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Adolf Loos: Vorwort zu: Richtlinien für ein Kunstamt. Wien 1919

Der staat hat sich zu entscheiden, ob er den künstlern helfen will oder der kunst.

In der monarchie war der herrscher der schutzherr der kunst. In der republik ist es das volk.

Solange der monarch, immer gegen die anschauungen des volkes kämpfend, ängstlich besorgt, seine pflicht dem geiste gegenüber zu erfüllen, sich dem willen des künstlers unterwarf, solange er in seinen rechten, die ihm das volk verlieh, seine pflicht dem universum gegenüber erkannte und erfüllte, war er am platze. Er hatte abzutreten, als er die sünde beging, die nicht vergeben werden kann: die sünde wider den heiligen geist. Und wenn er sich auch nur der unterlassungssünde schuldig gemacht hätte.

Seine erbschaft tritt ein neuer herrscher an, das volk. Der heilige geist offenbart sich der menschheit als der große mensch. Keiner nation gehört er an, sondern der ganzen menschheit. Er ist der führer, der wissende, der weise, der wegweiser für kommende geschlechter. Ihm, den die vorsehung immer wieder materialisiert, dem sie einen menschlichen körper verleiht, hat die menschheit den weg zu verdanken, den sie, immer gegen ihren willen, bis heute gemacht hat und noch machen wird; ihm hat sie zu verdanken, daß er sie aus den höhlen der vorzeit in geordnete wohnsitze geführt hat, aus dumpfem triebleben zu freiem denken. Ihm verdankt sie, daß der himmel blau ist und töne das menschenherz bewegen können, daß liebe mehr ist als ein trieb zur vermehrung, und daß der mensch staunend des gestirnten himmels über ihm und des moralischen gesetzes in ihm gewahr wird.

Ein ungeheures verantwortungsgefühl muß nun das volk packen: wie ist die sünde wider den heiligen geist zu vermeiden? Denn diese ist unsühnbar, und keine noch so tätige reue könnte die schmach tilgen, wenn man den geist oder seine inkarnation, van Beethoven, gehindert hätte, die neunte symphonie zu schreiben. Der gedanke, der damit der menschheit geschenkt wurde, hätte in dieser form ihr nie mehr gegeben werden können. Auch der zeitpunkt ist entscheidend. Damals, und nur damals, brauchte die menschheit zu ihrer fortentwicklung diese töne.

Dieser zum menschen materialisierte geist, der uns sprechen, hören und sehen gelehrt hat, der geist, der uns zunge, auge und ohr gebildet hat, er ist es, der unseren körper baut. Er hat uns fühlen gelehrt und unsere seele im wandel der jahrtausende immer neu umgebildet, reicher gemacht und zur aufnahme der dinge in uns, neben uns und über uns befähigt.

Der mensch stellt sich dem heiligen geiste, dem sanctus spiritus, dem schaffenden geiste, dem creator spiritus, feindlich entgegen. Er wünscht ruhe. Glücklich lebt er in der gesicherten position, die ihm die großen der vorzeit bereitet haben. Daß er weiter soll, daß er seinen endlich erreichten, gesicherten platz verlassen soll, bereitet ihm unbehagen, und daher haßt er den künstlermenschen, der ihm die liebgewordenen anschauungen durch neue verdrängen will. Der widerstand, den die menschheit ihren führenden geistern entgegensetzt, wird um so stärker sein, je größer die kluft ist, die zwischen volk und künstler, zwischen dem zeitgenossen und dem künstlermenschen sich auftut.

Die zeitgenossen des künstlers gehören verschiedenen perioden an. In der gewesenen monarchie verteilten sich die einwohner auf die letzten tausend jahre. Im neuen Österreich verteilen sich die menschen auf die letzten drei jahrhunderte. Sprechen diese zustände bloß für eine änderung aus ökonomischen gründen, so gebietet es der geist dem staate, dem künstlermenschen jene umgebung zu schaffen, die ihm die geringsten widerstände entgegensetzt. Die geringsten widerstände werden ihm menschen entgegensetzen, die nicht nur leiblich, sondern auch geistig seine zeitgenossen sind: menschen aus dem zwanzigsten jahrhundert.

Der staat hat daher die pflicht, das volk dem künstler möglichst nahezubringen.

