m.f.: Wer ist der Antichrist? (1933)

Die Herkunft der „Protokolle“
In der weiteren Erwiderung auf die ver­leumderische Schrift Das Judentum und die Schatten des Antichrist müssen wir vorder­hand die „ritterliche“ Person des Herrn Ritt­er beiseite lassen und uns etwas näher mit dem Werke befassen, das für ihn ein zweites Evangelium zu sein scheint und das er übri­gens in ganzen Kapiteln abschreibt: mit den Protokollen der Weisen von Zion. Ist die Echtheit der „Protokolle“ wirklich so unan­fechtbar, wie es Gaston Ritter[1] seinen Lesern einzureden versucht? Wir bezweifeln es, ja noch mehr: Wir können Beweise erbringen, die jedermann nachkontrollieren kann, daß die „Protokolle“ gefälscht sind. Sie sind die größte, wahnwitzigste, gemeinste Fälschung des Jahrhunderts.

In deutscher Sprache erschienen sie zum ersten Male im Jahre 1918. Ihr Herausgeber und Übersetzer war Gottfried zur Beek[2]. Dieser Herr erzählt über die Her­kunft der Protokolle folgendes: Sie wur­den im Jahre 1897 in Basel, in geheimen Sitzungen des ersten Zionistenkongresses ver­lesen. Davon hat die Außenwelt nichts erfahren, nur Zar Nikolaus II. hat Wind davon bekommen. Flugs hat er einen Agenten nach Basel geschickt, dem es gelungen ist, für schweres Geld eine Abschrift der Protokolle zu bekommen. Diese Abschrift wurde dann einem gewissen Sergej Nilus[3]übergeben, der sie ins Russische über­setzt hat.— Herr zur Beek beruft sich also auf die russische Originalausgabe, die im Jahre 1905 gedruckt wurde. Diese Jahreszahl muß stutzig machen. Die Protokolle sind doch an­geblich 1897 gekauft worden. Waren sie so unwichtig, daß man sie unveröffentlicht sieben Jahre in der Schublade liegen ließ?

Diese Tatsache allein ist schon unbegreif­lich. Aber nur Geduld: es kommt noch besser! Riluß erzählt folgendermaßen, wie er in den in den Besitz der Protokolle gekommen ist: „Alles dies wurde durch meinen Korrespondenten aus, dem gleichen Verlies der zionistischen Hauptkanzlei herausgeholt, die sich auf französischem Territorium be­findet.“ Da Basel bekanntlich auf schweizerischem und nicht französischem Territorium liegt, straft Nilus Herrn zur Beck Lügen. Er widerspricht sich aber auch selbst: Im Jahre 1911 erschien eine Neuausgabe der Protokolle und diesmal hat Nilus seinen Lesern folgendes Märchen glaubhaft machen wollen: Die Protokolle seien „eine getreue Kopie-Übersetzung der Originaldokumente, die eine Frau bei einem der höchsten und einflußreichsten Führer der Freimaurer nach einer geheimen Sitzung gestohlen hätte“. Also, nicht mehr Zionisten — Freimaurer sind es …

So weiß die rechte Hand des Verleumders nicht, was seine linke tut. Aber auch ein Übersetzer dieser Fälschung diskreditiert den anderen. Der Herausgeber der neuesten, deutschen Ausgabe der Protokolle, Theodor Fritsch[4], erzählt über deren Herkunft folgen­des im Vorwort zu seiner Übersetzung: „Die russische politische Polizei fand im Jahre 1901 bei einer Haussuchung in einer jüdischen Wohnung ein größeres Manuskript in hebräischer Sprache, dessen Übersetzung dem Orientalisten Prof. Nilus übertragen wurde.“

Was ist also wahr: das, was uns Beek, das, was uns Nilus oder das, was uns Fritsch erzählt? Wurden die Protokolle in Basel, in Frankreich oder in Rußland ge­funden? Und wann: im Jahre 1897 oder im Jahre 1901?

Was von all dem wahr ist? Nichts! Alle haben sie gelogen: Beek, Nilus und Fritsch, und waren dabei noch so ungeschickt, sich einander zu widersprechen. Der wilde Eifer des Hasses hat sie blind gemacht. Sie rechneten wohl damit, daß unkritische Menschen die Daten und die Einzelheiten nicht nachkontrollieren werden. Sie haben Ieider nicht ganz unrecht behalten. Denn es finden sich immer wieder solche, die die Unverfrorenheit haben, zu behaupten, daß die Protokolle echt sind. Herr Pfarrer Gaston Ritter gehört auch zu denen.

Philipp Graves entdeckt die Fälschung

Jeder einsichtige, jeder vernünftige Mensch wird nach der Lektüre der Protokolle sie zweifellos mit einem Achselzucken beiseite legen: er muß, wenn er noch seine fünf Sinne beisammen hat und kein Hetzer ist, diese Schrift als eine Häufung von Lügen ansehen. Aber es gibt auch Beweise, klare, unzweideutige Beweise, daß die Protokolle gefälscht sind.

In Konstantinopel lebte im Jahre 1921 Philipp Graves[5], Journalist und Bericht­erstatter des größten englischen Blattes „Times“. Er wurde mit einem aus Rußland geflüchteten zaristischen Offizier bekannt, der ihm einmal ein stark abgenütztes französisches Buch ohne Titelblatt als bibliophile Selten­heit interessanten Inhaltes zum Kaufe anbot. Graves, der dem armen Teufel helfen wollte, kaufte das Buch und als er las, entdeckte er dann zu seinem Staunen ganze Seiten lang dieselben Stellen, die er aus den Protokollen der Weisen von Zion kannte. Da das Titelblatt fehlte, wußte er nicht, wie der Autor heißt und wie der Titel lautet. Nach Forschungen gelang es ihm, es zu ermitteln. Da stellte sich heraus, daß es sich um ein Buch aus der Feder Maurice Joly’s handelt[6], das unter dem Titel Zwiegespräch in der Unterwelt zwischen Macchiavelli und Montesquieu im Jahre 1865 erschienen ist. Das Werkchen des Pariser Advokaten Maurice Joly war ein verschleiertes Kampfbuch gegen die Politik des Napoleon III. Dieser Herrscher hatte den Ehr­geiz, die Fäden der Weltpolitik in seinen Händen zu vereinigen und Paris zum Hirn der Welt zu machen. Solche Pläne kosten Geld und da die französischen Steuerzahler sich das nicht gefallen lassen wollten, wurde die Preßfreiheit aufgehoben. Joly konnte es  unter diesen Umständen nicht wagen, offen gegen die ihm verderblich scheinende Politik Napoleon III. auszutreten und deshalb schrieb er seine Kampfschrift in der Form einer Vision aus dem Jenseits.

Philipp Grave begnügte sich aber auch nicht mit dieser Feststellung allein. Er unterzog die Protokolle einer ge­nauen vergleichenden Prüfung mit der Schrift Joly’s, und mühelos kam er zum Ergebnis, daß die Protokolle nichts anderes als eine Abschrift der Zwiegespräche des Maurice Joly sind, mit dem Unterschied allein, daß das, was Joly den Macchiavelli an Bösem und Rachsüchtigem sagen läßt, in den Protokollen als jüdische Äußerung und Plan erscheint. Um die Fälschung als solche anzuprangern, veröffentlichte Graves in der „Times“ am 16., 17. und 18. August drei große Aufsätze, die in der Öffentlichkeit der ganzen Welt Aufsehen erregten.

Die Fälschung ist also unzweideutig bewiesen. Und Herr Gaston Ritter kann eventuell, wenn er will, den Macchiavelli, wie ihn Joly sieht, als einen Anti­christ ansehen, aber hat gar kein Recht, das jüdische Volk zu verleumden. Er hat kein Recht, aber er tut es und nennt Lüge Wahrheit und Verleumdung Wirklichkeit. Und selbst nennt er sich Christ? Mit welchem Recht? Seine Schrift ist nichts weniger als von christlichen Motiven geleitet. Was noch in unserem Blatte zur Genüge bewiesen werden wird.

In: Gerechtigkeit, 14.12.1933, S. 3.[7]


[1] G. Ritter (= Arbogast Reiterer, 1886-1956): Publizist, Priester des Deutschen Ritterordens in Südtirol. Die Schrift Das Judentum und die Schatten des Antichrist erschien 1933 im Styria Verlag (Graz) und 1938 (in 3. Aufl.) im Ulrich Mosers Verlag (Graz)

[2] G. v. Beek (= Ludwig Müller von Hausen, 1856-1926): deutschvölkischer Publizist, Verleger, Mitglied in verschiedenen völkischen und antisemitischen Vereinigungen bzw. deren Mitbegründer wie z.B. Verband gegen die Überhebungen des Judentums (1912ff.), Deutschvölkischer Schriftstellerverband, Germanenorden, Vorsitzender der Thule-Gesellschaft (berüchtigt für ihre Femeurteile und -morde). Erster Verleger der Protokolle der Weisen außerhalb Russlands. Vgl. dazu Elke Kimmel: Müller von Hausen, Ludwig [Pseudonym: Gottfried zur Beek] In: W. Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus, Bd. 2, Berlin: DeGruyter 2009, S. 566-567 bzw.: Reinhard Markner: Ludwig Müller von Hausen (1851–1926). In: Helmut Reinalter: (Hg.): Handbuch der Verschwörungstheorien. Leipzig: Salier 2018, S. 189-193.

[3] S. Nilus (1862-1929): russischer Jurist, Publizist und Antisemit. 1905 veröffentlichte er eine Schrift Das Große im Kleinen, dem erstmals als Anhang auch die Protokolle der Weisen beigefügt waren. Vgl. dazu: Michael Hagemeister: Sergej Nilus und die Protokolle der Weisen von Zion. Überlegungen zur Forschungslage. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung. Bd 5, Frankfurt a. M.- New York: Campus 1996, S. 127–14.

[4] Th. Fritsch (1852-1933): völkisch-antisemtischer Publizist und Verleger (z.B.: Hammer-Verlag, Antisemitische Correspondenz u.a.m.), Wegbereiter des Nationalsozialismus. Mitbegründer der Deutschen Antisemitischen Vereinigung (1886), Verfasser u, Hg. des Antisemiten-Catechismus (49 Auflagen bis 1945). Vgl. dazu Elisabeth Albanis: Anleitung zum Hass: Theodor Fritschs antisemitisches Geschichtsbild. Vorbilder, Zusammensetzung und Verbreitung. In: Werner Bergmann/Ulrich Sieg (Hgg.): Antisemitische Geschichtsbilder. Essen: Klartext 2009, S. 167-191; ferner Eintrag von Thomas Gräfe in W. Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Bd 6: Publikationen. Berlin: De Gruyter 2013, S. 193–196.

[5] Philip Graves (1876-1953): britischer Journalist und Sachbuchautor, der v.a. als Auslandskorrespondent der Times arbeitete und die Protokolle als erster als Fälschung entlarvte. Vgl. dazu den ersten Teil seiner entsprechenden Artikelserie unter dem Titel „Jewish World Plot“. An Exposure. The Source of the Protocolls. In: Times, 16.8. 1921, S.9; Original: http://tenc.net/antisem/first.pdf (Zugriff 1.11.2023)

[6] M. Joly (1829-1878): französischer Anwalt und Autor. Als sein Hauptwerk gilt der hier genannte Dialogue aux Enfers entre Macchiavelli et Montesqueui (1864, nicht 1865 wie angegeben), der als Vorlage für die Protokolle identifiziert wurde. Vgl. dazu: Michael Hagemeister: Die „Protokolle der Weisen von Zion“ vor Gericht. Der Berner Prozess 1933–1937 und die „antisemitische Internationale“. Zürich: Chronos 2017.

[7] Eine weitere Folge erschien in der Gerechtigkeit, 21. 12. 1933, S. 3, in der auch ein Beitrag unter dem Titel Gegen den Rassenhaß in der Kirchenpolitik (gez. Friedrich Jakonvic), ebd. veröffentlicht wurde.

Julius Löwy: Was wir wollen. (1919)

            Die schweren Kämpfe, unter denen sich jetzt ganz Europa windet, deuten an, daß wir uns an der Schwelle einer neuen Zeit befinden. Wenn einmal nach Jahrhunderten die Geschichte Europas geschrieben werden wird, so wird eine Änderung der Epocheneinteilung erfolgen müssen. Das Mittelalter wird nicht mehr reichen bis zur Entdeckung Amerikas, bis zum Fall Konstantinopels, bis zur Ausweisung der Juden aus Spanien, sondern es wird sich erstrecken bis zum Jahr 1918, das den Fall der letzten Bollwerke mittelalterlichen Denkens und Fühlens, der Zarismus in Rußland und der Militärmonarchien in Mitteleuropa brachte. Eine neue Zeit ist da, ein neues Ideal dämmert herauf, das der Selbstbestimmung der Völker, über das noch vor einem Jahre die mitteleuropäischen Staatsmänner gespottet und gelacht haben. All das Weh und Leid, das jeder Einzelne durchzumachen hat, soll einst reichlichen Lohn finden in dem Bewußtsein, zur Erreichung dieser Ideale beigetragen zu haben. Aus dem Leid der Völker soll sich das Glück der Menschheit formen, die sich aus einer Familie der Völker zusammensetzen soll.

