geb. am 1.1.1880 in Prag – gest. am 11.4.1954 in New York; Kunsthistoriker, Essayist, Redakteur, Ausstellungskurator, Exilant

Tietze entstammte einer assimilierten jüdischen Familie, die 1894 von Prag nach Wien übersiedelte und zum Protestantismus konvertierte. Er studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien, u.a. bei Franz Wickhoff, und schloss 1903 mit einer Dissertation über Die Entwicklung des typologischen Bilderkreises des Mittelalters ab. 1905 heiratete er Erica Conrat (1883-1958), die ebenfalls (als erste Frau im k.k. Österreich) das Studium derv Kunstgeschichte mit einer Dissertation abschloss, außerdem musikalisch hochbegabt und u.a. mit Zemlinsky und Schönberg, später auch mit A. Mahler-Werfel befreundet war. 1908 habilitierte sich Tietze nach einem zweijährigen Rom-Aufenthalt mit einer Studie über Annibale Carraccis Galerie im Palazzo Farnese und seine römische Werkstätte; 1909 wurde er Privatdozent. 1913 erschien seine Schrift Die Methode der Kunstgeschichte, die ihn als Vertreter der von Alois Riegl und Max Dwořák (1874-1921), mit dem ihm ein freundschaftl. Verhältnis verband, begründeten Wiener Schule der Kunstgeschichte auswies. Seit 1908 war T. maßgeblich an der 12bändigen Österreichischen Kunsttopographie beteiligt. Während des Ersten Weltkrieges konnte er bis auf wenige Monate in Wien verbleiben und seinen Forschungsarbeiten nachgehen. 1918 legte er einen Entwurf zur Neuordnung der Museen vor u. wurde, 1919 auch zum Außerordentlichen Professor an der Univ. Wien ernannt, Referent für museale Angelegenheiten im Unterrichtsministerium, zuletzt, d.h. 1925 im Rang eines Ministerialrats. Zugleich verbanden ihn Freundschaften mit zeitgenöss. Künstlern wie z.B. O. Kokoschka, und sein Interesse für eine zeitgemäße Vermittlung der Kunst schlug sich in der Gründung der ›Gesellschaft zur Förderung der modernen Kunst‹ (1923) nieder sowie in der Publikation Deutsche Graphik der Gegenwart (1922). Anfang der 1920er Jahre übernahm Tietze Vortrags- u. Führungstätigkeiten auch für die sozialdemokr. Kunststelle, die Urania oder das Österr. Museum und baute die ehemaligen habsburg. Sammlungen zu zeitgemäßen Museen um, z.B. die Sammlungen der Albertina oder das Barockmuseum. Im Zuge einer von ihm u. der Gesellschaft zur Förderung der modernen Kunst mitgetragenen Nolde-Ausstellung geriet Tietze ins Visier konservativer Kunstkritiker, gegen die ihn wiederum E. Buschbeck in Schutz nahm. Im Rahmen des ›Internat. Musik- u. Theaterfest‹ im Sept-Nov. 1924 kuratierte er die Kunstausstellung in der Secession, die H. Ankwicz-Kleehoven den großen Kunstausstellungen in Venedig zur Seite stellte. Die von konservativen Kreisen weiter betriebene Sabotage seiner Kunstpolitik führte zu einem freiwilligen Ausscheiden aus dem Staatsdienst mit 31.12.1925, die Tietze in Ztg. wie der AZ und dem NWJ auch öffentlich machte. Dabei verwies er auf den neuen Typus des karrierebewussten Beamten, dessen „Gemüt und Gedächtnis mit keinerlei Sachkenntnis beschwert ist“ (NWJ, 6.1.1926). Ab Mai 1925 hielt T. auch Vorträge für das neue Medium Radio (insbes. für die Rubrik Radiovolkshochschule). Im Nov. 1927 regte Tietze maßgeblich die Ausstellung Das Werden eines Kunstwerkes an (Österr. Museum für Kunst und Industrie), die erstmals in Wien Werkprozessmaterialien alter Meister und zeitgenössischer Künstler (darunter auch von E. Schiele) gegenüberstellte. Ab 1928 veröffentl. T. ein dreibändiges Werkverzeichnis zu Albrecht Dürer, das ihm internat. Beachtung eintrug und von einer Radiovortragsreihe, eingeleitet mit einem Beitrag über Dürer als Dichter, begleitet war. Neben seiner exzellenten Kenntnis der Renaissance-Kunst, des Barock, aber auch herausragender Künstlergestalten wie F. Goya oder einzelne Expressionisten (Munch, Nolde, Kokoschka u.a.) interessierte sich Tietze auch für den Kunstbetrieb und nicht nur in Wien, wie Feuilletons, etwa 1929 im NWJ bezeugen. 1930 gelang Tietze neuerlich eine richtungsweisende Ausstellung: Die Kunst unserer Zeit (Wiener Künstlerhaus). Diese sorgte in der Kunstöffentlichkeit (insbes. bei den organisierten Verbänden) für manche Verstimmung u. etliche Kontroversen, die insbes. der Maler Erwin Lang im NWJ nährte, während Stimmen wie Ankwicz-Kleehoven oder Max Eisler Tietzes Verdienste und die Ausstellung selbst vehement in Schutz nahmen, auch den von ihm mitverf. Katalog. Unter T.s Aktivitäten im Jahr 1931 ist neben einem Wien-Buch auch ein Radiovortrag über Cézanne und Picasso erwähnenswert.