Eine andere art der kunstfürsorge kann der staat nicht leisten. Keinem sterblichen ist es gegeben, den künstlermenschen, der mit uns lebt, zu erkennen. Der einzelne darf sich irren – dem staate müßte ein irrtum als sünde wider den heiligen geist angerechnet werden. Der einzelne ist nur sich selbst verantwortlich – der staat ist, dank der autorität, die er sich anmaßt, der menschheit gegenüber verantwortlich. Der einzelne kann den unterstützen, den er für den künstlermenschen hält, der staat aber würde bei einem irrtum dem ihm unbekannten genius ein martyrium bereiten. Denn eines nur lähmt dessen schaffenskraft: die bevorzugung des nichtkünstlers durch die autorität und das ihr folgende triumphgeheul der urteilslosen menge, in dem die stimme des künstlers erstickt. Gleiches recht, oder, wenn man will, gleiches unrecht für alle!

Zit. nach: A. Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden. Hg. von Franz Glück. Wien: Herold 1962, S. 352-354 unter dem Titel Der staat und die kunst. Online verfügbar hier.

Dr. Eugenie Schwarzwald: Lob der Republik. Eine Festrede in der Schule

Wenn wir einen Geburtstag feiern, so fragen wir uns: Wie stehen wir zu dem Gefierten, was bedeutet er für unser Leben, was könnten wir für ihn tun? Das heutige Geburtstagskind ist unsere Republik.

Was ist eine Republik? Die Republik ist ein Land, ein Staat, in dem alle, das ganze Volk, alle Schichten, Klassen, Stände, Berufe, beide Geschlechter sich an der Herstellung des Allgemeinwohles beteiligen, also um alle öffentlichen Angelegenheiten tätig bemüht sind. An der Spitze steht kein Monarch, weder ein absoluter noch ein durch Konstitution beschränkter. Aber das ist nicht das Entscheidende. Ein Monarch kann ein Despot sein, ein Willkür ausübender Tyrann wie Iwan der Schreckliche oder wie Caligula; er kann aber auch ein heilsam schaffender Philosoph sein wie Marc Aurel; ein Schützer des Landes wie der englische Protektor Oliver Cromwell, der erste Diener des Staates wie Friedrich der Große, oder ein Menschenfreund wie Josef II. Es kann sogar vorkommen, daß sich ein Volk unter einem Monarchen wohlfühlt. Wenigstens hat dies der kluge französische Heinrich IV. angestrebt und Harun al Raschid, wie die arabische Sage erzählt, erreicht. Aber ein von oben regiertes Volk bleibt doch bevormundet, gegängelt, wenn nicht gar versklavt und ausgebeutet. Wie ein Kind erst ein ganzer Mensch wird, wenn es eine Angelegenheiten versteht und tätig selber wahrnimmt, weil es da erst in den Besitz und den Genuß aller seiner Kräfte und Fähigkeiten kommt, so ist ein Volk erst dann keine bloße Herde, wenn es nicht allein sich auf den Verstand und den Charakter seines Herrn oder Hirten zu verlassen hat, so daß seine eigenen Kräfte, seine Geistesgaben, seine Energie, seine organisatorischen Fähigkeiten einschlafen, sondern wenn jeder Volksgenosse den öffentlichen Geist und alle Angelegenheiten der Gemeinschaft mitbestimmt.

Haben wir aber dann schon eine wahre Republik, wenn sich alle Glieder des Volkes um die öffentlichen Angelegenheiten kümmern? Wenn sie eine Anstalt zum Besten aller sein soll, so müssen alle, die damit zu tun haben, auch wissen, was das allgemein Beste ist, und wenn sie es w i s s e n, es auch w o l l e n. Viele Leute glauben, das sei schon Republik, wenn alles geschieht, was die Mehrheit beschließt. Wenn ihr etwas Gescheites einfällt, so ist ja alles in Ordnung. Aber weiß denn die Majorität immer, was recht ist? Verstand und guten Willen muß man haben, ob man nun ein Monarch, eine Oligarchie von feudalen Rittern oder reichen Bürgern, ein Senat oder eine Parlamentsmehrheit ist. Haben wir nicht gesehen, daß nicht nur Monarchen, sondern auch Parlamente den Weltkrieg beschlossen haben? Ganze Völker können, wie ein einziger, Kriege wollen und führen, um sich durch Eroberungen, Unterdrückungen und Versklavung am Unglück anderer Völker zu bereichern. Ihr habt ja römische Geschichte gelernt. Diese Republik ist ein berühmtes, richtiger berüchtigtes Beispiel für das Gesagte. Solche Republiken können gefährlicher und schädlicher sein als Despotien.

