alternativ: Čizek, Franz

geb. 12.6.1865 in  Leitmeritz/Litoměřice, Böhmen – gest. 17.12.1946 in Wien; Kunstpädagoge, Maler

Čižek, Sohn eines römisch-katholischen Zeichenlehrers, besuchte zunächst die Oberrealschule in Leitmeritz/Litoměřice, ehe er im Alter von 19 Jahren für ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule nach Wien zog. Ab 1885 besuchte er gemeinsam mit Kolo Moser die Allgemeine Malerschule, ab 1889 die Spezialschule für Historienmalerei an der Akademie der bildendenden Künste. Seine Lehrer waren Franz Rumpler, Josef Mathias von Trenkwald und Siegmund L´Allemagne.

Nach einem weiteren Studienjahr in München, in dem er als freischaffender Künstler tätig war, gründete Čižek 1897 in Wien die kostenfreie private Zeichen- und Malschule „Iris“ für Kinder zwischen zwei und 14 Jahren, in der er darauf wertlegte, ihnen in ihrem Schaffen völlige kreative Freiheit und jedwede schöpferische Entfaltungsmöglichkeit zu gewähren. Mit diesem Ansatz zählte er zu den Pionieren auf dem Felde der Kunsterziehung und Reformpädagogik und wirkte später an der von Otto Glöckel initiierten Unterrichtsreform mitwirkte. Unter dem Namen „Kunst und Schule“ gründete er 1914 eine Vereinigung samt zugehöriger Zeitschrift, die 1922 in die Zeitschrift Die Quelle übergeführt werden sollte.

Ab 1900 war er als Lehrer bzw. ab 1902 als Supplent an der k. k. Staats-Realschule tätig, 1903 dann an der k. k. Kunststickerei-Schule. Daneben hielt er Vorträge und gab Übungskurse für Lehramtskandidaten in Wien, Salzburg und Villach. In seiner Funktion als Inspektor der gewerblichen Lehranstalten bei der Zentral-Kommission für Angelegenheiten des gewerblichen Unterrichts in Wien unternahm er u. a. Reisen nach Deutschland, Italien und England.

1906 erfolgte seine Ernennung zum Professor und gleichzeitig die – zunächst versuchsweise – Eingliederung seiner privaten Kunstschule in die k. k. Kunstgewerbeschule. Unter der Direktion von Alfred Roller richtete Čižek, Anhänger der Wiener Secessionisten, erstmals eine eigene Jugendkunstklasse ein und übernahm auch die Leitung des Kurses für Ornamentale Formenlehre, der bald zum Anziehungspunkt für experimentierfreudige Studierende werden sollte. Für besonderes Aufsehen sorgten vor allem die ab 1919 entstandenen Werke, die sich stilistisch an der internationalen Avantgarde orientierten und unter dem Begriff Wiener Kinetismus weltweit Bekanntheit erlangten. Diese „erste Kunstrichtung Österreichs mit radikal-abstrakten Ansätzen“ (www.wienmuseum.at) war vor allem weiblich geprägt: Künstlerinnen wie Erika Giovanna Klien, My Ullmann und Elisabeth Karlinsky gelang es unter Čižeks Anleitung, abseits formaler Gesetze einen Mix aus Expressionismus, Kubismus und Futurismus aufs Papier zu bringen, der sowohl Gefühl als auch Bewegung abzubilden vermochte. Da Čižek bereits mit seiner Jugendkunstklasse in Europa und den USA großes Aufsehen erregt hatte und auf durchwegs positive Resonanz gestoßen war, entwickelte sich international auch rasch enormes Interesse an dem Schaffen seiner Kinetismus-Klasse: Die Arbeiten wurden 1922 in Holland und 1923/24 im Rahmen einer Wanderausstellung in den USA gezeigt, so etwa im Metropolitan Museum (New York), in der National Gallery (Washington) und im Art Institute (Chicago). Ebenfalls 1924 war man auf der Pariser Weltausstellung in der Exposition des Arts décoratifs et industriels modernes vertreten. Die fehlende Herausbildung einer kinetistischen Künstlergruppe, die den in der Kunstgewerbeschule entwickelten Geist aufgegriffen hätte, gepaart mit dem politisch-gesellschaftlichen Klima ab den späten 1920er Jahren führte dazu, dass die Rezeption des Kinetismus noch vor dem Zweiten Weltkrieg völlig verebbte.

