1881 als Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilindustriellen Philipp Bauer in Wien geboren, setzte er sich bereits während seiner Gymnasialzeit mit den Schriften von Karl Marx auseinander und trat 1900 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ) bei. Nach Absolvierung eines einjährigen Militärdienstes studierte Bauer ab 1903 an der Universität Wien Rechtswissenschaften, Nationalökonomie, Soziologie und Geschichte und promovierte im Jahr 1906 zum Dr. iur. Parallel dazu engagierte er sich in der Freien Vereinigung sozialistischer Studenten und wurde Mitglied des Sozialwissenschaftlichen Bildungsvereins, wo er Kontakt zu Karl Renner, Rudolf Hilferding u. a. führenden Sozialdemokraten knüpfte. Mit ihnen gemeinsam gründete Bauer den Verein Zukunft, eine Schule für Wiener Arbeiter.

Nachdem die SDAPÖ aus den Reichratswahlen des Jahres 1907 mit 87 Mandaten als zweitstärkste Fraktion hervorgegangen war, nominierte ihn Parteivorsitzender Victor Adler zum Leiter des sozialdemokr. Parlamentsklubs. Im selben Jahr übernahm Bauer die Redaktionsleitung der neuen Monatsschrift Der Kampf; ab 1912 war er zudem Redaktionsmitglied des zentralen Parteiorgans, der Arbeiter-Zeitung.

Im Ersten Weltkrieg bereits Ende November 1914 an der russischen Front gefangengenommen, kehrte Bauer im September 1918 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Wien zurück. Die Zeit im sibirischen Lager hatte er zum Verfassen der philosophischen Schrift Das Weltbild des Kapitalismus genutzt, deren Veröffentlichung  1924 erfolgte. Im selben Jahr erschien auch sein aufsehenerregendes Werk Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, das ihn schlagartig einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte.

Als engster politischer Vertrauter Victor Adlers übernahm Bauer nach dessen überraschenden Tod im November 1918 die provisorische Leitung des Außenamtes sowie den stellvertretenden Parteivorsitz unter Karl Seitz. Er trat in der Folge aus politisch-strategischen wie ökonomischen Gründen für einen Zusammenschluss Österreichs mit der deutschen Republik ein. Nachdem die Siegermächte diesem in allen politischen Lagern populären Ansinnen mit den Friedensverträgen von St. Germain und Versailles eine endgültige Absage erteilt hatten, legte Bauer Ende Juli 1919 seine Tätigkeit im Außenamt nieder. Der Regierung gehörte er noch bis Oktober 1919 als Staatssekretär für Sozialisierung an, die von ihm angestrebte Verstaatlichung zentraler Wirtschaftssektoren scheiterte aber am Widerstand des bürgerlichen Lagers. Bauer konzentrierte sich nun auf seine Rolle als Abgeordneter zum Nationalrat, wo er zum Fraktionsführer der SDAPÖ und ihrem wichtigsten parlamentarischen Sprecher avancierte. Daneben galt er bald als der bedeutsamste sozialdemokratische Theoretiker, unterrichtete an der 1926 eingerichteten Arbeiterhochschule, publizierte zahllose Schriften und Zeitungsartikel und trat als vehementer Verfechter des von ihm mitbegründeten Austromarxismus auf. Als solcher trug er maßgeblich zur Ausarbeitung des 1926 verabschiedeten „Linzer Programms“ bei, das sich zur Demokratie bekannte, die Aufhebung der „Klassenherrschaft“ bzw. die Überwindung des Klassenkampfes anstrebte, jedoch mit der Erwähnung der „Diktatur des Proletariats“ ebenso zur Verschärfung der innenpolitischen Gegensätze in der Ersten Republik beitrug wie Bauers beharrliche Ablehnung, eine Koalition mit den Christlichsozialen einzugehen. Eine gemeinsame Regierungsarbeit, so Bauers Argumentation, würde den angestrebten Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung nur hinauszögern anstatt ihn zu beschleunigen, weshalb Bauer im Juni 1931 eine Mitwirkung an der Regierung trotz entspr. Angebots auf einer Vertrauensmännerkonferenz auch nicht empfahl. Nichtsdestotrotz wurde Bauer v.a. von der KPÖ seit 1929/30 wiederholt der Kollaboration beschuldigt und als Exponent eines ‚Sozialfaschismus‘, z.B. in der Roten Fahne, denunziert.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Repressalien gegen die sozialdemokratische Bewegung und der Ausschaltung des Parlaments durch das Dollfuß-Regime 1933 warfen ihm seine Kritiker zunehmend seine defensive Strategie vor – dennoch behielt Bauer diese auch im Vorfeld der Februarkämpfe von 1934 bei, indem er sich bis zuletzt gegen ein bewaffnetes Vorgehen gegen die provokativ auftretende Heimwehr aussprach. Nach der Niederschlagung der Schutzbundtruppen trat er zusammen mit Julius Deutsch die Flucht in die Tschechoslowakei an und baute in Reaktion auf das Verbot der Sozialdemokratie das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten (ALÖS) in Brünn auf. Von dort aus organisierte er zudem die Fortführung der Arbeiter-Zeitung sowie der Zeitschrift Der Kampf sowie deren illegale Verbreitung in Österreich. Er zog die Konsequenzen aus der Kritik an seiner bisherigen Politik und gab bekannt, der Partei zwar als Publizist und Berater weiterhin zur Verfügung zu stehen, aber keine Führungsposition mehr übernehmen zu wollen.

