geb. als Wilhelm Siegmund Schlamm am 10.6.1904 in Przemyśl, Galizien – gest. am 1.9.1978 in Salzburg; Journalist, Schriftsteller

Ps.: Wilhelm Stefan

S., Sohn eines Kaufmanns, engagierte sich als Jugendlicher gemeinsam mit dem späteren Psychoanalytiker Wilhelm Reich in der antibürgerlichen Wandervogel-Bewegung und schloss sich nach dem Weltkrieg der Kommunistischen Jugend um Richard Schüller sowie Hugo und Erwin Zucker an. 1920 reiste er erstmals nach Moskau, noch vor seinem 18. Geburtstag wurde er Ende März 1922 am fünften Parteitag als Jugendvertreter in den Vorstand der KPÖ gewählt. Zwischen 1922 und 1927 absolvierte er das Studium der Staatswissenschaften in Wien und trat zugleich in die Redaktion der Roten Fahneein. Im Herbst 1927 wurde er als verantwortlicher Redakteur des Parteiblattes geführt. S. geriet dabei zunehmend in den Fokus der Justiz. Ende Juli 1927 erfolgten nach dem Brand des Justizpalastes, von dem er in der Inprekorr berichtete, Hausdurchsuchung, im Oktober 1928 wurde S. wegen des Verdachts auf Hochverrat mit Karl Tomann und Franz Koritschoner u.a. vorübergehend festgenommen. Zählte S. innerparteilich zunächst zur linken Fraktion um Josef Frey, gehörte er ab 1925 der Mittelgruppe um Johann Koplenig und ab 1928 der rechten Minderheit an. 1929 wurde er als „Rechtsabweichler“ aus der KPÖ ausgeschlossen und in der Folge Mitbegründer der Kommunistischen Opposition Österreichs, der er bis 1931 angehörte. Als Publizist trat er in den Zs. Gegen den StromSimplicissimus und Jugend in Erscheinung. In der von Carl von Ossietzky geleiteten Weltbühne veröffentlichte er 1932 einen Beitrag über faschistische Publizistik in Österreich und wurde Chefredakteur des 1932/33 erscheinenden Schwesterorgans Die Wiener Weltbühne. Nach Ossietzkys Verhaftung in Berlin fungierte der nach Prag emigrierte S. 1933 als Mitbegründer und Chefredakteur der Neuen Weltbühne. Als streitbarer Trotzkist Anfang 1934 aus der Redaktion ausgeschieden, gab er bis 1938 in Prag die Europäischen Hefte heraus, arbeitete aber u.a. auch für Das Neue Tagebuch. 1937 erschien in Zürich die unter dem Eindruck der ersten stalinistischen Schauprozesse 1936 entstandene Schrift Diktatur der Lüge, eine Abrechnung. In Prag verkehrte S. mit Milena Jesenská, zwischen 1936 und 1955 stand er zudem in regem Briefverkehr mit Alfred Polgar und Friedrich Torberg.

1938 emigrierte S. in die USA, wo er ab 1939 als William S. Schlamm u.a. für Time, Life, Fortune (alle im Verlag Henry R. Luces, dessen persönlicher Assistent S. 1943 wurde), die Deutsche Volks-ZeitungThe New LeaderThe NationSaturday Review of LiteratureThe New Republic und die New York Times arbeitete. Das gemeinsame Bemühen mit Torberg um eine deutsche Ausgabe der Time unter dem Titel Umlaut scheiterte 1944. 1949-1951 wirkte er als Pariser Korrespondent der Zs. Fortune sowie bis zur Übersiedlung nach Lugano 1957 als Herausgeber der Zs. National Review. Neben reger Vortragstätigkeit wirkte S. fortan für den Stern und die Welt am Sonntag als CDU-naher Kolumnist, nach dem Bruch mit dem Springer-Konzern gründete er 1972 mit Otto von Habsburg die Zs. Zeitbühne. 1971 wurde er mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung ausgezeichnet


Werke

Die Diktatur der Lüge – eine Abrechnung (1937), Die Grenzen des Wunders. Ein Bericht über Deutschland (1959), Wer ist Jude? Ein Selbstgespräch (1964), Vom Elend der Literatur. Pornographie und Gesinnung (1966), Glanz und Elend eines Jahrhunderts. Europa von 1881 bis 1971 (1971), Zorn und Gelächter. Zeitgeschichte aus spitzer Feder (1977)

Quellen und Dokumente

Beiträge W. S.s.: Die Kommunistische Jugendinternationale und die Einheitsfront. In: Die Rote Fahne, 20.9.1922, S. 3f., Politische Probleme des Parteitages. In: Die Rote Fahne, 19.6.1927, S. 6f., „Lenin“. Eröffnungsvorstellung der „Schauspiele im Carl-Theater“. In: Die Rote Fahne, 28.9.1928, S. 3f., Bemerkungen eines „Amnestierten“. In: Die Rote Fahne, 11.11.1928, S. 3, Zum Parteitag. Ist der Austromarxismus bankrott? In: Die Rote Fahne, 1.2.1929, S. 7, Antifascistische Agitation auf dem Holzweg. In: Die Weltbühne 28 (1932), Nr.29, S. 80-84.

Schlamm bei den bürgerlichen Pazifisten gelandet. In: Die Rote Fahne, 29.9.1932, S. 5.

Alfred Polgar: Lieber Freund! Lebenszeichen aus der Fremde (1981), Friedrich Torberg: Eine tolle, tolle Zeit. Briefe und Dokumente aus den Jahren der Flucht 1938 – 1941. Zürich, Frankreich, Portugal, Amerika (1989).

Literatur

Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert, Bd. 1, 1206 (2002), Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Bd. 1, 649f. (1980), Alexander Gallus: Der Amüsanteste unter den Renegaten. William Schlamms Wandlungen vom Kommunisten zum Konservativen. In: Michael Hochgeschwender (Hg.): Epoche im Widerspruch, 52–73 (2011), Susanne Peters: William S. Schlamm. Ideologischer Grenzgänger im 20. Jahrhundert (2013).

Franz Krahberger: Doomsday, kalter Krieg und eiskalte Publizisten. In: e.journal [Online verfügbar], N.N.: Heilskünder / Schlamm. Chuzpe. In: Der Spiegel, 11.5.1960, S. 28-42, Hanns Jürgen Küsters: Nie angekommen… In: FAZ, 15.9.2013.

(ME)