Fritz Rosenfeld: Die Stadt wartet. Tanzdrama von Gertrud Kraus. (1933)

UA im Volksbildungshaus.

In den Märchen der Wirklichkeit von Maxim Gorkij steht die Skizze „Musik der Großstadt“, die Märchenvision einer Stadt, die „vom quälenden Wunsch beseelt ist, zur Sonne emporgehoben zu werden“. Die Stadt träumt, und „alle ihr vielgestaltigen Wünsche schreien nach Glück“. Ein Knabe schreitet auf die war­tende Stadt zu. Sie empfängt ihn als den Er­löser. Wird er sie erlösen? Das Märchen endet mit einem Fragezeichen: „Was erwartet ihn dort?“ Bei Maxim Gorkij will ein junger Musiker die brennende Sehnsucht dieser Stadt in Tönen ausdrücken. Marcel Rubin hat die Idee Gorkijs aufgegriffen und zu einem Tanzdrama gestaltet, das unter der Leitung von Gertrud Kraus Sonntag im Volksbildungshaus zum erstenmal aufgeführt wurde.

In der Tanzdichtung von Gertrud Kraus ersteht eine geträumte Stadt, eine Stadt, die nicht körperhaft ist, eine Vision aus Rhythmus und Gebärde. Die Menschen, die diese Stadt be­wohnen, die die Seele dieser Stadt bilden, sind voll Sehnsucht, voll Glücksverlangen, voll Frei­heitshunger; es ist eine Stadt gequälter, in die Tretmühle des Alltags gespannter Arbeitsmenschen, die ihren Erlöser erwartet. Der Knabe schreitet durch die Häuser, durch die Menschen der wartenden Stadt. Er vermag sie nicht zu erlösen; er vermag nur ihre Sehnsucht zu steigern, den Glanz ihres Glückstraums zu er­höhen. Der Schluß des Tanzdramas ist nicht Erfüllung, sondern wieder Erwartung: aus ihrer eigenen Kraft werden die Menschen der wartenden Stadt sich erlösen.

Marcel Rubins Musik strebt mit einfachen Mitteln wuchtige Wirkungen an. Gertrud Kraus hat das Tanzdrama mit einfachsten Mitteln wuchtig inszeniert. Sie schweißt ihre Tanzgruppe und einen Bewegungschor zu einem einzigen großen Tanzkörper zusammen, den sie mit ihrem gestalterischen Willen souverän beherrscht. Ein paar Gesten, ein paar Schritte, deren Rhythmus sich aus der Musik von selbst ergibt, drücken Trauer, Sehnsucht, Freude, Verzweif­lung, Erwartung der Menschen in dieser geträumten Stadt aus. Am reifsten durch­komponiert ist die Szene im Tanzlokal: der Rhythmus eleganter Tänzerpaare überträgt sich auf einen blinden Bettler, der Rhythmus eines Lebens, an dem der Bettler nicht teil hat, ergreift ihn, wie der Wellenschlag des Ozeans eine ferne Küste erreicht. Die hochgestreckten Hände der Menschen bilden die Um­risse gotischer Fenster; gotisch überhöht sind die Gebärden in diesem Tanzspiel, es gibt keine Schnörkel, keine Pirouetten; ein paar Be­wegungen deuten das mechanische Einerlei des Alltags, ein paar Gesten den Rhythmus eines Schwungrades an. Die Grundmotive der Tanz­dichtung sind nicht dramatisch, sondern lyrisch; auch das Märchen von Gorkij hat keine Hand­lung, es ist ein seelisches Zustandsgemälde. Als Gesamtleistung reißt die Tanzvision der wartenden Stadt menschlicher Sehnsucht trotz einiger Längen unwiderstehlich mit; sie ist die Frucht ernster und strenger künstlerischer Ar­beit, sie beweist nicht nur das große Können, sondern auch den hohen Ehrgeiz und die Energie der Regisseurin. Gertrud Kraus, die selbst den Knaben tanzte, ihre Schülerinnen, der Komponist und der Dirigent Kassowitz wurden vom Publikum bejubelt.

Vorher zeigte Gerti Tenger eine Tanz­suite nach der „Kleinen Dreigroschenoper­ Musik“ von Kurt Weill. Es war keine sehr glückliche Idee, nach dieser modernen Musik eine Pantomime alten Stils zu tanzen, die den falschen Eindruck erwecken könnte, daß die Dreigroschenoper ein Bordellstück ist. Immerhin waren die Kuppelmutter Gisa Geerts und die Dirne Maru Kosjeras lebensvoll-drastische Gestalten. Den Abschluß des Abends bildete die bereits bekannte Tanzgroteske Changez les têtes oder Haltet den Dieb von Gisa Geert. Das witzige, schmissige Tanzspiel, das den Geist der Rene-Clair-Filme auf die Bühne überträgt, gefiel wieder sehr gut und fand reichen Beifall.

In: Arbeiter-Zeitung, 10.3.1933, S. 10.

Leo Perry [ ]: Zauberberg Wien (1932)

Ein gewisser Thomas Mann, von dem die glänzend informierte „Dötz“ kürzlich gelegentlich eines scharfen Angriffes behaup­tete, er wäre ein Namensvetter von Heinrich Mann, den jedoch die übrige Mitwelt als den Dichter der Buddenbrooks, des Zauberbergs und der herrlichen Novelle Der Tod in Venedig verehrt, weilte dieser Tage in Wien.

Wie es bei Besuchern von Rang und Namen üblich ist, wurde auch Thomas Mann von der Wiener Fremdenverkehrs-Kommission ersucht, sich über die in Wien erhaltenen Eindrücke zu äußern und gewisser­maßen ein Attest über Wien abzugeben. Thomas Mann erfüllte diesen Wunsch, aber er erfüllte ihn in einer Form, die ihm bei den Parteigängern des Dritten Reiches kaum nützen wird. Er war unvorsichtig genug, Wien nicht als die Stadt der Lieder zu preisen und allerlei Flachheiten über die Stadt Schuberts, Mozarts und Beethovens zu äußern, sondern das Hauptgewicht auf die sozialen Institutionen des neuen Wien zu legen. Er hat freilich eine Entschuldigung dafür. Er ist der Dichter des Zauberbergs, jenes Romans, der Davos schildert, und so war es naheliegend, daß er Parallelen zwi­schen Davos und Wien zog.

Thomas Mann hatte Gelegenheit, die von der Gemeinde Wien geschaffenen Nachkriegseinrichtungen auf sozialem Gebiet ken­nen zu lernen, und so sagt er wörtlich:

„Namentlich das Tuberkulosenheim mit sei­nen nach den neuesten Errungenschaften der Wissenschaft geschaffenen Einrichtungen er­weckte meine Begeisterung, da ich Davos kenne, wo ich meine Studien für den Zauberberg machte und das mir vielfach zu Vergleichen Anlaß gab“. Was Thomas Mann weiter sagt, ist für Wien außer­ordentlich schmeichelhaft und bedeutet ein derartig ernstes und von rein menschlichen Gesichtspunkten diktiertes Lob, daß ihm ge­genüber ein für allemal das leichtfertig zu demagogischen Zwecken geprägte Wort von der „Fürsorge-Inflation“ verstummen muß. Thomas Mann erklärt nämlich: „Es ist er­staunlich und im höchsten Maße bewundernswert, was hier vom hygienischen, ästhetischen und sozialen Standpunkt an Vorbildlichem geschaffen wurde und von keiner Stadt der Welt übertroffen wird. Was dem sozialfühlenden Menschen so viel Befriedigung verschafft, ist die Tatsache, daß für Menschen der armen Volksklasse an mustergültigen Einrichtungen bereitgestellt wird, was sich in gleicher Weise in Davos und anderwärts nur die reichen Bevölkerungskreise verschaffen können. Es ist so­ziale Gerechtigkeit, wie man sie hier am vollendetsten und vorbildlich finden kann.“

Keinen schöneren, keinen edleren, keinen reineren Gruß an Wien hätte der Dichter hinterlassen können als diesen. Er bestätigt uns, daß in Wien die vornehmste Menschenpflicht, jene der sozialen Gerechtigkeit, in mustergültiger Weise erfüllt wird, indem nicht der Besitz von Geldmitteln das Anrecht auf Heilung und Gesundung verleiht, son­dern dieses Anrecht aus Gründen brüder­licher Menschenliebe sozial und gerecht jedermann zugemessen wird.