            An das Tor, das zu dieser lichten Zukunft führt, pocht jetzt auch das jüdische Volk, das eine Phase seiner Geschichte vollendet hat. Es hat bisher versucht, die Frage seiner Emanzipation länderweise für seine einzelnen Glieder zu lösen. Dieser Versuch ist mißlungen. Kein Volk hatte bisher so sehr unter den Bedrückungen und den Ketten der mittelalterlichen // Auffassung zu leiden wie das jüdische Volk. In Österreich bis zum Jahre 1867 ausgeschlossen von allen politischen und wirtschaftlichen Rechten – von Freiheit und Gleichheit gar nicht zu reden – hatte es in den letzten fünfzig Jahren schwer zu kämpfen, um seine geistigen und wirtschaftlichen Fähigkeiten zu entfalten. Politisch konnte es als Volk überhaupt nicht zur Geltung kommen. Nicht etwa allein von den politischen Parteien, die sich Aufrechterhaltung der Vorrechte einzelner Klassen und Konfessionen zur Aufgabe machten, sondern von der Organisation des Staates selbst, von der „Allerhöchsten Stelle“ bis zum letzten Straßenräumer wurde die Ausschaltung des „jüdischen Einflusses“ als eine der wichtigsten Angelegenheiten betrachtet. Jüdischen Einfluß nannte man es, wenn der Jude seine Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit stellen wollte. Jüdischen Einfluß nannte man es, wenn die Juden an dem großen wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben wollten. Und daraus entspann sich ein unterirdischer Kampf zwischen den Kräften dieses so regsamen Volkes und seinen Unterdrückern. Das Judentum führt diesen Kampf nicht in geschlossener Front, nicht auf ein Ziel konzentriert, nicht von einem einheitlichen Willen beseelt. Die Juden nahmen anfänglich in dem dunklen Drange, sich politisch auszuleben, teil an den nationalen Kämpfen zwischen Deutschen und Tschechen, zwischen Polen und Ruthenen, während sie in Ungarn ganz in das Lager des Magyarentums abschwenken. Mit der fortschreitenden Politisierung der Öffentlichkeit trat ein Teil der jüdischen Intelligenz in das sozialdemokratische Lager ein. An allem nahmen die Juden teil, nur nicht am jüdischen Leben; überall versuchten sie ihre Gleichberechtigung zu erzwingen, und wo dies nicht ging, beugten sie sich der aus dem Mittelalter überkommenden Auffassung, daß der Jude nur infolge seiner Konfession ein Fremder sei. Legten sie die Konfession ab, so waren sie voll- und gleichberechtigt. Die Taufseuche hat dem Judentum viele wertvolle und gute Kräfte genommen. Unerhörte Opfer an Menschen hat das Judentum fremden Interessen gebracht, es hat fast seine Kraft verzehrt. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann sich eine innere Wandlung vorzubereiten. Die jüdische Jugend erkannte, daß das Judentum, wenn es sich noch weiter als bloße Religionsgemeinschaft betrachtete, verdorren müsse, sie erkannte, daß die individuelle Emanzipation unmöglich sei, daß das Judentum als Nation seine Befreiung aus dem unwürdigen Sklavendasein fordern, erstreben und erkämpfen müsse.

[…]

            Wir haben oben gesagt, daß das Judentum den Kampf um seine Existenz ohne einheitlichen Willen führte. Aber seine traurige Lage wurde auch noch durch einen anderen Umstand mitgeschaffen: Durch die Verständnislosigkeit, mit der Staaten und Völker dem Judentum gegenüberstanden und noch stehen. Was weiß unsere Umgebung von uns? Wir sind ihr Fremde, die religiösen Gebräuche des Judentums erscheinen ihr bizarr oder mystisch, jedenfalls aber unerklärlich. Unsere Umgebung hat mehr Interesse für Eskimos und Azteken als für ein Volk, das in ihrer eigenen Mitte lebt. Und aus dieser Verständnislosigkeit, aus dieser Unkenntnis der jüdischen Art, der jüdischen Seele erklärt sich drei Viertel jener barbarischen Strömung, die man Antisemitismus nennt. Das letzte Viertel ist der Haß gegen das Fremde überhaupt.

            Wir wollen Achtung für unser Volk, Respekt vor seinen unleugbaren, großen geistigen Fähigkeiten. Wir wollen ehrliche, offene Aussprache mit allen, die eines redlichen Willens sind. Kein Volk und kein Staat hat mit dem „Hepp-Hepp“ etwas anderes erzielt, als daß der Kampf gegen die Juden sich schließlich zu einem Kampf der einzelnen Klassen erweiterte. Aus den Pogromen in Rußland – ist diese Lehre schon vergessen? – ist schließlich der Anarchismus und der Nihilismus geworden. Die Judenhetzen in Rumänien führten letzten Endes zu dem Bauernsturm gegen die Schlösser der Adeligen. Wenn sich die Völker und die Staaten mit uns auseinandersetzen, wenn sie uns das Recht zuerkennen, unser Schicksal selbst zu bestimmen, unsere Gemeinden in Volksgemeinden zu verwandeln, wenn sie unseren Anspruch auf Freiheit und Land anerkennen, dann wird es für sie und für uns besser sein.

            Das Judentum wird für sich arbeiten können, es wird im Bunde der Völker kraft seines Genies sicherlich nicht an letzter Stelle stehen – die Resultate seiner Arbeit werden eine Bereicherung der Menschheit sein.

 In: Wiener Morgenzeitung, 19.1.1919, S. 1-2.

Sophie Lazarsfeld: Erziehung zur Ehe. (1926)

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein hingegen sehr“, sagt Wilhelm Busch in seiner knappen und lebensklugen Art. Man braucht nur statt Vater „Gatte“ setzen (oder natürlich auch „Gattin“) und das ganze Eheproblem ist darin zusammengefaßt, denn wie leicht tun sich zwei zusammen und wie selten wird eine wirkliche, dauernde Ehegemeinschaft daraus! Woher kommt das, wo liegen die Gründe und wo finden wir eine Besserungsmöglichkeit?

Die immer höher emporschnellende Zahl der Ehescheidungen rechtfertigt wohl eine solche Fragestellung, auch wenn man von den unbedenklich geschlossenen und ebenso wieder gelösten Kriegsehen absieht. Wenn die erleichterte Möglichkeit der Ehetrennung als Grund angegeben wird, so ist das ein falscher Schluß, denn die ist ja nur der Niederschlag einer allgemeinen seelischen Einstellung, der sie Rechnung trägt. Daß anderseits Trennungsverbote Ehen nicht verbessern, ist eine solche Selbstverständlichkeit, daß es genau dazu kaum des Hinweises auf die unglücklichen katholischen Ehen bedürfte, deren Prozentsatz sich nicht von denen der andern Konfessionen oder der Konfessionslosen unterscheidet. Nicht Zwang, nur Wille zur Dauer also kann hier helfen.

Woran aber liegt es, daß wir diesen Willen so selten und so mangelhaft ausgebildet finden? Wir wissen heute durch unsere moderne Seelenforschung, daß der Mensch nur diejenigen Eigenschaften entwickelt, die er zur Hebung seines Selbstgefühls braucht. Sucht er zum Beispiel lauten rauschenden Erfolg, dann wird er die zu diesem Zweck geeigneten Mittel anwenden, er wird darauf „trainieren“ und so auch wirklich die Eigenschaften erwerben, die ihm den gewünschten Erfolg sichern. Verzichtet er hingegen auf äußere Anerkennung, so wird sich das auch im Training seiner Eigenschaften ausdrücken. Die Eigenschaften selbst sind nur Folge des gesteckten Zieles und können nicht an sich geändert oder beeinflußt werden. Nur die geänderte Zielrichtung bringt – dann aber zwangsläufig und unvermeidlich – eine Änderung der dazu erforderlichen Eigenschaften mit sich. Nun ist erotische Machtstellung zweifellos ein sehr gesuchtes Ziel, an dessen Erreichung viel, manchmal sogar alles gesetzt wird, und zu dem zwei Wege führen. Der eine Weg führt zu vielfachen Erfolgen, der andre verzichtet auf die Mannigfaltigkeit und sucht dauernden Erfolg. Wer sich für die Mannigfaltigkeit, den immer und neu wiederholten Erfolg entschließt, wird die dazu gehörigen Eigenschaften erwerben auf Kosten andrer, die ihm dabei hinderlich wären, er wird zum Beispiel keine Geduld, kein Vertrauen, wenig Gedächtnis haben, weil das durch unerwünschtes Mahnen und Vergleichen unbequem und störend würde. Wer hingegen die Dauer will, der braucht wieder diese Eigenschaften, besonders Gedächtnis, denn dieses wird ihm zum Stützpunkt für die Erinnerung und gibt ihm dadurch die gewünschte Bindung an das einmal erlebte, die Ausdauer, die Fähigkeit der Treue. Mit diesem Zielstreben stellen sich auch die andern für eine dauernde Gemeinschaft nötigen Eigenschaften ein. Alfred Adler bezeichnet sehr richtig die Ehe als eine „Aufgabe“ die im wesentlichen mit den gleichen Mitteln gelöst werden muß, wie alle andern Aufgaben des Lebens. Und wer hier schlechter Partner ist, wer sich in seinem Beruf, in seiner täglichen Tätigkeit nicht verläßlich, nicht rücksichtsvoll, nicht ausdauernd erweist, der wird es auch in der Ehe nicht sein, der wird hier wie dort Gründe finden, sich zu drücken, sich durch Finten und Kniffe seinen Aufgaben zu entziehen. Zu den beliebtesten gehört es, Angewohnheiten des Partners plötzlich nicht mehr ertragen zu können oder selbst störende Gewohnheiten an den Tag zu legen, beides sichere Zeichen einer schlechten Vorbereitung für die Ehe, Zeichen des Willens zu Unterbrechung, zum Wechsel.

Wenn wir die Einehe wollen, auf deren Seite zweifellos die großen seelischen Werte liegen, wenn wir die Neigung zur Unbeständigkeit steuern wollen, dann müssen wir schon beim kleinen Kind mit dem Training der dazu erforderlichen Eigenschaften beginnen, indem wir seine Zielsetzung entsprechend beeinflussen. Ein Kind, das nicht mehr mit dem Wunsch aufgewachsen ist, die schönste Puppe, das meiste Spielzeug besitzen zu wollen, das wird auch als Erwachsener nicht mehr Erfolge auf erotischem Gebiet sammeln wollen, das Don-Juan-Ideal wird in Vergessenheit geraten.

Es ist sehr bezeichnend, daß wir in Geschichte und Literatur kein weibliches Gegenstück zum Don Juan besitzen. Messalina, die man dafür ansehen könnte, ist es nicht, auch nicht Wedekinds Lulu. Diesen haftet etwas Gefrässiges an, sie sind nicht wählerisch, sie nehmen, was sie bekommen können, was der echte Don Juan nie tut. Das kommt daher, weil der Mann auf Grund seiner wirtschaftlichen Überlegenheit das sexuelle Wahlrecht ausschließlich für sich bewahrt und dadurch die Frau gezwungen hat, das Wahlresultat untätig abzuwarten. Bekommt nun solch eine schlecht vorbereitete Frau die Wahlmöglichkeit, dann schlägt sie ganz ins Gegenteil um und überbietet die beneidete Freizügigkeit des Mannes durch vollkommene Zügellosigkeit. Damit halten wir bei einem Punkt in unserer Mädchenerziehung, der sein reichliches Teil zum Prozentsatz der unglücklichen Ehen beigetragen hat. Die kapitalistische Gesellschaftsmoral hat es zuwege gebracht, dem jungen Mädchen beizubringen, daß sie möglichst viel erotischen Erfolg haben müsse, denn die Stellung der Frau wurde ausschließlich danach bewertet, welchen Mann sie sich zu erobern imstande war. Die Gesellschaft hat es also verstanden, die Frauen zu einer ausschließlichen Vervollkommnung derjenigen Eigenschaften zu veranlassen, die zur Erreichung dieses Zweckes nützlich sein konnten, und hat sie dadurch völlig aus ihrer natürlichen Entwicklung gedrängt.

Anderseits mußte das letzte Ziel des erotischen Erfolges dem jungen Mädchen sorgfältig verborgen werden, es sollte möglichst ohne Ahnung dieses Zieles an das Ziel selbst herangeführt werden. Es wäre Irrtum, zu glauben, daß die unbehüteten Proletariermädchen in diesem seelischen Sinne besser daran seien. Auch diese erfahren – und meistens in viel zu frühem Alter – zuerst an sich selbst die praktische Auswirkung dessen, was man ihnen bis dahin durch Geheimniskrämerei oder Zoten als etwas zu Verheimlichendes, also Böses, hingestellt hat. Der ungeheure Prozentsatz empfindungsarmer Frauen, die Statistik nennt 60 Prozent, in manchen „kalten“ Ländern 80 Prozent, geht darauf zurück, denn wo findet sich – außer in geringen Ausnahmen – der Mann, der genug Gemeinschaftsgefühl und die daraus entspringende Zartheit besitzt, um die Frau ohne ihren seelischen Schaden über diese ihr Selbstgefühl gefährdende Klippe hinwegzuführen?

Solche Frauen sind es dann auch, die sich im Falle einer vom Manne gewünschten Trennung am zähesten weigern, weil sie, durch den Mißerfolg entmutigt, weder die Kraft zu einem neuen Versuch noch das Vertrauen zu einem auf sich selbst gestellten Leben aufbringen. Die Hölle einer schlechten Ehe aber, in der der eine Teil den andern gegen dessen Willen festhält, braucht nicht erst ausgemalt zu werden. Wobei es nicht nötig ist, daß die Frau die Scheidung in Worten verweigert, manche erreichen den gewünschten Zweck viel sicherer durch ein scheinbares Verlangen nach der Trennung. Auch hier, wie überall, ergreift der Mensch ganz unfehlbar die zur Erreichung seines Zieles nötigen Mittel.

Aber auch die Umgebung müßte dazu erzogen werden, die Dauer einer Ehe zu fördern, besonders die Eltern, von deren Einfluß viel abhängt. Adler nennt sie „kriegsgeübte Gegner“, die es nicht verwinden können, daß ihr Sprößling zum erstenmal selbständig handelt, und die ihre Herrschaft etwa in Form von bösen Voraussagungen fortzusetzen trachten. Wenn dann die jungen Ehegatten ängstlich und gegeneinander mißtrauisch geworden sind, dann darf man sich nicht wundern, die bösen Prophezeihungen in Erfüllung gehen zu sehen.

Vieles ließe sich dazu noch sagen, aber schon dieses wenige zeigt, wieviel Entscheidendes auf diesem Gebiet wir noch zu lernen haben. Für unsere Generation kann ja leider nicht mehr viel geschehen, hier kann wohl manches gemildert, aber kaum noch Grundlegendes gebessert werden. Wir werden uns wohl damit begnügen müssen, wenigstens die Formen, in denen jetzt die nicht glücklichen Ehen verlaufen, etwas menschlicher zu gestalten, zum Beispiel das Täuschen und Lügen möglichst daraus zu verbannen, das seinen Grund auch nur darin hat, daß bei Eingeständnis einer Gefühlsabirrung das Selbstgefühl des Gestehenden und noch mehr des Teiles, der das Geständnis empfängt, schwer betroffen werden. Ehrlich zu sein, aber die Ehrlichkeit des andern auch zu ertragen, ist eine schwere Kunst, die nur durch Hintansetzung des eigenen Machtgefühls zugunsten eines gemeinsamen zu Erhaltenden erlernt werden kann. Aber diese Mühe lohnt, und es straft sich selbst, wer anders handelt. Hoffmannsthal hat das wunderschön ausgedrückt in seinem „Rosenkavalier“:

Nicht quälen will ich dich, mein Schatz.

Ich sag‘, was wahr ist, sag’s zu mir so gut wie zu dir.

Leicht will ich’s machen dir und mir,

Mit leichtem Herzen und leichten Händen

Halten und nehmen, halten und lassen,

Die nicht so sind, die straft das Leben

Und Gott erbarmt sich ihrer nicht.

In: Arbeiter-Zeitung, 21.2.1926, S. 13-14v.