1933 folgte das verdienstvolle Buch  Die Juden Wiens. Geschichte – Wirtschaft – Kultur (Neuaufl. 2017), das u.a. St. Großmann im ›Morgen‹ u. Chajim Bloch, herausragender Rabbiner u. Kenner der jüd. Geschichte u. Mystik,  im NWJ mit Enthusiasmus u. Expertise würdigten. Ab 1934-35 verringerten sich die Möglichkeiten in der Öffentlichkeit mit Vorträgen aufzutreten; trotzdem konnte 1935 noch seine Tizian-Studie erscheinen; allerdings orientierte sich T. zunehmend Richtung USA, wohin er auch 1938 mit seiner Frau via Italien und London ins Exil ging. Dort erhielt er ein Carnegie-Stipendium sowie eine Gastprofessur am Toledo Museum of Art (NY) sowie 1953-54 an der Columbia-University (NY), wo u.a. Ernst H. Gombrich, der Tietzes Vorlesungen auch schon in Wien besucht hatte,  zu seinen Hörern zählte.


Weitere Werke

Die Denkmale des Benediktinerstiftes St. Peter in Salzburg (Wien 1913); Die Entführung von Wiener Kunstwerken nach Italien. Eine Darlegung unseres Rechtsstandpunktes, mit einem offenen Brief an die italienischen Fachgenossen von Max Dvořák (Wien 1919); Domenico Martinelli und seine Tätigkeit in Österreich (Wien 1922); Georg Merkel (= Bd. 3 der Österr. Kunstgeschichte, Wien 1922);  Die Zukunft der Wiener Museen   (Wien 1923); Lebendige Kunstwissenschaft Zur Krise der Kunst und Kunstgeschichte (Wien 1925); Meister und Meisterwerke deutscher Kunst (Wien 1927); Wien. Kultur – Kunst – Geschichte. (Wien-Leipzig 1931); Tintoretto. The Paintings and Drawings (London 1948, dt. Ausgabe: Tintoretto. Gemälde und Zeichnungen, London 1948); Dürer als Zeichner und Aquarellist (Wien 1951).

Krapf-Weiler Almut (Hg.) Hans Tietze: Lebendige Kunstwissenschaft: Texte 1910-1954. Wien 2007.

Quellen und Dokumente

Das Musik- und Theaterfest der Stadt Wien. Karikaturen vom Musik- und Theaterfest. In: Arbeiter-Zeitung, 27.9.1924, S. 8, [weitere Angaben folgen].

Nachlass: Wienbibliothek

Literatur

D. Bogner: Hans Tietze und die Moderne Kunst. In: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte. XXXIII/1980, 13-15, Neudr. In: ders.: Perspektiven in Bewegung (2017), 77-79; E. H. Gombrich, M. Weinberger, J. Held (eds.): Essays in Honor of Hans Tietze, 1880-1954. New York 1958; E. Lachnit: Die Wiener Schule der Kunstgeschichte und die Kunst ihrer Zeit. Zum Verhältnis von Methode und Forschungsgegenstand am Beginn der Moderne. Wien u.a. 2005. F. Polleros: 1938 und die Wiener Kunstgeschichte (Online verfügbar).

(PHK)