Morgenstern, Soma

geb. als Salomo Morgenstern am 3.5.1890 in Budzanów bei Tarnopol/Ostgalizien – gest. am 17.4.1976 in New York; Schriftsteller, Kritiker, Journalist

Ps.: Christof Morstyn, Konrad Pfeiffer

Auf Geheiß des dominanten Vaters nach jüdisch-orthodoxer Tradition erzogen, wuchs M. mehrsprachig auf. Er lernte Jiddisch, Polnisch, Ukrainisch, durch Privatunterricht aber auch bereits früh Deutsch, später Griechisch, Latein, Französisch und Englisch. Trotz familiären Widerstands besuchte M. das Gymnasium in Tarnopol und sollte daraufhin auf Wunsch des 1908 verstorbenen Vaters Rechtswissenschaften studieren, obwohl er seit dem Besuch von Stanislaw Wyspianskis Die Richter in Lemberg den Wunsch hegte, Theaterkritiker zu werden. In dieser Phase nahm M.s zwiespältiges Verhältnis zur Religion ihren Ausgang. In Wien traf er wieder auf den 1909 auf einer Zionistenkonferenz in Lemberg kennengelernten Joseph Roth; sie besuchten gemeinsam literaturgeschichtliche Vorlesungen und knüpften eine enge Freundschaft. Nach vorübergehender Rückkehr nach Galizien übersiedelte M. 1914 neuerlich nach Wien, leistete aber zwischen 1915 und 1918 den Kriegsdienst an der Ostfront. Nach dem Studienabschluss 1921 änderte er seinen Vornamen in Soma und verdiente seinen Unterhalt als Privatlehrer. Er verkehrte in verschiedenen Kaffeehäusern und knüpfte u.a. Kontakte zu Béla Balázs, Alban Berg und Alma Mahler, später auch zu Ludwig Hardt, Robert Musil, Walter Tschuppik, Anna Mahler, Hanns Eisler, Anton Webern, Theodor W. Adorno, Ernst Bloch, Otto Klemperer und Josef Frank. M. begann sich zunehmend mit dem Theater zu beschäftigen und schrieb das von Psychoanalyse geprägte Stück ER oder ER (1921/22) und das Künstlerdrama Im Dunstkreis (1924). 1925 wurde er vorübergehend Mitarbeiter bei Max Reinhardt.

1926 folgte er Roth nach Berlin, um als Kritiker sein Auslangen zu finden. Er wirkte als Rezensent u.a. für die von Ernst Heilborn herausgegebene Zs. Die Literatur, das Berliner Tageblatt und die Vossische Zeitung, für die er u.a. die von René Fülöp-Miller aus dem Nachlass herausgegeben Tolstoi-Werke besprach, und erhielt  1927 eine Stelle in der von Benno Reifenberg geleiteten Feuilletonredaktion der Frankfurter Zeitung (FZ), die vom Onkel seiner Frau Heinrich Simon herausgegeben wurde und für die bekanntlich auch Roth, Siegfried Kracauer und Walter Benjamin wirkten. Nach Reiseberichten aus der Tschechoslowakei und der Mitarbeit in Berlin und Frankfurt kehrte M. im Februar 1928 als Korrespondent nach Wien zurück und publizierte gegen den Widerstand Simons anstelle sachlicher Kulturberichterstattung vor allem subjektiv-feuilletonistische Betrachtungen zum urbanen Leben und der Entwicklung der Kulturpolitik der Gemeinde Wien, etwa zum Sängerbundfest und zu den Arbeitersinfoniekonzerten und der Wiener Volkshochschule. M. sparte aber auch nicht mit Kritik an antisemitischer Politik, etwa mit Blick auf Ausschreitungen an der Universität Wien. Vom Weltkongress der Vereinigung orthodoxer Juden Agudas Yisroel 1929 in Wien inspiriert, begann M. die Vorarbeiten zu seiner Romantrilogie Funken im Abgrund und distanzierte sich trotz Arbeiten für die FZ und die Wiener Weltbühne zusehends vom Journalismus. Mit kritischen Feuilletons den Nationalsozialisten bereits vor der Machtübernahme aufgefallen, war M. ab Herbst 1933 durch den „Arierparagraphen“ von der Mitarbeit an der FZ ausgeschlossen. Bereits 1934 folgte M. Roth für ein halbes Jahr nach Paris, wo er nach dem „Anschluss“ 1938 mit Roth als Exilant im Hôtel de la Poste leben sollte. Sein erster Roman Der Sohn des verlorenen Sohnes konnte noch 1935 in Berlin im Verlag Erich Reiss erscheinen.

Nach Roths Tod und dem Kriegsbeginn mehrmals verhaftet, flüchtete M., der in der Pariser Zeitung und in Freies Österreich noch 1939/40 zwei Feuilletons veröffentlichte, über Marseille, Casablanca und Lissabon 1941 mit Hilfe eines Varian Fry-Visums nach New York, wo er wie Walter Mehring, Hermann Kesten, Leonhard Frank und Hertha Pauli im Hotel Plaza seine Unterkunft fand. Unterstützt von einem privaten Mäzen und der Jewish Publication Society of America schloss er seine Trilogie ab und arbeitete seit 1948 an seinem Shoah-Roman Die Blutsäule. M., seit 1946 US-amerikanischer Staatsbürger, starb 1976 in New York.


Werke

In my Father’s Pastures (1947), The Testament of the Lost Son (1950, dt. gekürzt als Der verlorene Sohn, 1963), The Third Pillar (1953, dt. als Die Blutsäule, Zeichen und Wunder am Sereth, 1964); aus dem Nachlass: Joseph Roths Flucht und Ende. Erinnerungen (1994), Alban Berg und seine Idole (1995).

Quellen und Dokumente

Franz Kafka zum Gedächtnis. Vortragsabend Ludwid Hardts in Wien. In: Berliner Tageblatt, 1.7.1924 (Abendausgabe), S. 3, Der Mythos vom Maulhelden Schwejk. In: Das Unterhaltungsblatt der Vossischen Zeitung, 15.7.1927, Der unbekannte Tolstoj. In: Vossische Zeitung, 30.10.1927, Beilage, Isaak Grünberg: Der Sohn des verlorenen Sohnes. Von S. M. Ein jüdisch-europäischer Roman. In: Die Stimme 15.1.1937, S. 4.

Nachlass: Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main [Onlineverzeichnis], Leo Baeck Institute

Literatur

Maria Klanska: Die Feuilletons S. M.s. In: Sigurd Paul Scheichl (Hg.): Feuilleton – Essay – Aphorismus. Nicht-fiktionale Prosa in Österreich, 195-206 (2008), Corinna Haeger: „Wandern und nicht verzweifeln“. Raum und Identitätskonstruktionen in Soma Morgensterns Zwischenkriegsprosa (1921-1938). Diss. (2011) [Online verfügbar], Jacques Lajarrige (Hg.): S. M. – von Galizien ins amerikanische Exil – S.M. De la Galicie à l’exil américain. (2015), Cornelia Weidner: Ein Leben mit Freunden. Über S. M.s autobiographische Schriften (2004), Robert G. Weigel (Hg.): S. M.s verlorene Welt. Kritische Beiträge zu seinem Werk (2002).

Ernst Fischer: M., S. In: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 114 f. [Onlinefassung], Oliver Bentz: Spuren nach Galizien. In: Wiener Zeitung, 18.12.2012, Raphaela Kitzmantel: Eine Überfülle an Gegenwart. In: Kakanien revisited [online verfügbar]. G. B. Deutsch: Website zu S. M.

(ME)