N.N.: Die Antisemitenversammlung in Wien. (1920)

Parteiobmann Kunschak über die Lösung der Judenfrage.

Noch immer hat die Regierung nichts getan, um Wien von der Plage des Ostjudentums zu befreien. Darum rief der Antisemitenbund die Wiener heute zu einer großen Kundgebung auf um die Regierung an ihre Pflicht zu mahnen. Obwohl die Versammlung nicht von langer Hand vorbereitet war, erschienen die anti­semitischen Wiener zu vielen Tausenden. Aus den ent­legensten Gassen der Vorstädte eilten sie einzeln oder in kleinen Gruppen herbei, die immer mächtiger an­schwollen, je mehr sie sich der Inneren Stadt näherten und schließlich in geschloffenen Zügen vor dem Rathause

eintrafen. Besonders die Frontkämpfer, die man heute noch an ihrem strammen Auftreten erkennt, waren in Massen herbeigeeilt. Wenn auch die Männer in überwiegender Mehrheit anwesend waren, so zeigten auch die christlichen Mädchen und Frauen Wiens durch rege Teilnahme, daß sie ganz besonders den baldigen Abschub der Ostjuden verlangen, die ihnen den Kampf ums tägliche Brot zu einer unerträglichen Qual gestalten. Kopf an Kopf standen die Teilnehmer in der Volkshalle, und eine dichtgedrängte Menge erfüllte die Stiegen des Rathauses und die Mitte des weiten Platzes, auf dem an zahlreichen Stellen gleichzeitig die Redner sprachen. Daß beim Abzug, der in geschlossenem Zuge bis zum Schwarzenbergplatze erfolgte, trotz verschiedener Provokationen nirgends die Ruhe gestört wurde, ist ein Beweis der strammen Selbstdisziplin der vielen Tausende. Das große Polizeiaufgebot hatte nirgends Anlaß einzuschreiten. Doch möge diese Ruhe niemanden täuschen, es gibt auch eine Ruhe vor dem Sturm.

Der Aufmarsch beim Rathaus.

Bereits gegen ½ 5 Uhr nachmittags begann sich die Volkshalle zu füllen. Kurz vor 6 Uhr zogen die ersten Bezirksgruppen, Alsergrund und Währing, und die arischen Hörer der Hochschule für Bodenkultur in geschlossenen Reihen vor das Rathaus, wo zwei Musikkapellen spielten. In rascher Folge erschienen nun auch die Teilnehmer aus den übrigen Bezirken und um ¼ 7 Uhr war der Platz vor dem Rathause bis gegen das Burgtheater von einer vieltausendköpfigen Menge erfüllt. Insgesamt dürften rund 50.000 arische Wiener an der Massenkundgebung teilgenommen haben. Angehörige aller arischen Parteirichtungen, aller Stände und Berufe waren erschienen. Stark vertreten war besonders die christlich-deutsche Jungmannschaft, die arischen Studenten, die Eisenbahner, die in Uniform erschienen waren, und die christliche Arbeiterschaft.

Die Versammlung in der Volkshalle.

Der Obmann des Antisemitenbundes Dr. Jerzabek, welcher in der Versammlung den Vorsitz führte, erklärte als Zweck der Kundgebung: Die Regierung unwiderruflich zum letztenmal (stürmischer Beifall) an ihre Pflicht gegen das christlich-deutsche Volk zu erinnern und ihr klar zu machen, daß wir die infolge der jüdischen Masseneinwanderung erlittene Unbill nicht mehr länger ertragen können, noch wollen. (Beifall.) Wir rufen ihr daher zu: Bis hieher und nicht weiter! (Stürmische Zustimmung.)

Berufsunteroffizier Theyer führte Klage darüber, daß daS Regiment der Hoch- und Deutschmeister nach seiner Rücklehr von der Front zerissen wurde, weil man sich fürchtete, daß es mit der Judenwirtschaft nicht einverstanden sein könnte. Die Frontkämpfervereinigung werde nicht früher ruhen, als bis sie die Losung erfüllt habe: Mit den Ostjuden hinaus! Nur Einigkeit der gesamten arischen Parteien werde das Ziel erreichen lassen, damit unser deutsches Wien den Wienern  wiedergegeben werde. (Beifall.)

Die Rede der Obmannes der christlichsozialen Partei.

Abg. Kunschak, stürmisch begrüßt, führte aus:

Die Judenfrage zerfällt, unter den derzeitigen Verhältnissen in zwei Teile, in einen Teil, der die Ostjuden betrifft, und in einen zweiten, der sich mit der Judenschaft im allgemeinen beschäftigt. Als ich kürzlich im Abgeordnetenhaus über diese Fragen gesprochen habe, da hat der einzige nationale Jude in der Nationalversammlung, Dr. Stricker, erklärt, er könne einen Unterschied zwischen Ost- und Westjuden nicht machen.

(Rufe: Wir auch nicht! Ich habe ihm damals geantwortet, wenn er findet, daß sie beide gleich sind, so habe ich natürIich nichts dagegen einzuwenden.) Was die Frage der Ostjuden anbelangt, so sind uns hinsichtlich ihrer Behandlung auch keine internationalen  Vereinbarungen und auch nicht durch den Friedensvertrag Weisungen und Bindungen auferlegt. Es ist also die Frage der Ostjuden darnach zu entscheiden, ob sie erträgliche oder lästige Ausländer sind. Da es aber keine Möglichkeit gibt — sie besteht auch für den

ausgeprägtesten Philosemiten nicht —, die Ostjuden als eine erträgliche Gesellschaft zu bezeichnen, so gibt es eben gar keine andere Schlußfolgerung, und diese wird auch vielfach von Juden selbst bestätigt:

Die Ostjuden sind lästige Ausländer.

Nach den bestehenden internationalen Gesetzen und Gebräuchen hat aber jeder Staat das Recht, lästige Ausländer auszuweisen. (Großer Beifall.) Wir sehen, daß davon alle Staaten, ohne Unterschied ihrer politischen Richtung und Staatsform, den ausgiebigsten Gebrauch machen. Selbst das freie demokratische Amerika tut dies in den letzten Monaten. Nach unseren eigenen und den internationalen Gesetzen haben wir also das Recht, die Ostjuden auszuweisen. Die Behörden reden sich darauf aus, daß uns hiezu die Möglichkeit fehle. In vielen Fällen — wir dürfen die Augen gegen die Tatsachen nicht verschließen — besteht faktisch eine Unmöglichkeit. Die Ostjuden haben in allen Staaten Freunde, die ein Interesse daran haben, daß dieses kleine Österreich möglichst bald ebenso ruiniert werde, wie das große Österreich durch ihre Umtriebe ruiniert worden ist. Ich verweise da insbesondere auf die Tschecho-Slowakei, welche die Überschreitung der tschecho-slowakischen Grenzen nur dann zugibt, wenn die Leute, die von uns ausgewiesen werden, versehen sind mit ihren Dokumenten und einem Paßvisum der polnischen Gesandtschaft in Wien. Mir wurde nun mitgeteilt, die polnische Gesandtschaft gebe ganz offiziell den um dieses Visum ansuchenden Ostjuden den Rat, sich ihrer Dokumente zu entäußern, so daß sich schwer ihre Heimatsberechtigung feststellen läßt. Natürlich wird dann dieses Visum

verweigert, und in weiterer Folge läßt die tschecho-slowakische Republik die Überschreitung der Grenzen nicht zu. Dies habe ich vor Augen geführt, um vor der Öffentlichkeit nicht als ein Mensch zu erscheinen, der bewußt Tatsachen verschweigt, die als eine wirkliche Schwierigkeit hinsichtlich der Ausweisung der Ostjuden in Betracht kommt.

Einsperren!

Damit ist aber die Frage selbst nicht erledigt. Wenn ich ein Raubtier nicht aus dem Land bringen kann, dann sperre ich es in den Käfig ein (Stürmischer Beifall.) Es würde sicherlich gegen alle Vernunft sein, daß man auf die Bevölkerung einfach nur die Wucherer, Schleichhändler und Schieber losläßt und die Bevölkerung hilflos überantwortet den Praktiken von Leuten, die überhaupt über kein Gewissen verfügen. Es gibt jedoch ein zweites und sehr radikales Mittel, das ist die Internierung der Ostjuden. Wir müssen die unter ihnen, die nicht ausgewiesen werden können, in Flüchtlingslagern konzentrieren. Dieser Vorgang hat den Wert, daß die Praktiken der Ostjuden über­haupt unmöglich gemacht werden, und zweitens werden wahrscheinlich sehr viele Ostjuden vorziehen, plötzlich wieder ihre Dokumente zu finden, um über die Grenze zu gelangen.

Was die Judenfrage im allgemeinen an­langt, so sind wir leider Gottes durch die Bestimmungen des Friedensvertrages in der Lage des Mannes mit den gebunden Händen. Der Friedensvertrag eröffnet nur eine Möglichkeit hin­sichtlich des Rechtsstandpunktes und seiner moralischen Unterlagen, er anerkennt

die Juden als eine selbständige Nation

und es hat die Entente dieser Ansicht praktischen Ausdruck gegeben, da sie den Juden einen eigenen Staat in Palästina gegeben hat. Die Juden sind also ein ausländisches Volk, ergo können wir sie als fremde Nation behandeln. Wir haben infolge des Friedensvertrages auch noch die Möglichkeit der Behandlung nach den Grundsätzen des Minoritätenschutzes. Wir müssen allen fremden Nationen ihr eigenes Schulwesen geben, konsequenterweise also auch den Juden eigene Judenschulen. Aber nicht nur die räumliche Trennung zwischen arischen und jüdischen Schulen ist die Folgerung, sondern auch das Verbot, daß ein Jude an arischen Schulen Unterricht erteilt. Alle Minoritäten haben ferner Anspruch, ihr Recht zu finden nach ihrer Sprache, ergo auch die Juden nach ihrer nationalen Eigenart, weshalb wir nur soviele jüdische Richter anzustellen brauchen, als wir zur Erledigung der jüdischen Rechts­sachen benötigen. Daraus ergibt sich von selber, daß wir natür­lich auch nicht soviel jüdische Advokaten brauchen und auch die Anwendung auf unsere Hochschulen geht daraus hervor. Es muß der numerue clausus dort eingeführt werden, der Jude wird nicht ausgeschlossen vom Hochschulstudium, aber nur zugelassen im Verhältnis der Zahl seines Volkes zu unserer deutschen Bevölkerung. Wir ver­langen darum die Behandlung der Juden als Minoritätsvolk in allen Konsequenzen, eine Forderung, auf die sich alle Arier vereinigen, mögen sie sonst welcher politischen Partei immer angehören. Wenn wir dieses Programm zur Plattform neuer Nationalratswahlen machen, (Stürmischer Beifall) dann glaube ich, sind wir dem Worte des Dichters näher gekommen, welche er vorgezeichnet hat wie eine Warnung, als er sagte: Geht, sperrt sie wieder in die enge Gassen, ehe sie euch wieder in die Christenviertel sperren. (Brausender Beifall.)

Hierauf sprachen noch Abg. Dr. Ursin, Hauptmann Fey, Pros. Rotmayer, Obstlt. Hittl und LAbg. Riehl.

Die Entschließung.

Dr. Jerzabek beantragte schließlich eine im Sinne der Ausführungen der Redner gehaltene Entschließung, in welcher zur Vermeidung anderer von der Selbsthilfe diktierter Schritte von der Regierung die Erfüllung folgender Forderungen ver­langt wird: 1. die sofortige Internierung aller eingewanderter Ostjuden, 2. der fortlaufende Abschub dieser jüdischen Parasiten in ihre Heimat, sowie die Grenzsperre gegen jede weitere Zuwanderung der Ostjuden. 3. Die Beschlagnahme ihres hier erwucherten Vermögens. 4. Die Zulassung der hier heimatsberechtigten Juden zu den Mittel- und Hoch­schulen nur im Ausmaße ihrer Verhältniszahl zur bodenstän­digen Gesamtbevölkerung. 5. Dir Ausschaltung des jüdischen Einflusses aus der neu zu errichtenden Wehrmacht und die Wahrung eines unparteiischen und unpolitischen Charakters derselben. 6. Die sofortige Einstellung der aus der neuen Wehrmacht wegen ihrer Mitgliedschaft bei der Frontkämpfervereinigung entlassenen Unteroffiziere und Mannschaften. 7. Die sofortige strengste Untersuchung über den, am 2. Juni d. J. in Linz unter Führung des LAbg. Jetzinger unternommenen blutigen Überfall der gründenden Landesversammlung der Frontkämpfervereinigung.

Nach Annahme dieser Entschließung, die unter ungeheurem Beifall einmütig erfolgte, formierten sich die Teilnehmer der Veranstaltung zu einem gewaltigen Zuge.

Vor dem Rathaus.

sprachen an vier Stellen zahlreiche Redner, welche die Verjudung unseres öffentlichen Lebens, den volks- und sittenschädigenden Einfluß des Judaismus auf das deutsche Volk in treffenden Worten schilderten und die sofortige Ausweisung oder Internierung der Ostjuden unter stürmischem Beifall forderten.

Hauptmann Maier verwies namens der Frontkämpfervereinigung besonders auf den empörenden Undank, mit dem jene heute gelohnt werden, die ihr Blut für ihr Vaterland opferten, das schließlich durch das Gift jüdischen Geistes und jüdischer Mache zusammenbrach. Ing. Hahn sagte u.a.: Die heutige Kundgebung ist kein durch Schlagworte hervorgebrachtes Ereignis, sondern der Aufschrei des durch die Judenherrschaft geknechteten Volkes. Leider tragen wir selbst vielfach die Schuld, daß es so kam. Wir ließen es an Einheit fehlen. Wenn wir alle wollen, können wir diesen Mißständen ein Ende machen und die Mittel dazu sind: In keine arische Familie ein Juderblatt! Bei keinem Juden einkaufen! Wir unterstützen keine Partei, die von Juden am Gängelband geführt wird. Wir stehen an Seite unserer arischen Hoch­schüler! (Brausender Beifall.)

Stud. Dollfuß sprach namens der katholisch-deutschen Studen[ten]schaft. Er schilderte die Verjudung der Hochschulen und begrüßte es, daß die antisemitischen Kundgebungen an der Universität die Öffentlichkeit auf die Verjudung urserer Hochschulen aufmerksam gemacht haben.

Es sprachen vor dem Rathause ferner Abg. Partik, GR. Paulitschke, Abg. Dr. Riehl und die Herren Orel, BR. Rakonitsch, Rathbauer, Schodl, Wagner, Schriftsteller Maschke, Friedl, mehrere christliche Studenten und Arbeiter u. v. a. auch Abg. Kunschak hielt nach seiner Rede in der Volkshalle vor derselben eine Ansprache, wobei er immer wieder durch stürmischen Beifall und Hochrufe unterbrochen wurde. Auch in den Versammlungen vor dem Rathause wurde die in der Volkshalle gefaßte Entschließung einstimmig angenommen.