Wien dankt dem Dichter für seine hohe Gesinnung und es dankt ihm für den durch sie bewiesenen Mut. Denn leider gehört be­reits allerpersönlichster Mut dazu, sich als Mensch und als Menschenbruder zu beken­nen. Thomas Mann, ein Halsstarriger sei­ner Überzeugung und deshalb von der Un­geistigkeit der fascistischen Reaktion gehaßt und häufig angespuckt, hat es reichlich erfahren müssen.

In: Wiener Allgemeine Zeitung, 27.10.1932, S. 3.

Alpheus [= Carl Colbert]: Die „Maschinenstürmer“. (1923)

Wir müssen kämpfen, weil wir Menschen sind. Schweigen wir, so sind wir Tiere, die sich stumm ins Joch beugen.

In späteren Zeiten, wenn Geschichte nicht länger im Dienste der Mächtigen, sondern ehrlich geschrieben werden wird – sie kommen, diese Zeiten! –  wird sie berichten, daß die Deutschen einen ihrer ganz großen Dichter, unter den jungen sicherlich den größten, in einem bayrischen Ge­fängnis sitzen ließen. Dort, so wird es heißen, schrieb er das Werk, das neben Gerhart Hauptmanns Die Weber die weithin klingende Sturmglocke künftiger besserer Zeiten, Kampfruf und zugleich Kunstwerk war; und nachdem er es sich von der Seele und seinen Volksgenossen auf die Seele geschrieben hatte, nahm man ihm Papier und Feder weg und zwang den Dichter, die Kerkerjahre mit stummer Seele zu tragen. Man wird diesen Bericht nicht verstehen. Einst hieß es das Volk der Dichter und Denker. In Bayern schlugen sie den Denker Landauer körperlich tot und den Dichter Ernst Toller im Geiste. Als die Franzosen erkannt hatten, daß einem sehr unbedeutenden Offizier grauenhaftes Unrecht geschehen war, ergriff eine Bewegung ohnegleichen das ganze Volk; der größte Dichter der Zeit, Zola, opferte Beliebtheit, Behagen, Ruhm und was sonst das Leben erfreulich macht, lebte als Flüchtling in London, versteckt vor dem Hasse der Finsterlinge, bis Dreyfus sein Recht geworden war. Die führenden deutschen Geister gaben sich die Mühe, ihre Namen unter einen papierenen Widerspruch zu schreiben. Toller blieb auf der bayrischen Teufelsinsel.

Als das Stück, das im Gefängnis Niederschönenfeld gedichtet, in Berlin ausgeführt wurde, sollen Grauhaarige geweint und die Tränen mit den zornig geballten Fäusten aus den Augen gewischt haben. Bei uns wird das nicht ge­schehen. Unsere Theaterleiter sind vorsichtig. Sie spielen oft Bewährtes, in Ernst und Scherz neue Abhandlungen von Ihm, Ihr und dem muskelstarken Dritten. Auf Ver­suche mit Genies lassen sie sich nicht ein. Der junge Mensch, der Die Räuber einreichte, hätte jetzt wenig Glück damit. Aufregung haben die Stammgäste auf der Börse genug, im Theater wollen sie anders aufgeregt werden. Wir werden Tollers großes sozialistisches Stück lesen müssen; spielen wird man es uns kaum. Nicht als ob sie an dem Erfolge zweifelten. Dazu sind sie zu sehr, was der Kunstbetrieb mit einem ganz widerlichen Work den gewiegten Fachmann nennt, mit allen Salben gewichst! Aber der Erfolg dieses Stückes, in dem rot­glühendes Morgenrot lodert, dürfte den Veranstaltern der Nachtspiele bedenklich scheinen. Sie werden die Kund­schaft nicht vor den Kopf, oder richtiger: vor den Bauch stoßen wollen.

Es beweist die ungeheure Lebenskraft der Weber, daß sie, durch die Rückschrittsgendarmen Preußens und Deutschlands von der Bühne verjagt, gelesen so ungeheuer lebensstark wirkten. So leben auch Tollers Maschinen­stürmer. Ich hasse es, Kunstwerke gegeneinander abzu­wiegen. Wo wäre die Wage? Kein Werturteil will ich ab­ geben, wenn ich darauf hinweise, daß Tollers Werk zwei Tragödien von erschütternder Größe enthält: der armen, ausgebeuteten, hoffnungslos gegen das Schicksal kämpfenden Arbeiter, ihrer Weiber, die sich dem Aufseher verkaufen müssen, um den Kindern Brot kaufen zu können, und die doch nicht verhüten, da diese Kinder von der Maschine zu Lohndrückern ihrer Väter gemacht werden. Der Kampf gegen die Anfänge der Spinnmaschine in Nottingham, der sinnlose und so begreifliche, ist die eine Tragöde. Die

andere, die ergreifendere, ist die des Dichters selbst, der, im Gefängnis verlassen – auch vergessen, riefe er sich nicht so gewaltig in Erinnerung – an denen zweifeln muß, für die er sich opferte. Es gibt wenig so ergreifend Gütiges,wie die Sätze, womit der Dichter auf die zornglühenden Worte des Streikführers:

„Wir müssen die Streikbrecher in der Fabrik über­fallen und die davonkommen wie Hasen heimwärts jagen!“ seinen Jimmy Cobbet, sich selbst, sagen läßt:

„Warum die Leute überfallen, da Überzeugen uns zum Ziele führt? Es sind Arbeiter, unwissende, irrege­führte Arbeiter.“

Und derselbe Liebende muß sein gemartertes Herz verzweifelnd verzichtend aufschreien lassen:

„Sie werden jedes Gauklers Beute, der ihren gierigen Wünschen Wortpracht leiht! Sie werden Landsknechte, Söldner, Freiwild jedes Generals, der ihnen Beute ver­heißt.“

Ich sehe ihn, den Dichter, der durch die Hölle der Menschenkenntnis wandeln mußte, wie er nach diesen Sätzen das Haupt auf die roh gehobelte Platte des Kerker­tisches legt und Tränen weint, wie sie der geweint haben mag, dem das Volk den Raubmörder Barrabas vorzog…

Unübertroffen ist die gestaltende Kraft der Dichtung, von dem Vorspiel angefangen, das in Meisterzügen die Verhandlung im Oberhause widergibt, den fruchtlosen Kampf Lord Byrons gegen ein Gesetz, das die Verzweif­lung der brotlosen Handweber gegen die Maschine durch Todesurteile beruhigen will. Es ist fast wörtlich die wirklich im Jahrs 1812 gehaltene Rede, wie sie in der Geschichte des englischen Sozialismus von Beer abgedruckt ist. Nur ein Paar leise verändernde Striche und sie wurde zu wunder­vollen, alles Alltäglichen entkleideten Ewigkeitswerten. Was dann folgt ist wie ein Abschnitt aus Engels Geschichte der arbeitenden Klasse in England, zum prächtigen Denk­mal, aus dem Marmor der vollendetsten Sprache gemeißelt.

Wir in Wien können nichts tun, um Toller zu befreien. Wir wissen nicht einmal, ob seine Henker den be­scheidenen Ausdruck unserer bewundernden Dankbarkeit zu ihm gelangen lassen. Wir können nur eines: sein Werk lesen, um uns an dem, was er schreibt und leidet, für den kommenden Entscheidungskampf zu stählen, damit das Wort Tat werde, das er den Arbeiter Lud an der Leiche des erschlagenen Jimmy Cobbet erkennend sagen laßt:

Wir wissen, was wir taten!
Und wollen sühnen, daß wir den erschlagen.
Andere werden kommen…
Wissender, gläubiger, mutiger als wir!
Und werden kämpfen gegen den wahren Feind!
Und werden ihn bezwingen!
Es wankt schon euer Reich, ihr Herrn der Welt!

In: Der Abend, 8.3.1923, S. 3.