Soll also die Republik eine Gemeinschaft zum Wohle aller werden, so müssen alle lernen, worin das Allgemeinwohl besteht und müssen den Willen haben, dieses durchzusetzen, sogar dann, wenn ihr privates, persönliches Interesse nicht damit übereinstimmt.

Viele glauben, daß sie ihre Bürgerpflicht erfüllt haben, wenn sie sich einer politischen Partei anschließen und nach deren Weisungen handeln. Dazu hat natürlich jeder ein Recht. Insbesondere, wenn dieser Anschluß aus guten Gründen erfolgt, aus Überzeugung, aus Sympathie oder Familientradition. Wir haben Parteien für alle Interessen, Stände und Klassen. Parteien für die Bauern, für die Arbeiter, für die Fabrikanten, für die Kaufleute, für die Beamten, und alle diese nehmen naturgemäß die Interessen ihrer Mitglieder wahr. Alle diese Interessen sind  berechtigt und in Ordnung und verdienen geschützt zu werden, solange sie niemand anderen verletzen. Der Bauer hat das klare Recht, in Frieden und ungestört die Früchte des Bodens und seiner Arbeit zu genießen und zu verwerten. Und seine Partei handelt richtig, wenn sie Einrichtungen, die ihm nützen und seine Arbeit erleichtern, schafft und darauf acht gibt, daß das Gemeinwesen nicht unternimmt, was ihm schaden könnte. Wie aber würde euch das gefallen, wenn diese Partei ihre Macht im Staate dazu gebrauchen wollte, alle, die keine Bauern sind, zu zwingen, ihre Lebensmittel zu besonders teuren Preisen beim Bauern zu kaufen? Oder wenn die Fabrikantenpartei den Bauern zwingen wollte, daß er für die Industrieprodukte, die er braucht, mehr bezahlt als sie wert sind, damit es dem Fabrikanten besonders gut gehe? Oder wenn irgendeine Partei die Fabriksarbeiter zwingen wollte, auf ihre wohlverdiente Muße, auf den Schutz ihrer Gesundheit und ihrer Sicherheit zu verzichten? Oder sie verhindern wollte, Arbeit dort zu suchen, wo sie am besten bezahlt wird? Wenn eine Partei es durch Zahl, Macht und Agitation durchsetzt, daß die Interessen irgendeiner Klasse zum Nachteil der anderen Klassen im Staate bevorzugt werden, so ist die Republik nicht besser als eine Despotie. Kurz  gesagt: die Interessen jedes einzelnen müssen auf die des anderen Rücksicht nehmen. Wir nennen einen Privatmann, der sein Wohl auf Kosten oder gar zum Schaden anderer fördert, einen elenden Egoisten. Ebenso müssen wir den Staat nennen, wenn er ebenso handelt. Die echte Republik kann nur auf allgemeiner Gerechtigkeit beruhen, mit Schonung aller für alle.

Das erste Wort der wahren Republik heißt: Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu. Dieser einfache Satz, den ihr ja alle kennt, ist die Grundlage alles sozialen Lebens, des Staates und der ganzen Zivilisation. Dieser bescheidene Satz verwirft den Streit in der Kinderstube, den Unfrieden in der Schule, den Parteienzwist, die unaufrichtige Diplomatie und verdammt den Krieg, der einen Staat auf Kosten des andern vergrößert und bereichert. Er fordert gebieterisch, daß die Staaten und Völker miteinander umgehen wie anständige Menschen im Privatverkehr: mit Achtung und Rücksicht, liebenswürdig und höflich, krasse Eigenliebe, Roheit und Unhöflichkeit ablehnen. Durchboxen gehört nicht in die Republik.

Dieser Satz: Ne fais pas á autrui ce que tu ne voudrais pas qu’on te fasse, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Er ist, wie die Logiker oder Mathematiker sagen, ein Axiom, ein Satz, der von selbst einleuchtet. Weshalb Vischer in seinem Roman „Auch Einer“ seine Helden sagen läßt, das Moralische verstehe sich von selbst, alle zehn Gebote fließen aus diesem Satze. Jedes denkende Hirn, jedes fühlende Herz schafft diesen Satz sozusagen neu aus sich selbst heraus, sonst könnte die Welt längst nicht mehr bestehen. In unaufhörlichem Streit und Kampf müßte die Menschheit zugrunde gegangen sein, natürlich ohne auch nur die kümmerlichste Kultur und Zivilisation entwickelt zu haben. Und auf die wollt ihr doch nicht verzichten?