Kommunistische Stänkerer vor dem Burgtheater.

Vor dem Burgtheater hatten sich einige Hundert Kommunisten und Zionisten angesammelt, die die Teilnehmer an der Rathauskundgebung herauszufordern suchten. Diese zum größten Teil aus Judenjüngels und fragwürdigen Plattenbrüdergestalten bestehende Rotte sandte Provokateure unter die Demonstranten, die jedoch rasch unverrichteter Dinge zurückkehrten. Am Ring hielt schließlich ein Jude eine Hetzrede an die Kommunisten, wobei er die Frechheit besaß, unter Hin­weis auf die Teilnehmer an der Massenkundgebung zu sagen: „Wegen dem Gesindel sollen wir noch Galizien gehen!“ Diese Unverschämtheit ließ eine Anzahl Christen die Zurückhaltung verlieren und der Jude wurde verprügelt. Die Wache drängte nun die Kommunisten zurück. […]

Der Zug über den Ring.

Nach Schluß der Kundgebungen stimmten die Teil­nehmer „Die Wacht am Rhein“ an und formierten sich dann zu einem geschloffenen Zug, der seinen Weg über die Ringstraße zum Schwarzenbergplatz nahm. An der Spitze desselben trug ein Teilnehmer an einem Stock

befestigt eine Nummer der Reichspost. Beim Parlament kam es zu stürmischen Rufen: „Pfui die Judenhoch­burg!“ Unter Absingung nationaler Lieder nahm der Zug seinen Weg über die Ringstraße. Die Kaffeehäuser waren fast sämtlich von ihren jüdischen Stammgästen verlassen worden. Aus vielen Fenstern wurde der Zug freudig begrüßt und ihm zugewunken. Infolge einzelner jüdischer Stänkereien kam es wiederholt zu erregten Szenen, jedoch zu keinerlei ernsten Zwischenfällen.

Bei der italienischen Militärmission stimmte die Menge das Andreas-Hofer-Lied an.

Am Schwarzenbergplatz

hielt der ehemalige Abgeordnete Dr. Jerzabek am Dache des Straßenbahnhäuschens stehend, eine Ansprache an die Menge, in der u.a. sagte: „Die heutige Kundgebung muß Staatsgewaltigen, wenn sie nicht blind und taub sind, zum Bewußtsein gebracht haben, daß das christlich-deutsche Volk einen Macht­faktor in diesem Staate bildet, dessen Wille nicht un­beachtet gelasssn werden darf und das nicht gewillt ist, die frechen Übergriffe des Judentums weiter zu dul­den. Wir sind nicht gewalttätig und blutdürstig, aber wir wollen uns das Recht erkämpfen, das uns gebührt und die jüdischen Sklavenketten bis auf das letzte Glied sprengen. Es lebe das christlich-deutsche Volk von Wien!“ (Brausende Heilrufe.)

Es sprach noch Abg. Dr. Riehl, der an die Versammelten die Mahnung richtete, bei den kommenden Wahlen der Interessen des christlichen Wiens eingedenk zu sein, worauf nach Absingung des Liedes „Stimmt an mit hellem hohen Klang“ die Massen nach verschie­denen Bezirken abfluteten.

Vor dem Staatsamt für Heerwesen.

Ein großer Teil der Mengen vor allem die Tellnehmer aus Floridsdorf, zogen vom Schwarzenbergplatz weiter über den Ring. Vor dem Staatsamt für Heer­wesen kam es zu stürmischen Kundgebungen gegen Staatssekretär Dr. Deutsch. Stöcke wurden ge­schwungen und Rufe laut: Wo ist der Freund von Bela Kun? Pfui Dr. Deutsch! Landesverräter! Die Volkswehrwache machte sich möglichst wenig bemerkbar. Der Zug bewegte sich nun

über den Kai.

Die Brücken in die Leopoldstadt waren sämtlich durch Wache abgesperrt. Auf der Leopoldstädter Seite des Donaukanals sammelten sich zahlreiche Juden und Kommunisten an. Durch ihr herausforderndes Benehmen kam es wiederholt bei den Brücken zu erregten

Auseinandersetzungen, bis berittene Wache schließlich die Juden in die in den 2. Bezirk führenden Gassen zurück­ drängte.

Die Volkswehr droht.

Als der Zug zum Schottenring kam, fand er ihn durch Polizei abgesperrt. Auch die Maria-Theresien-Straße war von Wache blockiert. Die Menge durchbrach jedoch den Kordon und zog unter stürmischen Rufen: „Nieder mit der Volkswehr!“ und ähnlichen bei der Rossauerkaserne vorüber. Die Volkswehrleute drohten mit Gewehren aus den Fenstern und gossen auf die Menge Wasser herab, was stürmische Entrüstung auslöste. Bei dem Tore gegen die Kolingasse stand eine Gruppe von Volkswehrleuten. Es kam zu erregten Szenen zwischen ihnen und den Vorbeiziehenden. Plötzlich rannte ein Volkswehrmann mit einem Gewehr aus der Kaserne und legte auf die Menge an. Dem raschen Eingreifen der Sicherheitswache und eines // angeblichen Soldatenrates ist es zu danken, daß er am Schießen verhindert wurde. Auch andere Volkswehrleute nahmen eine drohende Haltung gegen die Vorüberzie­henden ein und verursachten ein wiederholten Einschrei­ten der Sicherheitswache gegen sie. Ein Volkswehr„offizier“ schrie einige der gegen die drohende Haltung der Volkswehr Stellungnehmenden mit den Worten an: „Schaut’s, daß abfahrt’s. sonst fangt’s eine!

Während seines Marsches zum Schottentor und dortselbst zerstreute sich der Zug. […]

In: Reichspost, 8.6.1920, S. 5-6.

Erich Kühn: Nostra maxima culpa. (1926)

Zum Thema: „Am Sterbebett der deutschen Seele“. – Triumphe des jüdischen Schrifttums.

Was den ›Erfolg des jüdischen Schrifttums‹ anbetrifft, so wäre dazu zu bemerken: Ein hoher Prozentsatz von Theater, Presse, Verlagsanstalten, Depeschenagenturen und Schriftstellern ist unter ausschlaggebendem jüdischen Einfluß.  Gleich einem dichten Netz kontrollieren und beherrschen sie, eng Hand in Hand arbeitend, Kunstmarkt und öffentliche Meinung. Sie unterdrücken das Aufkommen jedes nach deutschen Begriffen wertvollen Kunstwerkes, während der ganze Apparat in geschicktester Weise zur Reklame für jedes jüdische Geisteserzeugnis gebraucht wird. Mit einer sehr klugen Kunstpolitik wird jedes aufstrebende bedeutende Talent auch aus anderen Reihen rechtzeitig in das jüdische Lager geholt und so in jüdischem Sinn ›entgiftet‹. Hier versagt der Deutsche im Gegensatz zum Juden vollständig. Nicht nur, daß sich deutsche Künstler gegenseitig nicht planmäßig fördern, sondern, ihren politischen Führern gleich, sich am liebsten den Schädel einschlügen – von  einer Kunstpolitik kann im nationalen Lager überhaupt noch nicht die Rede sein, schon weil man dort die Kraft und Wichtigkeit des geistigen Arbeiters vielfach gar nicht richtig wertet. Die Forderung, man möchte in unserem Lager zunächst einmal angesichts des Erfolgs des jüdischen Schrifttums die eigene Leistung steigern, ist gewiß berechtigt. Einen Erfolg wird das aber erst erzielen, wenn man auf unserer Seite einen Apparat ähnlich dem jüdischen geschaffen hat, und wenn man ihn, in richtiger Würdigung der schöpferischen Geistesarbeit, angemessen anwendet. Weiter ist zu untersuchen, auf welche Triebe denn eigentlich das jüdische Schrifttum so erfolgreich beim Deutschen spekuliert. Da ist es eine alte Klage, daß es alle die Werte herunterreißt und zerstört, die dem Deutschen seit je teuer und heilig sind; Gott, Vaterland, Ehe, Familie – Begriffe, deren Hochachtung für den wahren Deutschen sozusagen eine biologische Notwendigkeit ist – kann der Jude in seinen Theaterstücken, Romanen und Witzblättern nicht genug beschmutzen. Chamberlain spricht mit Recht von der Unmöglichkeit, dem Juden jemals beizubringen, was wir unter ›Gottheit‹, ›Religion‹, ›Sittlichkeit‹ verstehen. Alles in allem kann man wohl behaupten, daß der jüdische Literat seine Erfolge häufig mit dem erzielt, was Eduard Heyck sehr treffend ›Geschmacksunterbietung‹ nennt. Er wendet sich gern an die niederen Triebe und Instinkte, deren ›Ausleben‹ ihm höchster Diesseitszweck ist. Auch diese Neigung wurzelt natürlich in seiner ganzen Geistigkeit. Karl Marx hat bekannt: „Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden“. Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz! Ganz folgerichtig ist es daher, wenn der hochbegabte jüdische Dichter Arthur Schnitzler in seinen Schauspielen es mehrfach ausspricht, daß die Ordnung in uns etwas Künstliches, das Natürliche – das Chaos sei. Man muß und darf daraus ohne weiteres schließen, daß dem Juden der dem Deutschen ursprünglich eingeborene Trieb nach Ordnung, Recht, Maß, Selbstbeherrschung, Niederhalten der minderwertigen Instinkte, den alle unsere maßgeblichen Dichter preisen, artfremd ist. Das mag zugegeben werden, dass der Jude nicht anders wirken kann, wie er es tut. Doch unsere Pflicht der Selbsterhaltung gebietet es, uns mit allen Mitteln gegen einen Geist zu wehren, der unserem Wesen widerspricht. „Was euch nicht angehört, müsset ihr meiden. Was euch das Innere zerstört, dürft ihr nicht leiden“ sagt Goethe, der sicher nicht nur zufällig der Gestalt des Mephisto viele jüdische Züge verliehen hat. Doch damit sind alle Seiten der ganzen Frage noch lange nicht erschöpft. Wie kommt es denn, daß das deutsche Lesepublikum in einen Zustand geriet, in dem es gegen die mit einem so großen Apparat angepriesene jüdische Kost nicht nur widerstandslos geworden ist, sondern, sondern fast ausschließlich danach greift, wenn man der Großmannschen Statistik glauben darf? Hier muß man nun wieder unbedingt Münchhausen recht geben: Wenn auch der jüdische Apparat den äußeren ›Erfolg‹ schafft, so hat doch die Erscheinung noch tiefere Ursachen, an denen der Jude durchaus nicht allein schuld ist. Wäre der Volksinstinkt gesund, dürfte auch der ›Apparat‹ nicht so wirken. Der Jude hat nur nach seiner Art Verhältnisse genutzt und bewußt gefördert, die von anderer Seite kurzsichtig mitgeschaffen wurden. Auch hier sind nur Andeutungen möglich. Für die herrschenden Verhältnisse sind sind in jedem Staat zunächst die sogenannten oberen Stände und Schichten verantwortlich. Dostojewski sagt: „Sobald nach Ablauf der Zeiten und Jahre in einer Nation das geistige Ideal zu verfallen begann, da begann zugleich auch die Nation zu verfallen und mit ihr auch ihr ganzer Staatsbau. Wenn in der Nation dies Bedürfnis nach allgemeiner Vervollkommnung in dem Geiste, der dies Bedürfnis hervorgebracht hat, erlischt, dann verschwinden allmählich auch alle ‚bürgerlichen Einrichtungen‘, da es dann nichts mehr zu erhalten gibt.“ Dann erfüllt sich das Marxsche Wort: „Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind.“ Wer ist schuld daran, daß sich die Hälfte der Deutschen in Steinwüsten zusammendrängt – ohne sicheres Heim, ohne Hoffnung auf irgend eine Bodenverwurzelung, ohne feste Daseinsmöglichkeit, das Elend der kommenden Generation vor Augen? Ganz gewiß nicht der Jude allein! Leute ohne Zukunft und meist auch ohne Vergangenheit, wie sie das großstädtische Proletariat aus allen Schichten darstellt, sehen kaum etwas anderes als die Möglichkeit, den Augenblicksgenuß zu leben. Menschen, die ein eiskalter Mammonismus und Materialismus in jüdischer Lieblosigkeit nur als Nummer wertet und behandelt, kommen schließlich zu einer Lebensauffassung, die der bürgerlich-christlichen widerstrebt. Das Dasein erscheint ihnen als sinnlose Last. Gar zu leicht sehen sie in jedem Besitz, und sei er noch so redlich in Generationen aufgebaut, das Ergebnis von Raub und Schiebung. Da sie wurzellos sind, stehen sie dem historisch Gewordenen ohne Verständnis gegenüber. Neben der einförmigen Arbeit lieben sie als Ausgleich den Rausch, die Sensation. Auf eine solche Seelenverfassung des unharmonischen, hoffnungslosen Großstädters ist nun das jüdische Schrifttum in erster Linie eingestellt. Diesen großen ›Markt‹ für literarische Ware läßt sich der Jude nicht entgehen. Überdies sieht er ja – Kautsky hat es ausgesprochen – in diesem Proletariat seinen natürlichen Bundesgenossen. Dazu kommt, daß er sich den Ergebnissen der Wissenschaft leichter erschließt, sie aufmerksamer beobachtet als andere Kreise und sie seinen wissensdurstigen, halbgebildeten Lesern zu einer Art Weltanschauung umdeutet, mit der er einem Bedürfnis seines Lesers entgegenkommt. Das sind alles Dinge, die dem Dichter auf unserer Seite wenig Kopfzerbrechen machen. Die Sünden einer falschen Bevölkerungs- und Wirtschaftspolitik und einer mangelhaften Psychologie haben erst dem Juden sein Publikum und – seine Bundesgenossen geschaffen. Des weiteren ist der Jude gewiß nicht daran schuld, wenn nationale Blätter ihre Erziehungsaufgabe in dieser Zeit völlig verkennen und aus Furcht vor dem Verlust jüdischer Inserate es nicht wagen, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, anstatt für die nationale Sache die Opfer zu bringen, die der einfache, von der Hand in den Mund lebende Arbeiter in relativ viel höherem Maße für seine Belange leistet. Die Verleger würden sich hüten, Bücher herauszubringen, welche die nationale Presse totschweigt. Alle politische Erziehungsarbeit, alle Arbeit der nationalen Parteien ist umsonst, Millionen werden jährlich vergeblich ausgegeben, wenn nicht die na-//tionale Presse endlich den Mut aufbringt, sich auch ihrerseits der deutschen Seele anzunehmen und das ›Artfremde‹ zu bekämpfen? Ganz gewiß nicht! Die nationale Presse soll aber in diesen Tagen, wie es eine Art von Modeauffassung meinte, lediglich als Erwerbsunternehmen gelten, während sie doch der stärkste Bundesgenosse von Schule und Kirche sein muß. Das kostet natürlich Opfer. Der krasse Materialismus, der in diesen Dingen herrscht – er ist der stärkste Bundesgenosse des Juden. Der Materialismus ist es, der die deutsche Seele dem Juden ausgeliefert hat. Wer wird noch für deutsche Ideale kämpfen, wenn der Lohn, wie z.B. im Falle des Professors Brunner in Berlin und in so manch anderen Fällen, ein kaltes, feigherziges Fallenlassen ist? Gewiß liegt nach allem Gesagten die größte Schuld beim Deutschen selbst. Er muß zunächst selbst den Mut und die Kraft aufbringen, sich wieder vom jüdischen Geist zu emanzipieren. Das wird ein schweres Stück Arbeit sein, aber gerade der deutsche Adel sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen. Darüber hinaus aber muß von allen in Frage kommenden Kreisen ein fester Ring geschlossen werden zur Durchsetzung des deutschen Geistes.