Richard Schmitz: Der Katholikentag und die soziale Frage (1925)

Der dritte Katholikentag des Wiener Erzbistums ist unter das Zeichen der sozialen Frage gestellt. Kaum eine andere Tagung ist würdiger und geeigneter, die Probleme der Gesellschaftsreform zu erörtern; denn wer sollte und könnte mit mehr Recht als eine Tagung gläubiger Katholiken die moderne Gesellschaft an ihre Pflichten gegenüber dem „kleinen Mann“, dem „Proletarier“, oder wie immer das politische Schlagwort die Opfer der sozialen Not bezeichnen mag, erinnern? Aus den Katho­likentagen des alten Deutschland und des neuen Deutschen Reiches, ebenso wie auf den Katholikentagen Österreichs hat die Behandlung sozialer Fragen stets einen großen Raum eingenommen und höchste Aufmerksamkeit gefunden. Das geschah schon in einer Zeit, in der das soziale Gewissen der Mehrheit der deutschen Nation schlummerte, da der Geist des manchesterlichen Liberalismus weithin, wenn auch nicht immer die Worte, so doch die Taten der in Wirtschaft und Politik führenden Kreise bestimmte. Ohne das Verdienst anderer, so vor allem der Geehrten im Vereine für Sozialpolitik zu schmälern, kann mit stolzer Genugtuung festgestellt werden, daß es Katholiken waren, die der Sozialreform im deutschen Volke ohne Unterschied der Staatszugehörigkeit Bahn gebrochen, Wege gezeigt und Ziele gesteckt haben. Nicht als Widerschein klassenkämpferischer Denkweise, sondern aus den Impulsen, die die katholische Religion ihren wahrhaft gläubigen Kindern schenkt, kam die soziale Frage auf die Tagesordnung der großen deutschen Katholikentage und seit den siebziger Jahren ist es so geblieben. Man gedenke der ehrwürdigen Gestalt des edlen Fürsten Löwenstein, der im Habit des Dominikaners starb, um eine Fülle von Erinnerungen wach werden zu lassen. Gerade Fürst Löwenstein war das Bindeglied zwischen den Katholikentagen und der sie tragenden mächtigen Volksbewegung der deutschen Katholiken einerseits und den „Freien Vereinigungen“ anderseits, in denen Seelsorger und Politiker, Gelehrte und Männer der sozialen Praxis sich immer wieder zusammenfanden, mir vom katholischen Standpunkte aus die sozialen Probleme ihrer Zeit zu durchdenken und Lösungen zu erwägen. An dieser sozialen Arbeit der Katholikentage wie der „Freien Vereinigungen“ hat Österreich seinen vollen Anteil. Ja man darf sagen, daß gerade auf dem österreichischen Boden Reformideen heranreiften und Persön­lichkeiten wirkten, die andere Länder befruchteten und so mitwirkten, die Umwelt zu schaffen für das gewaltige Rundschreiben Leos XIII. über die Arbeiterfrage. Vor allem muß hier des II. Allgemeinen österreichischen Katholikentages gedacht werden, der ein umfangreiches Programm sozialer Reformaufgaben für alle bedrängten Stände zum Beschlusse erhob und damit der Welt Zeugnis gab von der Tiefe der sozialen Erkenntnis und der Kraft des sozialen Wollens der österreichischen Katholiken der achtziger Jahre, denen ja das Hauptverdienst an der unschätzbaren sozialpolitischen Gesetzgebung jener schweren Zeit gebührt.

Warum aber wählt man jetzt neuerdings das soziale Leitmotiv für den Wiener Katholikentag?

Auf dem letzten Kongreß unserer christlichen Gewerk­schaften verwies ich darauf, daß wir jetzt noch eine sozialpolitische Reaktionsperiode durch­zumachen haben. Der soziale Reformeifer wirkt sich erfahrungsgemäß ähnlich einer bizarren Kurve aus, die bald jäh ansteigt, bald ebenso jäh herabsinkt. Gesteigerte Reformtätigkeit ist sodann zumeist in Zeiten drückender Not zu beobachten. Beide Umstände wirkten in jener schrecklichen Zeit nach dem verlorenen Kriege zusammen, um einen Rekord sozialer Gesetzgebung in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit zustande zu bringen, von dem ein einwandfreier Zeuge, der frühere Leiter der sozialpolitischen Sektion im Ministerium für soziale Verwaltung, Sektionschef Dr. Lederer, kürzlich schrieb, daß er treibhausähnlich gewesen sei. Jedem Siege folgt die Ermattung, jeder wichtigen Gesetzgebung der Gegenstoß der Kritik. Hier hatte sie es manchesmal leicht: die „treibhausähnliche“ Hast revolutionärer Gesetzgebung hatte ja nicht immer eine sorgfältige und objektive Formulierung der einzelnen Bestimmungen zugelassen. Dazu kam der große Katzenjammer nach dem Inflationsrausch. Alles das verschärfte mitunter die antisoziale Stimmung einflußreicher Kreise, denen zumeist auch die öffentliche Meinung unseres Landes gehorcht, so sehr, daß man Grund haben konnte, um die Bewahrung wahrhaft wertvoller sozialer Errungenschaften der Nachkriegszeit zu bangen. Gleichwohl ist auch diese gefahrdrohende Reaktionsperiode bisher ohne wesentliche Verluste in Österreich vorübergegangen, während im Deutschen Reich breite Durchbrüche erfolgten.

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Unsere reichgegliederte soziale Gesetzgebung ist im wesentlichen unangetastet. Kann man aber deshalb sagen, daß die soziale Not aufgehört habe oder daß der soziale Friede besser gesichert sei als in früheren Zeiten? Nein! Gärende Unzufriedenheit fiebert in Herz und Hirn weiter Schichten unseres Volkes. Die Massen erleben, daß Rückschläge in der Weltwirtschaft oder in der heimischen Wirtschaft immer wieder an den Besitzlosen mit voller Wucht sich auswirken, während die Opfer der Besitzenden in solchen Zeiten immerhin noch erträglich genannt werden müssen, ver­gleicht man sie etwa mit proletarischen Schicksalen oder mit der Vernichtung des alten Rentnerstandes. Diese Ungleichheit im Unglück hat etwas revolutionierendes. Sozialistisch-bolschewikische Agitation sorgt dafür, daß die Leidenschaft sich nicht beruhigt und so sehen wir in allen Staaten Europas deutliche Symptome eines sozialrevolutionären Prozesses, dessen Umfang schwer abzuschätzen ist, dessen Tatsächlichkeit jedoch nicht geleugnet werden kann. Den stärksten Antrieb bekommt es aus der ungeheuren Massennot gerade unserer Tage. Diese wirtschaftliche Not und das Umsichgreifen sozialrevolutionärer Stimmungen und Agitationen wird immerhin wiederum planmäßig in antireligiösem Sinne ausgewertet, indem man die jetzige Gesellschaftsordnung mit allen ihren Fehlern einfachhin als eine christliche bezeichnet, die Irrtümer einzelner als Versagen des Katholizismus hinstellt und so breite Massen des Volkes Kirche und Religion immer mehr entfremdet, gegen sie stellt und schließlich von ihnen loslöst. Die innere Loslösung vom Christentum bedeutet aber zugleich die Beseitigung der stärksten Hemmungen, die den sozialrevolutionären Tendenzen entgegenwirken.

Dürfte überhaupt ein Katholikentag, der in solcher Zeit zusammentritt, an der sozialen Not, ihren Problemen und ihrem Verhältnis zu Religion und Kirche achtlos vorübergehen? Ein solcher Katholikentag würde kein Ver­ständnis in den Volksmassen finden. Ein solcher Katholikentag hätte auch nicht dem derzeitigen Stande des Geisteslebens im österreichischen Katholizismus ent­sprochen. Stärker als in der Zeit unmittelbar vor dem Kriege ringen seit dem schreck­lichen Weltbrande in der katholischen Be­wegung sozialreformerische Prinzipien miteinander. Mag auch vieles wieder versunken sein, die große Welle religiösen Erneuerungswillens, die man am Anfang des Krieges erwartungsvoll erlebte, scheint noch heute in einem Teil der jungen katholischen Intelligenz nachzuwirken. Rege Geister suchen, aus den Werten der Vergangenheit und den Erkenntnissen der Moderne alte und doch wieder neue Systeme zu bauen. Mögen unsere Gegner diese Bestrebungen mit dem Schlagworte romantischer Utopien abtun, im katholischen Lager hat man Grund, mit dem verheißungsvollen geistigen Schaffen, mit dem reinen und edlen Wollen der jungen akademischen Generation in liebevoller Aufmerksamkeit sich auseinanderzusetzen. In einem hat dieser Kreis unbestreitbar recht: in seiner bitteren Anklage gegen die Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit, mit der weithin die katholische Be­völkerung den prinzipiellen Fragen der jetzigen Wirt-// schaftsweise, ihrer sozialen Folgeerscheinungen und der Haltung der Katholiken dazu entgegenbringt, indes viele tausende Proletarier nicht nur dem Vertrauen auf die auf die Möglichkeit einer Reform der Gesellschaft, sondern — infolge des Zusammenwirkens der sozialistischen Arbeiterbewegung mit dem Freidenkertum — dem Glauben an Gott und seine Gebote verloren gehen.

