geb. am 7.2.1870 in Wien – gest. am 24.5.1937 in Aberdeen; Arzt, Psychotherapeut.

Ps.: Aladin, Alladin, Aladdin.

Als zweitältester Sohn von sieben Geschwistern einer jüdischen Familie in Rudolfsheim (damals ein Vorort von Wien) geboren, wächst A. in bescheidenen Verhältnissen in der Wiener Vorstadt auf. Nach dem Besuch des Hernalser Gymnasiums absolviert er 1888–1895 ein Medizinstudium an der Wiener Universität, wo er Mitglied des österreichischen Studentenverbands wird. Dieser sozialistisch gesinnten Studentengruppe mit ausgeprägtem Interesse an moderner Kunst und Kultur gehören u. a. auch F. Blei, J. Strasser, H. Thaller und D. J. Bach an, außerdem nimmt A. an den Aktivitäten des von Blei geführten Diskutier- und Singverein Veritas teil. In dieser Zeit lernt A. auch seine spätere Ehefrau, die Russin Raissa Timofejewna Epstein kennen, die sich vehement für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzt und zuweilen auch radikale Standpunkte vertritt, was immer wieder zu Konflikten mit dem politisch und emanzipatorisch zwar aufgeschlossenen, im Grunde jedoch eher bürgerlich-traditionellen Vorstellungen verhafteten A. führt.

Nach dem Abschluss seines Studiums arbeitet A. zunächst an der von M. Benedikt gegründeten Poliklinik, einer wohltätigen Institution, an der Mittellosen eine kostenlose Behandlung zuteil wird. In eigener Praxis ist er dann als Augenarzt, später als Allgemeinmediziner tätig. Seine Praxis in der Wiener Leopoldstadt nahe dem Prater suchen vor allem Patienten aus ärmlichen Verhältnissen auf, was A.s Ansichten über die Notwendigkeit einer sozialmedizinischen Betreuung der Wiener Bevölkerung bestärkt. 1898 publiziert er Das Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe, in dem er die Verbesserung von Arbeitsbedingungen, Kranken- und Unfallversicherung sowie die soziale Absicherung der Arbeiter fordert.

1904 konvertiert A. mit zwei seiner Töchter zum Protestantismus, vor allem wohl aus dem Wunsch, gesellschaftlich dadurch besser gestellt zu sein. In diesem Jahr erscheint auch seine erste pädagogische Arbeit Der Arzt als Erzieher, in der er die erzieherische Aufgabe des Arztes bei der Behandlung seiner PatientInnen betont und seine Ansichten über Kindererziehung darlegt. 1907 formuliert A. in seiner Studie über Minderwertigkeit von Organen die grundlegenden Gedanken zu seiner Neurosenlehre, die er in seinem 1912 erschienenen Werk Über den nervösen Charakter zusammenfasst. Diese auch an der Universität Wien als Habilitationsschrift eingereichte Studie wurde allerdings von J. von Wagner-Jauregg, dem Vorstand der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik, abgelehnt.

Bereits seit 1902 Mitglied von S. Freuds Psychologischer Mittwoch-Gesellschaft verdichten sich im Laufe des Jahres 1910 die inhaltlichen Differenzen zwischen Adler und Freud. Nach A.s Versuchen, der Mittwoch-Gesellschaft den Marxismus näher zu bringen (z. B. 1909 durch seinen Vortrag „Zur Psychologie des Marxismus“), greift A. in mehreren Vorträgen (z. B. „Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie des Seelenlebens“) Grundkonzepte der Freud’schen Lehre an. So hinterfragt A. die zentrale Stellung des Ödipuskomplex und stellt den Menschen weniger als von sexuellen Trieben gesteuert, denn von sozialen und kulturellen Faktoren bestimmt dar. Diese Ideen sind für Freud unvereinbar mit seiner eigenen psychoanalytischen Theorie. 1911 tritt A. (und in seinem Gefolge einige seiner AnhängerInnen wie z. B. C. Furtmüller, M. Hilferding oder D. E. Oppenheim) aus der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung aus und legt die Mitherausgeberschaft des Zentralblatts für Psychoanalyse zurück. Im selben Jahr eröffnet A. eine Praxis als Neurologe und gründet den Verein für freie psychoanalytische Forschung, der ab 1913 als Verein für Individualpsychologie weitergeführt wird. Hier werden neben psychologischen, psychotherapeutischen und medizinischen Fragen auch explizit künstlerische und literarische Themen verhandelt, um tiefenpsychologische Probleme besser verstehen und lösen zu können. 1914 erscheint dann der erste Jahrgang der Zeitschrift für Individualpsychologie sowie der mit Furtmüller gemeinsam herausgegebene Aufsatzband Heilen und Bilden.