In: Schönere Zukunft, 26. 9. 1926, S. 1248-1249.[1]


[1] Replik und Kommentar zu: Börries Freiherr von Münchhausen: Vom Sterbebett der deutschen Seele. In: Schönere Zukunft, Nr. 48, 5.9.1926, S. 1179-1180.

Anton Kuh: Verhafter und Verhaftete (1934)

Die Lage Österreichs wird mit jedem Tag undurchdringlicher. Hat die Regierung Dollfuß noch Kraft und Autorität genug, um die widerspenstigen nationalsozialistischen Parteigänger – die übrigens keineswegs eine so große Zahl darstellen, wie sie rebellische Unbeugsamkeit an den Tag legen – in Schach zu halten? Noch vor einem Vierteljahr hatte es den Anschein. Seit der Errichtung des Anhaltelagers in Wöllersdorf schien tatsächlich über das unruhegepeitschte kleine Land ein milderer, friedlicherer Wind zu streichen. Das hat sich in den letzten Wochen, für den Blick des Außenstehenden zumindest, geändert. Die nationalsozialistische Bewegung, die sich lange Zeit zu der Zwinker- und Flüstersprache rettete, wie sie die Bürger in Egmont unter der Fuchtel des Herzogs Alba sprechen, flammte neu auf. Der entschwundenen Zeit der Handgranaten folgte nach dieser Unterbrechung die Ära der Papierböller. Sie erreichte ihren kritischen Höhepunkt mit der Verhaftung des Landesführers der Heimwehren, Graf Alberti, deren Hintergründe und Zusammenhänge noch nicht hinreichend geklärt sind. Hat Graf Alberti, wie die Regierung behauptet, hinter dem Rücken des obersten Heimwehrchefs Starhemberg sein gefährliches Spiel mit dem deutschen Nationalsozialismus getrieben? […]

Der Besuch des italienischen Staatssekretärs Suvich in Wien hat die Ereignisse augenscheinlich auf den Höhepunkt getrieben. Von der deutschen Parteizentrale der Nationalsozialisten ging an die österreichischen Gesinnungsgenossen die Parole, dem Vertreter Mussolinis mit allen Mitteln das Bild zu bieten, als ob Österreich in seiner überwiegenden Mehrheit zu Hitler und nicht zu Dollfuß stände. Nun dürfte grade diese Anweisung und die Hitzigkeit, mit der sie befolgt wurde, für die Sache des österreichischen Kanzlers optimistisch stimmen. Denn es geht daraus klar hervor, daß die Mission Suvichs in Wien nicht, wie es die nationalsozialistischen Blätter noch vor einer Woche darzustellen versuchten, darin besteht, einer Annäherung zwischen Deutschland und Österreich den Boden zu bereiten sondern Österreich stärker in ein Staatengefüge einzugliedern, das dem unmittelbaren Einfluß Mussolinis untertan sein soll. Nur aus der Hoffnung, den italienischen Mittler von der Aussichtslosigkeit dieses Bemühens zu überzeugen, sind die Wiener Zwischenfälle des gestrigen Tags, die Böllerwürfe, das Abschalten des elektrischen Lichts auf dem Ring, die Zusammenrottung der tausend Demonstranten bei der Oper zu erklären. Andererseits fragt man sich mit Unruhe, wieso solche Attacken gegen die öffentliche Ordnung, die noch vor einem Vierteljahr unmöglich gewesen wären, sich ereignen können. Der Kanzler Doktor Dollfuß hielt am gleichen Tag in der Christlichsozialen Vereinigung eine Rede, worin der die früheren Töne der Energie und Zuversicht anschlug. Am Schluß sagte er: „Wenn die Erkenntnisse dieser Notzeiten in die weitesten Kreise dringen, dann hoffe ich, daß schon die allernächste Zeit auch die bisher abseits stehenden Kreise in die große Front der Verteidiger der österreichischen Unabhängigkeit und des Aufbaus eines neuen Österreichs bringen wird.“ Wer mit diesen ‚bisher abseits stehenden Kreisen‘ gemeint war, das geht aus dem nächsten Satz hervor: „Wir wollen keinen sozialen Rückschritt“. Optimistische Deuter des widerspruchsvollen Geschehens in Österreich erblicken in diesem schüchternen Gruß an die Sozialdemokraten eine mögliche Neugruppierung der österreichischen Dinge – eine Wendung nach der Seite der Vernunft und Logik hin. Aber wird Starhemberg, der Regierungstreue, der dem Kanzler eine Truppe von Verhaftern und Verhafteten zur Verfügung stellt, diese Wendung zulassen?… Vielleicht ist das die Frage, die Österreichs Schicksal entscheidet.

Aus: Prager Tagblatt, 20.1.1934, S. 1.

Ernst Křenek: Blick auf österreichische Lyrik der Gegenwart (1935)

Erklärende Worte zum Abend „Österreichische Lyrik von heute“, „Podium im Hagenbund“, Wien 6. Dezember 1935

                                                                              Klinget Saiten, schwinget Saiten,

                                                                              Unsichtbare Götter gleiten

                                                                              Über eure Silberbrücken.

                                                                              Sehnen und Entzücken

                                                                              Rauscht auf eurem Stege.

                                                                              Klinget Saiten, schwinget Saiten,

                                                                              Über eure lichten Wege

                                                                              Schauern Ewigkeiten.

Den Vorklang zur heutigen Auswahl aus der österreichischen Lyrik der Gegenwart gibt das Zitherliedchen von Otto Stoessl. Die erklärenden Worte, die nun folgen, können nicht dem Zweck dienen, die „unsichtbaren Götter“, die über die Silberbrücken gleiten, sichtbar zu machen oder die schauernden Ewigkeiten ins Endliche, Meßbare zu verkleinern. Nur allzuoft verliert sich der Versuch, Lyrik gedanklich zu interpretieren, in leeren Tautologien, indem man aus dem Vorurteil, daß Analyse und Deutung dem Gedicht unangemessen sei, dessen Gefühlsgehalt aus der gehärteten Form, die er im Gedicht erhalten hat (oder wenigstens erhalten haben soll), herauslöst und prosaisch erweicht. Aber nicht nur darum sind die Betrachtungen gerade über österreichische Lyrik nicht selten überschwenglicher als diese selbst […] Da man sich nun zurechtgelegt hat, daß der österreichische Genius hauptsächlich in einer affektiven Sphäre heiterer Sinnlichkeit beheimatet sei, ist der Österreicher nur zu leicht geneigt, zu glauben, daß das wahr ist, und so wie er seine Musikalität gerne in einem Schaffen bekundet sieht, das ihm wie ein unbeschwertes Trällern vorzukommen scheint, so stellt er sich auch gelegentlich den Dichter als eine Art von seligem Stammler vor. Und darum glaubt man besonders heute, einen Lyriker nicht höher loben zu können, als wenn man ihm alle mögliche „Verbundenheiten“, Verwachsungen und Verwurzelungen attestieren und sich seine Produktionsweise als ein ständig leicht berauschtes Sinnieren über die Urtatsachen der Natur vorstellen kann.

Es scheint jedoch, daß diese Betrachtungsart weder ihrem allgemeinen Objekt, noch besonders der österreichischen Lyrik gerecht wird. Denn der Grundcharakter des lyrischen Verhaltens ist doch wohl eher Spannung und Distanz, als Versunkenheit und Einklang. Die sentimentalische oder kritische Beziehung, die der Dichter zwischen sich und der umgebenden Welt vorwalten sieht, ruft jene gesteigerte Form des Denkens hervor, die der besonderen sprachlichen Prägung bedarf und die wir Lyrik nennen. Diese Grunddisposition des Lyrischen muß in dem Wirkungsbereich christlich-dualistischer Denkweisen zu ganz besonderer Bedeutung gelangen. Wie gewaltig die Gefühlskräfte auch sein mögen, die jener Spannungszustand in Bewegung setzt, so müssen sie sich notwendig in Gedanken transformieren, sollen sie sprachliche Gestalt gewinnen. Darum soll Lyrik hier mit dem Anspruch betrachtet werden, daß sie die Gestaltwerdung eines gesteigerten Denkens ist und nicht eine dumpfe Vorstufe unterhalb oder ein nur in unbestimmt antiintellektualistischen Ressentiments geträumtes Jenseits des Gedankens.

Sprechen wir vom Spannungszustand als Urgrund und vom gesteigerten Denken als Element des lyrischen Verhaltens, so werden wir sogleich an den Namen eines Dichters gemahnt, der dem heutigen Programm fehlen muß, weil er den Vortrag seines Werkes sich selbst vorbehält, dessen aber nichtsdestotrotz hier mit Ehrfurcht gedacht sein soll; es ist der Name Karl Kraus. Spannung und Distanz zur Umwelt, äußerster Anspruch an Gedanke und Sprachgestalt hat ihn zum Pathos der Satire und in jene konzessionslose Lebensposition geführt, die man kennt und aus der manche oberflächlich zu schließen geneigt waren, daß sein lyrisches Werk eine belanglose Spielerei sei, die die Mußestunden des Kämpfers ausfülle. Aber gerade an dem Schaffen von Kraus zeigt sich die Identität von Denken und Dichten, die er auch in theoretischen Überlegungen unermüdlich darzutun sucht […]

Aus der geistigen Sphäre von Karl Kraus sprechen Georg Trakl und Franz Janowitz, beide nicht mehr unter den Lebenden, beide noch nicht dreißigjährig vom letzten Krieg hinweggerafft. In Georg Trakl pflegt man vielfach bloß einen bizarren Poeten der Dekadenz des Fin de siècle zu sehen, eine Figur des Expressionismus der Vorkriegszeit. Nur eine summarische Beurteilung seiner sprachlichen Substanz in der so viel vom Verfall, von braunen Nachmittagen, vom Herbst und der Dämmerung die Rede ist, kann zu solchem Ergebnis führen. Die wahre Bedeutung Trakls, anfangs nur wenigen erleuchteten Freunden klar, tritt erst in unseren Tagen deutlicher hervor, wo man der religiösen Würde und der symbolhaften Gehalte seiner Dichtung inne wird und ihnen nachzuforschen sucht. Mit Recht hat Wener Meyknecht im letzten Heft des Brenner auf die barocken Züge im Werk Trakls hingewiesen. All die stehenden Bilder, die bei Trakl wiederkehren: der Einsame, Jäger und Hirt, Brot und Wein, das Kreuz, der Grabstein, Augenlider, schwarze Zweige sind nicht Requisiten zur Erzeugung seltsamer Stimmungen, sondern echte Allegorien in einem barocken Sinn, erstarrte, aus dem planen Lebenszusammenhang gebrochene Bilder, die erst in der Perspektive auf die Erlösung der Welt durch Christus ihren geheimen Sinn empfangen. Fast als hätte er Trakl gemeint, lesen sich folgende Sätze aus Walter Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels über das Wesen der Allegorie: „Das ist der Kern der allegorischen Betrachtung, der barocken, weltlichen Exposition der Geschichte als Leidensgeschichte der Welt; bedeutend ist sie nur in den Stationen ihres Verfalles. Soviel Bedeutung, soviel Todesverfallenheit, weil am tiefsten der Tod, die zackige Demarkationslinie zwischen Physis und Bedeutung eingräbt. […]

Direkt benachbart der Vorstellungswelt von Karl Kraus ist das Gedicht Komödianten von Franz Janowitz, in welchem die in dürftigem Flitterkram unscheinbar präsentierte Scheinwelt des Theaters als Abbild der erlösten Überwelt, des erträumten Zieles der irdischen Sehnsucht gedeutet wird. Die Wirkung des Gedichtes Wer? beruht auf dem Kontrast zwischen dem Gewicht des Gedankens, der Inhalt, Sinn und Ende eines Menschenlebens dicht zusammendrängt, und der leichtfüßig huschenden Gestalt, die dieser Gedanke gefunden hat.

So wie Georg Trakl gehören Anton Santer und Josef Leitgeb dem Kreis der von Ludwig Ficker seit über zwanzig Jahren geleiteten Zeitschrift Der Brenner in Innsbruck an, diesem in charakteristischer Isolierung befindlichen, aber höchst bedeutenden Kristallisationskern österreichischer Geistigkeit. Die tiefsinnigen Jamben, mit denen Santer „einen stummen Freund apostrophiert, in weiser Ökonomie einem kargen Wortmaterial den Gedanken abringend, führen an die Grenzen der Poesie, indem sie das nach innen horchende Schweigen des Alters, das das Unbenannte ohne Wort versteht, einer Jugend vorhalten, die mit Worten für und wider Namen streitet. Ist dieser Dichter, gebürtiger Tiroler, so ist, wie Trakl aus Salzburg, Josef Leitgeb aus dem salzburgischen Bischofshofen frühzeitig nach Innsbruck gekommen, wo er als Lehrer tätig ist. Seine Arbeiten bieten das hocherfreuliche Bild eines starken, frischen Temperaments, das sich in wohltätige sprachliche Zucht genommen hat. Das Pathos der heroischen Landschaft des Karwendelgebirges wird in kräftigen Bildern anschaulich (Morgen), während das in überirdischer Feierlichkeit herrlich schreitende Gedicht Heilige Nacht der Ausdruckswelt Trakls sehr benachbart ist. Sprachlich bemerkenswert ist, wie in der letzten Strophe eine Steigerung des Ausdrucks erreicht ist durch Aufhebung des bis dahin durchgehaltenen Reims, also auf dem umgekehrten Weg als es sonst zu geschehen pflegt.