Aus solchen Gedankengängen heraus hat der Diözesanverband beschlossen, dem dritten Wiener Katholikentage die soziale Not der Gegenwart und die Pflichten der Katholiken ihr gegenüber zum Leitmotive zu geben. Möge auch diesem Katholikentage der Erfolg beschieden sein, der so manchen seiner Vorgänger krönte! Möge von diesem Wiener Katholikentage der Marchfeldbauer und der Industriearbeiter im Steinfeld, der Bürger der Großstadt und der Knecht im Bergdorfe an der Südgrenze unseres Bistums, mögen sie alle mit­einander heimkehren mit der ernsten Erkenntnis und dem festen Willen zur bewußten und opferfrohen Mitarbeit an der Besserung unerträglich gewordener Zustände, an der Durchführung der großen Ideen der christlichen Sozialreform!

In: Reichspost, 28.6.1925, S. 2-3.

Maximilian Schreier: Uns allen gehört die Republik und deshalb…! (1927)

Die Republik begeht heute ihren neunten Geburtstag. Nicht mit großen Festen, Glocken­geläute, Chorälen, wie dies bei so feierlichen Anlässen sonst üblich ist. Der Feiertag ist vom Staat diktiert, aber die heilige Friedens- und Feststimmung ist noch nicht in die Herzen aller gedrungen. Die Republik ist da, der Ge­danke der republikanischen Staatsform be­ginnt sich wohl zu vertiefen, aber noch sind die Reihen der wahrhaften Republikaner nicht fest geschlossen. Der große Aufmarsch der Arbeiter am Staatsfeiertag hat auch nicht den Charakter eines jubilierenden Festzuges, son­dern tritt als eine gewaltige Demonstration der Arbeiterschaft in Erscheinung, eine De­monstration, durch die sie teils ihre Zugehörigkeit als Republikaner zu diesem Staat mani­festieren wollen, teils, um der Welt den Beweis zu erbringen, daß eben die organisierte Arbeiterschaft in ernster und würdiger Weise auch auf der Straße ihre politische Meinung zu dokumentieren vermag.

Es gibt verschiedene Ansichten darüber, ob es klug war, die hunderttausende Menschen zu einer großen Demonstration zu bewegen, denn seit dem ominösen fürchterlichen Sommertag besteht wohl allgemein der Wunsch, die Aus­tragung politischer Gegensätze an anderen Orten und in anderen Formen durchzuführen, als durch Bewegungen auf der Straße.

Aber die Kundgebung, zu der für heute auf­gerufen wird, soll nicht durch die Signatur des Kampfes, sondern durch die Größe des Friedenswillens ihre imponierende Bedeutung gewinnen. Noch sind wir weit entfernt von Demonstrationen unter der Parole „Nie wieder innerpolitischer Krieg“, aber die Kund­gebung, zu der sich heute Hunderttausende von Menschen vereinigen werden, trägt in sich den Gedanken nach Verständigung, politischen Waffenstillstand, kurz nach all dem, was heute die Sehnsucht der gesamten Bevölkerung ist, — nach innerem Frieden!

Daß diese Idee, die seit dem sozialdemokra­tischen Parteitag die Öffentlichkeit beherrscht, am Festtag der Republik gerade von den echten, hundertprozentigen Republikanern als weithin sichtbares Manifest auf die Straße ge­tragen wird, gibt dem Tag, der sonst mit den offiziellen Veranstaltungen nicht über die Eigenart eines Geburtstagsrummels hinaus­gehen würde, eine höhere Weihe im Sinne einer wirklich politischen Tat. Die Republik gehört uns allen, Hoch und Nieder, wie das allgemeine Wort heißt, den Bürgern, den Arbeitern, den Bauern. Alle die, die sich zur Republik bekennen, haben darum ein Anrecht, am republikanischen Schaffen des Staates aktiv teilzunehmen. Das eigensinnige Festhalten an der Auffassung, daß nur Parteien, die über die Majorität verfügen, ein Anrecht haben, den Staat zu verwalten, hat in den letzten Jahren viel Unheil angerichtet und statt einer Aufwärtsbewegung unseres Staatswesens eher ein Niedergleiten im An­sehen zur Folge gehabt, worüber sich aller­dings diejenigen, die durch dieses System einen Gewinn für die eigene Partei erhofften, leicht hinwegtrösten. Wohin das völlige Ignorieren des Vorhandenseins mächtiger Gruppen Andersgesinnter führt, haben jene traurigen Julitage gezeigt, bei deren Erinnerung wir noch alle schaudernd erzitternd uns immer wieder die Frage stellen, wieso dies denn bei uns möglich war. Gelehrten forschender Massenpsychologie bleibt es vorbehalten, ein­mal die Erklärung für diese fürchterliche Entgleisung zu finden. Uns aber genügt die traurige Tatsache, daß derartiges geschehen konnte, und wir müssen als ernste Menschen eben aus dieser Tatsache die einzig richtige Lehre ziehen: daß das, was einmal möglich war, sich nach dem Spruch des weisen Ben Akiba immer wiederholen könne: — wenn man nicht rechtzeitig mit dem besten Heilmittel die schwere Krankheit, von der der Gesamtorga­nismus befallen wurde, bekämpft. Ohne Vorwurf, nur zur Feststellung des Geschehens, muß konstatiert werden, daß das seit so vielen Jahren bei uns herrschende System nicht zum Frieden, sondern zum erbittertsten Kampf ge­führt hat, zu einem Kampf, der bei Fort­dauer der jahrelangen Methode der absoluten Parteiherrschaft die Gefahr eines Bürger­krieges in beängstigende Nähe rückt.

Die Staatsweisheit von ehedem, in der man die höchste Auswirkung demokratischer Auffassung in der Verherrlichung des Majoritäts- und Minoritätsprinzips sah, diese Doktrin hatte nur in einem Staatswesen Berechtigung, in dem neben der konstitutionel­len Gewalt noch die absolute Autorität des Herrschers sich auswirken konnte, diese Dok­trin hatte einen Schein von Berechtigung in einem Staate, wo die Staatsangehörigen nichts für den Staat übrig hatten. Diese Re­publik aber, die uns allen gehört, muß nach ganz anderen Grundsätzen verwaltet und re­giert werden, es darf nicht Staatsangehörige erster und zweiter Kategorie geben, die Mino­rität darf nicht den Eindruck gewinnen, daß sie unter der Diktatur einer augenblicklichen Majorität steht, denn dadurch müßte über kurz oder lang das eintreten, was das Erb­übel der Monarchie war, eine Abkehr vom Staate, eine ausgesprochene Staatsverdrossenheit. Das ist eben der gewaltige Unterschied zwischen Republik und Monarchie, daß in der Staatsform der Monarchie, trotz aller möglichen fortgeschrittenen Gesetze und Ver­ankerung konstitutioneller Rechte, der Bürger nicht das Gefühl besitzt, daß der Staat ihm und er zum Staate gehört, während, wenn die Erziehung der Massen zu Republikanern voll­zogen ist, jeder einzelne von ihnen die Re­publik als sein heiligstes, unantastbares Gut in sein Herz einschließt. Kommen aber Poli­tiker, die sich sogar Staatsmänner nennen, und weisen mit strenger Geste fast die Hälfte der Bevölkerung von den Stellen weg, wo die Arbeit am Staate geleistet wird, dann ent­steht in letzter Auswirkung das, was sicherlich nicht zu entschuldigen, aber durch ein verfehltes System erklärt werden kann — eben das, was wir an den blutigen Sommertagen miterlebt haben.

Die Republik gehört uns allen und des­ halb…! Es klingt wie eine bittere Ironie, daß gerade jene Hunderttausende von Men­schen, die heute allerorten demonstrativ den republikanischen Staatsfeiertag begehen wer­den, daß gerade diese Massen ausgeschaltet bleiben von der Mitverwaltung und vom Mitregieren der Republik. Verheißungsvolle Anzeichen für die Zukunft werden sichtbar. Schon beginnt es da und dort zu dämmern, schon er­ hält die Friedensaktion deutliche Formen, und wenn die Erkenntnis, daß alle die, die sich zur Republik bekennen, auch ein Anrecht haben, an der Entwicklung des Vaterlandes mitzuwirken, noch weiter um sich greift, so wird der neunte Geburtstag unseres Staates, den wir heute begehen, der letzte sein, an dem die Gegensätze sich so schroff äußern, der letzte sein, der die Masten der Angestellten und Arbeiter in der Aschenbrödelrolle sieht, ausgeschaltet von der aktiven Mitwirkung an der Republik; dann wird der nächste Geburtstag die Repu­blik nicht mehr unter dem Absolutismus einer Parteiherrschaft sehen, sondern er wird ge­feiert werden unter dem Zeichen, daß die Re­publik uns allen gehört!

