Liebstöckl, Hans

geb. am 18.2.1872 in Wien – gest. am 24.4.1934 in Wien; Journalist, Redakteur, Kunst- und Musikkritiker, Schriftsteller, Librettist, Übersetzer

Aus: Wiener Sonn- und Montagszeitung, 22.8.1921, S. 2

Der Sohn aus einer Offiziersfamilie mit Wurzeln in Würzburg besuchte nach der Volksschule in Wien ein Gymnasium in Prag, um danach in Prag und Wien Jura zu studieren. In Prag kam er über den Geigenunterricht bei Anton Bennewitz mit der Musik in näheren Kontakt. Dort werden auch seine ersten literar. Versuche fassbar, als er im Prager Dichterbuch (hg. von F. Teweles) 1893, in dem u.a. Friedrich Adler u. Hugo Salus publizierten, in „eine Reihe vielversprechender Talente“ platziert wurde. 1894 finden wir L. einerseits als „brillanten“ Violinisten (PTBl. 5.12.1894), andererseits in eine Debatte über die Ausrichtung der Höritzer Passionsspiele verwickelt, in der er sich als „Deutschnationaler“ deklariert und jenen einen „jüdischen Geist“ vorwirft. Für das Deutsche Volksblatt (Wien) schreibt er 1894-95 erste Besprechungen, für die Lyra einige Gedichte. In der Neujahrsnr. 1900 der Zs. Der Humorist veröffentlicht er gem. mit Fanz Weislein den Einakter Jean; 1901 verf. er für die Verdi-Feier im Theater an der Wien einen Prolog. 1903 wird er Theaterkritiker beim Illustrierten Wiener Extrablatt, 1906 dessen leitender Redakteur. 1905 wird er als MitVerf. des Librettos der Operette Der Schwerenöter von Alfred Zamara. Im Juni 1907 gelangt die mit Bernhard Buchbinder verf. Operette Der Eintagskönig im Lustspiel-Theater zur Auff., die trotz „ziemlich dünner Handlung“ zum Erfolg geriet. Ebf. 1907 puliz. L. einen Verriss der Erstauff. Der 6. Symphonie von G. Mahler, 1908 legte er mit Der Frauenjäger wieder einen Operettenerfolgt vor, 1910 war er für die deutsche Fassung der in Paris mit großem Erfolg aufgeführten Opernversion des Sienkiewicz-Romans Quo vadis? verantwortlich. Mit der einaktigen Oper Aphrodite (Musik: Max Oberleithner, Textvorlage: Pierre Louys) polarisierte L. 1912 die Kritik: für J. Korngold in der NFP „technisch ein wahres Kunststück“, für andere wie R. Holzer ein bloß geschickter Abdruck „aus Wagner zusammengenäht und mit Strauß unterfüttert“, insgesamt aber ein Publikumserfolg an der Hofoper, wie die Neuaufnahmen im Sept. 1913, aber auch in den Jahren 1915 u. 1917 zeigen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkr. verf. L. 1915-17 versch. Feuilletontexte im Prager Tagblatt u. im Pester Lloyd (PL), u.a. über die Skoda-Waffenwerke, wirkt an der Lissafeier 1916 mit, womit sich seine patriot. Beiträge schon erschöpfen. Ab 1916  wirkt er v.a. als Theaterkritiker für den PL, besprach z.B. H.v. Hofmannsthals Ariadne auf Naxos, Strindbergs Traumspiel, F. Lehár, oder A. Wildgans.  Zu 1918-19 liegen nur wenige Äußerungen L.s. vor, u.a. kritische über das expressionist. Theater; 1920 meldet sich L. mit einem Schreker-Verriss zu Wort, der zu einer Replik in der Musikzs. Anbruch durch R. St. Hoffmann führt. Richard Specht bezichtigt ihn ebf. 1920 im Anbruch, der Gruppe der G. Mahler-Feinde in Wien angehört zu haben; in der Zs. des Dt. Volkstheaters Aufbau, die u.a. Szenen aus E. Tollers Masse Mensch brachte, ist er dagegen mit einem Essay vertreten, darüber hinaus mit einer Tagger- u. Sternheim Charakteristik in der Wiener Sonn- u. Montagszeitung (WSMZ), für die er auch 1921-29 regelm. Theaterfeuilletons verfasste, darunter eines zum Reigen-Skandal oder zur Jedermann-Auff. in Salzburg bzw. 1924 zu K. Kraus u.a. Ende 1922 erschien seine 101 (Theater)Feuilletons umfassende Slg. Von Sonntag auf Montag, 1923 die von ihm besorgte deutsche Fassung von Alexander Kuprins vieldiskutiertem Roman Jama, die Lastergrube, die bereits nach drei  Wochen bei der 5. Aufl. hielt.