Bauer floh im März 1938 nach Brüssel, wo er gemeinsam mit den Revolutionären Sozialisten um Joseph Buttinger das ALÖS in die nunmehrige Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) überführte. Nur wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verstarb er in Paris an den Folgen eines Herzinfarkts und wurde zunächst am Friedhof “Père Lachaise” beigesetzt. 1950 wurde seine Urne nach Wien überführt und in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.


Werke (Auswahl):

Die Sozialisierungsaktion im ersten Jahre der Republik, 1919; Der Weg zum Sozialismus, 1919; Bolschewismus oder Sozialdemokratie, 1920; Die österreichische Revolution, 1923; Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, 1924; Das Weltbild des Kapitalismus, 1924; Der Kampf um Wald und Weide, 1925; Sozialdemokratische Agrarpolitik, 1926; Sozialdemokratie, Religion und Kirche, 1927; Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg, 1931; Der Aufstand der österreichischen Arbeiter. Seine Ursachen und seine Wirkungen, 1934/1974; Zwischen zwei Weltkriegen? Die Krise der Weltwirtschaft, der Demokratie und des Sozialismus, 1936; Die illegale Partei, 1939; Die Wahrheit über den Februar 1934, 1945; Faschismus und Kapitalismus, 1967; Austromarxismus. Texte zu “Ideologie und Klassenkampf”, 1970.

Quellen und Dokumente

Der Parteitag des Parteiprogramms. In: Arbeiter-Zeitung, 4.11.1926, S. 1–2, Der Rhythmus der Arbeiterbewegung. In: Arbeiter-Zeitung, 1.1.1925, S. 2–3; Deutschland und die deutschösterreichische Republik. In: Arbeiter-Zeitung, 14.11.1918, S. 3; Rücktritt des Staatssekretärs Bauer. In: Arbeiter-Zeitung, 26.7.1919, S. 1; Otto Bauer. In: Arbeiterwille, 2.9.1925, S. 6; Die Rede Otto Bauers auf dem Parteitag. In: Arbeiter-Zeitung, 31.10.1927, S. 1–2; Nach dem Kampf! In: Arbeiter-Zeitung, 25.2.1934, S. 1–4; Der Aufstand als – Fehler. In: Der Kampf, Jg. 1, Heft 6, S. 197–203, Otto Bauer, der Advokat des Sozialfaschismus. In: Die Rote Fahne, 11.5.1930, Bauers Absage an einer Regierungsmitwirkung in: Arbeiter-Zeitung, 23.6.1931, Karl H. Sailer, Die österreichischen Parteien und der Anschluss. Eine Übersicht. In: Austrian Labor Information H.35/1945, London.

Wahlrede von Otto Bauer für die Nationalratswahl vom 9. Oktober 1930 [Mitschnitt]. Text des Linzer Programms [Online verfügbar]

Literatur

Detlev Albers (Hg.), Otto Bauer und der „dritte“ Weg. Die Wiederentdeckung des Austromarxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, Frankfurt/Main 1979; Ders., Horst Heimann, Richard Saage (Hg.), Otto Bauer – Theorie und Politik, Berlin 1985; Hermann Böhm, Die Gesellschaftstheorien von Karl Renner und Otto Bauer. In: Anton Pelinka (Hg.), Zwischen Austromarxismus und Katholizismus. Festschrift für Norbert Leser, Wien 1993, S. 3-14; Ders., Die Tragödie des Austromarxismus am Beispiel von Otto Bauer. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Sozialismus (Wiener Arbeiten zur Philosophie, Reihe C: Beiträge zur Sozialphilosophie, Bd. 1), Frankfurt/Main, Wien u.a. 2000; Carsten Esbach, Nation und Nationalität im Werk von Karl Renner und Otto Bauer. In: Endre Kiss u.a. (Hg.), Nation und Nationenbildung in Österreich-Ungarn, 1848–1938. Prinzipien und Methoden, Berlin, Münster, Wien u.a. 2006, S. 73-86; Erich Fröschl (Hg.), Otto Bauer (1881-1938). Theorie und Praxis. Beiträge zum wissenschaftlichen Symposion des Dr.-Karl-Renner-Instituts abgehalten vom 20. bis 22. Oktober 1981 in Wien, Wien 1985; Hanns Haas, Otto Bauer als Außenpolitiker. In: Erich Fröschl (Hg.), Otto Bauer (1881-1938). Theorie und Praxis. Beiträge zum wissenschaftlichen Symposion des Dr.-Karl-Renner-Instituts abgehalten vom 20. bis 22. Oktober 1981 in Wien, Wien 1985, S. 127-144; Ders., Otto Bauer und der Anschluss. In: Helmut Konrad (Hg.), Sozialdemokratie und Anschluss. Historische Wurzeln – Anschluß 1918 und 1938 – Nachwirkungen. Eine Tagung des Dr.-Karl-Renner-Instituts, Wien, 1. März 1978 (Schriftenreihe des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 9), Wien u.a. 1978, S. 36-44; Ernst Hanisch, Otto Bauer. Der große Illusionist (1881-1938), Wien, Köln, Weimar 2011; Helene Maiman, Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien, 1938-1945, Wien 1975.

Eintrag zu Otto Bauer bei dasrotewien.at.

(MK)