geb. am 8.2..1874 in Pottendorf (NÖ) – gest. am 23.7.1935 in Wien; sozialdemokratischer Politiker, Schulreformer

1874 im niederösterreichischen Pottendorf als Sohn eines Unterlehrers geboren, war Glöckel nach dem Besuch der Lehrerbildungsanstalt in Wiener Neustadt zunächst provisorischer Volksschullehrer im 14. Wiener Bezirk. 1894 trat er der sozialdemokratischen Partei bei und begann sich im von Karl Seitz initiierten sozialdemokratischen Lehrerverein zu engagieren. Gemeinsam mit ihm gründete Glöckel 1897 die Wiener Lehrerbewegung „Die Jungen“, die sich gegen die schlechte Bezahlung und Diskriminierung der Unterlehrer in einem stark klerikal geprägten Schulsystem auflehnte. Sein politisches Engagement hatte zur Folge, dass er – wie auch vier seiner Kollegen – im September 1897 von Bürgermeister Karl Lueger wegen „politischem Radikalismus“ fristlos entlassen wurde. Glöckel arbeitete in der Folge als Beamter in der Unfallkrankenkasse, widmete sich daneben aber weiterhin der Schulfrage: So arbeitete er am Schulprogramm der Jungen (1898) mit und übernahm 1905 die Leitung des von sozialdemokratischen und liberalen Kräften getragenen Vereins „Freie Schule“. 1906 wurde er in den Wiener Gemeinderat gewählt,  ein Jahr später auch in den Reichsrat, dessen Mitglied er bis zum Zusammenbruch der Habsburgermonarchie blieb. Glöckel arbeitete daneben unter dem Eindruck der Reformpädagogik an einem Schul- und Erziehungsreformprogramm, das er im Jänner 1917 unter dem Titel Das Tor der Zukunft im Rahmen einer Versammlung des Vereins „Freie Schule“ vorstellte. Wesentliche Eckpfeiler seines Programms waren die Freiheit der Schule, die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel, die klare Trennung von Schule und Kirche sowie die Schaffung einer sog. „Einheitsschule“ im Anschluss an die gemeinsame Grundschule, um soziale Chancengleichheit herzustellen.

1918 wurde Glöckel zunächst Mitglied des neu eingesetzten Staatsrates sowie Unterstaatssekretär für Inneres; von März 1919 bis Oktober 1920 war er Unterstaatssekretär für Unterricht und regelte als solcher nicht nur den freien Zugang zu Universitäten für Frauen, sondern sorgte mittels des „Glöckel-Erlasses“ auch für die Abschaffung des verpflichtenden Religionsunterrichts und des täglichen Schulgebets, was zu einem zentralen ideologischen Konflikt in der Ersten Republik führte: die Frage der Entklerikalisierung des Schulwesens. Im März 1922 übernahm Glöckel die Position des Geschäftsführenden Präsidenten des Wiener Stadtschulrates. Diese Funktionen erlaubte ihm, trotz vehementen Widerstands im christlichsozial geführten Unterrichtsministerium mit der sukzessiven Umsetzung seiner Reformpläne zu beginnen: Im Rahmen der international vielbeachteten „Wiener Schulreform“ gelang die Modernisierung von Lehrplänen und Unterrichtsmethoden und die Ausweitung des Sonderschulwesens ebenso wie die durch die Stadt Wien unterstützte Gründung des Verlages Jugend & Volk, der zeitgemäße und kostenlose Lehrbücher für den modernen Unterricht zur Verfügung stellte. Darüber hinaus konnte Glöckel mit dem neugeschaffenen „Pädagogische Institut der Stadt Wien“ wesentliche Impulse für die Qualität der Lehreraus- und Fortbildung setzen. In der Planungsphase stecken blieben allerdings die Arbeiten zur Schaffung einer einheitlichen Schule für alle 10- bis 14-Jährigen, die von konservativen Kräften in der Regierung abgelehnt wurde. Erst nach den für die Sozialdemokratie erfolgreich verlaufenen Nationalratswahlen des Jahres 1927 wurde als Kompromiss zumindest die vierjährige Hauptschule mit zwei Klassenzügen eingeführt.