In: Der Tag, 12.11.1927, S. 2.

Kurt Sonnenfeld: Ein Gruß an Friedrich Adler (1918)

                Die Revolution ist in vollem Gange. Ein fluchwürdiges, verrottetes System stürzt krachend zusammen und man kann nur inbrünstig hoffen, daß nicht auch Unschuldige unter seinen Trümmern begraben werden mögen. Eine beispiellose Gewaltherrschaft hochgeborener Nullen, die ihre politische und militärische Unfähigkeit durch Brutalität zu verdecken suchten, hat das mißhandelte und getretene Volk aufs äußerste verbittert, und es wäre zwar tieftraurig, aber kein Wunder, wenn jetzt, da der Zwang endlich gebrochen ist, über alle Erwägungen der Vernunft die blinde Rachsucht die Oberhand gewänne. Aber der Terror ist der ärgste Feind einer jeden Revolution. Wenn wir heute beten, daß diese Umwälzung unblutig verlaufen möge, so geschieht dies nicht aus unangebrachtem Mitleid mit den verbrecherischen Machthabern, die so viel unschuldiges Blut auf dem Gewissen haben und deren unermeßliche Schuld überhaupt nicht genügend gesühnt werden kann, sondern es geschieht aus Liebe zum Volke, das sich ja durch blinde Gewaltakte ins eigene Fleisch schneiden würde. Die Revolution braucht intellektuelle Führer, deren geistige Überlegenheit das Chaos gestaltend bewältigt, den Leidenschaften der Masse Ziele weist und dem Geiste zum Siege über die Gewalt verhilft. Radikalismus hat mit Verhetzung nichts zu tun. Niemand aber vermöchte bei all seinem unbeugsamen Radikalismus die leidenschaftlich erregten // so gut von sinnlosen Gewalttätigkeiten abzuhalten wie Friedrich Adler.

            Er hat in diesen Tagen, in denen die früheren Autoritäten mit wohlverdienten Fußtritten davongejagt werden, die größte Autorität über das Volk – obwohl er nicht unter ihm weilt. Wo sein Name genannt wird, rauscht die Begeisterung auf und sein Bild erstrahlt in Märtyrerglorie. Sein Name ist heute ein Symbol, eine Fahne, eine Marseillaise.

            Die Gunst der Straße bedeutet nicht viel. Sie wird auch Schwindlern und Nullen, Demagogen und Komödianten zuteil. Aber Fritz Adler verdient die Liebe und Verehrung, die mit gefalteten Händen nach ihm ruft.

            Ist es nicht ein Widerspruch, daß gerade er, der Stürgkh getötet hat, die Menge von Ausschreitungen und Blutvergießen zurückzuhalten vermöchte? Es ist kein Widerspruch, denn Friedrich Adler, der sich zu einem mit Tolstoi und dem Urchristentum verwandten Sozialismus bekennt, lehnt die Gewalt als politisches Kampfmittel ab. Daß er trotzdem Stürgkh niederschoß, geschah gleichsam in der Notwehr, Denn Stürgkh war ein gemeingefährlicher Volksfeind, der in parlamentsloser Willkürherrschaft alle staatsbürgerlichen Rechte mit Füßen trat und den Massenhinrichtungen einer feilen und streberischen Militärjustiz mit verschränkten Armen zusah. Gewiß wäre es besser gewesen, wenn Stürgkh nicht erschossen worden wäre, sondern seinen Verfassungsbruch vor dem Staatsgerichtshof zu verantworten gehabt hätte. Aber wo war damals der Staatsgerichtshof!

            Als ich die Aufbahrung der Leiche Stürgkhs sah und mich das Mitleidmit dem Toten übermannen wollte, dessen Kopfwunde von geronnenem Blut verklebt war, da brauchte ich  nur an die verwesenden Leichen in den Drahtverhauen und an die unschuldig Gehenkten denken, – und alles Mitleid war dahin. Trotzdem gäbe Friedrich Adler vielleicht sein Leben darum, wenn er seinem Grundsatz der Gewaltlosigkeit damals hätte treu bleiben können.

            Nach jenem Schusse, der den Grafen Stürgkh niederstreckte und dessen Widerhall weit hinaus über die Schützengräber dröhnte und wie ein Hilferuf aus dem Kerker klang, hätten die Alldeutschen und Klerikalen Friedrich Adler am liebsten gerädert, gehenkt und geköpft gesehen. // Als aber ein Lump von Leutnant einen Dragoner erstach und vor Gericht mit einer winzigen Strafe davonkam, die dem Mordbuben in seiner militärischen Laufbahn kam geschadet haben dürfte, da schwiegen sie fein still. Offiziere, die sich die schauerlichsten Soldatenmißhandlungen hatten zuschulden kommen lassen, waren pflichttreue und energische Vaterlandsverteidiger. Friedrich Adler aber war ein gemeiner Mörder.

            Heute hat Friedrich Adler unzählige Freunde, aber vor zwei Jahren stand er allein. Seine Tat war beinahe ein Selbstmord und er hätte sie ja auch fast an Ort und Stelle mit dem Leben gebüßt, da ihn nach dem Schusse Offiziere mit dem Säbel bedrohten. Dann kamen die sechs Monate der Untersuchungshaft, in denen er mit der Vorbereitung für seinen Prozeß und mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt war. In einem ergreifenden Briefe teilte er seinen Eltern eine wichtige Entdeckung mit. Um dieses einen Augenblickes willen verlohnte sich ihm das Leben.

            Er hätte vielleicht für unzurechnungsfähig erklärt werden können; aber er verschmähte dieses Mittel, da er seine Tat nicht verkleinern und entwerten wollte, und nahm die volle Verantwortung auf sich. Seine Rede vor Gericht stimmt auch heute noch, obwohl wir seither so manches freies Wort sprechen und vernehmen durften, feierlich bis zur Andacht.

            „Nicht alle sind tot, die begraben sind; denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!“ Diese Worte der Osterbotschaft waren die letzten Worte, die er vor der Verkündigung des Todesurteils im Gerichtssaale sprach. Er stand vor den Richtern, die nach der Verfassung gar nicht berechtigt waren, über seine Tat zu richten. Dann schritt er zwischen Justizsoldaten hochaufgerichtet aus dem Saale. Die Frauen weinten und die Männer ballten die Faust.

            Wir junge Menschen waren damals wie im Fieber. Ich schrieb ein Gedicht, das begann: „Der Glorienschein flammt dir ums Haupt…“

            Bange Wochen mußten wir um sein Leben zittern, bis er endlich zu einer langen Kerkerstrafe begnadigt wurde. Er, der sein Recht wollte, wurde mit – Gnade abgespeist…

            Die Götzenbilder, vor denen man in diesem Kriege zitterte und kroch, liegen zerschmettert. Der Cäsarenwahn, der noch vor wenigen Wochen in prahlerischen Gottes- // gnadentum schwelgte, ist besiegt. Hindenburg und Ludendorff, die der geängstigten Menschheit mit gepanzerter Faust drohten, sind heute geschlagene Feldherren. Friedrich Adlers Gestalt aber wächst und wächst.

            Heute, da sich die Ideale erfüllen, für die er so viel gelitten hat, können wir nur inbrünstig hoffen, daß die lange Haft seinen Heldengeist nicht zu brechen vermochte. Ich wiederhole es: wir sitzen in einem Schnellzuge, der in jagender Fahrt einem Abgrunde zurast. Nur Friedrich Adler vermag zu bremsen. Das Volk liebt ihn und vertraut ihm. Er vermöchte die Revolution vor dem Terror zu bewahren. Die Menschen, die ihm folgen, bleiben rein von Blut.

            Friedrich Adler, du Held des Volkes, in feierlichster Stunde geloben wir dir, daß wir uns deines Opfers nicht unwert erweisen werden. Sei gegrüßt! Sei in der Freiheit hochwillkommen!