Die wahre Republik ist die Verwirklichung der Gerechtigkeit für alle unter Mitarbeit aller. Auf diesem Fundament erst kann die  zweite Stufe des menschlichen Zusammenlebens aufgebaut werden, die auf dem indischen Worte beruht: Hilf, wo du kannst, denn wer nichts tut, tut übles. Die Gerechtigkeit besteht nämlich nicht in der bloßen Enthaltung von Schadentun, Verletzen, Kränken. Natürlich kann man damit schon ein ganz anständiger Mensch sein. Aber das ist zu wenig. Euch kommt ein solcher Mensch sicher kalt und wenig sympathisch vor. Und er erinnert euch an Kellers „gerechte Kammacher“, die ihr ja alle nicht leiden könnt. Er lebt nämlich nach dem egozentrischen Grundsatz: „Sehe jeder, wo er bleibe, sehe jeder, wie er’s treibe, und wer steht, daß er nicht falle.“ Ein richtiger Mensch aber, den geht es sehr an, daß auch die anderen, gleichgültig, ob mit oder ohne ihr Verschulden, nicht fallen. Ist er aber gar glücklich, so hat er das Bedürfnis, alles  um sich her wenigstens leidlos zu sehen. Das ist der innerste Kern des Christentums, welches als notwendige Ergänzung zu der Gerechtigkeit des alten Dekalogs hinzugetreten ist.

Oft hört ihr, Republik sei nichts anderes als Freiheit. Aber die Freiheit ist nichts Positives. Man kann sie definieren als Abwesenheit von Gewalt. Solange Gewalt von Despoten, Siegern und Eroberern, von Cliquen, Klassen, Parteien, Bündnissen oder Banden sich geltend machen kann, gibt es keine Gerechtigkeit. Freiheit ist also nichts Aufbauendes, sondern bloß die unentbehrliches Vorbedingung für das ordentliche Zusammenleben der Menschen. Das Positive aber muß gelehrt und geübt werden.

Auf unsere junge Republik dürft ihr stolz sein. Sie ist nicht in guten, friedlichen Zeiten, durch den starken Willen, den Freiheitsdrang oder die Selbstbesinnung einzelner geschaffen worden. Eine gewaltige internationale Katastrophe hat wie ein Sturmwind die alten Herren hinweggefegt und uns vor die Notwendigkeit gestellt, das neue Gemeinwesen aus eigener Kraft unter den schwersten Verhältnissen aufzubauen. So ist uns eine Aufgabe zuteil geworden, unvergleichlich schwerer als etwa jene der Schweizer, deren Vorfahren vor Jahrhunderten ihre politische Freiheit verteidigt und erobert haben. Diese haben es leicht, ihre Gemeinschaft langsam und bedächtig zu immer besserer Gesittung weiter zu gestalten. Aber je schwieriger die Aufgabe, desto größer die Ehre und Freude am Geleisteten. Was schon in wenigen Jahren geschehen ist, ist nicht wenig. Wenn ihr bedenkt, daß unser Land im Zustand äußerster Zerrüttung, wirtschaftlich fast zugrunde gerichtet, seiner besten Männer beraubt, seiner wichtigsten Hilfsmittel entkleidet, sich neu zu fassen und nicht nur neu zu organisieren, sondern erst wieder lebensfähig zu machen hatte, so werdet ihr verstehen, was das heißt, daß es bei uns im Lande keine äußerste Unordnung gegeben hat, daß wir den auflösenden Kampf aller gegen alle zu vermeiden gewußt haben. Wir haben unsern armen Staat in leidlicher Ordnung wieder aufgebaut, sind ein geachtetes Mitglied der europäischen Völkerfamilie geworden und ein wichtiges Stück der Kulturgemeinschaft geblieben. Ja, es gibt sogar einige Dinge, in denen wir anderen Ländern als Beispiel dienen. Dies alles ist das Verdienst gewisser Eigenschaften des Österreichers. Sein Sinn für geduldiges und rücksichtsvolles Zusammenleben, für Verständigung und Ausgleichung von Gegensätzen macht ihn für die Republik besonders geeignet. Diese Eigenschaften haben uns vor der Anarchie verzweifelter zurückströmender Armeen bewahrt, vor Aufständen hungernder Volksmassen, vor blutigen Gewalttaten der Revolution, wie vor Handstreichen der Reaktion. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Interessengruppen, Parteien und Bestrebungen könnte in der Geschichte, wenn die Geschichte Luft hätte, auch schöne Dinge aufzuschreiben, als ein Beispiel aufgezeichnet werden, wie sich ein Volk durch seinen Charakter aus der äußersten Notlage hilft.