Die Reflexionen von Santer berühren schon ein Gebiet, das fast immer und heute besonders in der Lyrik eine große Rolle spielt, nämlich die Bedeutung der Kunst selbst in ihrer Beziehung zum Menschen. Nur bei Dichtern, die wie Georg Trakl, so vollkommen in der religiösen Sphäre aufgehoben sind, daß au sie die Opitzsche Definition „Die Poeterey ist anfangs nichts anderes gewesen als eine verborgene Theologie“ angewendet werden kann, hat der Kunst ihren Sinn so sehr in sich selbst, daß sie eigentlich aufhört, Kunst zu sein, eben weil sie verborgene Theologie ist. In den Versen vom „Gemmenschneider“ umschreibt Ernst Waldinger Aufgabe und Würde der Kunst, die auch inmitten von Verfall und Untergang nicht verloren geht. Sehr schön ist das Bild von dem zarten Damm, den die reine Linie des Kunstwerkes gegen die Überflutung durch trübe Wirrnis aufrichtet. Sprachlich von besonderem Reiz sind die leichten Verse, die Waldinger „auf ein junges Mädchen“ dichtet. Das kunstvolle Spielen mit den Worten „verloren“, „befangen“, „unbefangen“ erinnert an manche Rondeauformen der älteren Dichtung, die sich hier glücklich erneuert zeigen.

In den engeren Bereich von Karl Kraus führen die Gedichte von Berthold Viertel zurück, der, nachdem er manches Jahr die hochgeschraubten Ansprüche seiner geistigen Sphäre auf der deutschen Bühne durchzusetzen gesucht hat, nunmehr einen ebens unermüdlichen wie vermutlich aussichtslosen Kampf gegen die Wind- und Tretmühlen amerikanischer Filmproduktion kämpft. Der Ort –:

                        Einst Kindheit, Fieber oder Traum,

                        Ich wachte kaum, ich dachte kaum –

                        Lag eine Wiese da.

                        –    –   –   –   –  –    –

                        Man muß nicht Wege suchen, sie

                        Verführen und sie führen nie

                        Zu dem entzückten Ort.

                        –     –    –      –     –     –

ist der auch von Kraus so oft geträumte Ort der himmlischen Landschaft, wo die Schuld aufgehoben ist im doppelten Sinn des Wortes: aufbewahrt und getilgt, wo der Schein, wieder im doppelten Sinn: das Unwirkliche und der Glanz, Wahrheit wird, so wie es in der Kindheit war. Es ist ein wahrhaft christlicher Himmel, von dem diese österreichischen Dichter träumen – das zeigt das Gloria, in welchem Viertel mit einer volksliedhaften Schlichtheit des Ausdrucks das irdische, von Gott geschaffene Leben um jenes ewigen willen bejaht.

In: Wiener Zeitung, 15.12.1935, S. 21.

Ernst Krenek und Igor Strawinski über Paul Whiteman (1930)

Bekanntlich gelangt am 29. d. M. Der Jazzkönig, der erste Paul-Whiteman-Film, im Apollo zur Erstaufführung. In diesem Zusammenhang wird es sicherlich interessieren, wie die beiden prominentesten Vertreter moderner Musik, Ernst Krenek und Igor Strawinskij, über die Bedeutung Paul Whitemans urteilen. Ernst Krenek schreibt: „Dieser amerikanische Jazzkomponist und -dirigent ist kein gewöhnlicher Musiker, kein gewöhnlicher Shimmy- und Bluesfabrikant. Paul Whiteman ist eine scharfumrissene, künst­lerisch akkreditierte Persönlichkeit, die ernsthafte Würdigung verdient. Die Schöpfungen und Darbietungen Paul Whitemans könnten in allen europäischen Konzertsälen gehört werden und überall, wo moderne Musik in ihrer sinnlichsten Ausdrucksfähigkeit verstanden wird.“ Strawinskij sagt in einem Vortrag über Jazz und Jazzkultur: „Paul Whiteman gibt regelrechte Jazz-Orchester-Konzerte. Jeder einzelne seines Orchesters ist ein wahrhafter Virtuose. Ich verweise auf George Gershwin, den Komponisten der Rhapsodie in Blue, den Grünfeld Amerikas, der die exzeptionellsten Kompositionen mit unvergleichlicher Virtuosität zum Vortrag bringt und der als Komponist sogenannte Schlager geschrieben hat, die — ich bitte, diesen kühnen Vergleich nicht als Ignoranz auffassen zu wollen — an die kunstvollsten Klavierstücke Chopins heranreichen, was Originalität der rhythmischen, harmonischen und melodischen Erfindung anlangt. Das liegt ihnen allen eben im Blute…“

In: Neues Wiener Journal, 25.9.1930, S. 14.

Julius Korngold: Die Entgötterung der Musik (1928)

Ein klingender, vielversprechender Buchtitel; aber das reinigende kritische Gewitter, das wir erwarten, bleibt aus. Die Leipziger »Neue Zeitschrift für Musik« brachte jüngst unter anderen tapferen Sätzen gegen die falsch-gemeldete neue Musik auch einen auf deren Wortführer bezüglichen. Sie müßten — unter dem Drucke der Tatsachen — fortwährend ihren Standpunkt ändern. Vielleicht ließe sich richtiger sagen, daß sie nur von einem Fuß auf den anderen treten. Das mag auch von Adolf Weißmann, unserem verehrten linkssitzenden Kollegen in der Musikkritik, gelten, wenn er das in seinem Buche Die Musik in der Weltkrise so richtig erkannte Chaos mit der ihm eigenen Neigung, gedankliche Leitmotive zu prägen, nunmehr als „Entgötterung“ bezeichnet, aber sich schließlich mit den Dingen opportunistisch abfindet. Mit Haut und Haar hatte er sich allerdings der Neumusikphrase nie verschrieben Er ließ Puccini gelten, hat über Verdi ein anregendes Buch, sein bestes, geschrieben und nennt Beethoven immerhin den ,,Vielverfemten“. Auch mag es ihm von Zeit zu Zeit in der Atmosphäre gewerbsmäßig betriebenen Fortschrittes in Erfindungsverarmung und Ausdrucksverplattung ernstlich unbehaglich werden…

Ein Buch wie Die Entgötterung der Musik lehrt jedenfalls: Die unbefriedigenden Ergebnisse eines in intellektueller Unrast wurzelnden blasierten Abwechslungsbedürfnisses, das, statt natürliche organische Entwicklungen abzuwarten, die« Tonkunst durch stilistische Gewaltrezepte, durch ein Anders um jeden Preis vorwärtstreiben zu können glaubt, beunruhigen erkenntniswillige Geister. Sie suchen nach Erklärungen, nach Rechtfertigungen, nach Notwendigkeiten und — glauben sie in Geist und Wesen der Zeit, in einem imaginären Zeitwillen zu finden. Aber schon diesem Appell an die Zeit fehlt die zeitliche Distanz, vollends die Unabhängigkeit der Betrachtung von Richtung und Partei. So ist ja die Zeit gar nicht, sagt man sich, und -keineswegs fällt der moderne Mensch mit dem modischen Sport-, Amüsier-, Genuß- und Schaulust-Großstadtmenschen zusammen. „Ich halte es immer für einen Stumpfsinn, über-diesen oder jenen Geist des Zeitalters zu reden Die menschlichen Gefühle bleiben stets dieselben“, läßt der klargeistige Galsworthy eine seiner Figuren sagen. Zumal die Tonkunst ist, wie ihre Geschichte zeigt, so wenig wie begriffsgebunden auch zeitgebunden. Gerade dem Musiker gestattet nicht nur seine Kunst, über die Zeit hinweg zu schaffen, sondern sie gebietet ihm auch, gegen eine verfluchte Zeit zu komponieren….

Weißmanns Buch erstrebt also eine Momentausnahme der angeblich im Anschluß an die Zeit gewandelten Kunstmentalität. Man vernimmt, was man auch bereits aus den Partei- und Verlagszeitschriften weiß, hört von den Einflüssen der Maschine, des Sports, des Jazz, von Radio und Film aus Musikauffassen und Musikschaffen. Hauptsächlich von dem Einflusse der Maschine; sie namentlich habe die Musik entgöttert. Auf Grund welcher Assoziationen die neue Musik sich für Entseelung und Entgeistigung auf die Maschine // zu berufen gelangt ist, wurde in diesem Blatte bereits kurz zu streifen versucht. Die erste Assoziation: die Zeit wird von Technik und Maschine beherrscht. Die zweite schien durch die gesteigerte Betonung aller Bewegung — musica ars male movendi — durch den Russen Strawinsky gegeben, in dessen Heimat· auch eine bolschewistische Maschinenkunst spukt. Für die dritte Assoziation möchten wir uns zur Ganze zitieren dürfen: „Der Bruch mit der tonalen Ordnung zog Sinnlosigkeit der Tonrede, Unmöglichkeit seelischer Äußerungen nach sich; Zynismus machte aus der Not eine Tugend, ein Gesetz, heischte Verpönung des Gefühlausdrucks, des Romantischen, des Seelischen. Daher Aufschauen zum Gipfel des Entseelten, zum Maschinenmäßigen. Und welch tiefer Sinn in der Tatsache,·daß die Maschine sich mit Geräusch bewegt: letzte Assoziation.“

Vielleicht erinnert sich der Leser auch unserer wiederholten Hinweise, daß das „Maschinenzeitalter“ nicht erst ein Begriff, eine Prägung von heute ist, vielmehr schon gut vor fünfzig Jahren als vorhanden betrachtet wurde. Welches Kopfzerbrechen hat uns Schülern ein Gymnasialaufsatz über dieses Thema verursacht. Merkwürdigerweise wuchs gerade damals das Kunstwerk Wagners mit seiner Götter- und Heldenromantik, mit seinem Götter- und Heldenpathos, mit seiner nervösen Brunst und Inbrunst, mit all seinem anscheinend Unzeitgemäßen und Zeitwidrigen zu zeitbeherrschender Größe. Damals verlangte eben die Maschinenzeit nicht ihre Kunst, weil höchstpersönliche Genieproduktion nicht der stützenden unwahren Phrase bedurfte. Damals waren die Menschen nicht gegen die Romantik, obwohl sie bereits im Schnellzug saßen, die Elektrizität dienstbar gemacht hatten, bald auch schon im Auto zu fahren begannen, vor allem auch in einem zeitbezeichnenden kommerziellen Aufschwung ganz und gar unromantisch Geschäfte machten. Freilich, es gab noch kein Flugzeug, mit dessen Siege, wie es bei Weißmann heißt, „der Musiker einer neuen folgenschweren Tatsache gegenübersehe“. Wenn jemand vormals, beim Siege der Dampf-, der Elektro-Dynamomaschine, des Telegraphen, des Telephons usw. gesagt hätte, der Musiker sehe sich damit einer neuen, folgenschweren Tatsache gegenüber, hätte man ihm ins Gesicht gelacht. Nur der klügelnde sterile Musiker, der um jeden Preis von Neuem gelten will, weil er nicht Werte schaffen kann, die, ob mit alter oder neuer, mit fundierter oder traditioneller Technik, in der persönlichen Inspiration neu sind, beruft sich auf Sitten und Requisiten der Zeit. Und nur er braucht zu seiner Bestärkung einen Satz wie: „Der Mensch, der Herr über die Maschine sein will, muß selbst zur Maschine werden.“ Oder den Satz, daß die Entthronung des Geistes und der Nerven durch den Sport vollendet werden, „der gleich der Maschine, die Musik bekämpft“. Dabei ist dem eindringenden Sport gegenüber der Musiker besonders im Nachteil, da ihm besondere Vernachlässigung des Körpers nachgesagt wird. „Harmonie will aus einem disharmonischen Körper dringen“, formt der Autor eine Pointe, wobei er die „vollen Gesichter“, die eines Bach, Händel, Gluck ins achtzehnte Jahrhundert zurückverweist. „Wie wenig wurde das Sitzfleisch der Kontrapunktiker des achtzehnten Jahrhunderts von dem, was man später die Nerven nannte, gestört!“ Rasch erinnern wir uns an das beruhigend volle Gesicht und die beruhigend guten Nerven von Richard Strauß und möchten anderseits etwa einen Béla Bartók auch in der Zeit neusachlichen Maschinenmusizierens für einen rechten Nervenmenschen halten…

Der Tanzsport führt den Autor auf den Jazz, der natürlich – wie oft hören wir die abgegriffene Phrase –  dem Tempo der Zeit entspricht, aber auch den Sport in Musik setzt, den musikalischen Erfolg der Maschine bezeichnet. Und nun folgt eine Jazzausdeutung, die von nichts geringerem als einem ,,neuen Klangerlebnis“ spricht. Eine modisch amerikanisierende Variante bloßer Unterhaltungs- und Tanzmusik wird so weit emporgehoben, daß — Parallelen mit Tristan unternommen werden. Die Welt beginne sich des weichen., schwellenden, so unendlich schattierten Streicherklanges des Tristan – wie ihn der Jazz eben nicht mehr kenne – zu entwöhnen. Das Klangerlebnis des Tristan werde durch das Klangerlebnis des Jazz bedrängt! An diesem Tage lasen wir nicht weiter… Unterschieden sich nicht auch die sogenannten französischen, die Wiener Salonkapellen, die ungarischen Zigeunerkapellen in oft sehr eigentümlicher Zusammensetzung, eigentümlichem Klang recht einschneidend vom Beethovenschen oder Wagnerschen Orchester? Warteten insbesondere die Zigeunerkapellen nicht auch mit neuen exotischen Rhythmen auf? Wäre es aber ernster Kunstbetrachtung, die Kunst- und Unterhaltungsangelegenheiten auseinanderzuhalten hat, beigefallen, den Amüsierapparat der Hotelhalls, Cafés und Bars als „neues Klangerlebnis“ zu bezeichnen? Nichts stellt das, was sich heute „neue Musik“ nennt, mehr bloß, als daß sie gerade vor den Instrumentalfratzen und Geräuschen des Jazz Habtacht steht, die ihr allerdings das Publikumsohr betäubend, vorgearbeitet haben, und daß sie sich vollends in ihrer Armut an Substanz gerade an pseudo-exotischem Niggertanzstoff – heute ist dieser selbst bereits verarmt und lebt vom schnöden Einbruch in altes, gutes europäisches Musikmaterial – zu befruchten sucht. Man verbrüdert sich im Zeichen einer Klanghäßlichkeit, die beim Jazz wenigstens durch den banalen Amüsierzweck des Spaßhaften und Grotesken gerechtfertigt ist. Und ist die Leichtherzigkeit faßbar, mit welcher der in langer, wunderbar gesetzmäßiger Entwicklung entwickelte, wie durch Zuchtwahl innerhalb der Instrumente für die höchsten Kunstzwecke gesiebte, diesen Zwecken am färbungs- und ausdrucksfähigsten dienende Klangapparat des modernen Orchesters geringschätzig geopfert wird, um Klangclownerien emporzuheben, wie sie ehemals in Zirkus und Varieté zu Hause waren und von einem natürlichen, unverdorbenen Geschmack auch als dahin gehörig betrachtet wurden?

