[Fritz Lehner]: Le grande homme. Ein Roman von Philippe Soupault. Paris 1929

             Der Autor dieses Buches, einer der lebendigsten Künstler des jungen Frankreichs, ist bisher nur durch ein einziges Werk, den „Neger“, an den deutschen Leser herangekommen; von ihm wird aber noch viel übersetzt werden. Denn dieser unermüdlich tätige, in vielen Sätteln gerechte Dreißigjährige mit der bewegten (literarischen!) Vergangenheit, hat Talent. Seine Zugehörigkeit zum französischen Dada, selbst seine Gründung des „Surrealismus“, in die er sich mit André Breton teilt, also seine Sehnsucht nach frischer Luft, haben ihn keineswegs verbraucht. Sie waren eben nicht alles, was er konnte (und womit die andern zugrunde gingen); sie waren wirklich nur subjektiv richtige Versuche, sich freizumachen, aus Sackgassen Auswege zu finden. Und selbst in den Augen der schulmeisterlichsten Referenten rechtfertigt bereits nachträglich seine Begabung den Wirbel, mit dem er vor nicht allzu langer Zeit auf der Tribüne erschienen.

             Seine letzten Bücher verleugnen selbstverständlich die Vergangenheit Soupaults keineswegs; sie zeigen sogar, wie richtig seine Absichten waren und wie scheinbar Haltloses Rückgrat werden kann. Die „Dernieres Nuits de Paris“, ein Traum- und Schattenbuch, haben vom Surrealismus das Verfließen der Konturen übernommen, Gestalten gleiten über dem Boden, ohne von der Schwerkraft belästigt zu werden, und die Handlung stellt übergangslos Unfaßbares neben Natürliches. Aber auch in dem letzten Roman Soupalts gehen die Form und der Gehalt dem Konventionellen aus dem Wege. Der „Grand homme“ ist, aber dies ohne einen äußeren Zusammenhang, der zweite Teil einer Folge, die mit dem schon

genannten „Neger“ einsetzt: nicht deshalb, weil auch hier ein Neger (ein anderer!) eine wichtige Rolle spielt, sondern weil seine Idee gleichsam eine Fortführung des Gedankens aus dem ersten Buch sein kann. Im „Neger“ wird die Geburt der Zeitverwandlung geschildert, der neue Einbruch einer primitiven Welt in eine verfeinerte, verbrauchte: im „Grand homme“ ist jene erste Stufe bereits überwunden, der Mensch steht beim Gipfel seiner Leistung, im Fegefeuer seines Ruhms, der sein Leben verändert, aber auch ausweglos zu machen scheint. Es fehlt daher nur der dritte Teil: in dem die Befreiung gezeigt, ein neuer Weg entdeckt wird. So wie nun der zweite Band uns vorliegt, schildert er den Tanz eines Weißen und eines Schwarzen um eine Frau, den Kampf des geheimnisvoll Einfachen und des raffiniert Gebildeten um eine Seele; diese Zähler der Rechnung gehören aber zu einem Nenner, der alles verwickelter macht – beide Männer sind „große“ Menschen. Im „Neger“ schlägt der Eroberer die Weiße, die noch dazu Europa heißt, einfach nieder; der berühmte Negerfänger des neuen Romans hingegen kehrt still heim zu seinen Vätern, er wurde durch Europa, das auch diesmal eine Frau ist, gebrochen.

             Man sieht, daß die reale Handlung Hintergründiges darstellen will; und da gelingt ihr auch, wenn man dabei vom ganzen Buch spricht, und es gelingt ihr in einzelnen Teilen. Die beiden ersten Kapitel zum Beispiel oder jener Teil des Romans, in dem der aus Amerika heimkehrende Großindustrielle sein Bankett gibt, weiter die Verwandlung der Frau und viele Einzelheiten sind überaus gelungen. Nicht immer aber ist die Erzählung gleich dicht: nicht immer so dicht wie in dem noch einmal zu erwähnenden doppelzüngig sprechenden ersten und zweiten Kapitel, in dem ein weißer Junge in seinem Negerzustand geschildert wird, in seiner Urwüchsigkeit: zum Staunen seines Vaters, aber auch zum Fluch für ihn selbst verwandelt er sich in einen „großen Mann“, in einen Europäer. Der hier angeschlagene Ton wird, nicht zum Vorteil des Berichtes, nicht immer durchgehalten. In Summa aber: eine kluge Erzählung, die nebenbei so mancherlei verrät, zum Beispiel wie der noch nicht Dreißigjährige die Welt sieht und was er von ihr hofft. Und da er sie weiterhin wird lenken müssen, ist es wichtig, ihn zu hören.

In: Wiener Zeitung, 4.2.1930, S. 5.