Vor dem Hintergrund des „Kulturkampfes“ der Ersten Republik sah Glöckel seine äußert umstrittene Schulreform wiederholt massiver Kritik ausgesetzt. So befürchteten politische Gegner mangelnde Disziplin, qualitative Einbußen beim Unterricht und sittlichen Verfall durch die Einführung von Sexualaufklärung. In Schriften wie Die österreichische Schulreform (1923), Die Wirksamkeit des Stadtschulrates (1925) und Drillschule, Lernschule, Arbeitsschule (1928) trat er diesen Vorwürfen entgegen und verwies u.a. auf Bedeutung wie Notwendigkeit gebildeter Staatsbürger für eine stabile Demokratie.

Als führendes Mitglied der Sozialdemokratie wurde Glöckel im Gefolge der Februarkämpfe am 13. Feburar 1934 in seinem Büro verhaftet und nach wochenlanger Einzelhaft in das Konzentrationslager Wöllersdorf überstellt, wo er trotz mehrerer persönlicher Bittgesuche an die Bundeskanzler Dollfuß und Schuschnigg zunächst ohne Anklage inhaftiert blieb. Erst auf internationalen Druck hin – so intervenierte etwa die Schweizer Bundesversammlung, aber auch der berühmte Entwicklungspsychologe Jean Piaget zu seinen Gunsten – erfolgte zunächst die Überstellung in Krankenhauspflege und schließlich Ende Oktober 1934 die Enthaftung des gesundheitlich schwer Angeschlagenen. Körperlich und seelisch gebrochen starb Glöckel am 23. Juli 1935.


Literatur

Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert (Österreichische Geschichte 1890-1990), Wien 22005; Eintrag bei das rotewien.at; Otto Glöckel. Mythos und Wirklichkeit (=Schulheft 37/1985); Oskar Achs/Albert Krassnigg, Drillschule, Lernschule, Arbeitsschule. Otto Glöckel und die österreichische Schulreform in der Ersten Republik, Wien u.a. 1974; Gerald Mackenthun, Otto Glöckel – Organisator der Wiener Schulreform. In: Alfred Levy/Gerald Mackenthun (Hg.), Gestalten um Alfred Adler. Pioniere der Indvidualpsychologie, Würzburg 2002, S. 99-118; Ernst Mayer, Otto Glöckel. In: Norbert Leser (Hg.): Werk und Widerhall. Große Gestalten des österreichischen Sozialismus, Wien 1964, S. 168-177; Pia Schölnberger, Das Anhaltelager Wöllersdorf 1933-1938. Strukturen – Brüche – Erinnerungen, Wien 2015. 

Quellen und Dokumente

Otto Glöckel, Die christlichsoziale Schuldemagogie auf dem Lande. In: AZ, 5.4.1921, S. 5; Die Schulreformstadt. In: AZ, 29.6.1923, S. 1f; Neue Aufklärungsschriften. In: Arbeiterwille, 24.2.1928, S. 10; Der Schulsonntag in Wien. In: Reichspost, 6.10.1924, S. 4; Die Wiener Schulreform im Urteil des Auslandes. In: AZ, 31.1.1925, S. 13; Im Kampf um die christliche Schule. In: Reichspost, 25.9.1925, S. 4f; Das Attentat auf die Schulreform. In: AZ, 11.6.1926, S. 5; Otto Glöckel. Nachruf. In: AZ, 28.7.1935, S. 8; Ferdinand Heger, Am Grabe Otto Glöckels. In: Der Kampf 2/9 (1935), S. 404-411.

Werke

Das Tor der Zukunft (1917); Die österreichische Schulreform (1923); Drillschule – Lernschule – Arbeitsschule (1928); Otto Glöckel. Ausgesuchte Schriften und Reden, hg. v. Otto Achs, Wien 1985; Selbstbiographie. Sein Lebenswerk: die Wiener Schulreform (1939).

(MK)