Über den Dadaismus und seine Rezeption durch bzw. Bedeutung für den zeitgenössischen österreichischen Literatur- und Kunstbetrieb im Sinn eines DADAutriche liegen bis dato nur wenige Zeugnisse und verlässliche Untersuchungen vor. Gewöhnlich (bzw. wenn überhaupt) wird die Mitwirkung von Oskar Kokoschka an der Sturm-Soirée der Zürcher Galerie Dada, in deren Rahmen sein Expressdrama Sphinx und Strohmann am 14.4. 1917 aufgeführt wurde, erwähnt, ferner wird auf (eher zufällige) nationale Zuordnungen qua Geburt verwiesen wie z.B. im Fall von Raoul Hausmann oder Walter Serner. Auch der Aufenthalt der dadaistische Künstler Jean/Hans Arp, André Breton, Max Ernst, Paul Eluard und Tristan Tzara im August 1921 in den Tiroler Bergen bei Imst sowie zwischen April und Juni 1922 in Tarrenz (ebf. in Tirol) wurde durch R. Schrott Anfang der 1990er Jahre rekonstruiert. Eine genuine österreichische Dada-Bewegung ist jedoch weder Anfang der 1920er Jahre noch später daraus hervorgegangen. Manche Querverbindungen hin zur Bewegung des Kinetismus, etwa zu E.G. Klien, oder der ungarischen Exil-Avantgarde in Wien rund um L. Kassák und dessen Zeitschrift Ma, in der u.a. Josef Kalmer 1920-24 einen Redakteursposten bekleidete (und auch einige Gedichte von Kassák übersetzte), werden allerdings gelegentlich angesprochen (Dankl, Vorwort). Trotzdem wurde in der Wiener Publizistik seit 1918 mit Aufmerksamkeit, mitunter auch ironisch grundierter, die Berliner Dada-Szene beobachtet.

Für die Zeitspann zwischen 29.1.1918 und 1.2.1938 weist das ANNO-Programm der ÖNB über 280 Einträge zum Dadaismus aus. Diese beginnen mit einer Übernahme eines Berichts der Vossischen Zeitung über einen Dada-Abend im ›Berliner Graphischen Kabinett‹, durch den R. Huelsenbeck geführt habe. Der D., so dieser Bericht scheine „unmittelbarer Ausdruck individueller Krafterlebnisse zu sein“ und grenze sich vom Expressionismus, Futurismus, Primitivismus u. Aetherismus schlicht dadurch ab, „daß er die neueste Dichtung ist“. Die erste breitere Darstellung des Dadaismus legte Rudolf Lothar in einem Feuilleton für das NWTbl. am 3.10.1918 vor, in dem er insbes. auf die Zürcher Szene eingeht, die Bedeutung der Phantastischen Gebete von R. Huelsenbeck herausstreicht, aber auch den Gestus der Mehrsprachigkeit anführt, ferner die Nähe zum Primitivismus und die Rolle von Tristan Tzara als „Goethe der neuen Richtung“. Die letzte datiert mit Februar 1938; sie berichtet von der ›Exposition surréaliste‹ in Paris (NW, 1.2.1938,8). Im Unterschied zu Lothar warnte Herbert Ihering in einem Berliner Chaos betitelten Feuilleton im Wochenblatt Der Morgen vom 10.6. 1918 vor dem Dadaismus als „neueste Albernheit, der die Kunst auf lallende Urlaute zurückführt) u. eröffnete damit den polemischen Rezeptionsstrang. Noch am 1.4. 1919 berichtet Leo Heller im NWJ u.a. vom ›Oberdada‹ Johannes Baader, als Haupt der Berliner Bewegung und zitiert eine seiner (optimistischen) Definitionsversuche, d.h. „Der Dadaismus ist eine geistige Bewegung, die eine Revolutionierung des Spießers zur Folge haben wird“. Neben weiteren Kurzberichten im Laufe des Jahres, die einen Eindruck von den Dada-Abenden und Dada-Manifesten auch nach Wien vermittelten, u.a. durch den Abdruck des ›Manifests des Zentralrats der Dadaisten‹ im Neuen Tag (18.6.1919), übertrug die Wiener Presse die Qualifizierung ›Dadaismus‹ auch auf Konzertaufführungen von Werken von Arnold Schönberg. Die Musikkritikerin und Pianistin Hedwig Kanner (1882-1959, ab 1920 Kanner-Rosenthal) sprach z.B. im Zshg. mit der Aufführung einer Kammermusiksymphonie Schönbergs, diese sei „bereits einem musikalischen Dadaismus gefährlich nahe“ (Der Morgen, 31.3.1919, 7). Ihr pflichtete Elsa Bienenfeld in einem Musikfeuilleton über (Schönberg-)Abende im ›Verein für musikalische Privataufführungen‹ (https://web.archive.org/web/20080616003637/http://schoenberg.at/6_archiv/verein/verein_quellen_e.htm ) grundsätzlich zu (NWJ, 19.7.1919,3-4). 1920-21 spitzte sich die Polemik gegen den Dadaismus schrittweise zu. Den Anfang machten Berichte über die polizeiliche Auflösung des Dada-Weltkongresses in Genf, als im Zug eines Disputs zw. Tzara und Serner letzterer vier Schüsse im Saal in die Luft feuerte (z.B. NWJ, 13.1.1920,7), gefolgt von einem Beitrag, in dem der Dadaismus in einem Beitrag mit dem Titel Degeneration und soziale Entscheidung abfällig qualifiziert wird (NWJ, 23.2.1920,4).