Unter dem Eindruck seiner Erfahrungen als Militärarzt im Ersten Weltkrieg und der infolge des Krieges verstärkten Jugendverwahrlosung erhält der Begriff des ›Gemeinschaftsgefühls‹ für A. einen wesentlichen Stellenwert. In diesem erblickt er ein grundlegendes Prinzip menschlichen Verhaltens und Zusammenlebens sowie die beste Prävention gegen Minderwertigkeitsgefühle und Machtstreben. So ist die von den Sozialdemokraten in den 1920er-Jahren in Wien lancierte Schulreform unter O. Glöckel ideologisch und personell eng mit A.s Individualpsychologie verbunden und maßgeblich durch das individualpsychologische Konzept, das Kind als aktives, soziales Wesen aufzufassen, geprägt. Begleitend zur Schulreform werden auch Aus- und Weiterbildungmaßnahmen mit individualpsychologischer Beteiligung angeboten: sowohl in den zahlreichen von IndividualpsychologInnen gegründeten Erziehungs- und Schulberatungsstellen als auch am 1923 errichteten Pädagogischen Institut der Stadt Wien, an dem namhafte WissenschaftlerInnen und PsychologInnen wie C. und K. Bühler, H. Kelsen, W. Jerusalem und A. selbst lehren.

Individualpsychologische Ortsgruppen entstehen in der Folge in vielen europäischen Städten, wenn sich deren ideologische Orientierung auch nicht immer mit A.s Vorstellungen deckt, wie sich beispielsweise an der Kontroverse mit einem seiner begeistertsten Schüler M. Sperber zeigt: Für Sperbers Idee, individualpsychologische und marxistische Konzepte miteinander in Einklang zu bringen, kann der radikalen politischen Positionen abgeneigte A. überhaupt kein Verständnis aufbringen und so erlebt A. mehr als 20 Jahre nach dem eigenen Bruch mit seinem Lehrer diesen nun aus der anderen Perspektive.

A. unterrichtet nicht nur am Pädagogischen Institut der Stadt Wien (wo er seit 1924 eine Stelle als Professor hat), er hält auch Kurse und Vorlesungen an zahlreichen Volkshochschulen. Darüber hinaus führt ihn seine Vortragstätigkeit in viele Städte Europas und ab 1926 zu immer längeren Aufenthalten in die USA, wo er der Individualpsychologie bessere Zukunftschancen zurechnet. Hier hat er 1929 eine Gastprofessur an der renommierten Columbia University inne, 1932 erhält A. einen Lehrstuhl für medizinische Psychologie am Long Island Medical College und eröffnet in New York eine Praxis für Psychotherapie sowie eine Erziehungsberatungsstelle.

Infolge des Verbots der Sozialdemokratischen Partei 1934 und der damit verbundenen Einschränkungen der Aktivitäten des Vereins für Individualpsychologie in Österreich, intensiviert A. seine amerikanischen Kontakte. Er gründet die englischsprachige Zeitschrift International Journal of Individual Psychology und übersiedelt 1935 mit seiner Familie endgültig in die USA. Seine letzten Lebensjahre sind geprägt von einer unermüdlichen Vortragstätigkeit, völlig überraschend stirbt A. auf einer Vortragsreise am 24.5.1937 in Aberdeen in Schottland.