An jenem Tage lasen wir nicht weiter. Um am nächsten noch Aussprüche zu notieren, wie: „Die Maschine wendet sich gegen den Tristan, gegen die Tristan-Erotik.“… „Das Maschinelle ist auch in die Erotik gedrungen, der Sexualakt hat kaum mehr andere  Bedeutung als Essen und Trinken“ Und weiter: „Die Liebe hat schon darum in der Musik keinen Raum. Wenn heute ein Komponist Träume der Erotik sich in halben Kunstwerken abringt, mit nebelhafter Farbe einen Aufguß von Spätromantik liefert, so mag das eine Zeitlang einer bürgerlichen Gesellschaft gefallen, die sich in ähnlichem Verhältnis zur // Kunst befindet… Da übrigens Jazz Berührung der Körper alltäglich macht, die Operette ohne ihn nicht mehr auskommt, wird bourgeoisen Neigungen vollauf entsprochen.“… Kurzum: „Die neue Sachlichkeit hat kein Bedürfnis, sich mit der Liebe künstlerisch auseinanderzusetzen: Quartenschritte und- Sekundreibungen zeigen die geschlechtliche Gleichgültigkeit an.(!)“…

Um so lieber streichen wir in den Kapiteln vom übermächtigen Dirigenten“, vom „Abstieg des Konzerts“, über Musikfestwesen manches kluge und scharfgeistige Wort an. Und ein Abschnitt, der „Zwischen Chaos und Maschine“ betitelt ist, enthält Sätze, denen wir voll zustimmen, wie speziell die Leser erwarten dürften, die unsere langjährige Einstellung in diesen Fragen kennen. Um Schönberg habe sich ein „Verwüstungsdrang“ ausgelebt, sagt der Autor sehr richtig. „Atonalität und linearer Kontrapunkt waren die beiden umgehenden Schlagworte. Als brauchbar für Mitläufer, die sich vermaßen, umzubauen, erwies sich Atonalität. Also reine Verneinung, Festlegung der Beziehungslosigkeit.“ Aber, der Verfasser gerät allzubald wieder an seinen Jazz, in Verbindung mit diesem an Strawinsky. Zunächst heißt es noch von eben dieser Verbindung, die als eine Sache von einschneidender Bedeutung erklärt wird, mit einem Schein von Ablehnung: „Man fühlt das Auflehnungs-, Verwüstungs-, Umbaubedürfnis sozusagen legitimiert. Die Musik wird entgöttlicht, das Pathetische verhöhnt, das Hintergründige geleugnet, die große Form als Einkleidung der Tiefe entrechtet.“ Doch gleich darauf: „Indem die Melodie durch Umbiegung der Linie, durch Gegenüberstellung melodiefremder Tonart verzerrt, das Verhältnis der Instrumente umgekehrt, der Mißklang als Wohlklang gedeutet wird, ergibt sich in der Tat etwas, was für die Kunst fruchtbar (!) werden kann.“ Wenn dann die Feststellung erfolgt: „Ein halbes Dezennium wird alles Heil für die Musik vom Jazz erwartet“, so spricht das vernichtender gegen die sogenannte „neue Musik“ als alle Argumente, die die verlachten Hüter der reinen Tonkunst polemisch aufwenden könnten. Der Autor ist auch nicht blind für die Tatsache, daß der Kontrapunkt bei jungen deutschen Komponisten „geradezu« schablonenhaft“ und als „Ersatzmittel“ für andere Vorzüge – stellen wir richtig: für andere Unerläßlichkeiten – auftrete; er erkennt, daß, was objektiv im Sinne der „neuen Sachlichkeit“ ist, sich oft ,,lärmhaft-grotesk bis zur Kinderei« geltend macht. Fügen wir hier ergänzend bei, daß eben diese neue Sachlichkeit, diese antiromantische, nichts anderes als Strawinskysche Verseuchung deutschen Musikfühlens ausdrückende Formel bis zu mechanischer Musikerzeugung für mechanische Musikmaschinen geführt hat…

Aber der Verfasser ist ja mit Hegel nur allzu geneigt, alles, was ist, als vernünftig gelten zu lasten. Er nimmt bestenfalls gegen das, was ihn am Stande er Dinge entmutigt, zumal an der neuen Sachlichkeit stört, zu einer antithetischen Formel Zuflucht, die ihren Ursprung aus dem Wortspielbedürfnis des Esprits nicht verleugnen kann: er entdeckt der neuen Sachlichkeit entgegen Ansätze zu einer „neuen Menschlichkeit“. Ob sie nicht recht alt ist, diese neue Menschlichkeit, ob Kunst je ohne sie zu begreifen war? Man merkt das Sich-im-Kreis-Bewegen mit schließlichem Zurückgreifen auf ohne Not verlassene Fundamente. Daß „deutsche Musik ohne metaphysisches Bedürfnis nicht zu denken“, daß „keine Linearität, oder was sonst noch als dogmatisches Heilmittel angepriesen werde, vor Entmenschlichung der Musik retten« könne — wie oft haben wir Ähnliches den hartnäckig angepriesenen Allheilmitteln und Allheiltheorien entgegen gehalten! Hören wir freilich, bei welchen Komponisten und in welchen Werken der Verfasserdas neue Menschentum verspüren will, so auch im Oedipus Rex des Strawinsky, dieser halben Farce (in der Weißmann nur gerade an „gewissen rein dreiklanghaften Wendungen und an häufiger wiederkehrenden verminderten Septakkorden“ Anstoß nimmt), oder hören wir, daß er einen Jazzopern-Komponisten als „Kronzeugen für neu erwachende romantische Neigung“ ansieht, so trennt uns eine weite Kluft von dem verehrten Herrn Kollegen.

Als Kritiker von Rang interessiert sich Adolf Weißmann immer auch für diesen seinen Beruf, schenkt daher diesem auch vom Standpunkt seiner Entgötterungstheorie Aufmerksamkeit. Da er die Dinge gern vom Berliner Gesichtswinkel ansieht, dürfte er hauptsächlich die Berliner Kritik im Auge haben, über die er ja auch schon in seinem Buche Berlin als Musikstadt aus der Schule geschwatzt hatte. Ob er nicht derzeit mit seiner Kollegenschaft recht zufrieden sein müßte, die ja zum großen Teile im Lager der neuen Musik und ihrer Schlagworte steht? Wenn also das Maschinelle, wie Adolf Weißmann meint, auch auf die tägliche, hastige, neben dem Nursachlichen auch allerlei Außersachlichem unterliegende Großstadt-Kritikfron einwirkt, so kann das ja nur der kritischen Propaganda des „Neuen“ zustatten kommen. Jedenfalls dürfte nicht mehr gelten, was der Autor einmal in seinem oben zitierten Buche ausgesprochen hatte, daß die Berliner Kritik versage, wo ein neues Kunstwerk zur Diskussion steht; zumindest dann nicht, wenn es sich um ein Werk der Richtung handelt. Selbstverständlich nehmen wir an, daß der Kollege Weißmann sich, was ihn selbst betrifft, von den Einwirkungen der Maschine frei weiß.

„Entgötterung der Musik“, fragt schließlich der Verfasser. Und antwortet: „Ich weiß von ihr, glaube an sie und doch an eine Zukunft“ Ob es nicht denn doch auch noch eine Gegenwart nichtentgötterter Musik gibt, an deren Zukunft auch leichter zu glauben ist? Diese „Entgötterung“ geht ja eigentlich doch nur den Bezirk der Neumusik an…. Alle Gedankenspiele von der Art der eben besprochenen versinken vor den wahren treibenden Kräften organischer Fortentwicklung, die das Geheimnis der unbewußt-bewußt schöpferischen Persönlichkeit bleiben. Wer gleich uns nie aufgehört hat, an die alten Götter zu glauben, ohne deren Segen keine neuen entstehen können, braucht sich auch über deren angebliche Vertreibung aus der Musik keine Gedanken zu machen. Und wer gleich uns seit bald zwei Dezennien gegen Irrwege der Produktion wie der theoretischen Betrachtung – und nicht ohne die Genugtuung, Zeuge unverkennbarer Rückzugsbewegungen zu werden – ankämpft, hat nach diesem Buche von führender Seite erst recht keinen Grund, den Verlauf der Dinge anders als mit ruhiger Zuversicht abzuwarten.

In: Neue Freie Presse, 9.10.1928, S. 1-3.

Aurel Kolnai: Ständestaat ist Absolutismus. (1930)

Wenn auch die Verabschiedung einer für die Demokratie im ganzen nicht gefährlichen Verfassungsreform die politische Lage in Österreich zunächst entspannt hat, so bedeutet dies nicht, daß auch eine Reihe von Köpfen, bei denen das nottäte, schon entspannt wären. Der Ganzheitsmythos der „organischen“ Soziologie, die benebelnde Wirkung der benachbarten faschistischen Macht und Pracht, das verlockende Vorhandensein von Terrorformationen liegen der Forderung nach dem „Ständestaat“ zugrunde, welcher die angeblich überwundene, veraltete und arbeitsunfähige parlamentarische Demokratie „ab­lösen und an Stelle des „Parteienhaders“ sowie des Klassenkampfes das ideale Reich der Eintracht, der höchsten ,,Effizienz“, der Gleichberechtigung der Berufe, ja sogar einer echteren „Demokratie“ verwirklichen soll. Man mag die faschistische Gefahr in unserem Lande, nicht allzu ernst nehmen; man mag aus der Absicht der Regierung, die Einführung einer gewissen „ständischen“ Vertretung in die zweite Parlaments­kammer vorzubereiten, mehr auf den Willen zur Ab­leitung und Unschädlichmachung als zur Begünsti­gung der faschistischen Ansprüche schließen: besser ist eine überflüssige als eine versäumte Warnung, und wir können heute noch auf die Beschäftigung mit dem Faschismus, die Arbeit an seiner Entlarvung und Bekämpfung, nicht verzichten.

Die Kampfverbände, die im Sinne ihrer Parole vom „wahren Volksstaat“ das Volk von lästigen politischen Rechten zu befreien streben, sind auf die Idee des „Ständestaates“ eingeschworen, welche einen völligen Bruch mit parlamentarischer Demo­kratie und politischer Bürgerfreiheit in sich schließt. Anders steht es allerdings mit dem sogenannten „Ständerat“, wenn man darunter eine die Wirt­schaft berührenden Gesetzentwürfe obligatorisch begutachtende „Wirtschaftskammer“ oder selbst meinetwegen — wie soeben angedeutet — eine Berücksich­tigung beruflicher Gruppeninteressen bei der Zusammensetzung der „zweiten Kammer“ verstehen soll. (Wir sind nicht dafür; am ehesten wäre wohl den in dieser Hinsicht bestehenden Bedürfnissen nach „mehr Sachzuständigkeit“ durch eine fallweise ge­sonderte Heranziehung spezieller Fachverbände zur Beratung von Gesetzentwürfen gedient.) Allein mit diesem so harmlos, so brav-bürgerlich, so gesetzt und legal und langweilig klingenden Begriff des Stände­rates und der Wirtschaftskammer wird jetzt bei uns eine üble Spiegelfechterei getrieben, die des be­sessenen Hexenmeisters unserer politischen Wirrsaale würdig ist. Sein vorläufiger, wohlgemerkt vorläufiger, und mit berechneter Absicht den Kainsstempel der Vorläufigkeit tragender „Plan“, der die Wirtschaftskammer zur vollberechtigten gesetzgebenden Körperschaft — mehr über als neben dem Nationalrat! — erhebt und dadurch bereits die demokratische Rechtsgleichheit der Volksangehörigen über Bord wirft, schwenkt aus dem Ständerechtlichen kurzer­hand ins Ständestaatliche über! Dr. Seipel, der vor nicht langer Zeit sich vernünftig genug über die Unsinnigkeit des Ständerates geäußert hat, ist so sehr ein Gefangener seiner „antimarxistischen“ Klassen­kampfideen geworden, daß er die an sich schon eine moralische Katastrophe bedeutende Position, die Heimwehr, als Sturmbock und Machtmittel zu benützen, mit jener noch weit trostloseren vertauscht, selbst ein Schüler der Heimwehrideologen zu sein. Der derbe Landsknecht färbt auf dem schwarzen Rock seines Auftraggebers ab. Um die Garde der „lebendigen Unruhe“ und der „wahren“, das heißt das schlichte Gegenteil unserer gewöhnlichen und alltäglichen Demokratie darstellenden „Demokratie“ in Schwung zu halten, sind weitere Kampfeslosungen notwendig, die man, wenn es sein muß, den Häupt­lingen der Garde selbst entlehnt. Wenn Dr. Seipel seinen Dreiviertel-Absolutismus nicht haben kann, nun, so nimmt er in Gottes Namen auch mit dem ständestaatlichen Volksabsolutismus vorlieb! Daher heißt es heute doppelt auf unserer Hut zu sein und der vermeintlichen Harmlosigkeit des „Ständerates“, der wie unbemerkt in den „Ständestaat“ des Fa­schismus hinüberschlüpfen soll, ja nicht aufzusitzen.

II.

Der Ständestaat”[1] bedeutet nicht, daß das Par­lament statt aus territoriellen aus ständisch grup­pierten Wählerverbänden hervorgehe, oder daß das //Wahlrecht irgendwie nach Berufskategorien geson­dert sei, wie im sogenannten Ständerat. Es ist daher nicht richtig, daß— wie in Linkskreisen zuweilen be­hauptet wird — die Ständestaatsidee eine bloße rückschrittliche Auffrischung des seinerzeitigen Kurienwahlrechtes seligen Angedenkens sei; denn in Wirk­lichkeit ist sie etwas weit Aergeres. Sie zielt nämlich nicht auf Rechtsbeugung, sondern auf Rechtsvernichtung, nicht auf Verfälschung, sondern auf Beseitigung der politischen Mitbestimmungsgewalt der Staats­bürger ab. Der Ständestaat ist ein Staat, der seine Bürger — oder besser Untertanen — „gliedernd in eine „absolute Einheit“ zusammenfaßt, aus ihnen viel­fältige Verbände bildet, dergestalt aber, daß diesen ein eigentlich politischer Einfluß nicht zukomme, sondern letzterer dem Wesentlichsten nach einem eigenen, speziellen Verband der Regierenden, der Herren, allein zukomme. Im Ständestaat gibt es kein wie immer zusammengesetztes und nach welchem Wahlverfahren immer gewähltes Parlament, kein Organ, das durch freie und erwägende Willensentscheidungen der Staatsbürger, sei es auch nur in noch so unvollkommener Form, konstitniert würde. Es gibt hier keine Parteien, das heißt Meinungsverbände, keine politische Öffentlichkeit, in der eine Diskussion der Regierungsrichtung möglich, geschweige denn mit gesetzlich gesichertem Einfluß auf die Regierung ausgestattet wäre. Der Ständestaat ist der Staat ohne Op­position, zumindest ohne legal existierende, zu aller­mindest ohne eine Opposition, die, wie es etwa auch noch unter den letzten Bourbonen, Habsburgern und Hohenzollern der Fall war, eine gesetzlich zugebilligte Rolle spielen könnte.  