In: Ver! Hg. von Karl F. Kocmata, Wien November 1918, S. 357-360

Stefan Zweig: Bilanz eines Jahres (1920)

(Ein Brief an Henri Barbusse)

Stefan Zweig, der in Salzburg als deutscher Botschafter Romain Rollands wirkt, erzählt in dieser höchst melancholischen Rückschau, wie viele Blütenträume der „Revolution, der Intellek­tuellen“ nicht gereift sind. Ach, wo sind sie alle hin, die Räte der geistigen Arbeiter, die deutschen Gruppen der Clarté, und wie alle diese schnell wieder zerstobenen Tribunale aufgeregter Geister hießen? Niemals hat der deutsche Intellektuelle seine politische Impotenz ungehemmter nachweisen können als seit dem November 1918… Ich wage nicht zu beurteilen, inwieweit auch die fran­zösische Clarté-Bewegung durch literarische Inzucht zur Volks­fremdheit verdammt ist— die pädagogisch-moralischen Neigungen von Barbusse und Rolland geben der Bewegung doch immerhin ethische Volkstümlichkeit — in Deutschland fehlt dem Intellek­tuellen das natürlichste Gemeinschaftsgefühl. Er sitzt immer auf dem Isoliersessel, er wagt nicht ins Wasser einer jungen, starken Bewegung zu springen, er bleibt ewig kritisierender Ideologe, im Innersten, nämlich in der Willenszone, steril, d. h. unschöpferisch. Clarté, ach, das heißt in deutscher Übersetzung vorläufig: Impotenz.

Sie haben, Henri Barbusse, vor einem Jahre das Wort „Clarté“ „Klarheit“ vor ein Buch, vor einen Willen, vor eine Tat gestellt. Und wenn wir auch nicht alle Ihrem Willen restlos eines geworden sind — manche unter uns vermeinen, soziale Neuformung der Welt könne nicht die wesentliche Natur unserer Menschheit wie unserer Zeit verändern —, so sind wir doch Gefährten in dem Willen zur Wahrheit, zur „Klarheit“. Und die Stunde, heute nach einem Jahr, scheint mir die rechte, um in Klarheit von dem zu sprechen, was wir erhofften und was wir erreichten, wir, denen dies Zeichen eine Bot­schaft über dem Dunkel der Zeit gewesen ist.

Wir wollen klar sprechen, wir wollen wahr sprechen. Und so müssen wir vor allem sagen: wir haben viel erhofft, wir haben wenig erreicht. So viel wie nichts ist geschehen in der Welt von dem, was wir verwirklichen wollten. Der internationale Gedanke, den wir wieder erwecken wollten in den Menschen, in den Nationen (deren Hände noch blutig waren vom Krieg, deren Seelen verkrustet in Haß), ist ohne Macht geblieben, die Grenzen starren härter als je zwischen den Völkern, das Mißtrauen — gedüngt von dem Kot einer erbärmlichen Presse — wuchert noch zu beiden Seiten des Abgrunds. Wir haben nicht einmal uns die Hände reichen können heute nach einem Jahr, nur in geschriebenem Wort unsere Erbitterung, unsern Zorn uns übermitteln.

Ein weiteres Eingeständnis — wir wollen ja in Klarheit reden —: Wir sind heute nicht mehr, wir sind weniger als vor einem Jahr. In der ersten Leidenschaft strömten manche zu, das Wort der Welt-// Verbrüderung wogte über ihr unklares Gefühl: sie meinten, hier sei ein leichtes Werk, ein billiger Erfolg, eine schöne Reklame und vor allem: ein Schleier, den sie über ihr törichtes Verhalten im Kriege werfen könnten. Dann kam das Unvermeidliche: die Unerträglich­keit der einzelnen, die eine Idee nur so lange lieben, als sie ihnen zum Argument ihrer eigenen Existenz dient, kam die Trägheit der Gesinnung, die nicht atmen kann ohne Antwort, ohne Erfolg. Es wäre töricht, es zu leugnen: wir, die wir von je und die wir von heute noch die Einheit Europas, die Verbrüderung der Völker wollten, sind weniger als vor einem Jahre. Denn die Welt ist müde. Der einzelne ist müde, er will nicht in die Ideale, die Wirklichkeiten erst für eine nächste Generation sind, er will Ruhe, er will sein eigenes Werk, sein eigenes Leben. Wir leben in einer ermatteten Gene­ration, die fühlt, daß sie an Phantome der Zukunft schon zuviel in den fünf Kriegsjahren vergeudet hat und die jetzt sich selbst empfin­den will. Verhöhnen wir sie darum nicht: in jedem von uns selbst sind solche Stunden des Ekels und der Müdigkeit nicht selten, und wir bedürfen unserer ganzen Kraft, um die Enttäuschungen nicht Macht gewinnen zu lassen über unsere Seele.

Nie war aber — dies müssen wir nun fühlen! — unsere Be­mühung darum notwendiger als jetzt, wo sie fast aussichtslos ge­worden ist. Wir sind weniger, darum müssen wir leidenschaftlicher, müssen wir stärker sein. Vielleicht ist es gut, daß unsere Pläne einer Zusammenkunft, einer Parade, nicht zu früh sich erfüllten: zu viele Arrivisten, zu viele Spaziergänger auf allen Straßen der Oeffentlichkeit hätten sich zugedrängt. Wenige, wie wir jetzt sind, kennen wir einer den andern, wissen wir um unsern Willen und Wert. Wir brauchen nicht eine trügerische Fülle von Menschen vor unsere Idee hinzustellen — eine Idee lebt, wenn sie von hundert Millionen auch nur ein Dutzend Menschen, ja wenn sie nur ein einziger Mensch mit seinem ganzen Wesen darstellt. Sprechen wir darum klar vor der Welt: wir sind wenige geblieben, wie wir immer wenige waren. Wir haben keine Mittel, unsere Idee andern zu ver­breiten als durch Werk und Wesen, wir sind arm, wir sind zerstreut, wir sind ohne jede Macht in dem politischen Europa von heute. Wir können keine Torheit verhindern, wir können keine wirklichen Taten tun— wir können nur die Idee lebendig erhalten, den Keim aller wahren Taten, die wahrste Wirklichkeit der Welt.

Dies scheint mir notwendig zu sagen am Ende des ersten Jahres der „Clarte“: daß wir wenige sind und wenig erreichten, aber da die Zahl nicht entscheidet, sondern die Kraft, die eine Idee bewegt. Je weniger wir sind, um so mehr müssen wir uns, einer den andern bestärken, und in diesem Sinne grüße ich Sie heute, Henri Barbusse!

In: Das Tage-Buch, H. 50, Dez. 1920, S. 1581-1582.

N.N. [M. Benedikt]: Anschluß oder Zollvereinigung. Präsident Seitz in einem Gespräche. (1918)

Präsident Seitz ist nach der deutschösterreichischen Verfassung für die Politik des Landes nicht verantwortlich. Die Staatssekretäre haben für sie einzustehen. Die politischen Aussprüche eines Präsidenten haben nur die Bedeutung, die seiner Würde zukommt. Die Präsidenten vertreten den Staatsrat nach außen und gegenüber anderen Ländern und Nationen. Wer diese Pflicht hat, darf besonders in Ge­sprächen mit Angehörigen von Völkern, mit denen wir formell noch im Kriege sind, wichtige Fragen nicht agitatorisch aufputzen und nicht von ihrem sachlichen Unter­grunde losreißen. Diese Art, über Politik zu reden, sollte, wenn es schon nicht anders sein kann, ortsüblich bleiben, aber nicht auch für die Ausfuhr hergerichtet, nicht auch vor den Feinden angewendet werden. Warum soll eine so wichtige Angelegenheit wie die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen zu den Völkern der ehemaligen Monarchie nicht ruhig und vernünftig erörtert werden können, ohne daß die Gegengründe statt durch ihr eigenes Gewicht zu wirken, agitatorisch aufgebauscht und mit allerlei Würzen gebeizt werden? Der Vertreter des Bureau Reuter wird den Präsidenten Seitz auch schwerlich verstanden haben, als dieser sagte, der Plan einer wirtschaftlichen Vereinigung mit den Staaten des früheren Österreich werde von der kapitalistischen Klasse unterstützt. Jeder Engländer weiß, daß die Spannweite der Verkehrsgebiete, die innere Freizügigkeit für Waren und die Zollpolitik auf zwei wirtschaftliche Kategorien naturgemäß den höchsten Einfluß haben: Auf Kapital und auf Arbeit. In der ernsten Zeit, die wir jetzt durchzumachen haben, in der Krise, die uns zu bewältigen droht, sind Arbeitsgelegenheit und Arbeitsanerbieten so eng miteinander verbunden, daß eines, von dem anderen nicht getrennt werden kann. Wenn jedoch unter Kapital, auf das Präsident Seitz hingewiesen hat, Industrielle zu verstehen sind, kann wahrheitsgemäß fest­gestellt werden, daß die Erörterung dieser Frage schon lange aus der freien öffentlichen Meinung hervorgegangen ist. Selbständig, aus eigenem Nachdenken und Antrieb, ohne Zusammenhänge, nur von der Sorge geleitet, daß eine wirtschaftliche Krise vermieden werde, wenn der Beschluß, der aus Deutschösterreich einen Bestandteil der deutschen Republik gemacht hat, durch den Widerstand der Entente, besonders von Frankreich, undurchführbar werden sollte.