Die Eignung zum Republikaner ist die erste Voraussetzung für die wahre Republik. Da ihr sie besitzt, wird es euch leicht sein, alles zu lernen, was zu einem rechten Republikaner gehört, und es dann auch mit aller Liebe zu eurem schönen Vaterland zu tun. Wenn wir alle fest wollen, fleißig arbeiten, nicht nach links und nicht nach rechts sehen, sondern geradeaus, nicht groß tun und nicht verzweifeln, dann kann unsere Republik ein wohnliches Heim für alle werden. Dann wird sie mit Recht Republik heißen.

Legt euren Willen zur Republik als Geburtstagsgeschenk zu ihren Füßen.

In: Neue Freie Presse, 12. November 1925, S. 14

Hans Liebstoeckl: Das Theater in der Republik

Für das Theater ist die Festlegung der republikanischen Staatsform von einiger Bedeutung gewesen. Ohne politische Dinge erörtern zu wollen, kann man hier wohl davon sprechen, denn der republikanische Gedanke einhält ja gleichsam den Begriff der Meinungsfreiheit in sich, und es ist gewiß, daß Presse und Bühne ohne ein weitgehendes Maß von Freiheit nicht existieren können. Auch die Monarchie hat eine bestimmte Dosis von Freiheit besessen, sie ging manchmal weiter, als man erwarten durfte, aber sie blieb natürlich schwerhörig in allen Dingen, die den Hof und die zum Hofe gehörige Gesellschaft betraten. Ich selbst konnte ein Lied davon singen.

            Als Maria Jeritza seinerzeit ihren Übergang von der Volksoper n die Wiener Hofoper vollzog, schrieb ich eigens eine Oper für sie, zu der Max Oberleitner die Musik gemacht hat. In dieser Oper, „Aphrodite“ (mit Benützung des Romanes von Pierre Louys), gab die Jeritza die Chrysis (Aphrodite). Das Buch, im Laufe von 14 Tagen in Stockholm von mir niedergeschrieben, ward an der Hofoper sofort angenommen und die Musik, gleichfalls rasch entstanden, wurde kurz darauf geprobt. Die maßgebenden Faktoren der Hofoper verhehlten sich nicht, daß der Stoff für die damaligen Verhältnisse ein bißchen kitzlig war. Meine Oper schilderte Aufstieg und Fall einer Buhlerin, aber man hoffte, die unglückliche Chrysis ungefährdet in die Oper bringen zu können, denn damals war ja die Glanzzeit der „Salome“ und der „Elektra“ von Strauß, zweier Opern, die sicherlich das Normalmaß der Keuschheit, das sich die Monarchie setzte, überschritten. Die berühmte Affäre der „Salome“ mit ihren sieben Schleiern kam glatt unter Dach. Bei meiner „Aphrodite“ konnte es insofern Bedenken geben, als der Höhepunkt der Handlung darin bestand, daß die Buhlerin ein Standbild der Aphrodite zertrümmert und sich selbst in ihrer strahlenden Schönheit n deren Stelle setzt. Da das Bild der Aphrodite gänzlich unbekleidet war, sollte für die Inszenierung in der Hofoper eine Art durchsichtigen Schleiergewandes gewählt werden, das die schöne Gestalt der Jeritza ziemlich aufrichtig erraten ließ. Die Proben waren schon im Gange, aber es sprach sich herum, daß Mitzi Jeritza in dieser Partie nahezu unbekleidet vor den Augen des Publikums erscheine. Nun bekam der Hof Wind davon, und insbesondere eine der Erzherzoginnen nahm Anstoß an dieser Szene. Man debattierte hin und her, doch kam schließlich ein Kompromiß zustande: der Schleier blieb, aber er mußte durch dickere Gewänder ersetzt werden! …