Weitere Werke (Auswahl)

Das Problem der Homosexualität (1917); Die andere Seite. Eine massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes (1919); Praxis und Theorie der Individualpsychologie (1920); Liebesbeziehungen und deren Störungen (1926); Menschenkenntnis (1927); Die Technik der Individualpsychologie. Erster Teil: Die Kunst, eine Lebens- und Krankengeschichte zu lesen (1928); Individualpsychologie in der Schule. Vorlesungen für Lehrer und Erzieher (1929); Neurosen (1929); The Science of Living (1929, dt. Lebenskenntnis 1978); Die Technik der Individualpsychologie. Zweiter Teil: Die Seele des schwererziehbaren Kindes (1930); The Education of Children (1930, dt. Kindererziehung 1976); What Life Should Mean to You (1931, dt. Wozu leben wir? 1979); Der Sinn des Lebens (1933); gemeinsam mit Ernst Jahn: Religion und Individualpsychologie (1933).

Alfred Adler Studienausgabe. 7 Bde. Hg. v. Karl Heinz Witte. Göttingen 2007–2010.

Quellen und Dokumente

Nachlass an der Library of Congress (Washington).

Bestand A.A. im Tagblattarchiv der Wienbibliothek.

Volltext online: Studie über die Minderwertigkeit von Organen (1907), Über den nervösen Charakter (1912), Die andere Seite (1919), Praxis und Theorie der Individualpsychologie (1920).

Volltexte von Artikeln in Fachzeitschriften und digitalisierten Bücher von A. (auch auf Englisch) finden Sie hier.

unter Alladin: Leben und Schicksal der Säuglinge. In: Arbeiter-Zeitung, 16.2.1902, S. 1f.; unter Aladin: Wie ernähren wir unsere Kinder? In: Arbeiter-Zeitung, 28.12.1902, S. 8 und 30.12.1902, S. 5f.; Amerika und die Individualpsychologie. In: Neue Freie Presse, 13.6.1929, S. 12; Was ist Individualpsychologie? In: Neue Freie Presse 4.8.1929, S. 22.

Was ist Individualpsychologie? [Fortsetzung] In: Neue Freie Presse, 11.8.1929, S. 23; Körperform, Bewegung und Charakter. In: Der Querschnitt 10, 9, September 1930, S. 569-573; Mann und Frau. In: Der Querschnitt 11, 11, November 1931, S. 730f.; Bericht über einen Vortragsabend von A. in: Neue Freie Presse, 13.10.1927, S. 7; D. B. (= D. J. Bach): Alfred Adler zum sechzigsten Geburtstag. In: Arbeiter-Zeitung, 4.2.1930, S. 4.

Literatur

Phyllis Bottome: Alfred Adler. Aus der Nähe porträtiert. [1939] Berlin 2013; Almut Bruder-Bezzel: Geschichte der Individualpsychologie. [1991] Göttingen 21999; Bernhard Handlbauer: Die Entstehungsgeschichte der Individualpsychologie. Wien 1984; ders.: Die Freud-Adler-Kontroverse. Gießen 2002; Edward Hoffman: Alfred Adler. Ein Leben für die Individualpsychologie. München u. a. 1997; Clara Kenner: Der zerrissene Himmel. Emigration und Exil der Wiener Individualpsychologie. Göttingen 2007, bes. S. 62–67; Gerald Mackentun (Hg.): Alfred Adler – wie wir ihn kannten. Göttingen 2015; Josef Rattner: Alfred Adler. [1972] Reinbek bei Hamburg 101997; ders.: Alfred Adler: Der Mensch und seine Lehre. Berlin 2013; Rüdiger Schiferer: Alfred Adler. Eine Bildbiographie. München 1995; ders. und Almut Bruder-Bezzel: Alfred Adler: 1870–1937. Katalog zur Ausstellung der der Österreichischen Nationalbibliothek Wien. München 1990.

(VH)