Die Novemberverfassung erklärt, Deutschösterreich sei ein Bestandteil der deutschen Republik. Die besonderen Gesetze, welche die Teilnahme Deutschösterreichs an der Gesetzgebung und Verwaltung der deutschen Republik sowie die Aus­dehnung des Geltungsbereiches von Gesetzen und Ein­richtungen der deutschen Republik auf Deutschösterreich regeln sollen, wurden bisher nicht beschlossen. Die Vereinigung ist daher völkerrechtlich noch nicht vollzogen. Die deutsche Nationalversammlung ist noch nicht gewählt und ob auch sie einen Vereinigungsbeschluß fassen werde, kann jetzt niemand sagen, da die Entscheidung vielleicht eher in Versailles getroffen werden wird als in Berlin. Das deutsche Wahl­gesetz stellt eine gewisse Verbindung her, da unter der Voraussetzung, daß die künftige Nationalversammlung sich auch in Berlin für die Vereinigung aussprechen sollte, bereits die Teilnahme von Deutschösterreich an der großdeutschen Konstituante zugelassen und näher bestimmt worden ist. Die Novemberverfassung hat sich mit einem allgemeinen Satze begnügt, dem noch das Knochengerüst fehlt und der nicht mitteilt, wie sich die Zusammengehörigkeit gestalten werde. Alles ist schwebend, alles unsicher, und für das Fragezeichen, das sich vor dem Schlosse in Versailles aufpflanzt, wurde bisher die Antwort nicht gefunden. Wenn Angehörige des­selben Volkes sich zusammenschließen wollen, kann es niemand bleibend hindern. Aber die Gefahren der wirtschaft­lichen Krise in Österreich sind groß. Jeder Mensch, der am öffentlichen Leben teilnimmt und keine bloße Mandatspolitik treibt, hat die Pflicht, anzuerkennen, daß es notwendig sei, sich mit der Schwierigkeit für Deutschösterreich, das auch nach der Ansicht des Präsidenten Seitz allein nicht bestehen könnte, zu befassen, wenn der Anschluß in den Friedensbedingungen verweigert werden sollte.

Da ist es nun ein Fehler, die Vereinigung mit Deutsch­land und ein verkehrsfreies Gebiet in dem früheren Österreich in einen Gegensatz zu bringen. Wir haben jetzt eine solche Wahl gar nicht zu treffen, weil das verkehrsfreie Gebiet auf Grund des Ausgleiches mit Ungarn für alle früheren Staaten der Monarchie noch besteht. Die Beschränkungen und Quälereien sind mannigfach. Die Ab­sperrung durch Zollschranken hat jedoch bisher nicht statt­gefunden. Dieses Verhältnis braucht nur zur formellen Anerkennung gebracht zu werden und wir gewinnen ein ganzes Jahr zum Übergang und zur Überlegung. Kann es einen vernünftigen Sinn haben, diesen Vorteil zu ver­schmähen und die Menschen, die ihn wollen, mit agitatori­schen Gemeinplätzen, die für einen Präsidenten unserer Republik unpassend sind, zu bekämpfen? Das ist schon deshalb ein Mißgriff, weil die gewöhnliche Staatsklugheit verbietet, daß eine Regierung sich in den von ihrem Willen nicht allein abhängigen Beziehungen zu anderen Völkern festlege und die Freiheit der Bewegung verliere. Ein voraussichtiger Staatsmann muß schon jetzt an die Verlegen­heit denken, die er seinem Lande bereiten würde, wenn es nach dem Frieden von Versailles gezwungen wäre, nicht mehr aus freiem Willen, sondern unter Druck über eine Zolleinigung oder auch nur über Zollverträge mit den Staaten des früheren Österreich zu verhandeln. Das würde nach einer solchen Vernachlässigung kostspielig werden.

Präsident Seitz hat gemeint, daß eine Zollvereinigung ein gemeinsames Parlament voraussetze. Auch das ist ein Irrtum. Die Ausfassung, daß Deutschösterreich keine wie immer geartete politische Gemeinschaft mit den Staaten des früheren Österreich haben dürfe, ist so richtig, daß wenig­stens in diesem Punkte die Meinungen übereinstimmen und keiner den Wunsch hat, dem alten Elend wieder zu verfallen. Das ist tot und begraben. Die Geschichte des deutschen Zollvereines ist ein schlagendes Beispiel, daß eine Vereinigung, die schon wegen ihrer zahlreichen Teilnehmer schwierig war, mehrere Jahrzehnte ohne gemeinsame Ein­richtungen für parlamentarische Gesetze sich bewähren konnte. Das Zollparlament wurde erst nach dem Prager Frieden ge­schaffen und vorher arbeiteten Generalkonferenzen, deren Ergebnis je nach den Verfassungsbestimmungen den schon damals vorhandenen Einzelparlamenten unterbreitet worden sind. Wir hätten nur sechs Teilnehmer, Deutschland hatte ohne Österreich über dreißig. Dennoch war es ein blühendes, aufsteigendes Land und viel glücklicher als heute. Erinnern wir uns, wie Delbrück die Widerspenstigkeit von Hannover durch einen geschickten handelspolitischen Schachzug im alten Zollverein zu beugen wußte. Könnte nicht Ähnliches durch einen plötzlichen Vertragsabschluß zwischen Czechen und Magyaren, zwischen Czechen und Polen geschehen und meint nicht Präsident Seitz, daß wir in die Hinterhand kämen, während Deutschösterreich jetzt viel zu bieten hat, was Böhmen braucht? Sorgen wir für Arbeit und reden wir uns nicht in einen Gegensatz hinein zwischen dem künftigen Anschluß und der jetzt noch bestehenden, wenn auch vielfach geschädigten Verkehrsfreiheit. Wenn der Präsident Seitz in den feindlichen Ländern mitteilen läßt, daß er Deutsch­österreich mit Deutschland vereinigen wolle, aber eine kapitalistische Anleihe von der Entente fordere, so wird dieser eigentümliche Plan den Staatssekretär Dr. Steinwender schwerlich von den Sorgen entlasten. Die Entente würde dem künftigen Bestandteil der deutschen Republik kaum Geld borgen, aber vielleicht eine Rechnung vorlegen. Fragen der heikelsten internationalen Politik dürfen nicht zum agitatori­schen Kleingeld ausgemünzt werden.

In: Neue Freie Presse, 31.12.1918, S. 1.

N.N.: Der Dadaismus (1918)

            „Eine neue literarische Schule, verkündet von Tristan Tzara, macht in Zürich viel Lärm. Auf einen ‚künstlerischen Abend‘, den das Oberhaupt der neuen Schule veranstaltete, erfuhr man, daß der Dadaismus im Jahre 1916 geschaffen wurde und daß sein Ziel im Literarischen und Künstlerischen die reine Abstraktion sei. Die Dadaisten folgen den Spuren der Kubisten und Futuristen und wollen ‚l’ordre et la clarté‘ in der Kunst. Zu diesem Zweck fordern sie die Abschaffung der von der von einer schaffungsunfähigen Bourgeoisie erfundenen Logik und Moral, welch letztere nur zur Erniedrigung der Geister führe. Der Aufruf des Herrn Tristan Tzara ist demzufolge ein Dokument der Anarchie und des Wirrwarrs. Seine Dichtungen sind formloser Unsinn, durchaus beherrscht von der Sucht nach Originalität und dem Streben, die französischen Sprache zu barbarisieren, ihren Rhythmus und ihre Melodie zu zerstören. Frisch erfundene Worte und Laut-Zusammenstellungen, die an Ungar-Idiome erinnern, werden eingeführt, obzwar Herr Tzara dies als ein Gebot des ‚inneren Rhythmus‘ erklärt, zweifeln wir doch, daß Zusammenhanglosigkeit, schlechter Geschmack und ein sinnloses Wort-Nebeneinander Poesie seien. Nicht ohne ein Gefühl der Trauer und Niedergeschlagenheit sieht man in der Schicksalsstunde, in der alle freien geistigen Kräfte dem Krieg gegen den Krieg gewidmet sein müßten, die literarische Jugend ihre Pflichten gegen die Menschheit vergessen und damit beschäftigt, die Welt durch ‚neue Schulen‘ zum Narren zu halten. Der Dadaismus ist nichtsnutziges Zeug.“ (La feuille, Genf vom 3.8. 1918)

[Anm. d. Red.]: Aber er scheint immerhin in der Linie der neueren Kunst-Methoden zu liegen und nur einen extremen Punkt von deren folgerichtiger Höhen-Entwicklung vorauszunehmen.