            In diesem Punkt hat die Republik volle Freiheit geübt. Obschon die lokale Zensur in Wien mancherlei Schwierigkeiten machte, blieb die Tendenz doch sichtbar: die Schaustellung des menschlichen Körpers nicht als Ärgernis zu betrachten. Eine Zeitlang überwogen die erotischen Stücke und die Nacktheit auf der Bühne. Ich erinnere bloß an die „Lysistrata“, an manche Novität der Kammerspiele, an Wedekind und Kaisers „Sorina“ und Sternheims „Kasette“, die, obgleich ein außerordentlich schlüpfriges Stück, sogar im Burgtheater Aufnahme fand, von den Freudkomplexen, wie Unruhs „Geschlecht“ und manchen Anstößigkeiten in Wildgans „Kain und Abel“, gar nicht zu sprechen. In den heikelsten Fällen half sich die Wiener Zensur mit Aufführungen vor einem geladenen Publikum, die dann en suite weitergespielt wurden. Der Kampf um Schnitzlers „Reigen“ ist wohl noch in Erinnerung. Noch liberaler verhielt sich die republikanische Regierung zu Stücken mit politischem Hintergrunde. Man spielte Toller und machte in dem einen wie in dem anderen Fall die Erfahrung, daß die „Gefährlichkeit“ aller dieser Dinge von selbst abstumpft. Es gab sogar einen Augenblick, da sich die Abneigung des Publikums gegen reine Schaustellungen und allzu frivole Bühnenkunst darin kundgab, daß die Leute anfingen, aufzuhören; sie hatten die Nacktheit satt. und das kann man verstehen.

            Heute liegen die Dinge so, daß ein Stück mehrere Zensurstellen passiert. Die erste natürliche Zensurstelle sind der Lektor und der Dramaturg, die zweite der Direktor. Dann erst kommt die Behörde, und die Fälle, in denen sie einschreitet, sind immer seltener geworden. Hie und da wird ein allzu gewagtes Wort gestrichen, eine allzu verfängliche Situation gemildert, und es geschieht bisweilen, daß sie auch, bei Schlüsselstücken und Schlüsselfilmen, Rücksicht auf jene Kreise nimmt, die davon betroffen werden. Jedenfalls haben die Zeiten aufgehört, da die Theaterdirektoren wünschen, daß ein eingereichtes Stück verboten werde. Das war ein beliebter Trick, ein solches Verbot wirkte wie Reklame und die Direktion kam mitunter auf ihre Rechnung, mitunter auch nicht.

            Der heutige Zustand lebt also von einem Minimum an Zensur, und es zeigt sich, das möglichst weitgehende Freiheit zur Läuterung des Geschmackes beiträgt, daß sich also gleichsam von selbst ein Regulativ gegen allzu große Üppigkeit einstellt. Das Publikum hat eine viel feinere Nase, als man glaubt, und nichts wäre verkehrter, als die Annahme, die Leute kämen nur deshalb ins Theater, um ihre Sinne und ihre Schaulust zu befriedigen. Die reine Pornographie auf der Bühne hat sichtlich abgewirtschaftet, man läßt sich sie von keinem anderen als von einem wirklichen Dichter gefallen. Nur so scheint es wieder möglich geworden zu sein, daß Dichter wieder zu Worte kommen, die man für erledigt hielt. Die „Wallenstein-Trilogie“ mit Bassermann ist jedesmal bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Das ist wahrhaftig kein schlimmes Zeichen, und es macht der Republik alle Ehre. Nach wie vor kann man nur wünschen, daß es so bleibe und daß der Staat seine Oberaufsicht über die von Steuern schier erdrückten Bürger so zahm und linde als möglich ausübe. Er soll da sein, aber je weniger man von ihm weiß, desto besser. Sonst kommen wir eines Tages in die schrecklichen Verkehrtheiten, unter denen heute die russische Kunst leidet, und deren Widersinn nicht nur außerhalb Rußlands, sondern auch in Rußland selbst als lächerlich empfunden wird.

            Es zeigt sich, daß in der Freiheit allein die Kunst gedeiht und daß die Willkür und Ausschweifung sich selbst ein Ende setzen. Das ist menschlicher Gewinn genug, und indem wir davon sprechen, bringen auch wir der jungen Republik Österreich unseren Glückwunsch dar.

In: Die Bühne, H. 53, 12.11.1925, S. 4.