Mit der Übernahme der Chefredaktion der Zs. Die Bühne (H. 1 erschien am  4.11.1924) 1925-26 gestaltete L. im umstrittenen Verlag Die Stunde die wohl vielseitigste österr. TheaterZs der Zwischenkriegszeit sowie ein maßgebliches Zeitgeist-Magazin jener Jahre maßgeblich mit. Als Mitarbeiter gewann er u.a. F. Blei, A. Grünwald, K. Farkas, F. Porges, Roda-Roda oder P. Stefan u. Alice Schalek; fallweise wirkten auch B. Bálázs, K. Čapek u. R. Neumann an der Zs. mit, die 1925-28 u.a. Primärtexte von O.M. Fontana, M. Gorki, J. Galsworthy, Th. Kramer, R. Musil, W. S. Maugham, F. Werfel u.v.a.m. zum Abdruck brachte. L. provozierte wiederholt Reaktionen: seitens K. Kraus ebenso wie durch die AZ, wo er u.a. als „der literarische ‚Schabesgot‘ des Amüsierbetriebs der jüdischen Bourgeoisie von Wien“ bzw. als einer der „Paladine Bekessys“ gebrandmarkt wurde (AZ, 22.7.1926,5). Nichtsdestotrotz vermochte die Zs. auch die Eröffnung der Piscator-Bühne mit E. Tollers Hoppla wir leben! zu würdigen. Zur vieldisk. Sylvesterauff. von Kreneks Jazz-Oper Jonny spielt auf bezog L. dagegen einen ablehnenden Standpunkt, ebenso anlässl. des Gastspiels des Leningrader Opernstudios bei den Salzbg. Festspielen 1928, was die AZ veranlasste, ihm „christliche Mystik“ vorzuwerfen. Seit seinem Wechsel zum Neuen Wiener Extrablatt vertrat L. zunehmend konservative Positionen, z.B. in der Debatte über Hasenclevers Ehen werden im Himmel geschlossen, dem er die Verletzung relig. Gefühle vorwarf, was ihm Zustimmung durch die christl.soz. Reichspost (RP, 16.3.1929) eintrug. 1930-32 verf. L. wieder vermehrt Theaterfeuilletons für die WSMZ, nimmt an Varietè-Veranstaltungen mit K. Farkas u. Roda Roda teil, verliert aber deutlich an Terrain in der öffentl. Wahrnehmung. 1932 verschlimmert sich seine Angina pectoris-Erkrankung; L. muss seine Kritiker-Tätigkeit weitgehend einstellen und verstirbt im April 1934 an deren Folgen.


Weitere Werke

Theaterkinder (1922); J. Hulay: Anna Karenina. Oper (dt. Übers. 1924); M. Lengyel: Die Schlacht von Waterloo (dt. Übers., 1925); Die Geheimwissenschaften im Licht unserer Zeit (1932, engl. Ausg. 1939)

Quellen und Dokumente

Die Wahrheit über Höritz. In: Deutsches Volksblatt, 5.8.1894, S. 1f., mit Franz Weislein: Jean. Ein Act. In: Der Humorist, 1.1.1900, S. 3f., Bei Skoda. In: Prager Tagblatt, 10.8.1915, S. 2-4, Anton Wildgans: „Liebe“. In: Pester Lloyd, 7.12.1916, S. 2-4, Strindbergs Traumspiel. In: Pester Lloyd, 14.1.1917, S. 15f., Theater und Musik. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 20.12.1920, S. 2f., Theater [zum Reigen-Skandal]. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 14.2.1921, S. 2, Unterwegs [zur Salzburger Jedermann-Aufführung], In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 22.8.1921, S. 2, Theater [zu Karl Kraus]. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 5.5.1924, S. 2f., Der Schütteltanz Charleston. Einige Bemerkungen. In: Die Bühne 3 (1926), H. 98, S. 32, „Hoppla, wir leben!“. Die Eröffnungspremière des Berliner Piscator-Theaters. In: Die Bühne 4 (1927), H. 150, S. 13, Krenek spielt auf. In: Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 2.1.1918, S. 4. Musikblätter des Anbruch 10 (1928).

Mahlers sechste Symphonie. In: Prager Tagblatt, 6.1.1907, S. 12, Julius Korngold: „Quo vadis?“ In: Neue Freie Presse, 14.10.1910, S. 1f., J. K.: Hofoperntheater. („Aphrodite“, Oper in einem Akt nach Pierre Louys von H. L.). In: Neue Freie Presse, 20.3.1912, S. 1-3, Julius Bauer: Das große Welttheater. Epistel an H. L. In: Die Bühne 1 (1924), H. 1, S. 2.

(PHK)