Das Feuilleton Berliner Narrenhaus im Allgemeinen Tiroler Anzeiger listete schließlich den Dadaismus wie den Tatlinismus unter problemat. Zeitphänomene, insbes. wegen dessen Nähe zum Kommunismus (19.8.1920,1). Diesen standen jedoch auch neutralere Berichte gegenüber, z.B. über die Aufführung von vier dadaist. Einaktern im Pariser Théâtre de l’Œuvre unter Beteiligung von A. Breton, F. Picabia, W. Serner, Ph. Soupault und T. Tzara (NWJ, 5.5.1920, 7) oder H. Bahrs Tagebuch-Rubrik-Eintrag über den Dada-Almanach, der dem Dadaismus im Kontext der zeitgenöss. Ismen Berechtigung zusprach u.a. auch deshalb, weil er „konsequenter“ sei und „hat den Mut ans Ende zu gehen, ans Ende der autonomen Vernunft.“ Die vielleicht profundeste Würdigung des Dadaismus legte jedoch Max Lesser in einem Theaterfeuilleton zur (Berliner) Auff. von A. Stramms sog. Stenodrama Kräfte vor, in dem er Stramm nicht nur als express. Dichter im Sturm-Umfeld von H. Walden lobte, sondern auch als Mitbegründer des Dadaismus wertete u. diesen als berechtigtes Zeitsymptom, u.a. auch als Protest gegen den Historismus, würdigte (NWr.Tagbl. 24.5.1921,2). Ferner befasst sich dieser Text mit dem Prozess gegen J. Baader und G. Grosz, die aufgrund einzelner ausgestellter Objekte und Gemälde auf der ersten Internationalen Dada-Messe (1.7.-5.8.1920) wegen „Beleidigung der Reichswehr“ auf der Anklagebank saßen.Ein Leitartikel in der NFP (23.1.1921), der die absurden internationalen Preiskämpfe und Gütervernichtungen vor dem Hintergrund der Gefahr einer anstehenden Hungersnot in Österreich kommentierte, sprach vom „wirtschaftlichen Dadaismus“, der solchen Verhältnissen zugrunde läge; Stefan Großmann attestierte in einem Feuilleton über den Berliner Karneval (PTBl., 6.3.1921,1) diesem ein „dadaistisches Element“, womit die Spannbreite der Rezeptionskontexte angesprochen ist, die bereits 1921 den Dadaismus tendenziell als deregulierendes Phänomen für alle denkbaren Krisen bzw. Manifestationen der Zeit heranzogen und z.T. instrumentalisierten. Mit spezifischer Anbindung an die Kunst bzw. Literatur finden sich dagegen nur wenige Beiträge, z.B. ein referiertes Interview mit H. Barbusse über die Lage der Zeit, u.a. auch der zeitgenöss. Literatur. Auf die Frage, wie er zum Dadaismus stehe, antwortete Barbusse, diesen „halte ich für äußerst fruchtbringend“, weil er u.a. […] die „Beseitigung der lästigen und hemmenden Konventionen [beschleunigt]“ (Neues 8 Uhr Blatt, 5.10.1921,2). Polemisch grenzte sich dagegen die Reichspost von einer Ausstellung der Grazer Künstlervereinigung ›Freiland‹ ab, wobei sie Expressionismus, Futurismus und Dadaismus als „Verrücktheiten“ denunzierte (RP, 8.2.1921,5). 1922 gehen die Berichte zum Dadaismus deutlich zurück, eine Tendenz, die auch in den Folgejahren anhält. Der Dadaismus wird dabei zunehmend als Lächerlichkeit gezogen, z.B. in einer Besprechung von F. Karpfens Russische Gegenwartskunst durch K. Sonnenfeld, wo er unter die künstlerischen „Entartungserscheinungen“ gereiht wird (NWJ, 23.1.1922, 8) oder in einem Feuilleton über Psychische Ansteckung und Massenwahn im Neuen 8Uhr Blatt (11.10.1922, 4-5). Mehrere Zeitungen, insbes. aber das NWJ, griffen Berichte aus Paris auf, denen zufolge namhafte Ärzte die These vertreten, Teile der mod. Kunst würden auf Kokainmissbrauch zurückgehen, darunter auch maßgeblich der Dadaismus (NWJ, 8.11. 1922,17 bzw. 29.1.1923,6). Auch Aktivitäten rund um die neugegr. Internat. Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) bzw. die Frankfurter Kammermusikwoche wurden argwöhnisch in Wien verfolgt; während E. Bienenfeld den Reiz von Bartók-Kompositionen auf eine Verbindung aus Volksmusik u. musikal. Dadaismus noch wohlwollend anerkannte (NWJ, 23.4.1923,3-4), holte Julius Korngold in der NFP zu einem gewaltigen Rundumschlag gegen die atonale neue Musik als Musik des „jungen Dadaismus“ (6.7.1923, 4) aus. Weniger aggressiv, aber auch mit einer Prise Lächerlichkeit behaftet, zeichnet H. Bettauer im 18. Kap. seines seit dem Dez. 1922 in der Ztg. Der Tag vorabgedruckten Roman Der Kampf um Wien einen Gedichtleseabend. Vortrag und Gedichtbd. „übertrumpften“ den Dadaismus, u.a. deshalb, weil nur aus Vokalen bestehend. Interessant immerhin ein Hinweis in einer Besprechung der Herbstausstellung des Steiermärk. Kunstvereins, in der e(rnst) f(ischer) beklagte, ein Teil der neuesten Produkte hätte einen „reklametüchtigen“ Anstrich, während der Expressionismus, Futurismus und Dadaismus noch „schmerzvoll tiefes Erlebnis“ gewesen wäre (Arbeiterwille, 18.11.1923, 5-6), gleichsam Vorbedingung für den Kampf um die Form, den er als zentrale Herausforderung erachtete.

