geb. am 2.2.1884 in Lackenbach, Burgenland – gest. am 17.1.1968 in Wien; Politiker, Publizist

Deutsch, am 2. Februar 1884 in westungarischen Lackenbach (heute Burgenland) geboren, entstammte ärmlichen Verhältnissen. Nach dem Ende der 1880er Jahre erfolgten Umzug der jüdischstämmigen Familie nach Wien besuchte er die Bürgerschule und begann anschließend eine Buchdruckerlehre, in deren Verlauf er sich für die Sozialdemokratie zu engagieren begann und sich schließlich dem Verband Jugendlicher Arbeiter anschloss. Mit Unterstützung von Viktor Adler legte Deutsch extern die Reifeprüfung ab und studierte berufsbegleitend Staats- und Rechtswissenschaften in Wien, Berlin, Paris und Zürich, wo er 1908 promovierte. Ab 1909 war er im Zentralsekretariat der SDAP tätig und übernahm ab 1914 redaktionelle Tätigkeiten für die Arbeiter-Zeitung.

Im Ersten Weltkrieg zunächst an der italienischen Front im Einsatz, folgte er 1917 einem Ruf in die Kriegswirtschaftliche Abteilung des Kriegsministeriums, wo er als Vertreter der Gewerkschaften den Aufbau einer Vertrauensmännerorganisation in der Wiener Garnison leitete; sie sollte später wesentliche Impulse für den Aufbau der Volkswehr, der ersten bewaffneten Macht der jungen Republik,  liefern.

Trotz wiederkehrender antisemitischer Anfeindungen avancierte Deutsch – der bereits 1905 aus der Israelitschen Kultusgemeinde ausgetreten war – zu einem der führenden sozialdemokratischen Politiker: Er fungierte in der Ersten Republik zunächst als Unterstaatssekretär (1918) sowie als Staatssekretär für Heerwesen (1919–1920), stützte in dieser Funktion auch das System der Soldatenräte, und war zudem auch  Abgeordneter zum Nationalrat (1919–1933). Ab 1923 war er elf Jahre lang Obmann des Republikanischen Schutzbundes, zwischen 1920 und 1933 zusätzlich noch Parlamentskommissär für Heereswesen. Parallel zu seiner politischen Karriere  verfasste er vielbeachtete programmatische Schriften.

Gemeinsam mit Otto Bauer versuchte er im Zuge der Februarkämpfe von 1934 vergeblich, vom 10. Wiener Gemeindebezirk aus den Kampf der Arbeiter zu organisieren. Deutsch floh in der Folge in die Tschechoslowakei und baute dort mit Unterstützung Bauers das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten (Alös)  auf. Zwischen 1936 und 1939 war er General der republikanischen Truppen im Spanischen Bürgerkrieg und emigrierte schließlich über Frankreich, England und Kuba in die USA. Dort engagierte er sich als Mitglied des sozialdemokratischen Austrian Labor Committee für die Wiederherstellung eines souveränen Staates Österreich; die Bildung einer österreichischen Exilregierung misslang jedoch.

Nach seiner 1947 erfolgten Rückkehr nach Wien übernahm Deutsch die Leitung der Sozialistischen Verlagsanstalten sowie der Auslandsabteilung der SPÖ und beschäftigte sich darüber hinaus intensiv mit Konzepten zum Aufbau eines österreichischen Bundesheeres. Dennoch blieb ihm nachhaltiger politischer Einfluss in der Zweiten Republik verwehrt: Er konnte sich mit der SPÖ-Parteilinie nicht mehr identifizieren und warf ihr schließlich Verrat an den Traditionen der Arbeiterbewegung vor. Er legte 1951 alle Parteifunktionen zurück, blieb aber als politischer Autor tätig. Deutsch verstarb am 17. Januar 1968 in Wien.


Werke (Auswahl)

Die Kinderarbeit und ihre Bekämpfung (1907), Geschichte der deutschösterreichischen Arbeiterbewegung (1919), Antifaschismus! Proletarische Wahrhaftigkeit im Kampf gegen den Faschismus (1926), Ein weiter Weg – Lebenserinnerungen (1960)

Quellen und Dokumente

Für die Republik und ihre Wehrmacht. In: Arbeiter-Zeitung, 14.6.1920, S. 1, Julius Deutsch, Demokratie und Militär. In: Der Kampf, Nr. 4/5 (1922), S. 107–115, Reichskonferenz des Republikanischen Schutzbundes. In: Arbeiter-Zeitung, 14.9.1923, S. 4, Julius Deutsch, Der Putsch ist abgewehrt. In: Tagblatt, 18.11.1930, S. 2, Julius Deutsch, Deutschland und wir. In: Arbeiter-Zeitung, 28.12.1930, S. 1–2, Julius Deutsch in Amerika. In: Arbeiter-Zeitung, 9.12.1934, S. 7–8, Julius Deutsch in Spanien. In: Arbeiter-Zeitung, 22.11.1936, S. 8, Ein Besuch bei Julius Deutsch in Valencia. In: Arbeiter-Zeitung, 6.1.1937, S. 5, S. 7, Julius Deutsch, Wird Spanien aushalten? In: Arbeiter-Zeitung, 23.10.1937, S. 4, Der Fall Julius Deutsch. In: Arbeiter-Zeitung, 28. September 1952, S. 2.

Julius Deutsch, Wahlrede für die Nationalratswahl vom 9. November 1930. Mediathek.at.

Die große Demonstration der Wiener Arbeiterschaft am 12. November 1927. Stadtfilm-Wien.at.

Literatur

Eintrag zu Julius Deutsch bei dasrotewien.at, Eintrag zu J. D. in Austria-Forum, das Wissensnetz (05.02.2017).

Gerhard Böhner, Die Wehrprogrammatik der SPÖ
(Österreichische Schriftenreihe für Rechts- und Politikwissenschaft
6), Wien 1982, Anton Pelinka, Mainstreaming der jüdischen Identität? In:
Das jüdische Echo 57 (2008), S. 119–123, Anton Staudinger, Julius
Deutsch. In: Neue Österreichische Biographie ab 1815, Bd. 20, Wien u.a.
1979, S. 50–58.

(MK)