Für sein Wirken auf dem Gebiet der Kunstpädagogik wurde Čižek vielfach ausgezeichnet. 1916 wurde er zum Ritter des Franz-Josef-Ordens, 1928 Träger des goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich und 1932 zum Bürger der Stadt Wien ernannt. Zudem machte man ihn zum Ehrenmitglied der Art Teachers Guild in London. Er war Gründungsmitglied des Österreichischen Werkbundes sowie Mitglied der Weltkulturgesellschaft.

1934 offiziell in den Ruhestand versetzt, blieb er bis 1939 unbezahlter Hilfslehrer an der Kunstgewerbeschule. Noch kurz vor seinem Tod fand auf Initiative des Verlagsleiters L. W. Rochowanski, der selbst zu seinen Schülern gezählt hatte, unter dem Titel „Wiener Jugendkunst. Franz Cizek und seine Pflegestätte“ eine Ausstellung über sein Leben und Wirken statt.

Čižek, der seine letzten Jahre unter finanziell prekären Lebensumständen verbringen musste, verstarb im Dezember 1946 in Wien. Er wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien bestattet. Teile seines Nachlasses befinden sich in der Wienbibliothek im Rathaus und im Wiener Stadt- und Landesarchiv.


Literatur

G. Bast, A. Husslein-Arco, H. Kreci und P. Werkner (Hg.), Wiener Kinetismus. Eine bewegte Moderne, Wien, NewYork 2011; Christian Brandstätter (Hg.), Wien um 1900. Kunst und Kultur. Fokus der europäischen Moderne, Wien 2005; Franz Cizek, L. W. Rochowanski, Die Wiener Jugendkunst. Franz Cizek und seine Pflegestätte, Wien 1946; F. C. Heller, „Čižek, Franz“. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 19, München 1998, S. 337; Maximilian Kaiser, „Čižek (Cizek) Franz“. In: Österreichisches Biographisches Lexikon, 1815-1950 [nur online verfügbar];  Donna Darling Kelly, Uncovering the History of Children’s Drawing and Art, Westport, London, 2004; Rolf Laven, Franz Čižek und die Wiener Jugendkunst (Schriften der Akademie der Bildenden Künste Wien, Bd.2), Wien 2006; L. W. Rochowanski, Die Wiener Jugendkunst, Wien21946; L. W. Rochowanski, Der Formwille der Zeit in der angewandten Kunst, Wien 1922; Bernhard Leitner, Viennese Kinetisicm. In: Peter Weibel (Hg.), Beyond Art: A third Culture. A comparatie Study in Cultures, Art and Scienes in 20th Century Austria and Hungary, S. 41-42; St. Taylor, Who’s who in Central and East-Europe 1933/34, ed. St. Taylor, Zürich 1935; Franz Cizek. Pionier der Kunsterziehung (1865–1946). Ausstellungskatalog, Historisches Museum der Stadt Wien, 20. Juni bis 3. November 1985; Richard Meister, „Čižek, Franz“. In: Neue Deutsche Biografie, Bd. 3, Berlin 1957, S. 256; Patrick Werkner, Performative Kunstgeschichte: die Positionierung des Wiener Kinetismus im kunsthistorischen Kanon [Online verfügbar]; Kinetismus. Wien entdeckt die Avantgarde. Ausstellung im Wienmuseum, 25. Mai bis 1. Oktober 2006 [Online verfügbar]

Quellen und Dokumente

Übungsschule für Freihandzeichnen. In: WZ, 13.12.1903, S. 4; Josef Reich, Naturgemäßer Zeichen- und Kunstunterricht. In: Reichspost, 22.3.1913, S. 7f; Verleihung des goldenen Ehrenzeichens. In: WZ, 15.3.1928, S. 1; Hans Antwitcz-Kleehoven, Ausstellung von Schülerarbeiten in der Kunstgewerbeschule. In: WZ, 26.6.1931, S. 4; Neue Bürger der Stadt Wien. In: WZ, 29.11.1932, S. 3;  Bucherscheinung „Child Art and Franz Cizek. In: WZ, 26.10.1936, S. 7; Ausstellung Wiener Jugendkunst. In: WZ, 12.4.1946, S. 4; Ehrengrab für Franz Čižek. In: WZ, 31.12.1946, S. 3.

Werke (Auswahl)

Kaiser Franz Joseph I., Erzherzog Johann (o.J.); Papier-, Schneide- und Klebearbeiten. Ihre technischen Grundlagen und ihre erzieherische Bedeutung (1914); Das freie Zeichnen (1925); Children’s coloured paperwork (1927).

(MK)