In: Der Friede, Nr. 31, 23. 8. 1918, S. 120

N.N. [Austerlitz]: Das Fest der ewig Gestrigen. (1925)

Festgottesdienste, Festversammlungen, Festzüge, Glockengeläute und Paradeaufmärsche, mit Gelehr­samkeit aufgeputzte Jesuitenvorträge und die Reden der unvermeidlichen Kardinal Piffl, Fürstbischof Hefter und des Altkanzlers Seipel, der, seit er uns nicht mehr regiert, täglich in Reden niederplätschert, unerbittlicher und wasserhältiger als unser ver­regneter Juni — kurz Wien hat wieder einmal seinen Katholikentag. Kreuz ist Trumpf: vorn schwankt es an der Spitze betender Züge, hinten lugt es verschämt hervor im Geschäftsteil Katholikentagsannoncenernte haltender frommer Blätter. Was werden wir wieder alles zu hören bekommen? Aber wir müssen es nicht erst abwarten. Wir wissen es im voraus haar­genau. Wir kennen den Text und kennen die Herren Verfasser. Bis auf den Tonfall der Stimme und die eingelernt-gerundete Priestergebärde, ist es immerdar, ist es alle Jahr tödlich-gleichmäßig dasselbe.

Sanierung, Rettung Österreichs durch den gottüberlegenen Ignaz, die Schulreform, dieser Greuel an heiliger Stätte, die Dispensehe und zuvor und danach ein nicht enden wollendes Kulturgeschmuse! Jeder rühmt sich, wenn sein Festtag kommt. Doch vor der Ruhmposaune der Katholikentage verstummt ver­schüchtert der Ausruferlärm der Großstadtstraße und der gerissenste Reklamechef erkennt ehrfürchtig seine Meister. Denn diese Herren Klerikalen, sie haben nicht nur den Alleinvertrieb des echten und unverfälschten Christentums — vor Lutherischer und Calvinischer Nachahmung wird gewarnt —, sie haben auch sonst in ihrem Kramladen alles, was gut ist und teuer. Das deutsche Volk liegt mit zerfetztem Leib und gebrochenen Gliedern ohnmächtig am Boden, todwund geschlagen in dem Kriege, den die Wiener Römlinge mit Hoch und Halleluja eingeläutet. Tut nichts! Rom klebt, kleistert, leimt alles. Wenn nur die vierzig Millionen deutscher Protestanten, die jetzt in der Finsternis der Ketzerei oder in der Sünde des Unglaubens wandeln, in den Schoß der Alleinselig­machenden zurückkehren, so erhebt sich alsbald aus der Einheit des Glaubens die Herrlichkeit des heiligen römischen Reiches deutscher Nation in er­neuertem Glänze, womöglich mit der kostenlosen Zu­gabe des glaubenstreuen Erzhauses und seiner „Barockkultur“.

Doch was Barock! Weiter geht die Rückfahrt heimwärts in die Dämmer und Schauer der alten Dome. Vor hundert Jahren war es die geistreiche Paradoxie kulturmüder Ästheten, heute ist’s die stroherne Tagesration unermüdlicher Wiederkäuer der katholischen Kulturphilosophie. Und der hundertjährige Ladenhüter— Protestanten mußten sich „bekehren“, um den Römlingen diese eine Idee zu schenken — wird nun je nach dem Zeitbedarf umgemodelt. Alles ist jetzt „sozial“. Also heißt der romantische Schnickschnack neu­zeitlich aufgestützt: Die Kirche allein kann die soziale Frage lösen, die sie doch schon im Mittelalter in der vollkommensten Weise gelöst habe. Doch selbst dieser schlechte Witz kommt aus zweiter Hand, aus der Hand der Protestanten Haller und Adam Müller. Schließlich, weshalb sollte die Kirche nicht schon vor sechs­hundert Jahren den gesellschaftlichen Vollkommenheits­zustand erreicht haben, wenn sie gleichzeitig durch die Philosophia perennis, durch die ewig gültige Philo­sophie des Thomas von Aquino, an die sich nach päpstlicher Vorschrift jeder rechte Katholik halten muß, den Menschen alles weitere Forschen und Sinnen über Weltanschauungsfragen erspart hat? Wir waren schon im Schlaraffenland, ein halb Jahrtausend und mehr könnte die Menschheit in sorglos-fröhlicher Muße auf dem Bauche liegen, hätte Luther den süßen Schlummer nicht gestört, Luther, der — man sagt es uns ja täg­lich — auch an der Revolution des katholischen Frankreich und an dem Weltkrieg des Wiener Hofes die letzte und eigentliche Schuld trägt. Hoffe keiner ironisierend übertreiben zu können, wo doch die selbstversöhnende Torheit klerikalen Großmaultums im trockensten Ernste weit Groteskeres bietet. Schon vor mehr als fünfzig Jahren vernahm man auf einem deutschen Katholikentag die Rede Holzwarths: „In Demut hat die Wissenschaft vor dem Glauben ihr Haupt zu beugen, das ist ihre Aufgabe; nicht daß sie die Kirche korrigiere, // sie selbst muß sich korrigieren.“ Und wieder auf einem Katholikentag (1906) rief Professor Einig: „Wir Katholiken sind im Besitz der Wahrheit.“ Und ein Jahr später, es war im Jahre der Modernistenenzyklika, verkündete der Präsident des Würzburger Katholiken­tages: „Ist die Forschung Sache der Wissenschaft, so ist die Entscheidung Sache des kirchlichen Lehramts.“ Was wäre darauf zu erwidern? In den  seltenen Augenblicken der Selbsterkenntnis haben Klerikale selbst die Antwort gegeben, indem sie von der „Rückständigkeit der katholischen Wissenschaft“, von „Wissen­schaft aus zweiter Hand“ redeten. Indes nicht bloß die Wissenschaft, alles, was der Klerikalismus seit Jahr­hunderten tut und vornimmt, sein ganzes geistiges Sein, sein soziales und politisches Handeln ist aus zweiter Hand. Man bewundert so oft die Dauerhastigkeit, die Anpassungsfähigkeit des Klerikalismus. Doch Bewunderung an den menschlichen Dingen verdient nur, was dies eine hat: „Das Stirb und Werde“, verehrungswürdig ist nur das ewig sich Wandelnde, des Heilig-Neuen sterblicher, doch schöpferischer Mutterschoß.

Humanismus, Renaissance, Aufklärung, sie waren und sind nicht mehr. Aber als sie kamen, waren sie ein nie gesehenes Himmelslicht und Schöpferwort, ein seelenentfesselnder Zauber und haben eine andre Menschheit zurückgelassen, als sie sie empfangen. Die Kirche hat sich „erneuert“, zum Beispiel in Trient, als sie in Gefahr stand, alle Deutschen an den Protestantismus zu verlieren, und nun notgedrungen den mittelalterlichen Augiasstall ein wenig auszufegen begann. Der Klerikalismus hat sich „angepaßt“, zum Beispiel im Jahre 1848, als er im „Völkerfrühling“ plötzlich demokratische Gebärden annahm, von „Frei­heit“ zu reden begann, Vereine gründete und den Katholikentag — auf den Trümmern des Absolutis­mus, dem er sich vordem als „sicherste Stütze des Thrones“, als „geistliche Gendarmerie“ geschäfts­kundig angeboten hatte. Und kaum hatte der Säbel der Gegenrevolution gesiegt, schon wieder standen die alten „Stützen des Thrones“ in der Reichweite der schenkenden Hand der Dynastien. Auch „sozial“ wurden die Ketteler, die Leo in dem Augenblick, da der Sozialismus die städtischen Arbeiter zu ergreifen begann.

Aus zweiter Hand alles, von der Schlauheit eingegeben, niemals von selbstlos dienender Liebe zur Sache! Nachahmung und gestümpert, wie alles bloß Nachgeahmte! Das ist des Klerikalismus Wesen und Tun. Er dauert schwer lastend wie das unbewegliche Dunkel in den Köpfen der ihm ergebenen Massen. Er ist stark wie das ewig Gestrige. Aber keine noch so oft erneute Schminke verwandelt sein welkes, unfrucht­bares Alter in blühende, zeugungskräftige Jugend.

In: Arbeiter-Zeitung, 28.6.1925, S. 1-2.