Seit 1924 etwa wird der Dadaismus fast nur mehr aus der Perspektive des Rückblicks auf eine de facto abgeschlossene Bewegung thematisiert. Sichtbar wird dies etwa in Beiträgen über zeitgenössischen Künstler wie Max Oppenheimer/Mopp (einst Mitbegründer des D.; Wr. Ztg. 18.10.1924,5) über G. Grosz (AZ, 18.4.1924,10) oder über Tzaras Stück Das Herz aus Gas, das, so eine Besprechung als „klassizistisches Stück“, d.h. gegen die dadaistische Kunstrevolution gerichtet, eine Revolte unter den auf Dadaismus eingestellten Besuchern hervorgerufen habe. 1925 wird schließlich von L. Lania in einer Besprechung eines Theaterstücks von R. Leonhard der Dadaismus als „einer längst vergangenen Epoche“ angehörend kurzerhand liquidiert, – gemeinsam mit anderen Ismen, die sich ebenfalls als nicht „lebenskräftiger erwiesen“ hätten, eine Position, die auch ein Beitrag im Tag grundlegend teilte.  


Quellen und Dokumente

R. Lothar: Der Dadaismus. In: Neues Wiener Tagblatt, 3.10.1918, S. 2-4; L. Heller: Der Oberdada. In: NWJ, 1.4.1919, S 6; B.: Das Manifest der Dadaisten. In: Der Tag, 18.6.1919, S. 5; H. Bahr: Tagebuch (über Dada-Almanach). In: NWJ, 31.10.1920, S.6; M. Lesser: Stramm und Dada. In: Neues Wiener Tagblatt, 24.5.1921, S. 2-4; N.N.: Das Herz aus Gas (zu T. Tzara). In. Der Tag, 2.3.1924, S. 9; A. Markowitz: George Grosz (Austellung bei Würthle). In: AZ, 18.4.1924, S. 10; M. Ermers: Kunstismen. In: Der Tag, 1.11.1925, S.7-8; L. Lania: Dramatisierte Gegenwart. (Über R. Leonhard: Segel am Horizont); in: AZ, 20.7.1925, S. 5.

Literatur

G. Dankl, R. Schrott (Hgg.): DADAUTRICHE 1907-1970. Innsbruck 1993; M. Szymanska: Dada und die Wiener Gruppe. Hamburg 2009; Z. Péter: Lajos Kassák, Wien und der Konstruktivismus 1920-1926. Frankfurt/M. u.a. 2010, 107-126; W. Fähnders: Avantgarde und Moderne 1890-1933: Ein Lehrbuch. Stuttgart-Weimar 22010, 190-205; W. Faehnders: Dada in Österreich. In: Hugo Ball-Almanach 2020 (im Dr.).

(PHK)