1934); Die hundert Tage (1935); Leviathan (1940); Drei Sensationen und zwei Katastrophen. Feuilletons zur Welt des Kinos. Hg. u. kommentiert von Helmut Peschina u. Rainer-Joachim Siegel (2014).

Quellen und Dokumente

Rundgang um die Siegessäule. In: Prager Tagblatt, 17.3.1921, S. 4, Das neue Heim. In: Prager Tagblatt, 19.7.1921, S. 6, “Professor Einstein liest…”. In: Prager Tagblatt, 22.6.1922, S. 6, Das Spinnennetz. In: AZ, 7.10.1923, S. 17, Die Lage der Juden in Sowjetrußland. In: Arbeiterwille, 26.6.1927, S. 7f.

(Teil)Nachlass: Deutsches Literaturarchiv Marbach bzw. Leo Baeck Institute, Center for Jewish History:

Literatur

Daniel R. Bitouh: Ästhetik der Marginalität im Werk von Joseph Roth (Tübingen 2016); Stéphane Pesnel, Erika Tunner, Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos (Hg): J. Roth – Städtebilder. Zur Poetik, Philologie und Interpretation von Stadtdarstellungen aus den 1920er und 1930er Jahren (Berlin 2016); Wilhelm v. Sternburg: Joseph Roth. Eine Biographie (Köln 2009). Webauftritt der Internationalen J. Roth-Gesellschaft inklusive eines Verzeichnisses neuerer Forschungsliteratur (2010-2015). Roth-Verfilmungen in der Übersicht

(PHK)