                       Der Ständestaat bedeutet vollständigen Absolutismus einer diktatorischen Gruppe. Für viele liegt darin wohl sein besonderer Reiz. Wozu die Opposition in aller Ewigkeit strangulieren, statt sie mit einem Male aus dem Wege zu räumen? Bequemer als eine Opposition, die von vornherein nicht zur Regierungspartei werden darf, ist eine Opposition, die von vorn­herein nicht da sein darf. Auf Pilsudskis Mittelchen ist ein Mussolini nicht angewiesen. Und wie bequem ist es erst, von Klassenkampf nicht mehr hören zu müssen und zugleich im Besitz ungeschmälerter Pro­fite und eines völlig ungestörten Gewissens zu sein! So denken manche Kapitalisten; ähnlich aber auch (mit mehr ehrlicher Selbsttäuschung wohl) manche sozialen „Idealisten“, die die Freiheits-„Illusionen“ der bürgerlichen Demokratie „durchschaut“ haben und vom Linksbolschewismus aus sachlichen oder Konjunkturgründen abgehalten werden. Für diese Ver­heißung der Harmonie, die auch materiell einträglich sein und einen Anteil an sehr echter „Macht“ bedeu­ten kann, zahlt man gern den Preis der allgemeinen Unfreiheit: man nimmt in den Kauf, daß die herr­schende Clique selbst großkapitalistischen Kreisen gegenüber einigermaßen herrschend sein und (auf der anderen Seite) daß sie größtenteils keineswegs aus „Idealisten“ bestehen wird.

Damit wäre auch schon die Frage beantwortet: Warum zum Absolutismus auch noch die „Stände“? Weil es noch niemals ein Regime gegeben hat, das ausschließlich Absolutismus als solcher gewesen wäre, ohne weitere Werte oder Wertersatzmittel. Die ver­lockende  Vorstellung der starken Hand, des Not­rechtes und des Streikverbotes allein ist massenpsychologisch. nicht zugkräftig genug, ebensowenig das sinnreiche italienische Wahlrecht, wo nur über eine einzige Reichsliste ernannter Kandidaten mit Ja oder Nein abgestimmt wird, wobei es sich empfiehlt, sich frei für Ja zu entscheiden. Hingegen soll der Stände­staat nicht nur die falsche politische Freiheit beseiti­gen, sondern auch eine wahre soziale Freiheit bringen. Das Parlament wird zugesperrt, dafür aber dem Volk eine Vertretungsorganisation geschenkt, die noch viel schöner und bunter ist. Die Reaktion begnügt sich nicht mit dem trockenen Hinweis, wir könnten oder sollten uns den Luxus der demokratischen Freiheit nicht leisten; sie macht sich anheischig, uns den wah­ren Luxus erst beizubringen. Sie fühlt sich auf Be­geisterung, Romantik, Schwärmerei und auf Mobilmachung tiefer geistig-seelischer Kräfte angewiesen. Das Verbot, die soziale Frage anzurühren, kleidet sich da in den Anspruch, sie geradezu zu lösen. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe: das gute Volk soll in seinen Ständestuben nur fest schlafen und auf den Herrn oder die Herren vertrauen, und ihm werden alle Nöte vergehen. (Denn jede — auch antidemokratische Bewegung muß eine überzeugte Minderheit für sich haben und den geschlossenen Gegenwillen der übrigen möglichst sprengen, lähmen, neutralisieren.)

Das ist freilich nicht die einzige Seite der Sache. Ganz positiv und unmittelbar, mit logischer Folge­richtigkeit, schließt die Idee des Ständestaates den Begriff des Herrschaftsstaates in sich. Die „Gleichbe­rechtigung der Stände“ ist bestimmt, die Gleichberechtigung der Bürger abzulösen. Ständische Vertre­tung statt direkter Volksvertretung hat den Sinn, das Volk von der zentralen Trägerschaft der Macht auszuschließen, wodurch die Idee einer bevorrechteten Schichte von Machtträgern unweigerlich gefordert wird. Wenn der Mensch zunächst nur als Mitglied seines Standes Mitglied seines Volkes ist, so folgt dar­aus mit Selbstverständlichkeit die Einengung seines Mitbestimmungsrechtes auf das Partikulare, Nichtpo­litische. Wenn das Gesamtvolk sich aus Ständen, nicht aus Bürgern politisch zusammensetzt, so muß es eben einen engeren Kreis geben, der in sich doch — wie in manchen Ländern früher der Adel, im heutigen Rußland etwa die Kommunistische Partei — eine politische Gesellschaft, nicht ein bloßes Gestufe von stän­dischen Kammern und Kämmerlein bildet.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, daß es ein genaues ständestaatliches Programm, etwa im Sinne eines Verfassungsentwurfes, nicht gibt. Im ganzen soll der Ständestaat ein Staat sein, in welchem es keine Parteien gibt — oder keine von einigem Ein­fluß — und in welchem sich eigens organisierte Be­rufskreise mehr als heute mit ihren eigenen Angelegenheiten befassen und mehr als heute für Körper­schaften des Volkes überhaupt gelten. Diese Unbe­stimmtheit des Zukunftsprogramms, beziehungsweise derer, die sich mit Vorliebe die kommenden (baldkommenden) Männer nennen, ist natürlich kein schlüs­siger Beweis gegen den Wert dessen, was sie wollen. Aber das Mißverhältnis zwischen dem Appetit auf Macht und der Bereitschaft, über ihre beabsichtigte Verwendung Rede zu stehen, verrät schon den Pferde­fuß des Diktaturgeistes. […] Natürlich fehlt auch die pausbackige Ver­heißung des „deutschen Volksstaates“ nicht: nun, wer das gehört, kann beruhigt aufatmen; hier wird doch nur das Beste gewollt — wer könnte dagegen sein? Ob der alte Oberst Bernard Shaws, der von einer „real English wife“ schwärmt, auch den Ausbau eines „real English state“ als Programm annehmen würde? Die armen Anhänger der Action Française können über die „Westlerei“ keine Klage führen und müssen sich auf die Ostjuden beschränken. Immerhin, es gibt, wie überall, so auch im Staatsleben gewisse nationale Prägungen. Nichts aber ist verdächtiger, als wenn einer, wo die anderen es präzis und schlicht erfahren möchten, was er mit ihnen vorhabe, mit kulturtypologischen  Gemütswerten kommt. Es ist ja ein altes Kenn­zeichen der Reaktion, daß sie, während sie sich um die Verwirklichung ihrer politischen Pläne bemüht, die mehr oder weniger passiv Beteiligten auf anders­wo gelagerte Werte hinweist. Auf die Frage, wer und unter welchen Sicherungen eigentlich regieren wird, ergeht die Antwort, daß dem Volke die Religion erhalten bleiben müsse, daß die Schuster sich freier als jetzt würden allen Schuhproblemen widmen dürfen und daß für uns nur eine echt alpine Lebensform passe (wobei die Alpen insgeheim mehr als eine Erweite­rung der Abruzzen nach Potsdam hin gedacht werden).

III.

Mitbestimmungsrecht der Menschen auf ihren eigenen Sachgebieten! Herrschaft der Zuständigen! Echte Demokratie der kleinen Kreise! Sind das nicht schöne Schlagworte? Ist da nicht etwas wirklich Wert­volles gemeint? Wir antworten darauf mit Ja. Daß diese Gedankengänge größtenteils aus gewissen anar­chistischen und sozialistischen Richtungen herstam­men, stört uns keineswegs. Der Verfasser dieser Zeilen ist der Meinung, daß, wenn die Ständestaats­bewegung zu einer stärkeren Herausbildung kleiner, intimer Berufs- und Kulturgemeinschaften, zu einer Kräftigung regionaler Selbstverwaltungen, zu einer besser gesicherten Heranziehung von Fachverbänden zur Beratung sie besonders eng berührender Fragen führen wird, ihr dies als bedeutsames Verdienst an­ zurechnen ist. Nur ist — abgesehen von der Fraglichkeit dieser Annahme — hievon die Rede nicht. Es ist mir zweifellos lieb, wenn ich in solchen Fragen, die mich näher angehen als andere Leute, mit einem Vorzugsrecht zur Mitentscheidung ausgestattet werde. Nur ist es mir weit wichtiger, daß ich in solchen Fragen, die mich an sich sehr nahe und empfindlich angehen, überhaupt mit einem Mitentscheidungsrecht ausge­stattet sei. Wenn ich zum Beispiel Bäcker bin, interes­siert es mich in der Tat sehr, ob ich in der Nacht auf Sonntag oder auf Montag backen muß (was aber frei­lich auch alle Brotesser, und solche gibt es nicht wenige, interessiert), ob ich einen neuartigen amerikani­schen Backofen einführen soll und kann oder nicht, und so weiter. Allein mich Bäcker interessiert es doch auch nicht wenig, ob das Volk im allgemeinen große oder geringe Konsumkraft hat; ob ich vielleicht eines Tages um der Eroberungsgelüste meiner Beherrscher willen mir einen Bauchschuß holen muß oder ob ich dagegen etwas tun kann: ob mir eine gute und unpar­teiische Rechtsprechung zur Verfügung steht oder nicht; ob ich mich an meinem Stammtisch sehr in Acht nehmen muß, ja nicht durch eine „mißliebige“ Äuße­rung aufzufallen, und etwa kurzerhand deportiert werden kann usw. Auch um derartige Kleinigkeiten kümmert sich der vorwitzige Mensch, ob er nun Bäcker, Schneider oder Orchesterpauker ist. Wozu in drei Teufels Namen muß der Bäcker diese Dinge statt mit seinen Mitbürgern gerade nur mit seinen Mitbäckern oder auch nur mit „Kleingewerblern“ be­raten? Wir fürchten, daß die Antwort sehr einfach aus­ fällt. Nämlich, er muß und darf sie überhaupt nicht beraten, sondern seine Freiheitswünsche in Sachen der Kugel- oder Ovalform der Vollkornbrotwecken aus­leben, während jene verfänglicheren Fragen einem ganz bestimmten engeren Kreis von „Zuständigen“ vorbehalten werden. Im allgemeinen gibt es nun ge­wiß mehr oder weniger spezielle Berufsfragen, es gibt anderseits auch politische Berufe, aber es gibt keine speziellen politischen Berufsfragen. Politik ist, unbe­schadet spezieller Bildungs-, Fähigkeits- und Interessegrade in dieser Hinsicht, in hervorragendem Sinne das Sachgebiet aller. Ein nach Sachzuständigkeiten abgegrenztes Mitentscheidungsrecht, und das als Staatssystem, bedeutet klipp und klar, daß die große Mehrheit der Bürger des Rechtes beraubt ist, in ihren wichtigsten Lebensfragen sozialer Natur nach eigenem Ermessen mitzuentscheiden. Da es aber diese Fragen noch gibt, so handelt es sich eben in Wirklichkeit um Fremdherrschaft, um Diktatur. […]

IV.

Der Ständestaat bedeutet: als Sicherung und Ergänzung der antidemokratischen Politik eine Ent­politisierung des Volkes. Dazu dient die berufsgebun­dene, dazu auch die mittelbare Vertretung; dazu fer­ner die Beseitigung der zentralen Vertretung oder doch einer solchen, die unmittelbar das Volk ver­treten würde und von der öffentlichen Meinung ab­hängig wäre. Die wenigsten Menschen würden sich // um einen etwaigen obersten Ständerat, der ganz volksfremd „stufenweise“ aus den einzelnen engeren, bezie­hungsweise weiteren Zünftekonventikeln zusammen­gebraut wäre, kümmern; in keinem Sinne könnte er die Regierten gegenüber den Regierenden vertreten; keinerlei eigene Autorität würde er verkörpern. Seine politischen Ansprüche wären an sich und rein logisch gegenstandslos. […] Der Ständestaat wird keiner sein. Die „Stände“ werden nicht regieren; die „Selbstergänzung“ der re­gierendes Gruppe aus den ständischen Spitzenverbän­den kann selbstverständlich kein Mitregieren der Stände, sondern nur eine Selbstbefestigung der Dik­tatur bedeuten; die von oben getätigte Auslese eines in gewissen Wirtschafts- oder sonstigen Spezialfragen geschulten Nachwuchses samt der entsprechenden mas­senpsychologischen „Verankerung des Regimes“. Aber selbst die ständischen Vertretungen als solche können im Ständestaat keine echten sein; weil der Hintergrund der politischen Freiheit, der sozialen Kampfmöglichkeiten fehlt. Schon der Vorsitzende eines Schachklubs muß wohl in Rußland ein guter Bolschewik sein; und wie könnte ein faschistischer Arbeiterführer in Italien ein wirklicher oder der wirklich beste und daraufhin gewählte Arbei­terführer sein? — wo doch alles sich der Staatsganz­heit einordnen muß, ohne freilich die Staatsganzheit und ihre nähere Beschaffenheit zum Gegenstände der Erörterung und Entscheidung haben zu dürfen[2]).

In: Der österreichische Volkswirt, 18.1.1930, S. 13-16 (Auszüge).


[1] [Orig. FN]: *) Vgl. dazu die Werke Prof. O. Spanns, die Auf­sätze E. M. Kogons über den „Ständestaat des Solidarismus“ im Münchner „Hochland“, 1928, ferner die Flug­blätter und Kundgebungen der österreichischen Heimatschutz-Verbände.

[2] [Original FN]Hier, aber auch für das Kommende, möchten wir auf die vorzügliche Arbeit des schon erwähnten Faschismusfreundes Kogon über „Wirtschaft und Diktatur“ in „Hochland“, 1927, hinweisen. Da wird von einem sym­pathisierenden Kenner. Italiens überzeugend dargetan, wie sehr das italienische „Korporativsystem“ nur als Fassade für eine machttrunkene Diktatur und für kapitalistisch-nationalistisches Expansionsstreben dient. Die besonders gegen den Schluß zu durchklingende „Dennoch!“-Tönung vermindert den Wert der Studie kaum.